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Sonntag, 23. Februar 2020

Beleidigungen gegen Jesus Christus in den Karnevalstagen



Hl. Alphons Maria von Liguori 
Consummabuntur omnia quae scripta sunt per prophetas de filio hominis – Es wird alles in Erfüllung gehen, was durch die Propheten geschrieben ist über den Menschensohn (Lk 18,31).
Es ist nicht ohne mystischen Grund, dass die Kirche unsere Betrachtung über Jesus Christus vorschlägt, indem er seine schmerzhafte Passion voraussagt. Wie eine gute Mutter möchte sie, dass wir, ihre Kinder, sich ihr anschließen, ihren göttlichen Bräutigam bemitleiden und ihn mit unseren Gefälligkeiten trösten, während die Sünder in diesen Tagen mehr als in anderen, die im Evangelium beschriebenen Beleidigungen gegen Ihn erneuern. Sie möchte auch, dass wir für die Bekehrung so vieler Unglücklicher, unserer Brüder, beten. Haben wir nicht genug Gründe dafür?
In diesen traurigen Tagen werden Christen und vielleicht einige der Begünstigten ihren göttlichen Meister wie Judas verraten und ihn den Händen des Teufels ausliefern. Sie werden Ihn verraten, nicht heimlich, sondern auf den öffentlichen Plätzen und Straßen, um den Verrat zur Schau zu tragen! Sie werden Ihn verraten, nicht für dreißig Silberlinge, sondern für noch niedrigere Dinge: für die Befriedigung einer Leidenschaft, für ein unzüchtiges Vergnügen, für eine vorübergehende Lustbarkeit!
Illudetur, flagellabitur et conspuetur (Er wird verspottet, gegeißelt und mit Auswurf bedeckt). Einer der schändlichsten Niederträchtigkeiten, die Jesus Christus in seiner Passion erlitten hat, war, dass die Soldaten ihm die Augen verbunden haben und ihn, als ob er nichts sehen könnte, mit Auswurf bedeckt und ihn geschlagen haben und fragten: Prophezei jetzt, Christus, wer hat dich geschlagen? Oh, mein Herr, wie oft werden Dir in diesen Tagen teuflischer Extravaganz dieselben schmachvollen Qualen wieder zugefügt! Menschen, die ihre Gesichter mit einer Maske bedecken, als ob Gott sie so nicht erkennen könnte, schämen sich nicht obszöne Worte, unzüchtige Lieder oder sogar schändliche Lästerungen gegen den heiligen Namen Gottes zu erbrechen!
Et postquam flagellaverint, occident eum (und nachdem sie Ihn gegeißelt haben, gingen sie hin und kreuzigten Ihn). Ja, denn nach dem Wort des Apostels ist jede Sünde eine Erneuerung der Kreuzigung des Sohnes Gottes. Oh! In diesen Tagen wird Jesus hunderte und tausende Male gekreuzigt werden.

* Hl. Alfons Maria von Liguori, “Betrachtungen für alle Tage und Feste des Jahres”. Band I, Herder & Co. Freiburg, 1921, S. 279-280.

Übersetzung aus dem Portugiesischen in „Catolicismo“, Nr. 806 – Februar 2018, S. 39. (Mit Hilfe von Google Übersetzer)
© Nachdruck der deutschen Fassung ist mit Quellenangabe gestattet.

Sonntag, 1. April 2018

Zu Ostern



Ein neuer Morgen ist der Welt aufgegangen, strahlend und unberührt wie der erste Schöpfungsmorgen. Die Sonne der göttlichen Huld leuchtet wieder über der Erde. Schon am Feste der Menschwerdung sahen wir den "Aufgang aus der Höhe." Christus erschien als die Gnadensonne des Vaters. Aber noch hüllte sie ihren Glanz in die bergende Wolke der demütigen Menschheit. Am Fest der Epiphanie und am Verklärungssonntag sahen wir sie hell aufleuchten. Aber während der großen Leidenswoche schien sie zu versinken im Meer der Leiden, im Abgrund des Todes. Heute erhebt sie sich aus den Wassern der Passion, aus den Wolken höllischer Anfeindung. Strahlend steigt sie zur Höhe empor, endgültig und für immer die Erde segnend und beherrschend.
Es ist Tag geworden auf Erden - „Abend und Morgen, der erste Tag“ (Gen. 1,5). Und wirklich der erste, denn sie kamen am ersten Wochentage in aller Frühe zum Grabe, als die Sonne eben aufgegangen war“, (Benedictus-Antiphon der Osternacht). Der erste Tag und zugleich der achte, nach dem siebten, dem Sabbat. Der achte Tag, der über die irdische Zeit und die sieben Tage der ersten Schöpfung hinausgeht, - der Anbruch einer neuen Zeit, die nicht mehr gezählt und gemessen werden kann, der Anfang der Ewigkeit.
Das ist der geheimnisvolle Tag, den wir erwarten, dem wir entgegenleben in dieser Zeit. Heute hat er begonnen; heute ist er aufgegangen. Wir stehen mitten darin; nur unsere Augen sind zu schwach, als dass wir seinen vollen Glanz schauen könnten. Aber wir fühlen seine Wärme in unserem Blut; wir leben von seinem Licht. Eben ist die Sonne aufgegangen - Christus ist auferstanden. "Christus ist die wahre Sonne und der wahre Tag", sagt der heilige Cyprian und führt als Beweis jene Stelle des 117. Psalms an, die als erster Vers des Graduale während der ganzen Osterwoche nicht von den jubelnden Lippen der Kirche weicht: „Haec dies, quam fecit Dominus: exsultemus et laetemur in ea.“ – „Das ist der Tag, den der Herr uns gemacht hat! Jubeln wollen wir und uns freuen an ihm!“ (Ps. 117,24)
„Christus ist unser Tag. In seinem Lichte sehen wir das Licht“ (Ps. 35,10). „Wunderbar ist deine liebende Schau, dein liebendes Erkennen geworden“ (Ps.  138,6), spricht der Vater zum verklärten Christus. Der auferstandene Herr schaut den Vater, ruht in ihm. Das ist letztes Erkennen, Erfassen Gottes. Ein Erkennen nicht durch Überlegung des Verstandes, durch menschliches Wissen; ein Erkennen über allem menschlichen Erkennen und Wissen: Schau. Christus, der Tag, ist wesenhaft eins mit dem göttlichen Lichte.
Nur der Sohn sieht den Vater, wie er ist. Aber nun sind unsere Augen klar geworden von dem neuen Tag, der in Christus uns aufgeleuchtet ist. Im hellen Lichte dieses Tages schauen wir das Urlicht. Vollkommen wird die Schau erst im Jenseits, wenn auch wir ganz verklärt, ganz Tag geworden sind wie Christus. Aber begonnen hat sie mit der Auferstehung des Herrn. Bevor der Sohn kam, vermochte niemand den Vater zu erkennen. Jetzt ist der Tag selbst, Gottes Licht in den Menschen eingetreten. In seinem Licht sieht er das Licht. Wunderbar ist die Erkenntnis Gottes geworden in der Welt. „Wunderbar ist deine Erkenntnis geworden“, spricht die Kirche zu ihrem auferstandenen Herrn und zugleich zu jedem ihrer Kinder, das in Christus auferstanden ist zu neuem, gottschauendem Leben.
Wenn der Tag aufgeht, ist er Gericht für die Nacht. Die Finsternis flieht vor dem Licht. So ist auch Christus, der Tag, Gericht für die Welt, die die Finsternis mehr geliebt hat als das Licht (Joh 3,19). Gerichtet ist die Welt, gerichtet ist der Teufel. Aus dem Dunkel kam die alte Schlange und wollte Krieg führen gegen den Herrn des neuen Lichtes. Heute ist sie gerichtet. Der "Nachkomme der Frau" hat der Schlange den Kopf zertreten; besiegt taumelt sie zurück in ihre Finsternis. „Die Erde bebte und ward stumm, da Gott zum Gerichte aufstand“ (Offertorium, Ps. 75,9-10).
„Vom Tode zum Leben und von der Erde zum Himmel hat uns Christus, unser Gott, hinübergeleitet, und wir singen das Lied seines Sieges“ (aus der griechischen Liturgie).
„Das Lamm erlöste die Schafe; mit dem Vater versöhnte, Christus, der Reine, alle die Sünder“ (Ostersequenz).


P. Klaus Gorges FSSP, Ostern 2008

Freitag, 30. März 2018

„Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung!“


Das Titelbild zeigt die Kreuzigung Christi in der Wallfahrtskirche in Vilgertshofen. Diese Kirche wurde1686 vom Wessobrunner Johann Schmuzer gebaut und stuckiert. Im 19. Jahrhundert waren die Fresken in dieser Kirche beschädigt und der Barockstil wurde nicht mehr geschätzt. So ersetzte man damals das Bild im Mittelgewölbe durch ein großes Kreuz in Sepiaton. Später wirkte dies störend in der Barockkirche. So entschloss man sich, es durch ein Fresko in barockisierender Manier zu ersetzen. Im Jahre 1976 malte Karl Manninger (1912-2002) dieses Fresko. Er wendet dabei Prinzipien der Spätbarockmalerei an. So sind die Farben hell, mit Weiß gebrochen. In einer Art Froschperspektive sind die unteren Personen gedrückt, die oberen Personen etwas in di Länge gezogen. Wäre dieses Fresko während der Bauzeit der Kirche gemalt worden, so müssten die Farben erdiger sein und die Perspektive fast verzerrungsfrei. Mit dem Blick auf den gekreuzigten Jesus können wir erahnen, was Erlösung bedeutet: Mit Christus durch den Tod in die Herrlichkeit der Auferstehung gehen. In diesem Licht befinden sich schon alle die sich im Leid mit Christus vereinigt haben: die Mutter Maria, Johannes, Maria Magdalena, der Schächer zur Rechten Jesu, auch der Hauptmann mit seinem Glaubensbekenntnis. Dunkelheit umgibt den Schächer, der mit dem Tod vor Augen Jesus verspottet.
„Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung!“
AE
(Titelbild DER FELS März 2016)
Redaktion: Eichendroffstr. 17, D-86916 Kaufering
HubertGindert@der-fels.de

Sonntag, 11. Juni 2017

„Tut das, was Er euch sagt“



Die Hochzeit zu Kana in Galiläa. Jesus, seine Mutter und die Jünger sind dort anwesend. Es fehlt an Wein und Maria sagt ihrem Sohn, dass es keinen Wein mehr gibt. Der Herr erwidert, seine Stunde sei noch nicht gekommen. Aber seine Mutter wendet sich den Dienern zu: „Was er euch sagt, das tut!“ Und Jesus befiehlt den Dienern, die Krüge mit Wasser zu füllen und davon dem Tafelmeister zu bringen. Dieser kostet das zu Wein gewordene Wasser und sagt zum Bräutigam: „Jedermann setzt zuerst den guten Wein vor und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein aufgehoben bis jetzt.“ (Joh 2,1-11) 
Das ist das erste Wunder, das Jesus durch die Vermittlung seiner Mutter vollbrachte. Gehen wir zu Maria, sie kann bei ihrem Sohn alles erlangen, was wir brauchen. 

Montag, 26. Dezember 2016

Des Christkinds lächeln



In der Kirche Aracoeli in Rom gibt es ein weitberühmtes Jesuskind. In der Weihnachtszeit wallfahrtet das ganze Rom, jung und alt, den Kapitolsberg hinauf zur Kirche, um das Bambino, das Gotteskind, anzuschauen und zu verehren. Man sagt, dieses Jesuskind würde jedem, der es vertrauensvoll anblickt, goldene Himmelsfreude in die Seele streuen. Keiner könne traurig von ihm weggehen, nachdem er ihm ins Angesicht gesehen, auch wenn er eine Zentnerlast von Sorgen die Treppe heraufgeschleppt hätte.

Prozession zur Kirche Santa Maria in Aracoeli, Rom. Oswald Achenbach (1868-1905)
Es ist das nicht nur ein frommer Glaube des römischen Volkes. Ist es nicht in der Tat so, dass keiner ungetröstet das Gotteskind in der Krippe verlässt? Wie sollte nicht die dichteste Nebelwand weichen, wenn aus den Augen des Jesuskindes ein ganzer Himmel von Reinheit und Schönheit, von Güte und Liebe, von Erbarmen und Helferwillen uns entgegenstrahlt! Da kann man verstehen, wie der hl. Franz von Assisi seine schönsten Lieder aus überfrommem Herzen dem Gotteskind in der Krippe zugejubelt hat. Bitten wir das göttliche Krippenkind:

Schenk uns dein Lächeln in der kalten Zeit
Verblendeter Maschinen; der getürmten
Städte, die ohne Freude wachsen! —
Schenk uns dein Lächeln, Kind, dass wir erwarmen,
In deinen Augen wieder Heimat finden ...

Quelle: Alphons Maria Rathgeber, „Kirch und Leben“ – Ein Buch von der Schönheit und Segenskraft der Kirche. Verlag Albert Pröpster, Kempten im Allgäu, 1956.

Bild Bambino: http://www.romaincamper.it/approfondimenti/chiese/aracoeliS.html
Bild Kirche: http://www.sguardosulmedioevo.org/2013/10/basilica-di-santa-maria-in-aracoeli.html 

Sonntag, 25. Dezember 2016

O wunderbarer Tausch



Die Kirche betet in der Weihnachtsliturgie: „O wunderbarer Tausch! Der Schöpfer des Menschengeschlechtes hat einen menschlichen Leib angenommen und ließ sich herab, von einer Jungfrau geboren zu werden. Er ist hervorgegangen als Mensch ohne irdischen Vater und hat uns seine Gottheit mitgeteilt.“ Ist das nicht in der Tat ein ganz unbegreiflicher Tausch? Gott entlehnte unsere menschliche Natur und schenkte uns dafür seine Gottheit. Für die menschliche Natur gibt uns das ewige Wort als Austausch Anteil und Mitbesitz an seiner Gottheit. Er macht uns seiner göttlichen Natur teilhaftig, so dass sich ein Austausch vollzieht, wie er wunderbarer nicht gedacht werden kann.

Um zu Gott den Menschen zu erheben,
Lässt sich Gott herab, ein Mensch zu werden.
Um für Fluch das Heil der Welt zu geben,
Ward das Heil zum Fluch der Welt auf Erden.


Jesus empfing ein menschliches Leben und gab uns dafür Anteil an seinem göttlichen Leben. „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde“ (St. Augustinus). Wohl waren schon die ersten Menschen bei ihrer Erschaffung mit der Teilnahme an der göttlichen Natur ausgezeichnet worden. Aber der Sündenfall der Stammeltern hat uns des Anrechtes auf diese wunderbare Teilnahme beraubt. Um dieses Anrecht wiederherzustellen, ist „das Wort Fleisch geworden“. Um den Weg zum Himmel wiederzueröffnen und uns die Anteilnahme an seinem ewigen Leben zurückzugewinnen, ist Gott Mensch geworden. „Als die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn ... Er sollte die unter dem Gesetz Stehenden loskaufen, damit wir die Anteilnahme an Kindes Statt erhielten“ (Gal4,4). Was Christus durch seine Natur ist, das sollte der Mensch durch die Gnade werden: Kind Gottes! Durch das menschgewordene Wort wurden wir wieder Kinder Gottes, Glieder des mystischen Leibes Christi und so gleichsam in den Blutkreis Gottes wieder hereingenommen. Das Tor des Paradieses, das seit Jahrtausenden verschlossen war, wurde aufs neue wieder aufgetan. Wir kamen wieder heim, nachdem wir lange, lange in die Irre gegangen waren. Die verlaufenen Kinder fanden sich auf einmal wieder im Schoß Gottes. Wir hatten dazu plötzlich wieder ein Recht, weil Gottes Sohn ja unser Blutsbruder geworden war. „Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder“, sagt St. Johannes. Kann es eine tiefere, reinere Weihnachtsfreude geben als diese? Diese Freude wird aber nur dann eine dauernde sein, wenn wir der Gnade treu entsprechen, die uns das Gotteskind in der Krippe bringt und die uns alle zu seinen Brüdern macht. „Christ, erkenne deine Würde“, ruft der hl. Leo in der Weihnachtspredigt aus, die in der Christmette gelesen wird. „Da du der göttlichen Natur teilhaftig geworden bist, hüte dich, durch schlechten Wandel zur früheren Sündhaftigkeit zurückzukehren.“ Was nützt alles Schwärmen und Singen vom „holden Knaben im lockigen Haar“, wenn unsere Christkindverehrung sich nicht zu dem festen, heiligen Vorsatz verdichtet: „Ich will Frieden machen mit meinem Gott und will diesen Frieden nicht mehr durch schwere Sünden verletzen. Ein für allemal will ich brechen mit allem, was das Leben Gottes in mir beeinträchtigt und zerstört.“ Gott hat sich uns in der Weihnacht ganz geschenkt. Müsste unsere selbstverständliche Antwort darauf nicht auch eine rückhaltlose Hingabe an Gott sein? Müsste unser Weihnachtsbeten und Weihnachtssingen nicht ausmünden in das Gelöbnis:

Mein Herz will ich dir schenken, herzliebes Jesulein,
In deine Lieb versenken, will ich mich ganz hinein.
Nimm hin mein Herz, gib mir das dein’ —
Lass beide Herzen ein Herz sein!


Quelle: Alphons Maria Rathgeber, „Kirch und Leben“ – Ein Buch von der Schönheit und Segenskraft der Kirche. Verlag Albert Pröpster, Kempten im Allgäu, 1956.
Bild: Kalender „Deutschland braucht Mariens Hilfe“ 2004, Dezember

Samstag, 24. Dezember 2016

Gott ist Mensch geworden


Was muss der Mensch in Gottes Augen wert sein, dass er sich entschloss, selber ein Mensch zu werden! Der unermessliche Gott hat sich so klein gemacht, dass er in unsere enge Welt eingehen konnte. Gottes eingeborener Sohn, durch den die Schöpfung geworden ist und der durch seine Kraft trägt, hüllt sich in unser Fleisch.

Der allen Vöglein Nahrung schenkt,
Wird durch ein wenig Milch getränkt.
(Weihnachtshymnus)

In der Hilflosigkeit eines Menschenkindleins kam Gottes Sohn auf die Erde nieder und ließ sich ein Bettlein auf Heu und Stroh in einem Futterbarren für Tiere herrichten.
Wie kann man diesen Erweis höchster Liebe Gottes überdenken, ohne zutiefst ergriffen zu werden! Freilich, wenn das Denken von Morgen bis Abend erfüllt ist von den Kassenbüchern des Gewinns, von den Magazinen der Sinnlichkeit, von den Romanen des Flirts, von Kino und Tanz…, dann hat man kein Auge mehr für die unfassbare Liebe Gottes, wie die Krippe von Bethlehem sie uns kündet; dann läuft man Gefahr, auch am Heiligen Abend nur an den gedeckten Weihnachtstisch zu denken mit den mehr oder weniger kostbaren Gaben. Man vergisst, dass alle Christgeschenke und aller Besitz nur „Kehricht“ sind gegenüber der Liebe, die das Gotteskind auf die Erde brachte. Wie kann man doch über all den Tand das wahre Weihnachtsgeschenk vergessen: den eingeborenen Gottessohn, die menschgewordene Liebe des Vaters!

Es geht uns nicht um bunten Traum
Von Kinderlust und Lichterbaum;
Wir bitten, blick uns an
Und lass uns schau’n dein Angesicht,
Drin jedermann, was ihm gebricht,
Gar leicht verschmerzen kann.

Quelle: Alphons Maria Rathgeber, „Kirch und Leben“ – Ein Buch von der Schönheit und Segenskraft der Kirche. Verlag Albert Pröpster, Kempten im Allgäu, 1956.

Montag, 16. Mai 2016

Die Früchte des Heiligen Geistes


Neben den sieben Gaben gibt es auch noch zwölf Früchte des Hl. Geistes. Paulus schreibt: „Die Frucht des [Hl.] Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde (Freundlichkeit), Güte, Treue (Glaube), Sanftmut (Mäßigkeit), Enthaltsamkeit (Keuschheit)“ (Gal. 5, 22, 23). Nach Paulus stehen diese im Gegensatz zu den Werken des Fleisches (Gal. 5, 19 – 21). Diese neun Früchte wurden im Laufe der Zeit zu zwölf Früchten ergänzt. So heißt es heute im KKK 1832:  „Die Früchte des Geistes sind Vollkommenheiten, die der Heilige Geist in uns als die Erstlingsfrüchte der ewigen Herrlichkeit hervorbringt. Die Überlieferung der Kirche zählt deren zwölf auf: „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Langmut, Sanftmut, treue, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit.“
Die Tradition erweiterte also die paulinische Liste. Nach Thomas von Aquin (um 1225 – 1274) bewirken diese Früchte eine delectatio (Lust), die dem Christen die Gewissheit gibt, auf der via perfectionis zu sein. Petrus Canisius (1521 – 1597) schreibt in seinem Katechismus, dass die Gaben des Hl. Geistes die guten Bäume sind, gepflanzt auf dem Acker der Kirche, auf denen die Früchte des Hl. Geistes wachsen. Canisius erinnert in diesem Zusammenhang an Bibelwort:  „An ihren Früchten [des Hl. Geistes] sollt ihr sie erkennen“ (Mt. 7, 20).

Der Augsburger Barockmaler und Kupferstecher Johann Georg Bergmüller (1685 – 1762 entwarf, stach und brachte nach 1739 im Eigenvertrag die siebenblättrige Kupferstichserie „Die 12 Tugenden oder Früchte des Hl. Geistes“ heraus. Die Serie beginnt mit diesem Titelblatt. In der Mitte oben erkennt man vor einem Kreis, in welchem ein gleichseitiges Dreieck eingeschrieben ist, die Hl.-Geist-Taube. Hier ist der Kreis Symbol der Unendlichkeit Gottes, da er keinen Anfang und kein Ende hat. Das gleichseitige Dreieck ist Zeichen für die Dreifaltigkeit.  Das Eingeschriebensein bedeutet: „Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Zum Symbol für Gott geht ein Strahlenkranz aus. Seitlich verschwinden diese hellen Strahlen hinter dunklen Wolken. Dieser Hell-Dunkel-Kontrast gibt dem oberen Stichteil Tiefe und hebt das göttliche Zentrum hervor. Zwischen den Strahlen, die nach unten scheinen, sieht man paarweise angeordnet, zwölf Feuerzungen. In der Bibel heißt es beim Pfingstereignis: „Und plötzlich geschah aus dem Himmel ein Brausen … Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen wie von Feuer, und sie setzten sich auf jeden einzelnen von ihnen. Und sie wurden alle mit Heiligem Geiste erfüllt ...“ (Apg. 2, 2 – 4). Mit dieser Symbolik will der Kupferstecher wohl zweierlei ausdrücken: Auch die oben genannten Früchte gehen, wie die Gaben, vom Heiligen Geist aus. Die zwölf Feuerzungen könnten die weitere Bedeutung haben, dass sich der Hl. Geist an Pfingsten besonders auf die zwölf Apostel niederließ. Auf einem drapierten Vorhang sind die „Tugenden“ bzw. „Früchte“ aufgeschrieben und zwar auf Latein und auf Deutsch. Der Titel auf Latein lautet: „XII Virtutes Spiritu Sancti Galat: V. 22, 23“. Damit wird die gebildete Geistlichkeit mit Lateinkenntnissen angesprochen. Deshalb steht hier auch der Hinweis, dass ich die „Tugenden des Hl. Geistes“ von Paulus herleiten. Der Titel auf Deutsch lautet: „Die 12 Tugenden od: Früchten des Hl. Geistes in 6 blat vorgestellet“. Auf Deutsch wendet sich der Verleger hauptsächlich an mehr oder weniger gebildete Maler. Diesen meist hervorragenden Künstlern fehlten oft die Kenntnisse von Symbolen, um abstrakte Begriffe darzustellen. Sie waren deshalb eine wichtige  Käuferschicht für solche Stichserien. Hier erfahren sie nun gleich auf dem Titelblatt, um was es sich bei dieser Serie handelt. Deshalb steht unten auch die Bezugsquelle dieser Serie („in Verlag alda“) und dass der Entwerfer und Stecher dieser Serie bedeutend ist („Hochfürstl. Cabinet- und Hof-Mahler“) AE

Quelle: Der Fels – Dezember 2015, S. 352
Redaktion: Eichendroffstr. 17, D-86916 Kaufering
HubertGindert@der-fels.de


Sonntag, 27. März 2016

Zu Ostern


Ein neuer Morgen ist der Welt aufgegangen, strahlend und unberührt wie der erste Schöpfungsmorgen. Die Sonne der göttlichen Huld leuchtet wieder über der Erde. Schon am Feste der Menschwerdung sahen wir den „Aufgang aus der Höhe“. Christus erschien als die Gnadensonne des Vaters. Aber noch hüllte sie ihren Glanz in die bergende Wolke der demütigen Menschheit. Am Fest der Epiphanie und am Verklärungssonntag sahen wir sie hell aufleuchten. Aber während der großen Leidenswoche schien sie zu versinken im Meer der Leiden, im Abgrund des Todes. Heute erhebt sie sich aus den Wassern der Passion, aus den dunklen Wolken höllischer Anfeindung. Strahlend steigt sie zur Höhe empor, endgültig und für immer die Erde segnend und beherrschend.

Es ist Tag geworden auf Erden — „Abend und Morgen, der erste Tag“ (Gen. 1,5). Und wirklich der erste, denn „sie kamen am ersten Wochentage in aller Frühe zum Grabe, als die Sonne eben aufgegangen war“, (Benedictus-Antiphon der Osternacht). Der erste Tag und zugleich der achte, nach dem siebten, dem Sabbat. Der achte Tag, der über die irdische Zeit und die sieben Tage der ersten Schöpfung hinausgeht, - der Anbruch einer neuen Zeit, die nicht mehr gezählt und gemessen werden kann, der Anfang der Ewigkeit.

Das ist der geheimnisvolle Tag, den wir erwarten, dem wir entgegenleben in dieser Zeit. Heute hat er begonnnen; heute ist er aufgegangen. Wir stehen mitten darin; nur unsere Augen sind zu schwach, als dass wir seinen vollen Glanz schauen könnten. Aber wir fühlen seine Wärme in unserem Blut; wir leben von seinem Licht. Eben ist die Sonne aufgegangen - Christus ist auferstanden. „Christus ist die wahre Sonne und der wahre Tag“, sagt der heilige Cyprian und führt als Beweis jene Stelle des 117. Psalms an, die als erster Vers des Graduale während der ganzen Osterwoche nicht von den jubelnden Lippen der Kirche weicht: „Haec dies, quam fecit Dominus: exsultemus et laetemur in ea.“ – „Dies ist der Tag, den der Herr uns gemacht hat! Jubeln wollen wir und uns freuen an ihm!“ (Ps. 117,24)

„Christus ist unser Tag. In seinem Lichte sehen wir das Licht“ (Ps. 35,10). „Wunderbar ist deine liebende Schau, dein liebendes Erkennen geworden“ (Ps.  138,6), spricht der Vater zum verklärten Christus. Der auferstandene Herr schaut den Vater, ruht in ihm. Das ist letztes Erkennen, Erfassen Gottes. Ein Erkennen nicht durch Überlegung des Verstandes, durch menschliches Wissen; ein Erkennen über allem menschlichen Erkennen und Wissen: Schau! Christus, der Tag, ist wesenhaft eins mit dem göttlichen Lichte.

Nur der Sohn sieht den Vater, wie er ist. Aber nun sind unsere Augen klar geworden von dem neuen Tag, der in Christus uns aufgeleuchtet ist. Im hellen Lichte dieses Tages schauen wir das Urlicht. Vollkommen wird die Schau erst im Jenseits, wenn auch wir ganz verklärt, ganz Tag geworden sind wie Christus. Aber begonnen hat sie mit der Auferstehung des Herrn. Bevor der Sohn kam, vermochte niemand den Vater zu erkennen. Jetzt ist der Tag selbst, Gottes Licht in den Menschen eingetreten. In seinem Licht sieht er das Licht. Wunderbar ist die Erkenntnis Gottes geworden in der Welt. „Wunderbar ist deine Erkenntnis geworden“, spricht die Kirche zu ihrem auferstandenen Herrn und zugleich zu jedem ihrer Kinder, das in Christus auferstanden ist zu neuem, gottschauendem Leben.

Wenn der Tag aufgeht, ist er Gericht für die Nacht. Die Finsternis flieht vor dem Licht. So ist auch Christus, der Tag, Gericht für die Welt, die die Finsternis mehr geliebt hat als das Licht (Joh 3,19). Gerichtet ist die Welt, gerichtet ist der Teufel. Aus dem Dunkel kam die alte Schlange und wollte Krieg führen gegen den Herrn des neuen Lichtes. Heute ist sie gerichtet. Der „Nachkomme der Frau“ hat der Schlange den Kopf zertreten; besiegt taumelt sie zurück in ihre Finsternis. „Die Erde bebte und ward stumm, da Gott zum Gerichte aufstand“ (Offertorium, Ps. 75,9-10).

„Vom Tode zum Leben und von der Erde zum Himmel hat uns Christus, unser Gott, hinübergeleitet, und wir singen das Lied seines Sieges“ (aus der griechischen Liturgie).

„Das Lamm erlöste die Schafe; mit dem Vater versöhnte, Christus, der Reine, alle die Sünder“ (Ostersequenz).


P. Klaus Gorges FSSP, Ostern 2008

Mittwoch, 18. November 2015

Die Verherrlichng des hl. Joseph


Seitenaltarbild in der Münchner Dreifaltigkeitskirche
von Joseph Ruffini (1690 -1749)

Die Verehrung des hl. Joseph erreichte in Österreich und Süddeutschland in der Barockzeit eine Blüte. Der hl. Joseph nimmt nun auch auf Bildern einen bevorzugten Platz ein. Man traut sich sogar, ihn vor Maria zu stellen, wie auf diesem Bild.
Die Hauptkompositionslinie auf diesem Bild verläuft vom knienden Engel im Vordergrund links unten über den hl. Joseph mit dem Jesuskind in der Bildmitte zu Gott Vater rechts oben. Um den Blick des Heiligen zu Gott Vater nicht zu behindern, ist die HI. Geist Taube etwas aus dieser Achse gerückt. Die Strahlen der Taube erleuchten Josephs Gesicht, der weiß, dass er nur der Nährvater des Jesuskindes ist (Mt 1, 18 - 21). Die sekundäre Kompositionslinie beginnt bei dem Engel, links neben dem Kind über Jesus zur Mutter Maria, welche vor einer Wiege kniet. Neben diesen beiden Kommpositionslinien, denen Joseph mit dem Jesusknaben angehört, gibt es zwei Themengruppen: die himmlische und die irdische Trinität (Jesus, Maria und Joseph). Der kniende Engel links unten hält einen Strauß aus Rosen und Lilien. Er weist auf die Verbindung des hl. Joseph, dessen Symbol die Lilie ist, mit Maria hin, die auch als Rose ohne Dornen bezeichnet wird. Rechts unten halten zwei Engel ein Schild mit der Aufschrift „Constituit eum Dominum Domus suae“(Ps 105,21) (Er setzte ihn zum Herrn über sein Haus ein). AE

Titelbild DER FELS März 2015

Mittwoch, 29. April 2015

Maria in der Laube - Symbolik


Das ist das Anfangsbild des Kapitels über die „Freuden Mariens“ 
im Stundenbuch von Papst Alexander VII., 
entstanden in Paris um 1440 
(heute in der Vatikanischen Bibliothek in Rom)

In einer zentralperspektivisch angelegten, gotischen Laube sitzt Maria mit ihrem Kind. Sie trägt einen Blauen Mantel, da nach Numeri 4,6 die Tücher, welche die heiligen Geräte in der Stiftshütte verhüllen, auch diese Farbe haben und blau im Alten Testament die Kultfarbe der göttlichen Offenbarung ist. Dem Kind wird von einem Engel eine Schüssel mit Früchten, wohl Kirschen, gereicht. Die Kirsche gilt, wie der Apfel, als sündhafte Paradiesfrucht. Wenn nun das Jesuskind eine Kirsche nimmt, so bedeutet dies, dass es die Sünden der Welt auf sich nimmt. Gegenüber der Früchteschale steht auf der Balustrade ein Blumentopf. Um welche Blumen es sich handelt, lässt sich nicht erkennen. So wären Maiglöckchen ein Attribut für Christus, den es als „salus mundi“ bezeichnet. Dementsprechend stehen die Blumen, wie die Geretteten, rechts von Maria mit Kind. Der Garten ist von einer Mauer umschlossen: ein „hortus conclusus“. Dies ist ein Mariensymbol und bezieht sich auf das „Hohelied“ 4,12 wo es heißt: „Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut.“ Auch der Turm in der Mauer ist ein Symbol für Maria, welche in der Lauretanischen Litanei als „starker Turm Davids“ angerufen wird. Ob der Baum gegenüber von diesem Turm als ein Symbol oder nur als kompositorisches Gegengewicht gilt, kann nicht beurteilt werden. Sicher ist hingegen, dass die drei Bäume hinter der mittleren Mauer an die Dreieinigkeit erinnern sollen. A.E.

Titelbild DER FELS Mai 2014

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Es ist ein Ros entsprungen ...


Niemand weiß mehr genau, welches Jahr die Chronisten der Welt in ihren Büchern verzeichneten, als ein junger Mönch mit Namen Laurentius in einem Kloster unweit von Trier lebte. Doch es mag um das Jahr 1600 gewesen sein. Jenes Kloster erhob sich in stattlicher Höhe über dem Moseltal inmitten einer gottgesegneten Landschaft.

Laurentius hatte nach dem Geheiß seines Vaters in jungen Jahren die Weihen genommen und sich willig, mit der Geduld des wahrhaft frommen Menschen in die Gemeinschaft der Brüder eingelebt. Er lebte unter seinesgleichen voll sanfter Zurückhaltung und einer ungezwungenen Leidenschaftslosigkeit. Sein gütiges Wesen, die Art, wie er im Gespräch die Worte zu setzen, und der Eifer, mit dem er zu arbeiten wusste, trugen ihm beizeiten die besondere Liebe und Zuneigung des Priors ein. Keines anderen Stimme war beim abendlichen Tedeum so erfüllt von Inbrunst und Fröhlichkeit wie die seine.

Nächtelang studierte er alte Schriften und übertrug Teile daraus mit schönen und klaren Lettern in ein selbstgebundenes Buch. Da er zudem von je eine starke Neigung zur Musik besessen hatte, übte er sich im Lesen und Niederschreiben von Noten, und wenn er, wie es nicht selten geschah, die Orgel spielte, flossen die Melodien so ineinander, dass er manchmal nicht zu unterscheiden wusste, welche davon er selber erdacht und welche er von alten Meistern übernommen hatte.

An einem Weihnachtsmorgen hatte Laurentius sich früh von seinem Lager erhoben; denn es waren viele Pilger zu erwarten, die alljährlich ins Kloster kamen, um dort die Christmette zu hören. Da der junge Mönch das Amt des Pförtners innehatte, war es sein Dienst, dafür zu sorgen, dass niemand vor dem Tor unnötig zu warten brauchte.

Aber noch war es dunkel draußen, und keine Menschenseele rührte sich. In der Nacht hatte es unaufhörlich geschneit. Laurentius trat die ersten Spuren in den frischen Schnee, als er den Klostergarten durchquerte, um zur Pforte zu gelangen. Ein blasser, dunstiger Mond erhellte den Himmel. Auf dem Rückweg kam Laurentius am Brunnen vorüber. Als er sich über dessen Rand beugen und auf den Grund hinabschauen wollte, wie er es gern tat, um dem rieselnden Laut des Wassers zu lauschen, fiel sein Blick unversehens auf einen Rosenstrauch zu Füssen der Brunnenmauer. 
Was er plötzlich sah, ließ ihn für eine Weile vor Freude und Erstaunen den Atem verhalten. Zwischen den kahlen, froststarrenden Zweigen des Strauches wuchs ein grünes Reis auf, und an seinem Ende erblühte in makelloser Schönheit eine Rose.

Sein Staunen wich tiefer Ergriffenheit. „Seltsam“, dachte Laurentius, „eine blühende Rose mitten im kalten Winter!“ Er brach sie behutsam und sog ihren Duft ein. Als er gewahr wurde, dass die ersten Pilger sich näherten, verließ er den Platz, wo er des Wunders teilhaftig geworden war, und gesellte sich zu den Brüdern in die Kapelle. Dort legte er, von niemandem bemerkt, die Rose unter das Bild der Gottesmutter. 

Und abermals geschah ein Wunder. Wäre Laurentius von geringem Glauben gewesen, würde er es für einen Zufall gehalten haben, dass just in dem Augenblick, da er sich in das Gebet der Gemeinde eingefügt hatte, der Priester das Schriftwort Jesaias sprach: „Es wird ein Zweig aufsprießen vom Stamme Jesses.“

Laurentius fühlte seine Seele von einem großen Glück durchflutet. Ja, er war ausgezeichnet worden vor allen anderen!

Die Christmette war vorüber, und die Pilger begannen sich zu zerstreuen. Es war inzwischen Tag geworden. Das Licht drang mit matten Farben durch die Fenster der Kapelle. In Gedanken verstrickt, schritt Laurentius vom Chorgestühl zum Lettner empor. Während er ging, sprach er Worte vor sich hin, die unablässig aus seinem Inneren aufstiegen. Die Worte fügten sich zu Zeilen, die Zeilen verbanden sich zu Versen:

„Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart ...“

Er ließ sich auf der Orgelbank nieder. Den Orgelbuben, der sich gerade entfernen wollte, wies er an, noch einmal die Bälge zu treten. Und dann spielte und sang der Mönch das neugeborene Lied. Einige Gläubige, darunter eine Schar Kinder, kehrten in die Kapelle zurück und lauschten der wunderbaren, nie gehörten Weise. Da der Spieler sie einige Male wiederholte, ging sie jedem so ein, dass er sie bald mühelos mitsingen konnte. In dieser Stunde also trat das Lied in die Welt, das seither nicht mehr aus ihr fortzudenken ist:

Es ist ein' Ros' entsprungen

Es Ist ein' Ros' entsprungen
aus einer Wurzel zart.
Wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art.
Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht

Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine,
Marie, die reine Magd;
Aus Gottes ew’gem Rat
Hat sie ein Kind geboren
Wohl zu der halben Nacht.

Das Blümelein so kleine,
das duftet uns so süß,
mit seinem hellen Scheine
vertreibt’s die Finsternis:
Wahr’ Mensch und wahrer Gott,
hilft uns aus allem Leide,
rettet von Sünd’ und Tod.


Aus „Brasil-Post“ Nr. 1566 São Paulo, Brasilien (1950er Jahre)

„Göttliches Kind, ich bete dich an.“


Die Verehrung des göttlichen Kindes

„Als sie den Stern sahen,
empfanden sie eine
überaus große Freude.

Sie traten in das Haus
und sahen das Kind
mit Maria, seiner Mutter.

Sie fielen nieder
und huldigten ihm.“

(Mt 2, 10-11)

In der biblischen Zeit

Die liebevolle Verehrung des göttlichen Kindes begann schon bei seiner Geburt. Die innigsten und aufopferndsten Verehrer des Jesuskindes waren zweifellos seine jungfräuliche Mutter Maria und sein Nährvater Josef. Wie zart und liebevoll, ehrfürchtig und heilig diese Verehrung war, erfahren wir aus den Schauungen der begnadeten Äbtissin Maria von Agreda († 1665), die sie uns in ihrem Werk vom „Leben der Jungfrau und Gottesmutter Maria“ überliefert hat.

Noch in der Heiligen Nacht kamen aber auch schon die ersten „außenstehenden“ Verehrer und Anbeter des göttlichen Kindes: die armen und einfachen Hirten. Wie beglückt sie von ihrer Begegnung mit dem göttlichen Kind waren, können wir aus den Worten des Evangelisten erahnen: „Die Hirten kehrten zurück und lobten und priesen Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten“ (Lk 2,20).

Die nächsten Verehrer des göttlichen Kindes waren, im wahrsten Sinne des Wortes, die ersten Heilig-Land-Pilger: die Weisen aus dem Morgenland. Diese Gottsucher aus dem Orient standen beim Urchristentum in hohem Ansehen, weil sie als „die Ersten aus dem Heidenland“ die besonderen Vorbilder der Verehrung des menschgewordenen Gottessohnes, des göttlichen Kindes, waren.

Dann war in Jerusalem auch noch ein Erwählter, mit Namen Simeon. Er war gerecht und gottesfürchtig. Vom Heiligen Geist war ihm geoffenbart worden, dass er den Tod nicht schauen werde, bevor er den Gesalbten des Herrn gesehen habe. So kam er auf Antrieb des Heiligen Geistes gerade zu der Zeit in den Tempel, als die heiligen Eltern ihr Kind hereinbrachten. Voll Freude nahm er es auf seine Arme, pries Gott und sprach in heiliger Ergriffenheit den herrlichen Lobgesang: „Nun magst du, Herr, deinen Diener nach deinem Wort im Frieden entlassen. Denn meine Augen haben dein Heil geschaut, das du bereitet hast vor dem Angesicht der Völker: das Licht zur Erleuchtung der Heiden und den Ruhm deines Volkes Israel“ (Lk 2,25-32).

Spüren wir aus diesem Lobpreis die weltweite Sendung des göttlichen Kindes? Sie gilt nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden. Allen Menschen aller Zeiten!

Anschließend berichtet der heilige Evangelist Lukas noch von einer Prophetin Anna, einer vierundachtzigjährigen Witwe. Auch sie trat zur selben Stunde hinzu, pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf Jerusalems Erlösung harrten (Lk 2, 36-38).

Sehet dies Wunder, wie
tief sich der Höchste hier beuget.
Sehet die Liebe, die
endlich als Liebe sich zeiget.
Gott wird ein Kind,
träget und hebet die Sünd.
Alles anbetet und schweiget.
 (Gerhard Terstegen 1731) 

Quelle: „Göttliches Kind, ich bete Dich an“, Pfarrer A. M. Weigl. Verlag St. Grignionhaus, Altötting, 1983

Dienstag, 16. Dezember 2014

Ein Kind ist uns geboren


Ein Kind ist uns geboren,
ein Sohn ist uns geschenkt;
auf seinen Schultern
ruhet die Weltherrschaft.
Sein Name ist:
Künder des großen Ratschlusses.
 (Is 9,5)

„Gott musste uns nicht erlösen, aber er wollte es.“

Adam hatte mit seinem Sündenfall das Paradies der Natur und der Gnade verloren. Nicht nur für sich und seine Lebensgefährtin Eva, sondern für uns alle. Arm und traurig musste er darum das Paradies verlassen. Satan, Tod und Sünde mit all ihren Folgen wurden nun seine und seiner Nachkommen ständige Weggenossen. Aber noch einen anderen Begleiter hatte er an seiner Seite: die große, heiße Sehnsucht nach dem Erlöser. Und dieses große Heimweh hat den Menschen nie mehr verlassen.

Auch Gott, der Vater, hatte Heimweh nach seinen verirrten Kindern. Eine große Sehnsucht nach den Menschen. Er wollte sie wieder zu sich emporziehen und an sein Vaterherz drücken. Der himmlische Vater wollte in den Seelen seiner Kinder wieder das Paradies der Gnade zum Blühen bringen. Er sehnte sich danach, ihnen alles Verlorene in seiner Vatergüte wiederzugeben: Gnade, Friede, Freude, Seligkeit und den Himmel. „Gott musste uns nicht erlösen, aber er wollte es. Und nur er konnte es“ (HI. Augustinus).

Doch die Menschen sollten ihre ganze Ohnmacht zutiefst spüren. Sie sollten einsehen: wir können uns nicht selbst erlösen, Gott muss sich zu uns herablassen. Und wahrlich: „Dadurch hat sich die Liebe Gottes an uns geoffenbart, dass er seinen eingeborenen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch ihn leben. Darin besteht also die Liebe: nicht dass wir Gott zuerst geliebt haben, sondern dass er uns liebte und seinen Sohn als Sühnopfer für unsere Sünden gesandt hat (1 Joh 4,9-10).

Aber viele hundert Jahre mussten noch vergehen, bis sich Gottes Verheißung erfüllte. Viele Prüfungen kamen über das israelitische Volk. Immer größer wurde die Sehnsucht der Welt nach dem Erlöser. Je näher die Zeit des Messias kam, umso deutlicher verkündeten die Propheten seine Geburt zu Bethlehem.

Unser Erlöser kommt als Kind?

Wenn Gottes Sohn im ewigen Ratschluss der Liebe seines Vaters schon Mensch werden wollte und sollte, hätte er dann kraft seiner Allmacht nicht gleich im reifen Mannesalter erscheinen und auftreten können? Warum tat er das nicht?

Pater Peter Lippert, SJ, gibt hierauf eine tiefinnerliche Antwort: „Da Gott ein Mensch werden wollte, um unter uns zu wohnen, da wollte er auch die ganze Entwicklung eines Menschenwesens durchmachen und mit dem Kindsein beginnen. Seine Kindheit war ihm ebenso wichtig wie sein Mannestum, die Unmündigkeit so bedeutungsvoll wie die Reife, das erste unsichere Tasten seiner Kinderhändchen war ihm so wertvoll und leistungsfähig wie die Hilflosigkeit dieser selben Hände, da sie an das Holz des Kreuzes genagelt wurden.“

Warum aber wollte Gott mit dem Kindsein beginnen? Warum ist Gott ein Kind geworden? Diese Frage wird uns durch das ganze Büchlein begleiten.

Warum ist Gott ein Kind geworden?

Allein nur wegen der armen und einfachen Hirten, oder der demütigen Weisen aus dem Morgenland? Damit sie das sichere Zeichen der wahren Ankunft des Messias und den Beginn ihrer Erlösung erkennen konnten? Gewiss, diese Menschen guten Willens freuten sich über das kleine Gotteskind in der Krippe so sehr, dass die Hirten buchstäblich zu ihm „eilten“ und die Weisen des Morgenlandes sogar gefahrvolle und kostspielige Expeditionen riskierten um es zu suchen. Sie alle huldigten dem kindgewordenen Erlöser, brachten ihm Geschenke und beteten ihn an. Am liebsten hätten sie wohl dieses kleine Geschöpfchen aus der Krippe genommen um es an ihre glühenden Herzen zu drücken und mit Küssen und Liebkosungen zu verehren. Eine solche Herzensfreude, erfüllte sie! Wir können das nachempfinden, wenn wir die Berichte der Evangelien und die zugehörigen Stellen des Alten Testaments lesen und betrachten.


Quelle: „Göttliches Kind, ich bete Dich an“, Pfarrer A. M. Weigl. Verlag St. Grignionhaus, Altötting, 1983

Donnerstag, 12. Juni 2014

„Herr, gib mir dieses Wasser, dass ich nicht mehr dürste“


Jesus, müde von der Wanderung, setzt sich am Brunnen nieder. Da kommt eine Frau aus Samaria, die Wasser schöpfen will. Jesus bittet sie um Wasser, um zu trinken. Die Samariterin fragt ihm, warum er einen Trunk von einem samaritischen Weib verlangt. Jesus antwortet ihr: „Wenn du um die Gabe Gottes wüsstest und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken, du würdest ihn bitten, und er gäbe dir lebendiges Wasser. ... Jeden der von diesem Wasser trinkt, wird abermals dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht mehr dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einem Quell von Wasser, das aufsprudelt zu ewigem Leben.“ (Joh. 4,6-15)

Die Worte Jesu sind wie Wasser ewigen Lebens. Sie geben uns den Sinn des irdischen Lebens zu verstehen und bereiten uns vor, Ihm im Himmel zu begegnen. Folgen wir ihnen nach!


Donnerstag, 29. Mai 2014

Hl. Maria Magdalena

„Sie hat viel geliebt“

Jesus sitzt am Tisch im Haus eines Pharisäers. Vor ihm kniend eine Frau, die in der Stadt als Sünderin bekannt war. Aus einem Alabastergefäß salbt sie Jesus die Füße. Sie weint wegen ihrer vielen Sünden, sie küsst und benetzt mit ihren Tränen die Füße des Herrn und trocknet sie mit ihren Haaren. Dem erstaunten Pharisäer sagt Jesus: "Siehst du diese Frau? Ich kam in dein Haus und du gabst mir kein Wasser für meine Füße; sie aber benetzte meine Füße mit ihren Tränen und trocknete sie ab mit ihren Haaren. Du gabst mir keinen Kuss; sie aber hört seit meinem Eintreten nicht auf, meine Füße zu küssen. Du salbtest mein Haupt nicht mit Öl; sie aber salbte mit ihrem Öl meine Füße. Darum sage ich dir: Vergeben sind ihre vielen Sünden, denn sie hat viel geliebt." (Luk 7,36-47)


Die Liebe zu Jesus kann alles wiedergutmachen. Vergessen wir es nicht!

Glasfenster aus der Kirche St. Michael in Brüssel. 

Dienstag, 7. Januar 2014

Die Gottesmutterschaft




Die Evangelien, die das Leben des Heilands so genau erzählen. haben nur wenige Einzelheiten aus dem Leben der allerseligsten Jungfrau Maria festgehalten. Sie berichten nichts über ihre Unbefleckte Empfängnis, über ihre Geburt, über ihre Kindheit im Tempel von Jerusalem. Mit Wohlgefallen lassen sie sich über die wundervollen Szenen der Verkündigung und der Heimsuchung aus; dies sind aber auch schon die einzigen Geheimnisse, in denen Maria den ersten Platz einnimmt.
Danach finden wir in den Berichten der Evangelisten nur äußerst beiläufige Hinweise auf die Rolle Marias. Wir sehen sie, wie sie den neugeborenen Sohn den armen Hirten und den Drei Königen hinhält, wie sie später in aller Eile mit dem Jungen nach Ägypten aufbricht. Nur einige kurze Anmerkungen beziehen sich auf das lange Zusammenleben mit dem göttlichen Meister in dem kleinen Haus in Nazareth.
Wenn der Herr schließlich seine öffentliche Sendung beginnt, tritt die Gestalt Mariens fast völlig in diskreten Schatten. Einen Augen­blick lang treffen wir sie auf der Hochzeit von Kana wieder. Ein oder zwei Mal erwähnen die heiligen Schriftsteller dann, daß sie demütig der Predigt ihres Sohnes beiwohnt. Und schließlich finden wir sie wieder während der tragischen Ereignisse der Leidensgeschichte unter dem Kreuz.
Das ist alles, was uns die Evangelien über Maria berichten. Glaubt ihr nicht, daß unsere Frömmigkeit einen großen Gewinn davontragen würde, wenn wir mehr über ein so bewegendes Thema erführen?
Auch die Kirchenväter haben nach dem Grund dieses befremdlichen Schweigens gefragt. Und sie kamen übereinstimmend zu dem Schluß, das der heilige Matthäus damit, daß er den Stammbaum des Erlösers festhielt, in einer einzigen Linie all die Größe und den Ruhm Unserer Lieben Frau vereinigt hat. „Von Jakob stammte Josef“, sagt der heilige Text, „der Mann Marias, von der geboren wurde Jesus genannt Christus“. Jacob autem genuit Josef, virum Mariae de qua natus est Jesus, qui vocatur Christus. (1)
Wenn ihr die Königin des Himmels besser kennen lernen wollt müßt ihr euch mit frommer Aufmerksamkeit in ihr einzigartigste~ Privileg vertiefen: in ihre Gottesmutterschaft.
*     *     *
Ich will keineswegs die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten vor euch verstecken, die .ein so erhabenes Thema mit sich bringt. Bevor. ich näher darauf eingehe, wollte ich einige Stellen aus den zahlreichen Reden nachlesen, mit denen die Kirchenlehrer auf dieses Thema eingegangen sind. Und zu meiner Überraschung mußte ich feststellen, daß sie sich angesichts einer solchen Größe von einer ungeheuren Mutlosigkeit erfaßt fühlten. Gibt es denn Worte, die stark genug, und Vergleiche, die klar genug sind, um dieses Wunder völlig verständlich zu machen?
Der heilige Epiphanius, einer der größten Lichter des Orients geht alle Glorien des Himmels durch. Nacheinander erforscht er die Chöre der Enge! und die verschiedenen Kategorien von Heiligen und kommt schließlich zu der Überzeugung: „Die Mutter des Wortes aber steht unvergleichlich höher als sie alle. Gott ausgenommen steht sie über allem. Keine Menschenzunge vermag ihr Lob angemessen zu besingen. (2)
Der heilige Thomas von Aquin, der unumstrittene Meister der katholischen Theologie, lehrt uns, daß die Gottesmutterschaft Maria eine unendliche Würde verleiht. Er zeigt uns, daß die Gottesmutter auf ihrem Höhenflug die Grenzen der Göttlichkeit berührt. „Ad fines divinitatis propria operatione attigit.“ (3)
Ein Abgrund trennt uns vom Allerhöchsten. Denn wir sind reines Nichts. Seit aller Ewigkeit lebt er in einem unseren Augen unzugänglichen Licht. Während wir nichts aus uns selbst vermögen, erschafft er die Welten mit einem einzigen Wort. Er verlangt zwar unsere Anbetung, weist aber von vornherein darauf hin, daß ihm diese keinerlei Nutzen bringt „Glaubt ihr etwa“, sagte er zu einem seiner Propheten, „daß ich das Blut der Ziegen und Lämmer nötig habe, die ihr in meinem Tempel opfert?“ (4)
Nun wollte aber dieser von seinen Geschöpfen unabhängige Gott die allerseligste Jungfrau Maria nötig haben, um durch sie die großen Pläne seiner Barmherzigkeit auszuführen. Und er sandte ihr den Engel Gabriel, um sie um ihre Zustimmung zum Werk der Menschwerdung zu bitten.
Dieser so unendlich von unserer Kleinheit entfernte Gott wollte Beziehungen zu Maria herstellen und zwar so enge Beziehungen, daß sie, wenn ich es so ausdrücken darf, als einzige bis in die Tiefe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit vordringt.
Der Heilige Geist, der durch sein wunderbares Eingreifen ihre unver­gleichliche Jungfräulichkeit fruchtbar werden ließ, machte sich zu ihrem Bräutigam.
Das Ewige Wort entnahm ihrer Substanz seinen heiligsten Leib und sein unendlich kostbares Blut. Als er in der Grotte von Bethlehem zur Welt kam, wurde er Monate lang von der Gottesmutter genährt. Eine wahrhaft bezaubernde Wahrheit: „Das Fleisch Christi“, ruft der heilige Augustinus aus, „ist das Fleisch Mariens!“ Caro Christi, caro Mariae. Und da die Züge der Kinder sehr oft die Züge der Mutter widerspiegeln, wollte der Erlöser, das schönste aller Menschenkinder, sehr wahrscheinlich der Unbefleckten Jungfrau ähnlich sehen.
Schließlich hat die Himmelskönigin Anteil an den Ehren des Vaters. Der Vater, der ewig sein Wort hervorbringt, hat zu Jesus gesprochen: „Du bist mein Sohn; auf dir ruht all mein Wohlgefallen.“ (5) Maria hat dem Herrn nicht seine göttliche Natur geschenkt, aber sie hat seiner Göttlichkeit einen sterblichen, dem unsrigen ähnlichen Körper gegeben. Nur sie kann mit dem Vater zu Jesus, dem unsterb­lichen König der Jahrhunderte, das Wort sagen, das die seligen Bewohner des Paradieses mit Staunen erfüllt hat: „Du bist wirklich mein Sohn; ich habe dir dein menschliches Leben geschenkt und auf dich, den Geliebten meines Herzens, alle Kräfte meiner Zärtlichkeit vereinigt.“
*     *     *
Infolge ihrer Gottesmutterschaft besitzt die allerseligste Jungfrau Maria unbestreitbare Rechte auf den Erlöser.
Vor allem besitzt sie Rechte auf seinen Willen. Der Jesusknabe mußte Maria gehorchen: Die Evangelien bringen uns dies ausdrücklich in Erinnerung; sie zeigen ihn uns in Nazareth, seiner Mutter und seinem Stiefvater untertan. Et erat suhditus illis. (6)
Man braucht jedoch nicht zu übertreiben. Der Heiland hatte vom Allerhöchsten einen Auftrag erhalten, der über der Autorität der Gottesmutter stand. Als er im Alter von zwölf Jahren bei den Schrift­gelehrten im Tempel zurückblieb, hat er seinen Eltern nicht Bescheid gegeben. Damit wollte er uns deutlich machen, daß seine Mutter nicht in allen Dingen über ihn gebieten konnte. Sie bewahrte aber einen ungeheuren Einfluß auf seinen anbetungswürdigen Willen. Hat er in Kana nicht auf ihre Bitte hin sein erstes Wunder gewirkt?
Die allerseligste Jungfrau Maria besitzt auch Rechte auf das Herz ihres Sohnes; diese Rechte sind unvergänglich. Wie auf Erden zollt Jesus seiner Mutter auch im Himmel allen Respekt und alle Zärtlichkeit eines Kindes. Es ist demnach unmöglich, daß er ihr die Erfüllung Ihrer Wünsche versagt. Es ist undenkbar, daß er unsere Gebete abweist, wenn wir sie im Namen der Liebe unterbreiten, die er seiner Mutter schuldet und stets schulden wird.
*     *     *
Was für Gefühle sollte uns dieses Privileg eingeben, das die allerseligste Jungfrau über alle Geschöpfe erhebt?
An erster Stelle soll es uns Anerkennung einflößen. Wir leben in einer Fülle übernatürlicher Güter, wie sie die Seelen des Altertums nicht besaßen. Wenige Tage nach unserer Geburt hat man uns zur Kirche gebracht, wo uns das geweihte Wasser der Taufe zu Gottes­kindern gemacht hat. Wenn die Last unserer Vergehen zu schwer auf unserem Gewissen liegt, gehen wir zum Priester und legen ihm unsere Skrupel und unsere Reue zu Füßen; dann erheben wir uns mit erleichterter Seele und gehen hinweg mit der Sicherheit, daß wir Vergebung erhalten haben. Wenn wir in der Versuchung Kraft, im Schmerz Trost brauchen, knien wir vor dem Altar nieder, in dem Jesus in Wahrheit gegenwärtig ist, um uns sein Herz zu öffnen. Im Tabernakel wartet er ungeduldig darauf, daß wir ihm die Gastfreundschaft unserer so gebrechlichen und elenden Seelen anbieten. Diese Gnaden, die sich wie ein Strom über die Erde ergießen, sind stets zu unserer Verfügung; wir brauchen nur einen Schritt zu tun und schon überfluten sie uns.
Habt ihr schon einmal daran gedacht, daß ihr dies der Gottesmutterschaft Mariens verdankt? Habt ihr auch nicht vergessen, ihr dafür eure Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen?
Der Herr hatte einmal zehn Leprakranke geheilt. Die glücklichen Wunderempfänger machten sich sofort auf den Weg, um sich den Priestern zu zeigen, wie es das Gesetz Moses' befahl; nur einer kehrte mitten auf dem Weg um seinem Wohltäter zu danken. „Sind nicht zehn rein geworden?“, fragte daraufhin der Heiland, „Wo sind denn die übrigen neun?“(7) - Könnte sich die allerseligste Jungfrau nicht ebenso beklagen? „Ich habe diesen Seelen Jesus geschenkt, und sie vergessen, daß sie ihn von mir bekommen haben.“
Danken wir darum heute der Gottesmutter, danken wir ihr oft für das, was sie für uns getan hat. Diese so einfache Übung wird reichen Segen auf uns ziehen.
Die Gottesmutterschaft soll uns auch ein grenzenloses Vertrauen einflößen. Maria ist überaus mächtig und gütig: Gewöhnen wir uns daher daran, sie häufig zu bitten.
Als der heilige Apostel Johannes bereits das Greisenalter erreicht hatte, ließ er sich zu den Versammlungen der Gläubigen tragen, deren Hirte er war. Und er richtete stets die gleichen Worte an sie: „Meine Kinder, liebt einander!“ Den Zuhörern wurde diese Wiederholung schließlich leid und sie fragten ihn: „Warum wiederholst du immer dasselbe?“ Der Lieblingsjünger, der die Liebe an der Brust des Erlösers gelernt hatte, antwortete ihnen darauf: „Die brüderliche Liebe ist eben das Gebot des Meisters.“
Wenn es euch also überraschen sollte, daß ich immer wieder darauf bestehe: „Bittet ohne Unterlaß eure himmlische Mutter!“, so entgegne ich euch: „Es ist dies das große Hilfsmittel der Beharrlich­keit und der Erlösung.“ Gott hat uns den kostbaren Schlüssel zum Herzen Jesu anvertraut, zu dem reichsten aller Schätze; es wäre unverzeihlich, wenn wir ihn nicht benutzen würden, um reichlich den Trost, das Licht und die Kraft bei ihm zu schöpfen, deren wir so sehr bedürfen.
*     *     *
In unseren Tagen schätzt man sehr die äußerst wirksamen Gebete. Da gibt es äußerst wirksame Gebete zum heiligen Expeditus; es gibt äußerst wirksame Novenen zu anderen Heiligen, die ich mit der Kirche tief verehre. Es gibt jedoch eine Heilige, die alle anderen Heiligen an Glorie und Macht weit übertrifft.
Und es gibt ein Gebet, das nach dem Gebet, das der Herr uns selbst gelehrt hat, vollkommener ist als alle anderen. In ihm erbitten wir mit der Demut, die Gott so wohlgefällig ist, die Gnaden, die wir für den jetzigen Augenblick und für unsere letzte Stunde brauchen. Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes!
Dieses Gebet ist äußerst angemessen, erinnert es doch die aller­seligste Jungfrau an ihre herrlichen Vorzüge, an die Unbefleckte Empfängnis und an die hehre Gottesmutterschaft. Es enthält einen Loberweis an ihren göttlichen Sohn, den sie so sehr liebt. - Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Die Königin des Himmels kann daher dieses Gebet nicht hören, ohne gerührt zu sein.
Der heilige Bernhard hatte die Gewohnheit, ein Muttergottesbild zu grüßen, das es in seinem Kloster gab. Immer wenn er daran vorüberging, betete er ein Ave-Maria. Nun erzählt die Legende, daß das Bild eines Tages Leben annahm und das Gesicht ein Lächeln zeigte. Anmutig neigte die Gottesmutter dem Heiligen ihr Haupt zu und sagte: „Ich grüße dich auch, Bernhard.“
Beten wir mit Andacht den Englischen Gruß, beten wir ihn häufig, aber auch aufmerksam und fromm. Wahrscheinlich wird uns die allerseligste Jungfrau Maria nicht auf wunderbare Weise zurückgrü­ßen. Sie wird uns aber in diesem Leben beschützen und in der schrecklichen Todesstunde wird sie uns mütterlich helfen und unsere Seelen ins Paradies führen, dessen Königin sie ist.

(1) Mt 1, 16.
(2) Vgl. Hl. Epiphanius, Homilia 5a. in Laud. S.M. V
(3) Summa Theologica, 2a. 2ae. q. 103, art. 4, ad 2.
(4) Is 1, 11
(5) Lk 3, 22
(6) Lk 2, 51
(7) Lk 17, 17
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Diese Betrachtung ist entnommen aus dem Büchlein „Die Jungfrau Maria“ von P. Thomas de Saint Laurent, DVCK e.V., 2000