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Donnerstag, 7. Mai 2026

Das geistige Erbe einer guten Familientradition - Papst Pius XII.


 

Einleitung: Verbundenheit des Papstes und der Päpste mit dem römischen Adel.

1. Körperliches und geistiges Erbe.

2. Soziale Verpflichtung des Erbes.

3. Erbadel der Wohltätigkeit und Tugend.

Schluss: Friedenssehnsucht, Neujahrswünsche.

 

Einleitung: Verbundenheit des Papstes und der Päpste mit dem Adel von Rom.

Eine Quelle herzlicher und väterlicher Freude ist Uns, geliebte Söhne und Töchter, Eure willkommene, zu Beginn des neuen Jahres um Uns versammelte Schar, eines Jahres, das ob der beängstigenden Ausblicke nicht weniger bedrückend ist als das soeben verflossene. Ihr seid zusammengekommen, um und kindliche Glückwünsche darzubringen durch den Mund Eures hochverehrten Sprechers, dessen ergebene und erhabene Worte Eurer einmütigen und gleichgesinnten Anwesenheit eine für Uns besonders liebe Wertschätzung und Herzlichkeit verleihen. Im Patriziat und Adel von Rom erblicken und verehren Wir eine Anzahl von Söhnen und Töchtern, deren Ruhm und Anhänglichkeit und ererbte Treue gegenüber der Kirche und dem Römischen Papst, deren Liebe zum Statthalter Christi aus dem tiefen Grund des Glaubens hervorbricht und im Verlauf der Jahre und im Wechselspiel der Zeiten und Menschen nicht schwächer wird. In Eurer Mitte fühlen Wir Uns noch mehr als Römer wegen der Lebensgewohnheiten, der Luft, die Wir eingeatmet haben und einatmen, wegen des gleichen Himmels, wegen derselben Sonne, wegen derselben Ufer des Tiber, an denen Unsere Wiege stand, wegen jener heiligen Erde bis hinein in seine verborgensten Winkel, aus denen Rom für seine Söhne die Verheißungen einer Ewigkeit schöpft, die bis an den Himmel reicht.

Es ist eine Tatsache, dass, wenn Christus, unser Herr, es zum Trost der Armen auch vorzog, bettelarm auf die Welt zu kommen und in einer einfachen Arbeiterfamilie aufzuwachsen, er dennoch mit seiner Geburt das adeligste und berühmteste Haus Israels, die Familie Davids selbst, ehren wollte.

Darum hielten die Päpste, treu dem Geiste jenes, dessen Statthalter sie sind, das Patriziat und den Adel von Rom stets in hoher Achtung, dessen unwandelbare Anhänglichkeitsgefühle an diesen Apostolischen Stuhl den kostbaren Erbteil bilden, den sie von ihren Ahnen erhielten und den sie selbst wiederum ihren Kindern weitergeben werden.

Körperliches und geistiges Erbe

Die wahre Natur dieser großen und geheimnisvollen Sache, die das Vererben, ist, - das heißt das von Geschlecht zu Geschlecht ununterbrochene Weiterreichen eines reichen Schatzes materieller und geistiger Güter innerhalb einer Sippe, die gleichbleibende Wiederkehr desselben körperlichen und sittlichen Typus des Vaters im Sohn, die Tradition, die durch Jahrhunderte hindurch die Glieder derselben Familie zur Einheit verbindet -, die wahre Natur des Vererbens kann man, möchten War sagen, ohne Zweifel mit materialistischen Theorien entstellen. Aber man kann und muss eine derartige Wirklichkeit von so großer Bedeutung auch in ihrem vollen natürlichen und übernatürlichen Wahrheitsgehalt betrachten.

Man wird gewiss die Tatsache eines materiellen Bestandteils bei der Weitergabe der erblichen Eigenschaften nicht leugnen. Wollte man sich darüber wundern, so müßte man die innige Verbindung unserer Seele mit unserem Körper vergessen, und in welch großem Ausmaß selbst unsere geistigsten Tätigkeiten von unserer körperlichen Veranlagung abhängig sind. Darum unterläßt es die christliche Sittenlehre nicht, die Eltern an die schwere Verantwortung zu erinnern, die ihnen in dieser Hinsicht obliegt.

Von größerer Bedeutung ist jedoch das geistige Erbe, das nicht so sehr durch jene geheimnisvollen Bande der materiellen Zeugung weitergegeben wird, als vielmehr durch die beständige Wirksamkeit jenes bevorzugten Milieus, welches die Familie darstellt, mit der langsamen und tiefgehenden Bildung der Herzen in der Atmosphäre einer Häuslichkeit, die reich ist an hohen geistigen und sittlichen und vor allem christlichen Traditionen, zusammen mit der gegenseitigen Beeinflussung zwischen denen, die im selben

Hause wohnen, einer Beeinflussung, deren wohltuende Wirkungen weit über die Jahre der Kindheit und Jugend bis ans Ende eines langen Lebens in jenen auserlesenen Seelen hinausreichen, die es verstehen, in sich selbst die Schätze eines kostbaren Erbes mit dem Beitrag ihrer persönlichen Qualität und Erfahrung zu verschmelzen.

Solcher Art ist das Erbe, kostbarer als jedes andere, das, von einem starken Glauben erleuchtet und von einer tatkräftigen und treuen Praxis des christlichen Lebens in allen seinen Erfordernissen belebt, die Seelen Eurer Kinder emporhebt, verfeinert und reich macht.

Soziale Verpflichtung des Erbes

Wie jedoch jedes reiche Erbe, so bringt auch dieses strenge Pflichten mit sich, und um so strengere, je reicher es ist. Vor allen Dingen zwei:

1. die Pflicht, dergleichen Schätze nicht zu vergeuden, sie unversehrt, ja womöglich noch aufgebessert denen weiterzugeben, die nach Euch kommen, und darum der Versuchung zu widerstehen, in ihnen nichts anderes zu sehen als das Mittel zu einem bequemeren, vergnügteren, verfeinerteren und raffinierteren Leben;

2. die Pflicht, jene Güter nicht für Euch allein in Anspruch zu nehmen, sondern großzügig die von der Vorsehung weniger Begünstigten daraus Nutzen ziehen zu lassen.

Adel der Wohltätigkeit und Tugend

Adel der Wohltätigkeit und der Tugend, geliebte Söhne und Töchter, wurde von Euren Vorfahren erworben, und seine Zeugen sind die Gebäude und Häuser, die Fremdenheime, die Asyle und die Spitäler Roms, wo ihre Namen und die Erinnerung an sie von ihrer vorsorglichen und wachsamen Güte für die Unglücklichen und Armen sprechen. Wir wissen wohl, dass dieser Ruhm und Wetteifer im Patriziat und Adel von Rom nicht geringer geworden ist, soweit es das Vermögen jedes einzelnen zuläßt. In der gegenwärtigen leidvollen Zeit jedoch, wo der Himmel durch bewachte unheildrohende Nachte in Unruhe geraten ist, spürt Euer Geist, während er in vornehmer Weise einen Ernst, Wir möchten sogar sagen eine Strenge des Leben beobachtet, die allen Leichtsinn und ausgelassene Vergnügung ablehnt, die für jedes edle Herz mit dem Anblick so großen Leides unvereinbar sind, noch mehr den lebenskräftigen Antrieb der tätigen Liebe, der Euch anspornt,  die bereits vor Euch errungenen Verdienste durch Linderung des Elend und der menschlichen Armut noch zu steigern und zu mehren. Wie viele Gelegenheiten bietet Euch dazu das neue Jahr, das neue Erprobungen und Ereignisse mit sich bringt, wo Ihr das Gute tun könnt, und zwar nicht allein innerhalb der vier Wände zu Hause, sondern auch draußen! Wieviel neue Betätigungsfelder für Hilfe und Unterstützung! Wieviel verborgene Tränen müssen getrocknet werden! Wieviel Schmerzen warten auf Linderung! Wieviel leibliche und seelische Ängste, die es zu vertreiben gilt!

Schluß: Friedenssehnsucht, Neujahrswünsche

Wie sich der Lauf des eben begonnenen Jahres gestalten wird, ist Geheimnis und Ratschluß des weisen und vorsehenden Gottes, der den Weg seiner Kirche und des Menschengeschlechts zu jenem Ziele lenkt und leitet, wo seine Barmherzigkeit und seine Gerechtigkeit triumphieren. Aber Unsere Sehnsucht, Unser Gebet, Unser Wunsch hat den gerechten und dauerhaften Frieden und die geordnete Ruhe der Welt .im Auge; den Frieden, der alle Völker und Nationen erfreut; den Frieden, der auf allen Gesichtern Frohlocken weckt und in den Herzen den Hymnus höchster Lobpreisung und Dankbarkeit für den Friedensgott, den wir in der Krippe von Bethlehem anbeten.

In diesem Unserem Wunsch, geliebte Söhne und Töchter, liegt auch die Bedeutung eines ruhigen und glücklichen (2) Jahres für Euch alle, deren willkommene Gegenwart Uns den Anblick jeden menschlichen Alters bietet, das unter dem Schutz Gottes auf dem Pfad des Lebens voranschreitet und die persönlichen und Gemeinschaftstugenden zum besten Lob der Ahnen werden läßt. Den Älteren, den Hütern der edlen Familientraditionen und Leuchten weisheitsvoller Erfahrung für die Jüngeren; den Vätern und Müttern, den Lehrern und Tugendvorbildern für Söhne und Töchter; der Jugend, die rein, gesund und arbeitsam heranwächst in der heiligen Furcht Gottes, der Hoffnung der Familie und des teuren Vaterlandes; den Kleinen, die in den kindlichen Beschäftigungen und Spielen von ihren Zukunftsplänen träumen; Euch allen, die Ihr Euch freut und teilhabt an der Gemeinschaft und Freude der Familie, entbieten Wir einen väterlichen und lebhaft empfundenen Glückwunsch, der dem Verlangen eines jeden und einer jeden von Euch entspricht, eingedenk, dass von Gott all unsere Sehnsüchte stets geprüft und gewogen werden auf der Waage unseres höheren Wohles, auf der das, was wir selber begehren, oft weniger wiegt als das, was er von sich aus uns gewährt.

Dies ist das Gebet, das Wir für Euch zum Herrn erheben an diesem Jahresbeginn, hinter dessen undurchdringlichen Schleiern die erhabene Vorsehung regiert, lenkt und wirkt, die mit Liebe im Universum und in der Welt der menschlichen Ereignisse gebietet, indem Wir den Überfluss der himmlischen Gnade auf Euch herabrufen, während Wir im Vertrauen auf die unendliche Güte Gottes allen und jedem einzelnen von Euch, Euern Lieben und allen, derer Ihr liebend gedenkt, Unsern väterlichen Apostolischen Segen erteilen.

 

(2) anno non fortunoso, ma fortunato.

 

Quelle: „Ansprachen Pius’ XII, an den römischen Adel” Herausgegeben vom Rhein.-Westf. Verein katholischer Edelleute. 1957

Samstag, 28. September 2024

Geleitsbrief für einen christlichen Jüngling

 

Schreiben des Grafen Friedrich Leopold zu Stolberg an seinen
Sohn Ernst, als derselbe das elterliche Haus verlassen hatte,
um als Offizier in die kaiserliche Armee einzutreten.




Je tiefer und schmerzlicher ich unsere nahe Trennung empfinde, mein geliebter Ernst, desto mehr wünsche ich, Dir aus meinem Innersten noch etwas zur Erinnerung, Erwägung und Beherzigung ans Herz zu legen. Ich werde Dir nichts sagen, was Du nicht schon weißt, aber es ist uns Allen heilsam, ja nötig, uns an große Wahrheiten, die auf unsere Bestimmung sich beziehen, oft und lebhaft zu erinnern. Nützlich ist es auch, die Regeln, nach welchen man seiner Lage und seinem Stande gemäß am sichersten, sorgenlosesten, mit möglicher Freiheit durch die Welt kommt, sich geläufig zu machen, und um desto mehr, da der wahre Christ weder wahre Sorgenlosigkeit, noch auch wahre Freiheit wo anders finden kann, als in einem guten Gewissen. Wo der Sinn des Gewissens erweckt und zart ist, da wacht er über alle Handlungen, und je schonender wir fein achten, desto mehr wird uns dieser Sinn, wiewohl er uns anfangs Zwang aufzulegen scheint, ein Prinzip des Lebens, welches uns mit uns selbst in Harmonie, also in wahre Freiheit setzt.

Was Gott dem Abraham sagte, das sagte er auch Dir: „Wandle vor Mir, und sei vollkommen!“ Gott ist immer bei uns, wir mögen uns dessen freuen, oder nicht. Suchen wir Ihm wohlgefällig zu sein, suchen wir es mit ganzem Ernst, so dürfen wir uns Seiner Gegenwart freuen; und straucheln wir, oder fallen wir auch einmal, so wenden wir uns zu Ihm, wie der verlorene Sohn: „Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor Dir!“ Sagen wir es mit seiner Empfindung, mit seinem Vorsatze, so finden wir Verzeihung und Gnade, wie er.

Mit dem Morgengebete beginne Deinen Tag, und schließe ihn mit dem Abendgebete. Aber beide werden Dir nicht genügen, wenn Du sie recht betest. Du wirst immer mehr innewerden, mein lieber Sohn, dass wir uns im hohen Grade verabsäumen, wenn wir dem Gott, in dem wir leben, weben und sind, nur einige Minuten des Tages weihen, und in der Zwischenzeit uns nicht um Ihn bekümmern.

Suche Gottes bei Tage stets zu gedenken, mit Rücksicht auf Ihn zu reden und zu handeln. Widme der Betrachtung Gottes und göttlicher Dinge ein Viertelstündchen des Tages, suche Dir da Seine Größe und Liebe und Dein Nichts vor die Augen des Geistes zu bringen. Da werde Dir die Erbarmung und Liebe Gottes, die uns Seinen eingeborenen Sohn gab, da werde Dir Jesus Christus in Gethsemane und auf Golgatha in fruchtbarer Beherzigung gegenwärtig; da die Liebe des Heiligen Geistes, der seine Liebe in Dein Herz ergießen will, wenn Du es von Ihm nur willst reinigen und leeren lassen von allem, was nicht gut ist. Ich bitte Dich, lieber Sohn, ich beschwöre Dich bei den Wunden Jesu Christi, fasse den Vorsatz, Dir ein solches Viertelstündchen täglich zu nehmen, so früh als möglich, im Rückblick auf Deine Handlungen, wenn Du nicht ohne Deine Schuld daran verhindert wirst. Auch will ich nicht sagen, dass Du es Dir zur Sünde anrechnen solltest, wenn Du ein- oder andermal aus Schwäche es unterließt; aber es zu unterlassen, ist nicht gut. Eine große und heilige Seele, die ein Licht in der Kirche Gottes war, die hl. Theresia sagt: „Sie halte es für unmöglich, dass einer verloren gehen könnte, der in dieser Übung treu bliebe“. Von der Art, diese Betrachtungen anzustellen, würde ich nur stammeln können. Aber Herr Overberg hat Dich ohne Zweifel darüber unterrichtet.

Vor dem Abendgebet prüfe Dich vor Gott, wie Du den Tag zugebracht in Gedanken, Reden und Handlungen. Empfiehl Dich täglich dem Schutze der Muttergottes und Deines Schutzengels, dass sie für Dich bitten.

Mögest Du immer mit zerknirschtem Herzen zur Beichte gehen und mit leichtem Herzen zurückkehren!

Es erwarten Dich große Gefahren der Seele. Viel Böses wirst Du sehen und hören. Die verderbte Natur wird Dich zur Sünde reißen, und Andere werden geflissentlich suchen, Dich zu verführen. Jeden Tag wirst Du in den Fall kommen, zu wählen, ob Du der bösen Natur und den Versuchungen nachgeben oder ob Du mit Joseph in Deinem Herzen sagen willst: „Wie sollte ich so groß Übel tun, und wider meinen Gott sündigen?“

Lass das Wort Gottes Deine Leuchte, Dein Licht auf Deinem Wege sein!

Ich bezeuge Dir vor Gott, mein lieber Sohn, dass wir nie Misstrauen genug gegen uns selbst, und nie Vertrauen genug in die Barmherzigkeit und Hilfe Gottes haben können. „Ohne Mich könnt ihr nichts tun“, sagt Jesus Christus, und Paulus sagt: „Ich vermag alles durch Den, der mich stärkt, Christus“.

Christus will, dass wir uns zutraulich an Ihn anschließen, und mit Ihm über Alles uns beraten sollen. Er will, dass wir ringen sollen, um in das ewige Leben durch die schmale Pforte einzugehen.

Nichts ist so gefährlich für Jünglinge, als die falsche Scham. Die Furcht, lächerlich zu scheinen, stürzt die meisten Jünglinge ins Verderben. Waffne Dich da wider mit dem Gedanken an Gott, mit der Vorstellung der Leiden und des Todes Jesu Christi, mit dem Schilde des Wortes: „Wer sich Mein und Meiner Worte schämet, dessen wird sich der Menschensohn auch schämen, wenn Er kommen wird in seiner Herrlichkeit und Seines Vaters und der heiligen Engel“. Übrigens liegt eine falsche Vorstellung mehren teils zu Grunde, wenn man aus falscher Scham sich zu den ersten Schritten verleiten lässt. Denn es ist viel leichter, der ersten Versuchung zu gering scheinenden Vergehen zu widerstehen, als ein Ziel zu setzen, wenn man sich zur Abweichung hinreißen ließ. Aber es steht auch in keines Menschen Kraft, sich ein solches Spiel zu setzen; denn mit jedem Schritte, den wir auf dem Pfade des Verderbens tun, nimmt unsere Kraft ab, und die Bahn wird immer abschüssiger. Auf Gottes Beistand aber dürfen wir nicht rechnen, ehe wir durch wahre Reue und ernste Buße der Gnade Gottes wieder fähig werden, und diese Reue und Buße sind schon Gnaden, auf welche im Voraus zu rechnen, indem wir Gott beleidigen, Torheit und Frevel wäre.

Fliehe den Müßiggang, fliehe den leeren Umgang, er ist der gefährlichste Müßiggang. Wache vor allen Dingen über Deine Zunge. „Wer in keinem Worte fehlt, der ist ein vollkommener Mann und kann seinen ganzen Leib im Zaum halten“, so sagt ein großer Apostel, den Jesus Christus würdigte, mit Petrus und Johannes Zeuge seiner Verklärung und seines Todeskampfes sein zu lassen.

Sei ernst und freundlich in der Gesellschaft, „langsam zum Reden und langsam zum Zorn“, wie auch Jakobus sagt. Vor allem spotte nie über Andere, sie seien gegenwärtig oder abwesend. Ziehe keinen auf. Lass manches Wort aus dem Munde Anderer fallen, ohne darauf zu achten, und freue Dich mit Demut und Dankbarkeit gegen Gott jedes Mal, dass Du Dir diesen Zwang angetan, ein Wort zu unterdrücken, welches Dir schon auf der Zunge war; es ist ein Opfer, welches Du Gott für das Heil Deiner Seele bringst. Auch die kleinsten Opfer, die wir Gott bringen, sieht er immer gnädig an, und gibt uns neue Kraft dafür. Wenden wir dann auch diese wohl an, so nehmen wir Gnade um Gnade. Oft gibt Gott auch fühlbare Freudigkeit zur ersten Belohnung.

Deine Zunge bleibe keusch. Erlaubst Du Dir Teil nu nehmen an unzüchtigen Reden, so verfällst Du in die Unzucht selbst. Lass Dich nie zu vielen Wein, und den Wein Dich nie zu Torheiten verleiten. Trinke des Abends gewöhnlich keinen Wein. Iss des Abends wenig. Gehe früh zur Ruhe und stehe früh auf.

Lies täglich, so wirst Du gewiss immer mehr Geschmack am Leben finden. Teile Deine Zeit nach einer gewissen Regel ein, von welcher Du nicht gerne abweichen, doch nicht so Dich ihr unterwerfen wollest, dass eine Störung Dir üble Laune machen sollte. Hüte Dich vor dem leidigen Romanen-Schwall, welcher die Zeit offenbar raubt und die Unschuld leise stiehlt, schal ist, und gute Bücher schal scheinen macht, auch mehrenteils die Religion anfeindet. Geschichte aller Zeiten, Lebensbeschreibungen, gute Reisen, bewährte Werke der Naturgeschichte, die besten Dichter empfehle ich Dir vorzüglich.

Meide das Spiel, es ist Jedem gefährlich, am meisten dem jungen Offizier. Du hast nichts übrig zu verlieren, es würde Dich unmutig machen, wenn Du verlörest. Und wie möchtest Du Dich freuen wollen, einem Andern abzugewinnen? Es ist eine schändliche Freude, deren Du Dich schämen würdest. Welche Lust könnte Dir das Spiel gewähren, dass Dir solche Freude auf der einen Seite, auf der anderen Verlust, Unmut, Entbehrung und Gelegenheit zu bösen Händeln darbietet, zugleich Dich auch in schlechte Gesellschaft verwickelt, Übeln, denen ein spielender junger Offizier nicht leicht ausweicht. Verlass Dich nicht darauf, dass Du keine besondere Spiellust bei Dir spürst, sie kömmt, ehe man sich´s versieht und wird zur Leidenschaft. Eine schnöde Leidenschaft! Solltest Du Dich einmal hinreißen lassen und verlieren, so bezahle gleich und überlasse Dich nicht der täuschenden Vorstellung, dass Du das Verlorene wieder gewinnen werdest. Diese führt von Ruin zu Ruin.

Du bist wahrhaft von Natur und, um Gottes Willen, immer müsse Dir die Wahrheit heilig sein! Denn Wahrheit wird Dir allgemeines Vertrauen erwerben. Es müsse statt alles Zeugnisses – wie es der Fall bei Deinem seligen Großvater war – gelten, wenn man sagt: Stolberg hat es gesagt.

Sei aufmerksam, wacker, pünktlich und freudig um Dienste, ehrerbietig gegen die Oberen, gefällig gegen die anderen Mitarbeiter, ohne Aufopferung Deiner Selbständigkeit. Mache Dich nicht gemein im Umgange mit Untergebenen, aber lass sie innewerden, dass ihr Wohl Dir am Herzen liegt und mildere die nötige Strenge des Dienstes durch ernste Freundlichkeit. Nimmer verleite Dich Strenge zum Zorn und wenn Du strafen musst, so rufe eine Empfindung des Wohlwollens für den zu Strafenden in Dir hervor. Bete heimlich für den, dem Du aus Pflicht unerbittlich bist, so wirst Du einst den Richter nicht unerbittlich finden.

Suche es Dir überhaupt zur unabweichlichen Gewohnheit zu machen, für jeden Menschen, wider den Du Zorn oder Abneigung empfindest, gleich zu beten, bei jeder Versuchung der Wollust, des Zorns, in unlauterer Gesellschaft, beim Wein, einen Augenblick das Herz zu Gott zu erheben. Tust Du das mit Treue, mein lieber Sohn, so wird Dir Gott, so war er Gott ist, kräftig zur Seite stehen im Leben und im Tode. Auch die blinde Wut des Feindes müsse Dich nie zum Zorne verleiten. Menschen, welche wir aus Pflicht töten, haben ein doppeltes Recht auf unser Gebet. Überrascht Dir der Zorn, so lasst die Sonne nicht untergehen über Deinem Zorn, und bedenke täglich, was du bittest, wenn Du sagst: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern“. Dieses ist so sehr die Hauptlehre des Christentums, dass Jesus Christus, ohne die erhabenen ersten Bitten des Vaterunsers zu erläutern, nur auf diese zurückkommt, und unmittelbar nach dem Vaterunser hinzufügt: „Denn so ihr den Menschen ihren Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben; wo ihr aber den Menschen nicht ihre Fehler vergebet, so wird euch Euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben“.

Lass Dich nicht beflecken von dem Geiste dieser Welt. Die Welt ist die Feindin Gottes. Wie sollten wir uns der Welt gleichstellen? Wie ihrem Geiste huldigen wollen? Da Jesus Christus, als sein Herz sich in Liebe für die Seinigen ergoss, unmittelbar ehe er dem Todeskampf entgegenging, seinem Vater sagte: „Ich bitte nicht für die Welt“. Falsches Maß und Gewicht ist dem Herrn ein Gräuel. Die Welt aber hat für Alles, was heilig, oder frevelhaft ist, falsches Maß und Gewicht. Mit dem Stempel ihrer Ehre bezeichnet sie den Mörder und oft mit Schmach den, dem das Gesetzt Gottes heilig ist. „Wem nicht die Ehre vor den Menschen lieber ist, als die Ehre vor Gott“; wer wie Paulus sagt: „Gedenke ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht“; wer die Worte Jesu Christi beherzigt; „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, und litte Schaden an seiner Seele?“ Und Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater“: der wird bei jeder Versuchung der Welt, es sei, dass sie ihn zur Wollust reizen, oder mit ihrer Schmach schrecken, mit ihrer Ehre locken will, sagen: „Wie sollte ich ein so großes Übel tun, und wider Gott sündigen!“

Ich weiß, dass Du gute Vorsätze hast, mein geliebter Sohn; aber ich wiederhole es Dir: vertraue nicht Dir, sondern allein der Gnade Gottes, und in diese habe das kindlichste, freudigste Vertrauen. Dieses Vertrauen verlasse Dich nicht, auch wo Du fehltest. Und solltest Du, wofür Dich Gott bewahren wolle, solltest Du in große Sünde fallen, so vertraue fest auf Gott und wende Dich mit zerknirschtem Herzen zu dem, „der nicht der Gesunden, sondern der Kranken Arzt ist; der nicht kam, die Gerechten zur Buße zu rufen, sondern die Sünder; der uns, die wir arg sind, lehrte, dass wir siebenzig mal sieben unsern Nächsten verzeihen sollen; der das zerstoßene Rohr nicht zerbrechen, den glimmenden Docht nicht auslöschen wird!“ Darum werde, auch wenn Du noch so oft und noch so tief fallen solltest, nicht scheu, und lass nicht den Unmut Dein Herz verschließen, sondern öffne es der demütigen, vertrauensvollen Reue. Denke an die Geschichte des verlorenen Sohnes; an David, an Petrus, an den Schächer am Kreuze. Lass Dir gesagt sein, was der Lieblingsjünger Jesu sagte: „Meine Kindlein, solches schreibe ich euch: auf dass ihr nicht sündigt, und ob Jemand sündigest, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater Jesus Christus, der gerecht ist.“

Lieber Ernst, Du wurdest von Deiner lieben seligen Mutter auf Gott geworfen von Mutterleibe an. Ich weiß, wie oft sei, als sie dich noch unter ihrem reinen Herzen trug, uns als sie Dich an ihren Brüsten Dich säugte, zu Gott mit Tränen gefleht hat, dass er Dich im heiligen, und wofern er voraussähe, dass Du nicht ihm leben werdest, Dich früh von ihrem Herzen reißen und zu sich nehmen möchte. Deine zweite Mutter, welch Dich so mütterlich liebt, ermahnte Dich oft mit Liebe, und betet mit herzlicher Liebe für Dich. Du liegst mir mehr am Herzen, als ich es Dir sagen kann, mehr, als Du es wissen kannst, und ich rede öfter mit Gott von Dir, als mit Dir von Gott. Er hat Dich mit uns in seine heilige Kirche geführt, in die Gemeinschaft der noch streitenden Heiligen, der Heiligen, die nicht ohne mehr gefährdet, gleichwohl noch geläutert werden, und der vollendeten Heiligen, welche sein Antlitz schauen. Er gab Dir zum Seelenführer eine lieben heiligen Mann, dessen Bild Dir täglich vorschweben, dessen Lehren in Dir ewige Früchte des Himmels tragen müssen.

Gott hat sein Werk in Dir angefangen, und will es so gern in Dir vollenden, darum sei getreu, wache, bete. Lass Dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Sei allezeit fröhlich, bete ohne Unterlass; sei dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an uns. Prüfe alles, und das Gute behalte. Meide allen bösen Schein.

Er aber, der Gott des Friedens, heilige Dich durch und durch, dass Dein Geist ganz samt Seele und Leib behalten werde unsträflich auf die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi.

„Getreu ist er, der Dich ruft, welcher wird´s auch tun“. Rufe alle Tage die Mutter Gottes an. Bete für mich, für die Mutter, für die Geschwister, für alle Unsrige, unsere Freunde, Deine Obrigkeit, für die heilige Kirche, die Irrgläubigen, alle Menschen! Bete für die Seelen im Fegfeuer, und wer von uns vor Dir stirbt, für den bete; wer von den unsrigen schon starb, für den bete!

Gott, der Vater im Himmel und auf Erden, segne Dich! Jesus Christus, unser Bruder, unser Herr und Gott, segne Dich und vertrete Dich als ewiger hoher Priester! Der Heilige Geist segne Dich und erfülle Dich mit seiner Liebe!



Aus P. Ballmann, Eine deutsche Eiche oder Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, Verlag der Dorn´schen Buchhandlung, Ravensburg, 1900, S. 71-86

Mit Ergänzungen aus Friedrich Leopold Graf zu Stolberg von Johannes Janssen, 1910, Herdersche Verlagshandlung, Freiburg in Breisgau.

Bild aus aus dem letzteren.

Donnerstag, 23. März 2023

Das geistige Erbe einer guten Familientradition (1)

Einleitung: Verbundenheit des Papstes und der Päpste mit dem römischen Adel.

1. Körperliches und geistiges Erbe.

2. Soziale Verpflichtung des Erbes.

3. Erbadel der Wohltätigkeit und Tugend.

Schluss: Friedenssehnsucht, Neujahrswünsche.

 

Einleitung: Verbundenheit des Papstes und der Päpste mit dem Adel von Rom.

    Eine Quelle herzlicher und väterlicher Freude ist Uns, geliebte Söhne und Töchter, Eure willkommene, zu Beginn des neuen Jahres um Uns versammelte Schar, eines Jahres, das ob der beängstigenden Ausblicke nicht weniger bedrückend ist als das soeben verflossene. Ihr seid zusammengekommen, um und kindliche Glückwünsche darzubringen durch den Mund Eures hochverehrten Sprechers, dessen ergebene und erhabene Worte Eurer einmütigen und gleichgesinnten Anwesenheit eine für Uns besonders liebe Wertschätzung und Herzlichkeit verleihen. Im Patriziat und Adel von Rom erblicken und verehren Wir eine Anzahl von Söhnen und Töchtern, deren Ruhm und Anhänglichkeit und ererbte Treue gegenüber der Kirche und dem Römischen Papst, deren Liebe zum Statthalter Christi aus dem tiefen Grund des Glaubens hervorbricht und im Verlauf der Jahre und im Wechselspiel der Zeiten und Menschen nicht schwächer wird. In Eurer Mitte fühlen Wir Uns noch mehr als Römer wegen der Lebensgewohnheiten, der Luft, die Wir eingeatmet haben und einatmen, wegen des gleichen Himmels, wegen derselben Sonne, wegen derselben Ufer des Tiber, an denen Unsere Wiege stand, wegen jener heiligen Erde bis hinein in seine verborgensten Winkel, aus denen Rom für seine Söhne die Verheißungen einer Ewigkeit schöpft, die bis an den Himmel reicht.

    Es ist eine Tatsache, dass, wenn Christus, unser Herr, es zum Trost der Armen auch vorzog, bettelarm auf die Welt zu kommen und in einer einfachen Arbeiterfamilie aufzuwachsen, er dennoch mit seiner Geburt das adeligste und berühmteste Haus Israels, die Familie Davids selbst, ehren wollte.

    Darum hielten die Päpste, treu dem Geiste jenes, dessen Statthalter sie sind, das Patriziat und den Adel von Rom stets in hoher Achtung, dessen unwandelbare Anhänglichkeitsgefühle an diesen Apostolischen Stuhl den kostbaren Erbteil bilden, den sie von ihren Ahnen erhielten und den sie selbst wiederum ihren Kindern weitergeben werden.

Körperliches und geistiges Erbe

    Die wahre Natur dieser großen und geheimnisvollen Sache, die das Vererben, ist, - das heißt das von Geschlecht zu Geschlecht ununterbrochene Weiterreichen eines reichen Schatzes materieller und geistiger Güter innerhalb einer Sippe, die gleichbleibende Wiederkehr desselben körperlichen und sittlichen Typus des Vaters im Sohn, die Tradition, die durch Jahrhunderte hindurch die Glieder derselben Familie zur Einheit verbindet -, die wahre Natur des Vererbens kann man, möchten War sagen, ohne Zweifel mit materialistischen Theorien entstellen. Aber man kann und muss eine derartige Wirklichkeit von so großer Bedeutung auch in ,ihrem vollen natürlichen und übernatürlichen Wahrheitsgehalt betrachten.

    Man wird gewiss die Tatsache eines materiellen Bestandteils bei der Weitergabe der erblichen Eigenschaften nicht leugnen. Wollte man sich darüber wundern, so müsste man die innige Verbindung unserer Seele mit unserem Körper vergessen, und in welch großem Ausmaß selbst unsere geistigsten Tätigkeiten von unserer körperlichen Veranlagung abhängig sind. Darum unterlässt es die christliche Sittenlehre nicht, die Eltern an die schwere Verantwortung zu erinnern, die ihnen in dieser Hinsicht obliegt.

    Von größerer Bedeutung ist jedoch das geistige Erbe, das nicht so sehr durch jene geheimnisvollen Bande der materiellen Zeugung weitergegeben wird, als vielmehr durch die beständige Wirksamkeit jenes bevorzugten Milieus, welches die Familie darstellt, mit der langsamen und tiefgehenden Bildung der Herzen in der Atmosphäre einer Häuslichkeit, die reich ist an hohen geistigen und sittlichen und vor allem christlichen Traditionen, zusammen mit der gegenseitigen Beeinflussung zwischen denen, die im selben

    Hause wohnen, einer Beeinflussung, deren wohltuende Wirkungen weit über die Jahre der Kindheit und Jugend bis ans Ende eines langen Lebens in jenen auserlesenen Seelen hinausreichen, die es verstehen, in sich selbst die Schätze eines kostbaren Erbes mit dem Beitrag ihrer persönlichen Qualität und Erfahrung zu verschmelzen.

    Solcher Art ist das Erbe, kostbarer als jedes andere, das, von einem starken Glauben erleuchtet und von einer tatkräftigen und treuen Praxis des christlichen Lebens in allen seinen Erfordernissen belebt, die Seelen Eurer Kinder emporhebt, verfeinert und reich macht.

Soziale Verpflichtung des Erbes

    Wie jedoch jedes reiche Erbe, so bringt auch dieses strenge Pflichten mit sich, und um so strengere, je reicher es ist. Vor allen Dingen zwei:

    1. die Pflicht, dergleichen Schätze nicht zu vergeuden, sie unversehrt, ja womöglich noch aufgebessert denen weiterzugeben, die nach Euch kommen, und darum der Versuchung zu widerstehen, in ihnen nichts anderes zu sehen als das Mittel zu einem bequemeren, vergnügteren, verfeinerteren und raffinierteren Leben;

    2. die Pflicht, jene Güter nicht für Euch allein in Anspruch zu nehmen, sondern großzügig die von der Vorsehung weniger Begünstigten daraus Nutzen ziehen zu lassen.

Erbadel der Wohltätigkeit und Tugend

    Auch der Adel der Wohltätigkeit und der Tugend, geliebte Söhne und Töchter, wurde von Euren Vorfahren erworben, und seine Zeugen sind die Gebäude und Häuser, die Fremdenheime, die Asyle und die Spitäler Roms, wo ihre Namen und die Erinnerung an sie von ihrer vorsorglichen und wachsamen Güte für die Unglücklichen und Armen sprechen. Wir wissen wohl, dass dieser Ruhm und Wetteifer im Patriziat und Adel von Rom nicht geringer geworden ist, soweit es das Vermögen jedes einzelnen zuläßt. In der gegenwärtigen leidvollen Zeit jedoch, wo der Himmel durch bewachte unheildrohende Nachte in Unruhe geraten ist, spürt Euer Geist, während er in vornehmer Weise einen Ernst, Wir möchten sogar sagen eine Strenge des Leben beobachtet, die allen Leichtsinn und ausgelassene Vergnügung ablehnt, die für jedes edle Herz mit dem Anblick so großen Leides unvereinbar sind, noch mehr den lebenskräftigen Antrieb der tätigen Liebe, der Euch anspornt,  die bereits vor Euch errungenen Verdienste durch Linderung des Elend und der menschlichen Armut noch zu steigern und zu mehren. Wie viele Gelegenheiten bietet Euch dazu das neue Jahr, das neue Erprobungen und Ereignisse mit sich bringt, wo Ihr das Gute tun könnt, und zwar nicht allein innerhalb der vier Wände zu Hause, sondern auch draußen! Wie viel neue Betätigungsfelder für Hilfe und Unterstützung! Wie viel verborgene Tränen müssen getrocknet werden! Wie viel Schmerzen warten auf Linderung! Wie viel leibliche und seelische Ängste, die es zu vertreiben gilt!

Schluss: Friedenssehnsucht, Neujahrswünsche

    Wie sich der Lauf des eben begonnenen Jahres gestalten wird, ist Geheimnis und Ratschluss des weisen und vorsehenden Gottes, der den Weg seiner Kirche und des Menschengeschlechts zu jenem Ziele lenkt und leitet, wo seine Barmherzigkeit und seine Gerechtigkeit triumphieren. Aber Unsere Sehnsucht, Unser Gebet, Unser Wunsch hat den gerechten und dauerhaften Frieden und die geordnete Ruhe der Welt .im Auge; den Frieden, der alle Völker und Nationen erfreut; den Frieden, der auf allen Gesichtern Frohlocken weckt und in den Herzen den Hymnus höchster Lobpreisung und Dankbarkeit für den Friedensgott, den wir in der Krippe von Bethlehem anbeten.

    In diesem Unserem Wunsch, geliebte Söhne und Töchter, liegt auch die Bedeutung eines ruhigen und glücklichen (2) Jahres für Euch alle, deren willkommene Gegenwart Uns den Anblick jeden menschlichen Alters bietet, das unter dem Schutz Gottes auf dem Pfad des Lebens voranschreitet und die persönlichen und Gemeinschaftstugenden zum besten Lob der Ahnen werden läßt. Den Älteren, den Hütern der edlen Familientraditionen und Leuchten weisheitsvoller Erfahrung für die Jüngeren; den Vätern und Müttern, den Lehrern und Tugendvorbildern für Söhne und Töchter; der Jugend, die rein, gesund und arbeitsam heranwächst in der heiligen Furcht Gottes, der Hoffnung der Familie und des teuren Vaterlandes; den Kleinen, die in den kindlichen Beschäftigungen und Spielen von ihren Zukunftsplänen träumen; Euch allen, die Ihr Euch freut und teilhabt an der Gemeinschaft und Freude der Familie, entbieten Wir einen väterlichen und lebhaft empfundenen Glückwunsch, der dem Verlangen eines jeden und einer jeden von Euch entspricht, eingedenk, daß von Gott all unsere Sehnsüchte stets geprüft und gewogen werden auf der Waage unseres höheren Wohles, auf der das, was wir selber begehren, oft weniger wiegt als das, was er von sich aus uns gewährt.

    Dies ist das Gebet, das Wir für Euch zum Herrn erheben an diesem Jahresbeginn, hinter dessen undurchdringlichen Schleiern die erhabene Vorsehung regiert, lenkt und wirkt, die mit Liebe im Universum und in der Welt der menschlichen Ereignisse gebietet, indem Wir den Überfluss der himmlischen Gnade auf Euch herabrufen, während Wir im Vertrauen auf die unendliche Güte Gottes allen und jedem einzelnen von Euch, Euern Lieben und allen, derer Ihr liebend gedenkt, Unsern väterlichen Apostolischen Segen erteilen.

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(1) Ansprache an das Patriziat und den Adel Roms: 5. Januar 1941. Original italienische.

(2) anno non fortunoso, ma fortunato.

 

Quelle: „Ansprachen Pius’ XII. an den römischen Adel” Herausgegeben vom Rhein.-Westf. Verein katholischer Edelleute. 1957

Donnerstag, 20. September 2018

Die Ermordung der Prinzessin von Lamballe


Am 3. September um 10 Uhr morgens
kam die unglückliche Lamballe vors Gericht.

Maria Theresia Louise von Savoyen-Carignan, geboren den 17. September 1749, seit dem Tode ihres Gemahls, Ludwig Alexander Josef Stanislaus von Bourbon-Penthièvre, Prinzen von Lamballe, nicht mehr vermählt, war sie Obersthofmeisterin der Königin (Marie Antoinette), welche sie wie eine Freundin liebte, und darum wurde auch die Lamballe der Gegenstand des Hasses, welcher die unglückliche Marie Antoinette traf. Er war ungerechtfertigt, ihr einziges Verbrechen war die Hingabe an die Königin; selbst der Conventsmann Mercier (1) gibt ihr das Zeugnis: „Sie hat mitten in unsern Wirren nie eine politische Rolle gespielt; nichts konnte sie in den Augen des Volkes verdächtig machen, bei dem sie nur durch ihre immer rege Wohltätigkeit bekannt war.“


Ehe die Königin nach Varennes floh, teilte sie ihren Plan der Lamballe mit, und diese reiste zur selben Zeit über Dieppe nach England. Als die Königin gefangen war, wollte sie ihr Unglück teilen, obschon Marie Antoinette sie warnte. Sie kam und, je unglücklicher die Königin wurde, umso inniger wurde die Anhänglichkeit ihrer Freundin. Sie bat es sich aus, sie in das Gefängnis des Temple begleiten zu dürfen, um durch ihre Gesellschaft ihr Trost zu bieten. Aber diese beispiellose Treue reizte gerade die Kommune: Unter rohen Formen, am 18. August um zwei Uhr in der Nacht, weckte ein Trupp Pikenmänner die königliche Familie aus dem Schlafe und kündigte an: der Gemeinderat hat befohlen, die Prinzessin Lamballe, Madame de Tourzel, die Gouvernante des Dauphin, deren Tochter, und die vier Kammerfrauen der Königin, die Damen Thibaut, Saint-Brie, Basile und Navarre, wegzuführen. Die Königin, ihre Tochter, der Dauphin, Madame Elisabeth brachen in lautes Jammergeschrei aus. Man schied mit der Ahnung, dass man sich in diesem Leben nie wieder sehen werde. Selbst die Pikenmänner wurden vom rührenden Abschied ergriffen.
Königin Marie Antoinette wird zur Guillotine abgeführt
Umsonst waren Tränen und Bitten. Die Frauen wurden nach La Force gebracht, worin eine tödliche Beschimpfung für sie, wie für die Königin lag; denn nach La Force kamen nur solche Frauen, die wegen ihres sittenlosen Lebens bestraft wurden. Also bewohnte die Lamballe, deren Schönheit und Liebenswürdigkeit ganz Paris bewunderte, die Behausung der Verworfenen ihres Geschlechtes, oder vielmehr veredelte sie dieselbe durch ihre Gegenwart, durch ihre Mildtätigkeit und ihre Arbeiten für die Armen; denn sie blieb auch hier ihrem edlen Sinne treu. Die anderen Damen wurden wieder frei auf Befehl Manuels. Wie viel er Geld dafür bekommen, weiß man nicht. Der Herzog von Penthièvre soll 150.000 Francs für die Rettung seiner Schwiegertochter an Manuel haben auszahlen lassen und dieser, seinem Wort getreu, so erzählt Mathon de la Varenne, soll auch die Absicht gehabt haben, sie zu retten. Aber ihr Schwager, der Herzog von Orléans, soll für ihre Vernichtung tätig gewesen sein, voll Hass gegen sie, weil sie ihn nach dem 5. Oktober aus ihrem Hause verwiesen, und weil er durch ihren Tod ein Witthum von 100.000 Talern gewann, mit denen die Güter seiner Gattin belastet waren (2). Die Mörder, welche sie vor Gericht führten, seien die Werkzeuge des Herzogs von Orléans gewesen.
Weber versichert, drei Briefe, welche in ihrem Hut beim ersten Verhör gefunden wurden, hätten den Hass gegen sie gesteigert. (3)
Das Gefängnis La Force
Die Prinzessin war unwohl geworden durch den Lärm der Mörder; schreckliche Träume raubten ihr den Schlaf – da ward sie plötzlich aufgefordert, ihnen in die Abtei zu folgen. Sie war so schwach, dass sie sich kaum erheben konnte und bat, man solle sie lassen, wo sie sei, sie wolle lieber hier als sonst wo sterben. Einer der Männer, die sie abholen sollten, beugte sich über sie und flüsterte ihr ins Ohr, sie möge gehorchen, ihre Rettung hänge davon ab. Nun bat sie die Männer, sie einen Augenblick allein zu lassen, damit sie sich ankleiden könne. Dann ward sie am Arm eines Soldaten aus ihrer Kammer vor das Gericht geführt, welches Hébert und l’Huilièr leiteten. Als sie die gezückten Schwerter, die bluttriefenden Mörder sah und das Geschrei der Opfer hörte, fiel die Prinzessin in Ohnmacht. Ihre Kammerfrau, Madame de Navarre, brachte sie mit Mühe wieder zu sich. Dann folge das Verhör (4). „Wer sind Sie?“ – „Marie Louise, Prinzessin von Savoyen.“ – „Ihr Amt?“ – Oberaufseherin des Hofes der Königin.“ - „Hatten Sie Kenntnis von der Verschwörung des Hofes am 10. August?“ – „Ich weiß nicht, ob am 10. August eine Verschwörung stattgefunden hat; aber das weiß ich, dass ich nichts von einer solchen wusste.“ – „Schwören Sie, der Freiheit, Gleichheit und dem Hass gegen den König treu zu sein.“ – Ich will gerne auf die zwei ersten schwören – das letzte kann ich aber nicht schwören; denn mein Herz widerspricht einem solchen Eide.“ – Einer, der hinter ihr stand, raunte ihr ins Ohr: „Schwören Sie doch, sonst sind Sie des Todes.“
Prinzessin Lamballe vor Gericht
Die Prinzessin gab keine Antwort und tat einen Schritt gegen das Tor. Der Richter rief: „Bringen Sie Madame nach der Abtei!“ Zwei starke Kerle packten sie und man öffnete das Tor. „Rufen Sie: Es lebe die Nation!“ sagten sie ihr – aber beim Anblick der Mörder und der Leichen rief sie erschreckt: „Mein Gott, ich bin verloren!“ In diesem Augenblick bekommt sie auf dem Kopf eine Wunde, die ihr Antlitz mit Blut überrieseln macht. Ein Kerl schlägt sie zu Boden, andere geben ihr mit Piken und Säbeln den Rest: Ihr schöner Leib wird dann entkleidet und aufs schmachvollste verstümmelt, - eines dieser Ungeheuer verzehrte ihr Herz und nannte es das leckerste Gericht. Der Kopf, dessen Angesicht der Tod veredelte, ward zuerst auf dem Tische eines Schanklokals zur Schau ausgestellt, und dabei auf ihren Tod getoastet, dann wurde er auf einer Pike, welche ihre glänzenden blonden Locken bedeckten, durch die Straßen getragen zu den Häusern, wo sie gewohnt oder die sie häufig besucht hatte, gleichsam als ob sie im Tode noch ein Gefühl dafür hätte. Ein Perückenmacher ergriff die Gelegenheit, den Kopf einiger seiner schönsten Locken zu berauben. 

Ermordung und Enthauptung der Prinzessin von Lamballe
Auf einmal hieß es unter den Schurken, man muss den Kopf im Temple den Gefangenen zeigen, damit sie sehen, wie sich das Volk an seinen Feinden rächt. – Der König wird aufgefordert, sich dem Volk zu zeigen – da wird ihm der Kopf entgegengehalten, den er mit Schrecken erblickt. Auch die Königin soll ans Fenster kommen, der König hält sie auf und führt sie weg. Dennoch erfuhr sie denselben Abend alles und musste deutlich erkennen, welches Schicksal ihr selber bevorstand.

Der Kopf der Prinzessin wurde auf einer Pike durch die Straßen von Paris getragen
Sofort wurde der Kopf zum Palais Royal getragen und der Herzog von Orléans herausgerufen – er saß gerade mit seiner neuen Geliebten, der Witwe Buffon, bei der Tafel. Kalt betrachtete er das Haupt; den Mord seiner Schwägerin zu tadeln, wagte der „Volksfreund“ nicht, er sagte bloß: „Die arme Frau! hätte sie mir gefolgt, ihr Kopf stäke nicht da.“ – Aber Madame Buffon sank vor Schreck auf einen Stuhl, bedeckte die Augen mit den Händen und rief: „Mein Gott! man wird meinen Kopf eines Tages auf gleiche Weise herumtragen.“ – Eine Hofdame der Königin, zu der man das Haupt gleichfalls trug, sank beim Anblick ohnmächtig zusammen und starb nach wenigen Tagen infolge des Schreckens.

Die Nachricht vom schrecklichen Schicksal seiner Schwiegertochter gab dem Herzog von Penthièvre den Tod. „Großer Gott!“ rief er, „... Jahrelang habe ich mit ihr gelebt und habe nie einen Gedanken in ihrer Seele gefunden, der nicht für die Königin, für mich und für die Armen gewesen wäre. Und diesen Engel konnten sie in Stücke reißen.“

(1) Mercier, Le nouveau Paris, I, 2e. edition, p.101
(2) Buchez et Roux, l.c. XVII, p.417, wird diese Angabe mit Grund bestritten. – Lescure, l.c. p.381- 382
(3) Weber, Mémoires, II, p.349
(4) So gibt es Peltier, Hist. de la Révol. du 10 Août, XI, p.339, und nach ihm die Hist. parlem., XVII,  p.418.

Quelle: J. B. Weiß, Weltgeschichte. XVI. Bd., 3. Aufl., Ss. 175-178

Mittwoch, 13. Juni 2018

Das geistige Erbe einer guten Familientradition



Körperliches und geistiges Erbe
Die wahre Natur dieser großen und geheimnisvollen Sache, die das Vererben ist, — das heißt das von Geschlecht zu Geschlecht ununterbrochene Weiterreichen eines reichen Schatzes materieller und geistiger Güter innerhalb einer Sippe, die gleichbleibende Wiederkehr desselben körperlichen und sittlichen Typus des Vaters im Sohn, die Tradition, die durch Jahrhunderte hindurch die Glieder derselben Familie zur Einheit verbindet —, die wahre Natur des Vererbens kann man, möchten Wir sagen, ohne Zweifel mit materialistischen Theorien entstellen. Aber man kann und muß eine derartige Wirklichkeit von so großer Bedeutung auch in ihrem vollen natürlichen und übernatürlichen Wahrheitsgehalt betrachten.
Man wird gewiß die Tatsache eines materiellen Bestandteils bei der Weitergabe der erblichen Eigenschaften nicht leugnen. Wollte man sich darüber wundern, so müßte man die innige Verbindung unserer Seele mit unserem Körper vergessen, und in welch großem Ausmaß selbst unsere geistigsten Tätigkeiten von unserer körperlichen Veranlagung abhängig sind. Darum unterläßt es die christliche Sittenlehre nicht, die Eltern an die schwere Verantwortung zu erinnern, die ihnen in dieser Hinsicht obliegt.
Von größerer Bedeutung ist jedoch das geistige Erbe, das nicht so sehr durch jene geheimnisvollen Bande der materiellen Zeugung weitergegeben wird, als vielmehr durch die beständige Wirksamkeit jenes bevorzugten Milieus, welches die Familie darstellt, mit der langsamen und tiefgehenden Bildung der Herzen in der Atmosphäre einer Häuslichkeit, die reich ist an hohen geistigen und sittlichen und vor allem christlichen Traditionen, zusammen mit der gegenseitigen Beeinflussung zwischen denen, die im selben Hause wohnen, einer Beeinflussung, deren wohltuende Wirkungen weit über die Jahre der Kindheit und Jugend bis ans Ende eines langen Lebens in jenen auserlesenen Seelen hinausreichen, die es verstehen, in sich selbst die Schätze eines kostbaren Erbes mit dem Beitrag ihrer persönlichen Qualität und Erfahrung zu verschmelzen.
Solcher Art ist das Erbe, kostbarer als jedes andere, das, von einem starken Glauben erleuchtet und von einer tatkräftigen und treuen Praxis des christlichen Lebens in allen seinen Erfordernissen belebt, die Seelen Eurer Kinder emporhebt verfeinert und reich macht.
Ansprache an das Patriziat und den Adel von Rom: 5. Januar 1941. Original: italienisch.



Quelle:„Ansprachen Pius' XII. an den römischen Adel“. Herausgegeben vom Rhein.-Westf. Verein Kathol. Edelleute.
Sonderdruck aus „Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens / Soziale Summe Pius' XII.“ Herausgegeben von Arthur-Fridolin Utz O.P., Professor der Ethik und Sozialphilosophie an der Universität Freiburg/Schweiz, und Joseph-Fulko Groner O.P., Professor der Moraltheologie an der Universität Freiburg/Schweiz, Paulus Verlag, Freiburg/Schweiz.
Druck Bonifatius-Druckerei Paderborn 1957.

Freitag, 25. Mai 2018

Verbundenheit des Papstes und der Päpste mit dem Adel von Rom




Eine Quelle herzlicher und väterlicher Freude ist Uns, geliebte Söhne und Töchter, Eure willkommene, zu Beginn des neuen Jahres um Uns versammelte Schar, eines Jahres, das ob der beängstigenden Ausblicke nicht weniger bedrückend ist als das soeben verflossene. Ihr seid zusammengekommen, um Uns kindliche Glückwünsche darzubringen durch den Mund Eures hochverehrten Sprechers, dessen ergebene und erhabene Worte Eurer einmütigen und gleichgesinnten Anwesenheit eine für Uns besonders liebe Wertschätzung und Herzlichkeit verleihen. Im Patriziat und Adel von Rom erblicken und verehren wir eine Anzahl von Söhnen und Töchtern, deren Ruhm und Anhänglichkeit und ererbte Treue gegenüber der Kirche und dem Römischen Papst, deren Liebe zum Statthalter Christi aus dem tiefen Grund des Glaubens hervorbricht und im Verlauf der Jahre und im Wechselspiel der Zeiten und Menschen nicht schwächer wird.

In Eurer Mitte fühlen Wir Uns noch mehr als Römer wegen der Lebensgewohnheiten, der Luft, die Wir eingeatmet haben und einatmen, wegen des gleichen Himmels, wegen derselben Sonne, wegen derselben Ufer des Tiber, an denen Unsere Wiege stand, wegen jener heiligen Erde bis hinein in seine verborgensten Winkel, aus denen Rom für seine Söhne die Verheißungen einer Ewigkeit schöpft, die bis an den Himmel reicht.
Es ist eine Tatsache, daß, wenn Christus, unser Herr, es zum Trost der Armen auch vorzog, bettelarm auf die Welt zu kommen und in einer einfachen Arbeiterfamilie aufzuwachsen, er dennoch mit seiner Geburt das adeligste und berühmteste Haus Israels, die Familie Davids selbst, ehren wollte.
Darum hielten die Päpste, treu dem Geiste jenes, dessen Statthalter sie sind, das Patriziat und den Adel von Rom stets in hoher Achtung, dessen unwandelbare Anhänglichkeitsgefühle an diesen Apostolischen Stuhl den kostbaren Erbteil bilden, den sie von ihren Ahnen erhielten und den sie selbst wiederum ihren Kindern weitergeben werden.


Ansprache an das Patriziat und den Adel von Rom: 5. Januar 1941. Original: italienisch.

Quelle:„Ansprachen Pius' XII. an den römischen Adel“. Herausgegeben vom Rhein.-Westf. Verein Kathol. Edelleute.
Sonderdruck aus „Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens / Soziale Summe Pius' XII.“ Herausgegeben von Arthur-Fridolin Utz O.P., Professor der Ethik und Sozialphilosophie an der Universität Freiburg/Schweiz, und Joseph-Fulko Groner O.P., Professor der Moraltheologie an der Universität Freiburg/Schweiz, Paulus Verlag, Freiburg/Schweiz.
Druck Bonifatius-Druckerei Paderborn 1957.

Donnerstag, 9. November 2017

Erzherzog Karl - Ein Feldherr

(5. September 1771 bis 30. April 1847.)


Florenz ist der Geburtsort dieses deutschen Fürsten. Sein Vater war der Großherzog Peter Leopold von Toskana, Sohn der Kaiserin Maria Theresia, seine Mutter Maria Ludovika, Tochter des Königs Karl III. von Spanien. Der glücklichen Ehe entsprossen 16 Kinder. Das fünfte der Kinder war Erzherzog Karl.

Schon von früher Jugend an zeigte er für alles Interesse, was mit dem Kriegswesen zusammenhing. In Wien vertiefte er sich immer mehr in das Studium der Kriegswissenschaften, die er bald praktisch verwerten sollte. In dem Kriege, den Frankreich gegen das damals österreichische Belgien führte, gewann er in den Jahren 1793 und 1794 mehrere entscheidende Schlachten.

Anfangs April 1796 reiste Erzherzog Karl als ernannter Oberbefehlshaber von Wien zur Armee am Niederrhein ab. Er gewann mehrere Schlachten am Rhein und auch im heutigen Bayern.

Erzherzog Karl konnte auf seinen Lorbeeren ruhen. Aber seine Gesundheit hatte arg gelitten. Doch kehrte er neugestärkt von den Heilquellen bei Töplitz nach Prag zurück.

Gegen Ende des Jahres 1798 entbrannte der Kampf aufs neue. Im Gefecht bei Osterach (21. März 1799), sowie in der Schlacht bei Stockach (25. März) siegte der tüchtige Feldherr über feinen alten Gegner Jourdan.



Den herrlichen Lorbeer in feinem Ruhmeskranze flocht sich Erzherzog Karl in der denkwürdigen Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809. Wie es zum Sturm geht, hört man die Worte: "Fürs Vaterland! Mutig vorwärts!" Erzherzog Karl ist's, der eben herbeigesprengt, sie gesprochen. Da ruft Hauptmann Murrmann: "Tausend Leben für unsern Erzherzog! Mir nach", und ritt den Truppen voran... Und der Sieg gelang. Zum ersten Mal hatte Napoleon eine Niederlage in Deutschland erlitten. Der Zauber feiner Unüberwindlichkeit war gelöst. Für die österreichischen Heere war der Sieg eine große Epoche des Ruhmes und des inneren Kraftgefühls. Selbst Napoleon muss dem edlen Generalissimus seine Anerkennung zollen.


Nach dem Waffenstillstand vom 7-12. Juli 1809 trat Erzherzog Karl in den stillen Kreis des Privatlebens zurück. Am 17. September 1815 vermählte er sich mit der Prinzessin Henriette, Tochter des Herzogs Friedrich Willhelm von Nassau. Die Ehe wurde mit 7 Kindern gesegnet.

Erzherzog Karl Starb am 30. April 1847. Am 4. Mai wurde seine irdische Hülle mit den üblichen Trauerfeierlichkeiten in der Kaisergruft des Kapuzinerklosters zu Wien bestattet. Kaiser Ferdinand I. befahl, sein Degen solle im kaiserlichen Zeughause bei jenen der größten Feldherren aufbewahrt werden, und der Name "Erzherzog Karl" die beiden Regimenter, die ihn bei Lebzeiten des Helden getragen, für alle Zeiten schmücken. Die Religiosität des hohen Verblichenen erhellt aus folgendem Artikel, den wir aus den katholischen Blättern aus Tirol (im Mai 1847) entnehmen.

Als der 76jährige Kriegsheld, der durchlauchtigste Herr Erzherzog Karl Ludwig von Österreich, dieser ritterliche Prinz ohne Furcht und Tadel, infolge einer plötzlich eingetretenen Rippenfellentzündung am 26. April 1847 auf sein Kranken- und Sterbelager verwiesen wurde, ging seine erste Sorge dahin, sich nach einer himmlischen Arznei umzusehen und sich durch den Empfang der heiligen Sterbesakramente mit seinem Gott und Herrn, dem Lenker feiner einstigen Schlachten und Siege, auf das innigste zu verbinden, dass ihm bei dem bevorstehenden heißen und letzten Kampfe der Sieg gelänge.

Schon vor Jahren und oft wiederholt hatte er seinen würdigen Beichtvater - Herrn Wilhelm Sedlaczek - ernstlich gemahnt und gebeten, ihn, wenn anders Gottes Barmherzigkeit es so in seine Macht lege, ja das letzte Mal des Himmels nicht zu spät erinnern. "Vor allem wollen es Ew. Hochwürden mir nicht verhehlen, wenn die Stunde meines Dahinscheidens, die andere oft besser sehen, sich zu nahen scheint!" sprach der alte Krieger gar oft in seinen auch noch ganz gesunden Tagen. "Sagen sie dann nur", setzte er gewöhnlich ganz heiter hinzu: "Auf, alter Soldat! es wird Zeit zum Einrücken."

Doch es trat die Notwendigkeit nicht ein, dieser vorsorgenden Mahnung nachzukommen, den hohen Kranken gemahnte es von selbst an sein Heil. Die erste Sehnsucht vom Krankenlager aus war nach dem Herrn und Heiland im heiligen Sakramente gerichtet, und erst dann, als dieser mit dem Troste des Himmels bei ihm eingekehrt war, streckten sich seine so liebreich väterlichen Arme nach seinen Kindern aus, die er alle so gern und noch einmal gesegnet hätte.

Als wir während der Stunden feines Todeskampfes abwechselnd in der kaiserlich königlichen Hofburgkapelle bei ausgesetztem hochwürdigsten Gut auf Anordnung des allerhöchsten Kaiserhauses für ihn beteten, und Referent sich eben zwischen der neunten und zehnten Stunde der Nacht vom 29. auf den 30. April auf jenen Betschemel zu knien anschickte, ging ihm noch das Ansuchen des durchlauchtigsten Sterbenden zu, von Gott, wenn es in seinem heiligen Willen gelegen sei, die Gnade zu erflehen, dass er die schon in jeder Minute erwartete Ankunft feiner beiden erzherzoglichen Söhne Ferdinand und Friedrich noch erlebe. Doch nur Ferdinand traf den sterbenden Vater noch lebend - sah noch, wie er feine Arme zum Segen aufbeben wollte, aber segnen konnte ihn nur mehr das eben brechende Herz. Um 4 Uhr morgens derselben Nacht war der gute Kampf ausgekämpft.



Text: „Das Ende großer Menschen“ von AntonSteeger, Regensburg 1915
Bilder aus Wikipedia, Stichwort „Karl von Österreich-Teschen“






Donnerstag, 23. März 2017

Die Prinzessin von Lamballe




„Die Prinzessin von Lamballe“, sagt ihr Biograph Lescure, „ist nach Madame Elisabeth (Schwester Ludwig des XVI.) das ruhmvollste und reinste unter den strahlenden Opfern, welche, die Palme des Martyriums in der Hand, Marie Antoinette in das Jenseits geleiten. In Vollendung steht die Prinzessin von Lamballe hinter der engelgleichen Madame Elisabeth zurück, ihr Lächeln ist jedoch süßer, ihr Blick zärtlicher, ihre Güte menschlicher, ihre Frömmigkeit naiver, und so fesselt sie unwillkürlich unsere Teilnahme und wir geben ihr oft den Vorzug; ist jene schon eine Heilige, so ist diese noch ein Weib; vor jener fällt man auf die Knie, diese wagt man zu lieben, bis zum Ende bleibt ihr die Anmut. Ganz originell hatte sie auch den Muth, selbständig zu sein: sie war rein inmitten einer verdorbenen Welt, wahrhaft, zur Zeit, da die Lüge als höchste Kunst galt. Sie war ein Vorbild kindlicher Liebe, ehelicher Tugend und heroischer Treue: Sie starb für ihre Familie, sie starb, weil sie die Königin nicht verlassen und den König nicht lästern wollte.“

Quelle: J. B. Weiß, Weltgeschichte. XVI. Bd., 3. Aufl., S. 178.

Dienstag, 5. April 2016

Die verschiedenen Stände in der Gesellschaft

Es entspricht der von Gott erstellten Ordnung, dass es in der Gesellschaft Vorgesetzte und Arbeiter, Gelehrte und Unwissende, Adelige und Plebejer gibt.

Der heilige Papst Pius X. gibt in seiner Enzyklika Quod apostolici muneris die Doktrin von Leo XIII. über die Verschiedenartigkeit der Gesellschaft wie folgt wieder:

„I. Die menschliche Gesellschaft, wie sie von Gott gedacht war, setzt sich aus ungleichen Elementen zusammen so wie auch die Glieder des menschlichen Körpers ungleich sind. Sie alle gleich zu machen ist unmöglich und würde zu einer Zerstörung der Gesellschaft selbst fuhren.

II. Die Gleichheit verschiedener Glieder der Gesellschaft beruht einzig und allein auf der Tatsache, dass alle Menschen in Gott, ihrem Schöpfer, ihren Ursprung haben, dass sie von Jesus Christus erlöst wurden und schließlich nach ihren Verdiensten beurteilt und von Gott belohnt oder bestraft werden.

III. Daher entspricht es der von Gott erstellten Ordnung, dass es in der Gesellschaft Fürsten und Untertanen, Reiche und Arme, Gelehrte und Unwissende, Adelige und Plebejer gibt. Durch ein Band der Liebe verbunden, müssen sie sich gegenseitig helfen, auf Erden ein Leben in Wohlergehen, moralisch und materiell zu führen, um ihr letztes Ziel, den Himmel, zu erreichen.“

(Hl. Pius X., motu proprio „Fin dalla prima“ 18. Dezember 1903, Acta Sanctae Sedis, Ex Typographia Polyglotta, Romae, 1903-1904, vol. XXXVI, p.341)