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Sonntag, 24. Dezember 2023

Es ist ein’ Ros’ entsprungen …

 

Niemand weiß mehr genau, welches Jahr die Chronisten der Welt in ihren Büchern verzeichneten, als ein junger Mönch mit Namen Laurentius in einem Kloster unweit von Trier lebte. Doch es mag um das Jahr 1600 gewesen sein. Jenes Kloster erhob sich in stattlicher Höhe über dem Moseltal inmitten einer gottgesegneten Landschaft.

Laurentius hatte nach dem Geheiß seines Vaters in jungen Jahren die Weihen genommen und sich willig, mit der Geduld des wahrhaft frommen Menschen in die Gemeinschaft der Brüder eingelebt. Er lebte unter seinesgleichen voll sanfter Zurückhaltung und einer ungezwungenen Leidenschaftslosigkeit. Sein gütiges Wesen, die Art, wie er im Gespräch die Worte zu setzen, und der Eifer, mit dem er zu arbeiten wusste, trugen ihm beizeiten die besondere Liebe und Zuneigung des Priors ein. Keines anderen Stimme war beim abendlichen Tedeum so erfüllt von Inbrunst und Fröhlichkeit wie die seine.

Nächtelang studierte er alte Schriften und übertrug Teile daraus mit schönen und klaren Lettern in ein selbstgebundenes Buch. Da er zudem von je eine starke Neigung zur Musik besessen hatte, übte er sich im Lesen und Niederschreiben von Noten, und wenn er, wie es nicht selten geschah, die Orgel spielte, flossen die Melodien so ineinander, dass er manchmal nicht zu unterscheiden wusste, welche davon er selber erdacht und welche er von alten Meistern übernommen hatte.

An einem Weihnachtsmorgen hatte Laurentius sich früh von seinem Lager erhoben; denn es waren viele Pilger zu erwarten, die alljährlich ins Kloster kamen, um dort die Christmette zu hören. Da der junge Mönch das Amt des Pförtners innehatte, war es sein Dienst, dafür zu sorgen, dass niemand vor dem Tor unnötig zu warten brauchte.

Aber noch war es dunkel draußen, und keine Menschenseele rührte sich. In der Nacht hatte es unaufhörlich geschneit. Laurentius trat die ersten Spuren in den frischen Schnee, als er den Klostergarten durchquerte, um zur Pforte zu gelangen. Ein blasser, dunstiger Mond erhellte den Himmel. Auf dem Rückweg kam Laurentius am Brunnen vorüber. Als er sich über dessen Rand beugen und auf den Grund hinabschauen wollte, wie er es gern tat, um dem rieselnden Laut des Wassers zu lauschen, fiel sein Blick unversehens auf einen Rosenstrauch zu Füssen der Brunnenmauer. Was er plötzlich sah, ließ ihn für eine Weile vor Freude und Erstaunen den Atem verhalten. Zwischen den kahlen, froststarrenden Zweigen des Strauches wuchs ein grünes Reis auf, und an seinem Ende erblühte in makelloser Schönheit eine Rose.

Sein Staunen wich tiefer Ergriffenheit. „Seltsam“, dachte Laurentius, „eine blühende Rose mitten im kalten Winter!“ Er brach sie behutsam und sog ihren Duft ein. Als er gewahr wurde, dass die ersten Pilger sich näherten, verließ er den Platz, wo er des Wunders teilhaftig geworden war, und gesellte sich zu den Brüdern in die Kapelle. Dort legte er, von niemandem bemerkt, die Rose unter das Bild· der Gottesmutter. Und abermals geschah ein Wunder. Wäre Laurentius von geringem Glauben gewesen, würde er es für einen Zufall gehalten haben, dass just in dem Augenblick, da er sich in das Gebet der .Gemeinde eingefügt hatte, der Priester das Schriftwort Jesaias sprach: „Es wird ein Zweig aufsprossen vom Stamme Jesses.“

Laurentius fühlte seine Seele von einem großen Glück durchflutet. Ja, er war ausgezeichnet worden vor allen anderen!

Die Christmette war vorüber, und die Pilger begannen sich zu zerstreuen. Es war inzwischen Tag geworden. Das Licht drang mit matten Farben durch die Fenster der Kapelle. In Gedanken verstrickt, schritt Laurentius vom Chorgestühl zum Lettner empor. Während er ging, sprach er Worte vor sich hin, die unablässig aus seinem Inneren aufstiegen. Die Worte fügten sich zu Zeilen, die Zeilen verbanden sich zu Versen:

„Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart ...“

Er ließ sich auf der Orgelbank nieder. Den Orgelbuben, der sich gerade entfernen wollte, wies er an, noch einmal die Bälge zu treten. Und dann spielte und sang der Mönch das neugeborene Lied. Einige Gläubige, darunter eine Schar Kinder, kehrten in die Kapelle zurück und lauschten der wunderbaren, nie gehörten Weise. Da der Spieler sie einige Male wiederholte, ging sie jedem so ein, dass er sie bald mühelos mitsingen konnte. In dieser Stunde also trat das Lied in die Welt, das seither nicht mehr aus ihr fortzudenken ist:

 

Es ist ein Reis entsprungen

Es Ist ein Reis entsprungen
aus einer Wurzel zart.
Wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art.
Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht

Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine,
Marie, die reine Magd;
Aus Gottes ew’gem Rat
Hat sie ein Kind geboren
Wohl zu der halben Nacht.

Das Blümelein so kleine,
das duftet uns so süß,
mit seinem hellen Scheine
vertreibt’s die Finsternis:
Wahr’ Mensch und wahrer Gott,
hilft uns aus allem Leide,
rettet von Sünd’ und Tod.

Aus „Brasil-Post“ Nr. 1566 São Paulo, Brasilien (1950er Jahre)

Bild: Pixabay

Dienstag, 13. Dezember 2022

Eine kummervolle Seele


Weihnachtsgeschichte

      Das Angstgefühl einer Seele, die im Laufe der Jahre die göttlichen Gebote vergaß, aber in der Erinnerung an die Freuden, die der Weihnachtszeit eigen sind, von der Gnade bewegt wurde und vom Erlöser auf die Fürsprache der Heiligen Jungfrau die Vergebung für ihr widerspenstiges Leben erhielt.

* * *

Benoît Bemelmans (2005)

      In ihrem schmerzenden Körper war auch ihre Seele traurig und verwundet.

      Mehr als die Kälte der Nacht, mehr als die Schmerzen in ihren Gliedern, weil sie so viel in der Stadt unterwegs war, litt sie unter einem verborgenen und tiefen Unwohlsein.

      In dieser Weihnachtsnacht wanderte die gequälte Seele durch die Straßen und versuchte, die Ursache ihres Leidens zu ignorieren.

      Sie hatte sich längst in Gleichgültigkeit eingerichtet. Wann hatte sie das letzte Mal in einem Beichtstuhl gekniet, um Vergebung für ihre Fehler zu erhalten?

      Sie war keine große Kriminelle, nein. Sie war eine ganz normale Person, die ihrem täglichen Leben nachging. Sie hatte nur das Gesetz Gottes vergessen, das sie durch ihr eigenes Vergnügen, ihre Selbstsucht und alle Arten von Niedertracht ersetzt hatte, die ihre Seele durchdrangen wie das Rascheln toter Blätter, die vom Wirbelwind eines bösen Atems fortgetragen
werden.

      War es ein Mann? War es eine Frau?

      Das spielt keine Rolle. Es war eine Seele, die in Traurigkeit versunken war, die unvermeidliche und bittere Frucht eines schlechten Gewissens, wenn sie, ohne es sich selbst eingestehen zu wollen, all das sieht, was sie durch die Ablehnung der Freundschaft Gottes verloren hat. Es gibt so viele solcher Seelen in der heutigen neuheidnischen Welt, die durch die Gewohnheit der Skepsis verhärtet sind!

      Den ganzen Tag über war sie damit beschäftigt gewesen, die letzten Vorbereitungen für Weihnachten zu treffen. Denn trotz der Vernachlässigung ihres geistlichen Lebens erinnerte sich diese Seele noch an die Freude und Unschuld ihrer ersten Weihnachtsfeiertage. Sie sehnte sich nach einem Glück, das ihr immer mehr zu entgleiten schien, und versuchte, so weit wie möglich, die Atmosphäre der Weihnachtsfeste ihrer Kindheit um sich herum wiederherzustellen. Sie war sehr begabt darin und schaffte es trotz allem, einige Freunde und Verwandte um einen schön geschmückten Tannenbaum, eine kleine Krippe und ein Abendessen zu versammeln, um nicht alleine ein allzu melancholisches Fest zu feiern.

      Die Jahre waren vergangen, aber die unsterbliche Seele bewahrte noch die Spuren ihrer unschuldigen Kindheit.

      Übrigens, wenn der Leser die Erwachsenen beobachtet, wird er sehen, dass in ihren Seelen das Kind nie sehr weit weg ist, selbst wenn die Sünden es verdunkelt haben. Wird dieses Kind eines Tages erwachen?

      Der Baum leuchtete schon seit einigen Tagen mit all seinen bunten Kugeln, und die Krippe über dem Kamin wartete nur noch auf die heilige Nacht, in der sie das Jesuskind aufnehmen würde.


     
Jeden Abend freute sich die Seele, wenn sie ihr kleines Lehmlamm voranschreiten ließ. Sie begann auch das Gebet zu sprechen, dass ihre Mutter sie vor der Krippe hatte sprechen lassen. Das Lamm hatte sich von der Höhe des Papierhügels auf den Weg gemacht, und die Seele fragte sich, ob es die Krippe rechtzeitig zum Heiligen Abend erreichen würde.

      Ihr Lamm erinnerte sie daran, dass auch sie, ganz in Weiß gekleidet, zum Stall gehen sollte, um durch die Muttergottes ein inbrünstiges Gebet an das göttliche Kind zu richten. Es war das beste Geschenk, das sie dem Jesuskind machen konnte, das ja gekommen ist, uns zu retten.

      - Zu retten, mich, wovor? - fragte sie sich.

      Um sie von der Sünde zu erlösen, ihr die Pforten des Himmels zu öffnen, sie zu einem Kind Gottes zu machen, sie aus den Klauen des Teufels zu befreien, indem er für sie am Kreuz sterben würde.

      In der Krippe liegend, zwischen Ochs und Esel, breitet das Jesuskind seine Arme aus, um uns zu empfangen... aber es breitet sie bereits in Form eines Kreuzes aus!

      Als sie zur Erstkommunion gegangen war, war Weihnachten noch schöner geworden.

      Wie strahlend war die Christmette in der Pfarrkirche! Die Kerzen leuchteten auf dem Altar, Weihnachtslieder stiegen mit den Weihrauchwolken zum Himmel auf... Bei der Kommunion empfängt die Seele Jesus, ihren Retter. Sie betete ihn an, wie es die Hirten im Stall zu Bethlehem getan hatten, sie bot sich ihm an und war überwältigt von der Freude über seine barmherzige Liebe.

      Sie hatte sich sorgfältig auf diese wunderbare Begegnung vorbereitet. Einige Tage zuvor hatte sie ihre Fehler demütig und reumütig einem alten Priester gebeichtet, der sie immer freundlich ermutigt hatte, auf dem Weg des Guten zu bleiben.

      - Bete auch für mich. Denn es wird der Tag kommen, an dem Sie mich nicht mehr hier finden werden, um Sie zu beraten.

      Die Seele verließ den Beichtstuhl mit einem großen Gefühl der Leichtigkeit, erfüllt von der ruhigen Freude, sich in der Freundschaft Gottes zu wissen.

      Und jeden Abend sprach sie vor der Krippe das Gebet, das ihr ihre Mutter beigebracht hatte, um sich auf Weihnachten vorzubereiten. Es war ein wunderschönes Gebet, das an die Heilige Jungfrau gerichtet war, die für uns alles von ihrem göttlichen Sohn erhält.

      - Wie war dieses Gebet noch? -- fragte ihre gequälte Seele.

      Aus den Tiefen der jahrelangen Gleichgültigkeit tauchten allmählich die lange vergessenen Worte in ihrem Gedächtnis auf:

      Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, von Ewigkeit her ist es unerhört, dass einer, der zu dir seine Zuflucht genommen, deine Hilfe angerufen, um deine Fürsprache gebeten, von dir sei verlassen worden. Von diesem Vertrauen beseelt, eile ich zu dir, o Jungfrau der Jungfrauen und Mutter; zu dir komme ich, vor dir stehe ich seufzend unter der Last meiner Sünden. Verschmähe nicht meine Worte, du Mutter des menschgewordenen Wortes, sondern höre sie gnädig an und erhöre mich! Amen.

      In einer ersten Bewegung von bitterem Stolz fragte sich die Seele: Bin ich die Erste, die sagt, dass die Gottesmutter mir nicht zur Hilfe gekommen ist?

      Dann wurde ihr klar, dass sie sich nicht die Mühe gemacht hatte, nur ein einziges Mal um diese Hilfe gebeten zu haben.

      Und als sie durch die kalten, leeren Straßen ging, wiederholte sie die Worte ihres Gebetes aus der Kindheit: Seufzend unter der Last meiner Sünden [...] von Ewigkeit her ist es unerhört, dass einer, der zu dir seine Zuflucht genommen [...] von dir sei verlassen worden! Von diesem Vertrauen beseelt, eile ich zu dir, o Jungfrau der Jungfrauen und Mutter...

      Ein großer Schmerz überfiel diese gequälte Seele, als sie sich ihres beklagenswerten Zustands bewusst wurde. Aus der Tiefe ihres Wesens stieg der Wunsch auf, die Freundschaft Gottes und die frühlingshaften Düfte ihres geistlichen Lebens wiederzugewinnen, ihre verlorene Unschuld wiederherzustellen.

      - Wird das noch möglich sein? -- fragte sie sich.

      - Von Ewigkeit her ist es unerhört... – antwortet ihr eine innere Stimme.

      Von der Gnade ergriffen, wiederholte sie die Worte des Memorare mit aller Aufrichtigkeit und bat die Muttergottes um Hilfe.

      - Mal sehen, was passiert - dachte sie mit einem Hauch von Ungläubigkeit. Und sie bog um die Ecke.

* * *

      Das Licht im Inneren der Kirche beleuchtete die bunten Glasfenster. Die Tür war offen. Zögernd und überrascht trat sie ein. Die Weihnachtsvigil stand kurz vor dem Beginn. Sie ging durch den Seitengang zum Altar der Muttergottes. Von der Orgel erklang eine Weihnachtsmelodie; die Seele brach in Tränen aus.

      Nach so vielen Jahren der Trockenheit in Selbstgefälligkeit ertrank sie in Schluchzern der Reue. Die Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen, und ihr Oberkörper schüttelte sich im krampfhaften Rhythmus des Schluchzens, wie bei einem Kind....

      Es war da ein Priester, um die Beichte zu hören. Und das war nicht das Geringste der Wunder für die Zeit, in der wir leben. Die Seele klagte sich selbst an, so gut sie es konnte, etwas verwirrt, über ihr trauriges Leben fern von Gott. Und erhielt die Absolution für ihre Fehler.

      Ich überlasse es dem Leser, sich die Freude vorzustellen, die das Herz des Jesuskindes in jener Nacht empfand durch die Rückkehr in die Herde seines kleinen verlorenen Schafes.

      Das Jesuskind ist vor allem für die Sünder gekommen. Es lehnt ihre Vergebung niemals ab. Es empfängt jede demütige Zerknirschung mit Güte und Barmherzigkeit. Gestern, heute, immer: Jesus Christus ist die Lösung für die Welt, die in der Nacht des Neuheidentums versinkt.

      Im größten Drama unseres Lebens wollen wir uns vertrauensvoll an unseren Erlöser wenden, durch die Heilige Jungfrau, der Er nichts verweigert...

 

 Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von DeepL/Übersetzer (kostenlose Version) von „Alma aflita“, vom Autor persönlich zugestellt.

Diese deutsche Fassung „Eine kummervolle Seele“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Donnerstag, 23. Dezember 2021

Weihnachten eines Chouans



von Return To order

Von 1793 bis 1800 war die Region Fougères im Nordosten Frankreichs der Schauplatz des epischen Kampfes der Chouans. Die Chouans waren Bauern, die sich gegen die Französische Revolution erhoben, um die Monarchie und die Kirche zu verteidigen.

In einer Winternacht des Jahres 1795 bewegte sich eine Kolonne von Soldaten der revolutionären Republik auf einem Weg, der an einem Wald vorbeiführte. Ihre Schritte sind schwer. Sie langweilten sich und waren müde von dem enormen Gewicht der Rucksäcke und Musketen, die sie auf dem Rücken trugen.

Sie stapften weiter und führten einen gefangenen Bauern, ein Chouan, der versucht hatte, ihnen aufzulauern. Der Bauer hatte mit seiner Muskete auf den Feldwebel geschossen, aber die Kugel durchschlug den Hut des Mannes, prallte von einem Baum ab und zerbrach eine Pfeife, die ein anderer Soldat gerade rauchte.

Die wütenden Soldaten nehmen sofort die heiße Verfolgung des fliehenden Scharfschützen auf. Der Bauer wurde aufgespürt und in die Enge getrieben, er wurde gefangen genommen und entwaffnet.


Jetzt folgte er den Soldaten, die Hände gefesselt, mit aussichtslosem Blick. Seine kleinen, klaren Augen beobachteten die Hecken entlang des Weges sowie die windigen Pfade, die in beide Richtungen abzweigten. Zwei Soldaten wickelten die Enden der Seile, mit denen seine Handgelenke gefesselt waren, um ihre Arme.

An der Kreuzung von Servilliers rief der Feldwebel einen Halt aus. Die erschöpften Männer legten ihre Waffen ab und warfen ihre Rucksäcke auf das Gras. Sie sammelten trockene Äste und Blätter, die sie in der Mitte der Lichtung zu einem Lagerfeuer machten.

Gleichzeitig fesselten zwei von ihnen den Bauern mit dem Seil, das seine Handgelenke zusammenhielt, an einen Baum.

Der Chouan beobachtete alles, was vor sich ging, mit großer Aufmerksamkeit. Er zitterte nicht und sagte auch kein Wort, aber man konnte die Angst in seinen Zügen sehen. Er wusste, dass der Tod nahte.

Seine Beunruhigung blieb einem der Blauen, wie die Soldaten der Revolution genannt wurden, nicht verborgen. Dieser Mann war abkommandiert worden, um den Gefangenen im Auge zu behalten. Er war ein schlanker Jugendlicher mit einer spöttischen und scharfen Zunge. Er machte sich über seinen Gefangenen lustig und sagte mit scharfem Pariser Akzent:

„Hab keine Angst, Blume! Du wirst noch nicht sterben; du hast noch sechs Stunden zu leben...“


Seine Bemerkungen wurden von einer lauten, schroffen Stimme von der anderen Seite der Lichtung unterbrochen.

„Binde ihn gut fest, Peter! Wir können ihn nicht wegfliegen lassen!“

„Keine Sorge, Sergeant Torquatus, wir müssen ihn in einem Stück zum General bringen!“

Dann begann der Junge wieder zu spotten: „Weißt du, du Hund, glaube nicht, dass du wie diese Adligen behandelt wirst. Die Republik ist nicht reich und es mangelt an Guillotinen. Aber keine Sorge, du wirst deinen Anteil an Bleikugeln bekommen: sechs für den Kopf und sechs für den Körper. Das ist etwas, worüber du bis morgen früh nachdenken kannst. Das wird dich gut unterhalten!“

Der Bauer stand da, als hätte er nichts gehört, und ein undurchdringlicher Blick legte sich auf sein Gesicht.

Nachdem er dies gesagt hatte, ging Soldat Peter zu seinen Kameraden und setzte sich ans Feuer. Er nahm ein Stück grobes Brot aus seinem Rucksack und begann, es in aller Ruhe zu essen. Als er mit dem Essen fertig war, begann Peter, seine Muskete zu reinigen. Er wählte eine Kugel aus, hielt sie behutsam in der Hand und sagte zu dem Bauern, der jede seiner Bewegungen verfolgte:

„Siehst du das, mein Kind? Die ist für dich!“ Und er steckte die Kugel in die Kammer.


Alle fingen an zu lachen, jeder versuchte, den anderen in dem makabren Spiel zu übertreffen, den unglücklichen Gefangenen zu quälen.

„Ich habe eine ebenso gute Dosis für dich!“, rief einer.

„Du wirst wie ein Sieb sein“, scherzte ein anderer.

„Ich werde der Letzte sein: eine für jedes Ohr!“, lachte Sergeant Torquatus.

Dann stürzte er in einem plötzlichen Wutanfall auf ihn zu. „Oh, du elender Chouan, ich würde am liebsten tausend von euch mit einem Schuss töten...“

Der Bauer verhielt sich still und ruhig unter diesem Sperrfeuer von Drohungen. Er schien einem fernen Geräusch zu lauschen, das durch die Schreie und das Gelächter der Soldaten nur schwer zu verstehen war.

Plötzlich senkte er den Kopf und konzentrierte sich. Aus den Tiefen des Waldes hörte man den Klang einer Glocke, die in der Nacht läutete. Sie klang hoch und klar, als sie vom Wind getragen wurde. Dann drehte der Wind auf Nord, und sofort ertönte eine andere Glocke, die einen tieferen Ton hatte. Bald gesellte sich eine weitere hinzu - diesmal melancholischer - und kam aus einer anderen Richtung.

Die Blauen waren vor Erstaunen und Besorgnis verstummt. Auch sie strengten sich an, um zu hören.

„Was ist das?“, fragte der Sergeant. „Warum läuten die Glocken?... Ist das ein Signal?... Die Banditen schlagen Alarm!“

Dann begannen sie alle gemeinsam zu schreien, einige auf den Gefangenen, andere auf sich selbst. Viele griffen nach ihren Waffen.

Der Bauer hob den Kopf und blickte sie gelassen an: „Es ist Weihnachten.“

„Es ist was?“, fragte der Sergeant.

„Weihnachten. Sie läuten die Glocken zur Mitternachtsmesse.“

Die Soldaten kamen sich dumm vor und begannen zu fluchen, dann zu schimpfen und verstummten, als sie wieder ihre Plätze um das Feuer einnahmen.


Eine Zeit lang sprach niemand mehr. Weihnachten... Mitternachtsmesse... Diese Worte hatten sie schon lange nicht mehr gehört.

Sie weckten vage Erinnerungen an glücklichere Zeiten, an längst vergessene Zärtlichkeit, an Frieden.

Mit gesenkten Köpfen hörten sie die Glocken, die eine vergessene Sprache sprachen. Feldwebel Torquatus stellte seine Pfeife ab, verschränkte die Arme und schloss die Augen, wie jemand, der eine Symphonie genießt. Dann, beschämt über dieses Zeichen der Schwäche, wandte er sich an den Gefangenen und fragte in strengem Ton:

„Sind Sie aus dieser Gegend?“

„Ich komme aus Coglès, nicht weit von hier.“

Der Wachtmeister wurde neugierig. „Es gibt also Priester in Ihrem Ort?“

„Die Blauen haben nicht alles mitgenommen, sie haben den Fluss Couesnon nicht überquert. Auf dieser Seite lebt man also noch in Freiheit. Hörst du das nicht? Es ist die Glocke von Parigué, die jetzt läutet. Die andere, kleinere Glocke ist die vom Schloss des Herrn von Bois-Guy. Und die weiter entfernte ist die Glocke von Montours. Wenn der Wind richtig stünde, könnten wir sogar die große Glocke von Landéans hören.“


Einer der Soldaten namens Gil hatte geschwiegen, während die anderen den Chouan bedroht hatten. Jetzt hörte er aufmerksam zu und schien gerührt zu sein. Die anderen hatten nach einem kurzen Gefühl der Zärtlichkeit bereits ihre Herzen verschlossen.

In diesem Moment war aus allen Himmelsrichtungen das Läuten der Glocken eines fernen Dorfes zu hören. Es war eine süße Melodie, die je nach Wind lauter oder leiser wurde.

Gil ließ den Kopf hängen und lauschte. Er dachte an längst vergessene Dinge. Er sah die Kirche seines Heimatdorfes im Lichterglanz der Kerzen, die Krippe mit ihren großen, moosbewachsenen Steinen, auf denen kleine rote und blaue Lampen leuchteten. Er hörte in seiner Erinnerung die fröhlichen Weihnachtslieder, die seit Generationen gesungen worden waren. Es waren unschuldige Hymnen, so alt wie Frankreich, die von Hirten, Flöten, Sternen und Kindern sprachen, von Frieden, Vergebung und Hoffnung... Er spürte, wie sein Herz in der wohligen Wärme dieser sanften Bilder, die er so lange vergessen hatte, schmolz.


Die Glocken läuteten weiter aus der Ferne. Torquatus befahl allen zu schlafen und übertrug Gil die erste Wache. Es dauerte nicht lange, ein improvisiertes Lager zu errichten, und die Blauen, erschöpft von den Mühen des Tages und mit dem Wunsch, den Klang der Glocken zu vergessen, die ihnen so viele Erinnerungen an ihre glückliche Kindheit beschert hatten, schnarchten ausgestreckt auf ihren Schlafmatten vor sich hin.

Das Feuer knisterte immer noch, aber nicht mehr so stark. Nur Gil und der Chouan waren noch wach. Der Blaue ging zu dem gefesselten Chouan hinüber.


„Weißt du“, sagte der Soldat, „wo ich herkomme, haben wir früher in der Kirche eine riesige Krippe gemacht und das Jesuskind dort hineingelegt, umgeben von der Gottesmutter und dem heiligen Josef.“

Und dann sagte er plötzlich: „Willst du befreit werden?“

„Was ist mit dir? Sie werden dich in Stücke reißen.“

„Ich werde mit dir gehen. Ich habe die Schnauze voll von diesem verfluchten Krieg. Jedenfalls wurde ich zwangseingezogen. Meine Familie ist katholisch. Zu Hause hat man mich von klein auf gelehrt, den König zu respektieren.“


„Dann komm mit mir“, antwortete der Chouan. „Sei wieder der treue Gläubige. Ich werde dich zu einem Priester bringen, damit du zur Beichte gehen kannst. Gemeinsam werden wir für unseren Herrn Jesus Christus und den König kämpfen.“

Der Blaue sagte nichts mehr, sondern nahm sein Messer aus der Tasche und schnitt die Seile durch, die den Gefangenen fesselten. Es dauerte nicht lange, bis beide in die Schwärze der Nacht entschlüpft waren.

Man konnte die Glocken im Wind nicht mehr hören, aber in den Herzen der beiden Männer läuteten sie weiter. Es war Weihnachten!

 

Aus dem Englischen übersetzt mit DeepL-Translator (kostenlose Version)in
https://www.returntoorder.org/2016/12/the-christmas-of-a-chouan/

25.12.2016

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Diese deutsche Fassung von „Weihnachten eines Chouans“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com



Dienstag, 29. Dezember 2020

Die Geburtsnacht des Messias

 

In der Geburtsnacht des Messias feierte die Christenheit ein Fest voll Unschuld und Majestät: Scharen von Kindern, die die Krippe, die beleuchteten und mit Blumen geschmückten Kirchen leidenschaftlich liebten, das Volk drängte sich um die Wiege seines Gottes, die Christen, die in einer einsamen Kapelle ihren Frieden mit dem Himmel schlossen, das freudige Halleluja, der Klang der Orgel und der Glocken, alles sammelte sich zu einem Schauspiel der Unschuld und Majestät.


Aus dem Herz-Jesu-Kalender der Fédération pro Europa Christiana - FPEC - Frankreich, Dezember 2016

Textquelle: François-René de Chateaubriand, „Geist des Christentums oder die Schönheiten der christlichen Religion“. Morus Verlag, Berlin 2004. S. 529.

© Nachdruck ist mit Quellenangabe gestattet.



Freitag, 3. Januar 2020

Die Heilige Nacht



von Selma Lagerlöf


Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein. Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, dass wir nicht zum Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten.
Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu erzählen an.
„Es war einmal ein Mann“, sagte sie, „der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. ,Ihr lieben Leute, helft mir!‘, sagte er. ,Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer anzünden, um sie und den Kleinen zu erwärmen.‘
Aber es war tiefe Nacht, sodass alle Menschen schliefen, und niemand antwortete ihm.
Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, dass das Feuer im Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und schliefen, und ein alter Hirt wachte über die Herde.
Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er, dass drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mann sah, dass sich die Haare auf ihren Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten und wie sie auf ihn losstürzten. Er fühlte, dass einer von ihnen nach seinen Beinen schnappte und einer nach seiner Hand und dass einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnlade und die Zähne, mit denen die Hunde heißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden.
Nun wollte der Mann weitergehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, dass er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte sich.“
„Als der Mann fast bei dem Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war alter mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen, spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine Herde hütete und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste, an ihm vorbei, weit über das Feld.“
„Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: ,Guter Freund, hilf mir und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.‘
Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, dass die Hunde dem Mann nicht hatten schaden können, dass die Schafe nicht vor ihm davongelaufen waren und dass sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte.
,Nimm, so viel du brauchst‘, sagte er zu dem Manne.
Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können.
Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: ,Nimm, so viel du brauchst!‘ Und er freute sich, dass der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Äpfel gewesen wären.“
„Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: ,Was kann dies für eine Nacht sein, wo die Hunde die Menschen nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?‘ Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm: ,Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, dass alle Dinge dir Barmherzigkeit erzeigen?‘
Da sagte der Mann: ,Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst.‘ Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer anzuzünden und Weib und Kind wärmen zu können.
Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war.
Da sah der Hirt, dass der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrotte liegen, wo es nichts gab als nackte kalte Steinwände.
Aber der Hirt dachte, dass das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloss, dem Kinde zu helfen. Und er löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes Schafsfell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das Kind darauf betten.
Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, dass auch er barmherzig sein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können.
Er sah, dass rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen, silberbeflügelte Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, dass in dieser Nacht der Heiland geboren sei, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle.
Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, dass sie niemand etwas zu Leide tun wollten.
Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie überall. Sie saßen in der Grotte und sie saßen auf dem Berge und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind.
Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in der dunklen Nacht in der er früher nichts zu gewahren vermocht hatte. Und er wurde so froh, dass seine Augen geöffnet waren, dass er auf die Knie fiel und Gott dankte.“
Aber als Großmutter so weit gekommen war, seufzte sie und sagte: „Aber was der Hirte sah, das könnten wir auch sehen, denn die Engel fliegen in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren vermögen.“
Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: „Dies sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie dass ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt nicht an Mond und Sonne, sondern was Not tut, ist, dass wir Augen haben die Gottes Herrlichkeit sehen können.“

Selma Lagerlöf, „Christus Lgenden“. Aus dem schwedischen überstzt von Marie Franzos. Lizenzausgabe für KOMET MA-Service und Verlaggesellschaft mbH Köln.
© by nymphenburger in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Puer natus





Hier ein Ausschnitt aus dem Graduale des Bamberger Clarissenklosters von der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert: der Anfang des Eingangsliedes zur Messfeier am Weihnachtstag. Die Miniatur in der Initiale „P“ zeigt das heilige Paar mit dem göttlichen Kind im Stall, mit Krippe, Ochs und Esel. Im Hintergrund rechts die Hirten auf dem Felde, über ihnen die Engelschar, die Gott lobt (vgl. Lk 2,6-14).· Mit dem Buchstaben „P“ beginnt das Eingangslied, genommen aus dem Buch des Propheten Jesaia, der über das Kind verkündet hat: „Puer natus est nobis...“ – „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seinen Schultern; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Friedensfürst...“ (Jes 9,5-6). - Doch bei seiner ersten Ankunft ist der Herr noch nicht „in Herrlichkeit“ gekommen, sondern als kleines Kind, in Knechtsgestalt“ (Phil 2,7), als „Retter“, der „sein Volk erlösen wird von seinen Sünden“ (Mt 1,21), als „Lamm Gottes“ (Joh 1,29), der aber „allen, die ihn aufnahmen, Macht gab, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12). – So betet denn die Kirche am Heiligen Abend: „Jahr für Jahr erwarten wir voll Freude das Fest unserer Erlösung. Gib, dass wir deinen Sohn von ganzem Herzen aufnehmen, damit wir ihm voll Zuversicht entgegen gehen können, wenn er am Ende der Zeiten als Richter wiederkommt.“

Quelle: Der Fels, Zum Bild S. 341 Dezember 2013.
Eichendorfer Str. 17, D-86916 Kaufering.
Redaktion: Hubert.Gindert@der–fels.de

Dienstag, 2. Januar 2018

Weihnachtssymbolik


Der spätgotische Hochaltar — geweiht 1493 — in der ehemaligen Benediktinerkirche Blaubeuren, ist ein süddeutsches Meisterwerk einer Ulmer Werkstätte. Der linke Flügel zeigt die Geburt Christi, der rechte die Weisen aus dem Morgenland.
Der typische „Blattgoldhintergrund“ ist schon von einer realistischen gemalten Landschaft mit dem Blaubeurer Ruckenschloss zurückgedrängt bzw. auf den Himmel beschränkt. Der Maler versucht eine perspektivische Darstellung. Die Hirten und Schafe im Hintergrund sind extrem klein, die Personen und Tiere im „Stall“ hingegen viel größer. Die Größe der Personen richte sich nach ihrer Bedeutung und Aussage. Maria ist die größte Person, von Gott erwählt. Das Jesuskind ist sehr klein gemalt: Gott hat sich in der Menschwerdung klein gemacht. „... wird ein Kindlein klein; es liegt dort elend nackt und bloß, ...“ (GL 134,2). Das „Haus“, der Geburt Jesu, ist eine Ruine mit einem schadhaften, gestützten Notdach. Es stellt symbolisch das zerfallene Haus Davids dar, welches Christus wieder aufrichten wird. Joseph stammt aus dem Hause David, und Bethlehem ist die Stadt Davids. Am Dach singen drei Engel den süßen Gesang (GL 186). Die kniende Stellung Mariens bei der Geburt geht auf eine Vision der hl. Brigitta von Schweden zurück. Sie beschreibt auch den hl. Joseph als einen erhabenen Greis.
Die rechte Tafel bezeugt die frohe Botschaft für die ganze Welt. Die Könige repräsentieren die Erdteile, die Schiffe im Hintergrund symbolisieren die weite Verbreitung.

(Titelbild DER FELS Dezember 2012)
Redaktion: Eichendroffstr. 17, D-86916 Kaufering
HubertGindert@der-fels.de


Donnerstag, 29. Dezember 2016

„Von Jesse kam die Art...“



Im Weihnachtslied „Es ist ein Ros'entsprungen“ heißt es: „von Jesse kam die Art“. Dies bezieht sich auf Jes 11, 1. Gemeint ist, das Isai (auch Jesse genannt),  vorfahre von Jesu Christi ist.
So zeigt das Bild, eine Wandmalerei von 1638 im Limburger Dom, vertikal, wie von Jesse direkt ein Ast zu Maria mit ihrem Kind führt. Auf den Nebenästen sind Christi Vorfahren aufgeführt, wie sie bei Mt. 1, 6 – 11 stehen. Es sind also nur die Vorfahren von Jesse bis Manasses dargestellt.
Seitlich neben Jesse finden sich, durch ihre Spruchbänder identifiziert Moses, Aaron, Ezechiel und Daniel. Unter dem Stammbaum horizontal angeordnet sind die Verwandten Jesu, die „Heilige Sippe“, und die beiden Stifter dieser Malerei. Die Bibelstelle „Jesus und seine Brüder...“ (Mt. 13, 55) erklärt die Trinubium-Legende so: Anna war dreimal verheiratet. Das Kind ihrer ersten Ehe mit Joachim, war Maria, die Mutter Jesu. Aus den anderen Ehen gingen ebenfalls Kinder und Kindeskinder hervor. Und diese Enkelkinder von Anna meint Matthäus, wenn er von den Brüdern und Schwestern von Christus spricht. Auf einen anderen Verwandtschaftszweig von Maria liegt Elisabeth, die Frau des Zacharias (vgl. Lk. 1, 36).   AE

(Titelbild DER FELS Dezember 2015)
Redaktion: Eichendroffstr. 17, D-86916 Kaufering
HubertGindert@der-fels.de

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Göttliches Kind in der Krippe


„Der Schöpfer hat in die Familie die Wiege des Lebens hineingestellt, nicht den Friedhof des Todes. Der Versuch, den Kindermord vor der Geburt auch noch gesetzlich zu schützen, ist Verbrechen an der Volksgemeinschaft. Auch die ungeborenen Kinder haben Menschenrechte.

Wo Kinderrechte nicht mehr geachtet werden, da werden auch Menschenrechte nicht mehr geachtet.

Völker des 20. Jahrhunderts! Läutet mit allen Totenglocken! Der weiße Tod reitet durch das Land. Auch Kinder haben Rechte“ (Kardinal Michael Faulhaber im Jahr 1931! Also vor über 80 Jahren schon geschrieben!)

Allein in Europa jährlich Millionen Millionen Abtreibungen. Es ist kein Wunder, dass die Erde bebt" (P. Werenfried).

Der Mord am ungeborenen Leben ist eine zum Himmel schreiende Sünde, der Ausdruck totaler Geringschätzung des Kindes. Er ist Eingriff in die Schöpfermacht Gottes, ist Angriff auf den weisen Weltenplan des himmlischen Vaters. Wohl niemand hat eine Vorstellung von der Schuld, die wir uns aufladen, wenn in einem Volk täglich mehr hingemordet werden, als das Licht der Welt erblicken. Jedes gemordete Leben fordert Rechenschaft von den Verantwortlichen. Jedes der vielen Millionen.

Vor diesem Hintergrund lässt uns das göttliche Kind die Not unserer Tage immer tiefer und furchtbarer erkennen. Es erhebt sich zum Anwalt aller Kinder, deren Leben im Mutterschoß ausgelöscht werden soll. Das göttliche Kind in seiner Wehrlosigkeit, Hilflosigkeit und Ohnmacht, in seinem Schweigen und Dulden, wird zum mahnenden Zeichen für die Unantastbarkeit des werdenden Lebens.

Jetzt müssen wir uns dringender denn je dem göttlichen Kind in der Krippe anvertrauen, uns mit ihm ganz innig verbinden und seine Demut annehmen, damit wir gegen den modernen Hochmut der Menschheit und die Verachtung des Lebensrechtes der Kinder flehend und sühnend unsere Hände zum himmlischen Vater erheben können.

Auch Ungeborene haben Todesangst

Herzverpflanzer Barnard schreibt in einer Kolumne des Johannesburger „Rand Daily Mail“: „In manchen Teilen der Welt ist Mord legal. Ich meine hier zivilisierte europäische Staaten. Sie nennen es natürlich nicht Mord. Abtreibung klingt besser.“ - Der weltberühmte Chirurg begründet seine Haltung mit der medizinischen Feststellung, dass das ungeborene Kind, lange vor der Geburt, menschliche Reaktionen zeige und in einem frühen Stadium auf Geräusch, Schmerz, Spannung und Medikamente reagiere. „Lebende Wesen verspüren Todesangst, wenn sie bedroht sind. Und wer weiß, welchen Schrecken das ungeborene Kind erfährt, während des grauenhaften Eindringens der Abtreibung in seinen Lebensbereich, bevor sein Leben ausgelöscht wird?“ (Informationsblatt - 1979 der „Aktion für das Leben“.)

Göttliches Kind in der Krippe, du holder und liebenswürdiger Sohn Gottes. In dir offenbart sich die Liebe und Güte deines himmlischen Vaters. Öffne mit deiner unaussprechlichen Liebe unsere Herzen für die grauenhaften Schmerzen und die große Not der Todesangst aller im Mutterschoß gemordeten Kinder.

Lass uns Sühne leisten: Je mehr deine Gebote vergessen und übertreten werden, um so treuer wollen wir sie beobachten, und je mehr die Hölle zum Verderben der Seelen sich anstrengt, desto größer soll unser Eifer für ihre Rettung sein. Schenke uns dazu deine Gnade und deinen Beistand.

Wir bitten dich, liebes göttliches Kind: Schließe all diese schuld- und wehrlosen Geschöpfe, als deine Brüderlein und Schwesterlein, in dein Herz und in das Unbefleckte Herz deiner jungfräulichen Mutter Maria ein. Schenke ihnen die Gnade der Begierdetaufe, und halte sie fest in der glückseligen Umarmung deiner ewigen Herrlichkeit. Amen.

Welch ein erschreckendes Urteil wird man in 20 Jahren über unsere Zeit, über all die Verantwortlichen fällen! Helft beten, beten! Sühnen, sühnen!

Quelle: „Göttliches Kind, ich bete Dich an“, Pfarrer A. M. Weigl. Verlag St. Grignionhaus, Altötting, 1983


Montag, 26. Dezember 2016

Des Christkinds lächeln



In der Kirche Aracoeli in Rom gibt es ein weitberühmtes Jesuskind. In der Weihnachtszeit wallfahrtet das ganze Rom, jung und alt, den Kapitolsberg hinauf zur Kirche, um das Bambino, das Gotteskind, anzuschauen und zu verehren. Man sagt, dieses Jesuskind würde jedem, der es vertrauensvoll anblickt, goldene Himmelsfreude in die Seele streuen. Keiner könne traurig von ihm weggehen, nachdem er ihm ins Angesicht gesehen, auch wenn er eine Zentnerlast von Sorgen die Treppe heraufgeschleppt hätte.

Prozession zur Kirche Santa Maria in Aracoeli, Rom. Oswald Achenbach (1868-1905)
Es ist das nicht nur ein frommer Glaube des römischen Volkes. Ist es nicht in der Tat so, dass keiner ungetröstet das Gotteskind in der Krippe verlässt? Wie sollte nicht die dichteste Nebelwand weichen, wenn aus den Augen des Jesuskindes ein ganzer Himmel von Reinheit und Schönheit, von Güte und Liebe, von Erbarmen und Helferwillen uns entgegenstrahlt! Da kann man verstehen, wie der hl. Franz von Assisi seine schönsten Lieder aus überfrommem Herzen dem Gotteskind in der Krippe zugejubelt hat. Bitten wir das göttliche Krippenkind:

Schenk uns dein Lächeln in der kalten Zeit
Verblendeter Maschinen; der getürmten
Städte, die ohne Freude wachsen! —
Schenk uns dein Lächeln, Kind, dass wir erwarmen,
In deinen Augen wieder Heimat finden ...

Quelle: Alphons Maria Rathgeber, „Kirch und Leben“ – Ein Buch von der Schönheit und Segenskraft der Kirche. Verlag Albert Pröpster, Kempten im Allgäu, 1956.

Bild Bambino: http://www.romaincamper.it/approfondimenti/chiese/aracoeliS.html
Bild Kirche: http://www.sguardosulmedioevo.org/2013/10/basilica-di-santa-maria-in-aracoeli.html 

Sonntag, 25. Dezember 2016

O wunderbarer Tausch



Die Kirche betet in der Weihnachtsliturgie: „O wunderbarer Tausch! Der Schöpfer des Menschengeschlechtes hat einen menschlichen Leib angenommen und ließ sich herab, von einer Jungfrau geboren zu werden. Er ist hervorgegangen als Mensch ohne irdischen Vater und hat uns seine Gottheit mitgeteilt.“ Ist das nicht in der Tat ein ganz unbegreiflicher Tausch? Gott entlehnte unsere menschliche Natur und schenkte uns dafür seine Gottheit. Für die menschliche Natur gibt uns das ewige Wort als Austausch Anteil und Mitbesitz an seiner Gottheit. Er macht uns seiner göttlichen Natur teilhaftig, so dass sich ein Austausch vollzieht, wie er wunderbarer nicht gedacht werden kann.

Um zu Gott den Menschen zu erheben,
Lässt sich Gott herab, ein Mensch zu werden.
Um für Fluch das Heil der Welt zu geben,
Ward das Heil zum Fluch der Welt auf Erden.


Jesus empfing ein menschliches Leben und gab uns dafür Anteil an seinem göttlichen Leben. „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde“ (St. Augustinus). Wohl waren schon die ersten Menschen bei ihrer Erschaffung mit der Teilnahme an der göttlichen Natur ausgezeichnet worden. Aber der Sündenfall der Stammeltern hat uns des Anrechtes auf diese wunderbare Teilnahme beraubt. Um dieses Anrecht wiederherzustellen, ist „das Wort Fleisch geworden“. Um den Weg zum Himmel wiederzueröffnen und uns die Anteilnahme an seinem ewigen Leben zurückzugewinnen, ist Gott Mensch geworden. „Als die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn ... Er sollte die unter dem Gesetz Stehenden loskaufen, damit wir die Anteilnahme an Kindes Statt erhielten“ (Gal4,4). Was Christus durch seine Natur ist, das sollte der Mensch durch die Gnade werden: Kind Gottes! Durch das menschgewordene Wort wurden wir wieder Kinder Gottes, Glieder des mystischen Leibes Christi und so gleichsam in den Blutkreis Gottes wieder hereingenommen. Das Tor des Paradieses, das seit Jahrtausenden verschlossen war, wurde aufs neue wieder aufgetan. Wir kamen wieder heim, nachdem wir lange, lange in die Irre gegangen waren. Die verlaufenen Kinder fanden sich auf einmal wieder im Schoß Gottes. Wir hatten dazu plötzlich wieder ein Recht, weil Gottes Sohn ja unser Blutsbruder geworden war. „Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder“, sagt St. Johannes. Kann es eine tiefere, reinere Weihnachtsfreude geben als diese? Diese Freude wird aber nur dann eine dauernde sein, wenn wir der Gnade treu entsprechen, die uns das Gotteskind in der Krippe bringt und die uns alle zu seinen Brüdern macht. „Christ, erkenne deine Würde“, ruft der hl. Leo in der Weihnachtspredigt aus, die in der Christmette gelesen wird. „Da du der göttlichen Natur teilhaftig geworden bist, hüte dich, durch schlechten Wandel zur früheren Sündhaftigkeit zurückzukehren.“ Was nützt alles Schwärmen und Singen vom „holden Knaben im lockigen Haar“, wenn unsere Christkindverehrung sich nicht zu dem festen, heiligen Vorsatz verdichtet: „Ich will Frieden machen mit meinem Gott und will diesen Frieden nicht mehr durch schwere Sünden verletzen. Ein für allemal will ich brechen mit allem, was das Leben Gottes in mir beeinträchtigt und zerstört.“ Gott hat sich uns in der Weihnacht ganz geschenkt. Müsste unsere selbstverständliche Antwort darauf nicht auch eine rückhaltlose Hingabe an Gott sein? Müsste unser Weihnachtsbeten und Weihnachtssingen nicht ausmünden in das Gelöbnis:

Mein Herz will ich dir schenken, herzliebes Jesulein,
In deine Lieb versenken, will ich mich ganz hinein.
Nimm hin mein Herz, gib mir das dein’ —
Lass beide Herzen ein Herz sein!


Quelle: Alphons Maria Rathgeber, „Kirch und Leben“ – Ein Buch von der Schönheit und Segenskraft der Kirche. Verlag Albert Pröpster, Kempten im Allgäu, 1956.
Bild: Kalender „Deutschland braucht Mariens Hilfe“ 2004, Dezember