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Dienstag, 13. April 2021

Papst Franziskus’ „abrahamitische Religionen”

                                                            von Luiz Sérgio Solimeo


Papst Franziskus mit dem islamischen Groß Ayatollah Ali Sistani im Irak am 03.06.2021

Während seiner Reise in den Irak (5. bis 8. März 2021) sagte Papst Franziskus mehrmals, dass Abraham sich an der Wurzel des Judentums, des Christentums und des Islam befindet. Bei seiner Ankunft in Bagdad dankte er den Zivilbehörden für die Möglichkeit, dieses Land zu besuchen, „die Wiege der Zivilisation, die über den Patriarchen Abraham und zahlreiche Propheten [...] mit den großen religiösen Traditionen des Judentums, des Christentums und des Islam eng verbunden ist“. [1]

Der Papst wiederholte diese Idee am nächsten Tag bei einem interreligiösen Treffen in der Nähe der Ruinen von Ur und sagte, „es scheint uns, als würden wir nach Hause zurückkehren“, als er an diesem „gesegneten Ort“ ankam, „zum Ursprung unserer Religionen. Hier, wo unser Vater Abraham lebte“.

Im Gebet der Kinder Abrahams, mit dem er seine Ansprache beendete, betete er: „Wir, die Söhne und Töchter Abrahams, die dem Judentum, dem Christentum und dem Islam angehören, danken Dir […], dass Du uns Abraham […] als gemeinsamen Vater im Glauben geschenkt hast“. [2]

Diese Auffassung beruht auf verwirrenden Passagen in den Dokumenten des 2. Vatikanischen Konzils Lumen Gentium (Nr. 16) und Nostra Aetate (Nr. 3). In diesen Dokumenten wird implizit dargestellt, dass das heutige Judentum und der Islam ihren Ursprung beim Patriarchen Abraham haben. Diese Texte zeigen den Einfluss des französischen Orientalisten P. Louis Massignon (1883–1962) und seine Theorie über die „abrahamitischen Religionen“, zu denen angeblich Judentum, Islam und Christentum gehören sollen. [3]

Abraham und der Islam

Abraham und Isaak. Werk von Jan Victors (1619-1679)

Befürworter der unbewiesenen Theorie, dass Muslime von Abraham abstammen, behaupten, dass dies durch Ismael geschehen sei. Es muss jedoch daran erinnert werden, dass der Segen des Patriarchen an seine Nachkommen durch Isaak und Jakob weitergegeben wurde, und nicht durch Ismael, seinem Sohn mit Hagar. Selbst wenn die Muslime Nachkommen Ismaels wären, könnte der Islam folglich nicht als „abrahamitische Religion“ im geistigen Sinne bezeichnet werden.

In der Tat sagt das Buch Genesis:

»Dann sagte Abraham zu Gott: „Möchte doch Ismael vor dir leben!“ Gott aber sprach: „Nicht so! Sara, deine Frau, schenkt dir einen Sohn, und du sollst ihm den Namen Isaak geben! Ich werde meinen Bund mit ihm  aufrichten zum ewigen Bund, auf das ich ihm und seinen Nachkommen nach ihm Gott sein werde. Aber auch wegen Ismael erhöre ich dich. Siehe, ich segne ihn und lasse ihn fruchtbar werden und mache ihn zahlreich, überaus zahlreich. Zwölf Fürsten wird er erzeugen, und ich mache ihn zu einem großen Volk. Meinen Bund aber richte ich mit Isaak auf, den dir Sara nächstes Jahr um diese Zeit gebären wird“.« (Gen 17,18-21).

Wenn auch die göttliche Offenbarung einen geistigen Bund zwischen Abraham und Muslimen ausschließt, schließt das auch die biologische Bindung aus? Es gibt keine Hinweise auf solche Ahnenbindungen. Pater René Dagorn machte eine sorgfältige Untersuchung der arabischen Genealogie von vor dem Erscheinen des Islam (622 n. Chr.) und stellte fest, dass die Namen Abraham (Ibrahim), Ismael und Hagar nicht verwendet wurden. Wenn die Araber jedoch von Ismael abstammen, kommt Pater Dagorn zu dem Schluss, hätten sie die Erinnerung an diese Namen behalten, indem sie sie für ihre Kinder verwendet hätten, was nicht der Fall ist. [4]

Pater Antoine Moussali, ein Spezialist für Islam, zeigt auch, dass der biblische und der koranische Abraham nichts gemeinsam haben. Gottes Verheißung an Abraham in der Heiligen Schrift wurde in Jesus Christus erfüllt. Der Koran stellt Abraham als Verteidiger der Einzigheit Gottes dar (im Gegensatz zur Dreifaltigkeit). [5]

Ein anderer Islamologe, P. François Jourdan, fragt: „Wie kann Abraham der Vater verschiedener Religionen sein? […] Unter welcher Begründung ist Abraham ein Vater im Glauben? Wie ist er der Vater in den jeweiligen Glauben, da sie unterschiedlich sind?“ Er erklärt, dass der Islam angemessener als „adamitische Religion“ bezeichnet werden sollte, da er der Ansicht ist, dass Adam der erste monotheistische Prophet war. [6]

Abraham und die Juden

Abraham war nicht der Gründer einer Religion. Gott erwählte ihn als den Patriarchen des auserwählten Volkes, aus dem der Sohn Gottes nach dem Fleische geboren werden würde. Gottes Bund mit Abraham beruhte auf seinem Glauben, seiner Treue und seinem Vertrauen. Nach der Prüfung, seinen Sohn Isaak zu opfern, segnete Gott ihn und versprach ihm eine große Nachkommenschaft und große Macht. Seine Nachkommen würden wegen ihm gesegnet sein (siehe Genesis 18).

Indessen wäre eine biologische Vererbung allein nicht ausreichend, um „Kinder Abrahams“ hervorzubringen. Seine Nachkommen müssten am Geist Abrahams und an seiner Treue zu Gottes Verheißung teilnehmen. Der heilige Johannes der Täufer tadelte die Pharisäer und Sadduzäer, die glaubten, gerettet zu sein, weil sie Nachkommen Abrahams waren, und sagte: „Bringet also Frucht, die der Umkehr entspricht, lasst euch nicht einfallen, in eurem Innern zu denken: Wir haben Abraham zum Vater! Denn ich sage euch: Aus diesen Steinen da kann Gott dem Abraham Kinder erwecken“ (Mt 3, 8-9).

Jesus selbst warnte die Pharisäer, dass es nicht genug sei, ein Nachkomme Abrahams im Fleische zu sein. Sie sagten: „Abraham ist unser Vater. Jesus sagte zu ihnen: Wäret ihr Kinder Abrahams, würdet ihr auch Abrahams Werke tun“ (Joh 8,39).

Im geistigen Sinn war der Vater der Pharisäer der Teufel, nicht Abraham, denn der Erlöser sagte ihnen: „Ihr habt den Teufel zum Vater und wollt die Gelüste eures Vaters tun“ (Joh 8,44). Nachdem die Juden den verheißenen Erlöser verkannt hatten, hörten sie auf, „Kinder Abrahams“ im geistigen Sinne zu sein, denn sie bestritten den eigentlichen Zweck der Verheißung, die Gott dem Patriarchen gegeben hatte, nämlich das Kommen des Messias, unseres Herrn Jesus Christus.

Christen, sind die wahren Kinder Abrahams

Der heilige Paulus lehrt, dass diejenigen, die an Christus glauben, die wahren Kinder Abrahams sind. Er schreibt an die Galater:

„So sollte zu den Heiden der Segen Abrahams kommen, in Christus Jesus […]. Nun sind aber die Verheißungen dem Abraham und seinem Samen zugesagt worden. Es heißt nicht: und den Samen, als ob es sich um eine Mehrzahl handelte, sondern im Hinblick auf einen einzigen: und deinem Samen, das ist Christus“ (Gal 3, 14-16).

Der große Exeget Cornelius a Lápide kommentiert diese Passage:

„Die Verheißung des Geistes. Für die Kinder Abrahams, d.h. für diejenigen, die an Christus glauben, erhielten Abrahams Nachkommen die Verheißung des Heiligen Geistes, uns zu rechtfertigen und zu heiligen. Denn als Gott zu Abraham sagte: „Zu dir“, wurde seinem Samen, der Christus ist, der Segen verliehen.“ [7]

Interreligiöser Dialog und Verwirrung

Anstatt die Orthodoxie des Glaubens zu verteidigen, die Treue der Katholiken zu stärken und damit die Bekehrung der Ungläubigen zu erreichen, geht es Papst Franziskus nur darum, mit ihnen „in Dialog zu treten“. Das Ergebnis ist, dass weder die Ungläubigen bekehrt noch die Katholiken im Glauben gestärkt werden.

Die Verwirrung nimmt ständig zu und mit ihr der Abfall vom Glauben, da der Höchste Hirte der Kirche es versäumt hat, die bereits Getauften im Glauben zu stärken (siehe Lukas 22, 32). Wie Abraham müssen wir absolutes Vertrauen in Gott haben und auf sein Eingreifen heute warten, wie auf den Engel, den er im Alten Testament gesandt hat, um Isaaks Opferung zu verhindern.

Lasst uns zu Unserer Lieben Frau des Vertrauens beten, „Mater mea, fiducia mea“ (Mutter mein, mein Vertrauen), um uns in diesen schrecklichen Zeiten zu helfen.

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Anmerkungen:

[1] Apostolische Reise von Papst Franziskus in den Irak (5.-8. März 2021). Begegnung mit den Vertretern der Regierung, der Zivilgesellschaft und mit dem Diplomatischen Korps. Ansprache von Papst Franziskus im Präsidentenpalast in Bagdad. Freitag, den 5. März 2021. http://www.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2021/march/documents/papa-francesco_20210305_iraq-autorita.html

[2] Apostolische Reise von Papst Franziskus in den Irak (5.-8. März 2021). Interreligiöse Begegnung. Ebene von Ur, Samstag, 6. März 2021. http://www.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2021/march/documents/papa-francesco_20210306_iraq-incontro-interreligioso.html

[3] Ebda.

[4] S. Florence Ollivry-Duamirieh, „50 ans après Vatican II: La contribution de Louis Massignon au renouvellement du regard porté par l’Église sur l’islam,” Théologiques 22, no. 1 (2014): 189–217, https://www.erudit.org/fr/revues/theologi/2014-v22-n1-theologi02072/1033101ar.pdf; S. auch Luiz Sérgio Solimeo, „Islam and the Suicide of the West“ (Spring Grove, Penn.: The American Society for the Defense of Tradition, Family, and Property, 2018).

[5] René Dagorn, La geste d’Ismael d’après l’onommastique et la tradition arabes (Genebra: Librairie Droz, 1981), 377.

[6] Antoine Moussali, C.M., „La Croix et le croissant: Le Christianisme face à l’Islam“ (Versailles: Editions de Paris, 1998), 55.

[7] François Jourdan, C.M.J., Dieu des Chrétiens, Dieu des Musulmans: Des repères pour comprendre (Paris: Éditions de L’Oeuvre, 2008)

[8] The Great Commentary of Cornelius A Lapide, translated and edited by W. F. Cobb (Edimburg: John Grant, 1908), 275.

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Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von Google-Übersetzer in ABIM SP – Brasilien vom 7. April 2021: “As ‘religiões abraâmicas’ do Papa Francisco”

https://www.abim.inf.br/as-religioes-abraamicas-do-papa-francisco/

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Diese deutsche Fassung von »Die „abrahamitischen Religionen” von Papst Franziskus« erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Geheime Beziehungen des Klangs der Glocke zu uns


Der Klang der Glocken hat eine Menge geheimer Beziehungen zu uns. Wie oft haben wir in der Stille der Nacht die Schläge der Sterbeglocke gehört. Wie die langsamen Pulsschläge eines sterbenden Herzens, das Ohr einer ehebrecherischen Gattin überrascht! Wie oft sind sie nicht zu den Gottlosen vorgedrungen, der in ruchloser Nachtwache vielleicht gerade zu schreiben wagte, es gebe keinen Gott! Die Feder sinkt ihm aus der Hand; mit Schauder hört er auf das Totenglöckchen, das ihn zu fragen scheint: Ist’s wirklich so, dass es keinen Gott gibt? Und o! Wie viele solcher Klänge erschrecken nicht den Schlaf unserer Tyrannen! Seltsame Religion, die durch einen Schlag an das magische Metall die Lust in Qual verwandeln, den Gottesleugner erschüttern und der Hand des Mörders den Dolch entreißen kann!


Aus dem Herz-Jesu-Kalender der Fédération pro Europa Christiana - FPEC - Frankreich, November 2016

 Textquelle: François-René de Chateaubriand, „Geist des Christentums oder die Schönheiten der christlichen Religion“. Morus Verlag, Berlin 2004. S. 503f.

 Dieser Beitrag erschien in deutscher Sprache zuerst im Blog Revolution und Gegenrevolution.

© Nachdruck ist mit Quellenangabe gestattet.

Mittwoch, 16. Mai 2018

Die Glocke bestimmt die Tageszeiten


„Die Arbeit begann und hörte auf beim Klang der Glocke. Man vernahm ihn beim ersten Strahl des Morgengrauens. Sofort versammelten sich die Kinder in der Kirche, wo ihr Morgenkonzert wie das der kleinen Vögel bis zum Sonnenaufgang dauerte. Männer und Frauen besuchten die Messe, von wo aus sie zur Arbeit gingen. Am Ende des Tages rief die Glocke erneut die Bürger an den Altar, und sie sangen das Abendgebet im Doppelchor mit großer Musik.“

Aus dem Herz-Jesu-Kalender der Fédération pro Europa Christiana - FPEC - Frankreich, März 2016.
Freie Übersetzung des Kalendertextes aus dem Französischen.

Sonntag, 13. Mai 2018

Die Schönheit des Glockenklangs


»Da wir uns nun vorbereiten, in den Tempel einzutreten, sprechen wir zuerst von der Glocke, die uns in den Tempel ruft.
Vor allem scheint uns etwas ganz Wunderbares, dass man ein Mittel gefunden hat, durch einen bloßen Hammerschlag in der selben Minute in tausend verschiedenen Herzen das gleiche Gefühl zu wecken und die Winde und Wolken zu zwingen, sich mit den Gedanken der Menschen zu beladen. Zudem zeichnet sich der Klang der Glocke durch eine Schönheit aus, wie es wenige gibt; sie hat etwas „Großartiges“, wie es die Kunstverständigen heißen. Das Rollen des Donners ist erhaben, und zwar nur, weil es großartig ist. Ebenso verhält es sich mit den Winden, de Meeren, den Wasserfällen und der Stimme eines ganzen Volkes.
Mit welcher Lust hätte Pythagoras, der dem Hammerschlag eines Schmiedes begierig lauschte, am Vorabend eines kirchlichen Festes dem Klang unserer Glocken zugehört! Die Seele kann von den Tönen einer Leier gerührt werden, aber sie wird nicht von Begeisterung ergriffen, wie wenn der Donner der Schlachten sie aufweckt, oder wenn ein dumpfes Geläut bis zu den Wolken empor die Triumphe des Gottes der Schlachten verkündet.«


Aus dem Herz-Jesu-Kalender der Fédération pro Europa Christiana - FPEC - Frankreich, Februar 2016

Textquelle: François-René de Chateaubriand, „Geist des Christentums oder die Schönheiten der christlichen Religion“. Morus Verlag, Berlin 2004. S. 503.

Samstag, 12. Mai 2018

Der Adler in der katholischen Symbolik


Wie der Adler sich in die Lüfte erhebt, so steht Christus glorreich von den Toten auf und fährt zum Himmel empor. Das Adlerpult von Sankt Afra (England 1870) ruht auf achteckigem Sockel, der den ersten Tag der neuen Schöpfung nach den sieben Wochentagen der ersten Schöpfung versinnbildlicht. Dieser verjüngt sich zu einem vierseitigen Pfeiler, in dessen Nischen die vier Evangelisten Gottes Wort in die Himmelsrichtungen verkünden. Auf dem kugelförmigen Welt und Kosmos symbolisierenden Abschluss breitet der Adler seine Schwingen aus: ein Bild für Christus, den siegreichen König, der durch Seinen Opfertod das ewige Leben erwirbt. Ihm ähnlich sind alle, die den alten Menschen in der Taufe und dann in der Erneuerung durch das Bußsakrament begraben. Sie haben teil an der Auferstehung des Herrn.
Wie der Adler seine Jungen beschirmt, so hütet Gott Sein Volk und schenkt ihm Sein Wort. Der Adler ist aber nicht nur ein Bild Gottes, der Sein Volk rettet, und ein Bild Christi, der diese Rettung vollendet. Er ist auch das Attribut des Evangelisten Johannes, dessen Evangelienprolog am Ende jeder Messe auf der Seite des Altares gebetet wird, auf dem nun auch der Adler mit scharfem Auge die Höhe und Tiefe des Geheimnisses des fleischgewordenen Wortes schaut. Der Jünger, der unter dem Kreuz stand und als erster am Grab war, ist rein und stark genug, gleich dem Adler in die Sonne zu schauen. Er sieht und verkündet der Kirche die Herrlichkeit des Auferstandenen „voll der Gnade und Wahrheit — plenum gratiae et Veritatis“.

Probst Gerald Gösche
Institut St. Philipp Neri, Gesellschaft apostolischen Lebens päpstlichen Rechts
Graunstraße 31, l3355 Berlin
Ostern 2016

Mittwoch, 25. April 2018

Der Kirchturm



»Kommt euch eine Landschaft nackt, traurig, öde vor, setzt einen Kirchturm hinein, und im Augenblick wird sich alles beleben: Die lieblichen Vorstellungen vom Hirten und der Herde, von einer Zuflucht für den Wanderer, von Almosen für den Pilger, von christlicher Gastfreundschaft und Brüderschaft treten von allen Seiten plötzlich ins Leben.«

Aus dem Herz-Jesu-Kalender der Fédération pro Europa Christiana - FPEC - Frankreich, Januar 2016

Textquelle: François-René de Chateaubriand, „Geist des Christentums oder die Schönheiten der christlichen Religion“. Morus Verlag, Berlin 2004. S. 395.

Montag, 9. April 2018

Kardinal Sarah: Der Selbstmord Europas und die Verantwortung der Kirche



Dr. Dieter Fasen
Kardinal Sarah ist für mich die aktuelle Stimme der Kirche in der heutigen Zeit. Dort wo Wirrnis herrscht und katholische Gläubige den Durchblick verlieren, spricht Kardinal Sarah Klarheit. Aus diesem Grund erlaube ich mir Ihnen zwei Beiträge vom Tage über Kardinal Sarah zu senden. Er nennt die Gründe des europäischen Zusammenbruches:
    1. Die Loslösung der europäischen Gesellschaften von der Ordnung des Naturrechtes, uns Deutschen bekannt unter dem Gesetz gewordenen Slogan „die Ehe für Alle“.
    2. Die Steuerung und Vergiftung der Gesellschaften durch säkulare Akteure, welche m-E. in die Kirche eingedrungen sind.
    3. Eine Mitschuld der europäischen Kirche an dieser Entwicklung, die darin besteht, dass sie nicht mehr in Treue zur Lehre und Tradition steht.
Kardinal Sarah spricht für eine Kirche, welche die  wahre moralische Autorität der Welt ist. Er warnt vor dem Tod Europas.
Kardinal Sarah: Der Selbstmord Europas und die Verantwortung der Kirche
Der aus Guinea stammende Kardinal Robert Sarah gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der katholischen Kirche der Gegenwart und als ein möglicher Kandidat für das Amt des Papstes. Während eines Aufenthalts in Belgien  warnte er vor einigen Tagen vor dem drohenden kulturellen Selbstmord Europas und warf Teilen der Kirche des Kontinents eine Mitschuld an dieser Entwicklung vor.
Die geistig-kulturelle Lage westlicher Gesellschaften sei insbesondere in Europa Besorgnis erregend. Die Trennung dieser Gesellschaften von ihren religiösen Wurzeln im Zuge der Durchsetzung materialistischer Ideologien führe zunehmend dazu, dass sie ihre Seele verlieren würden, was sie nicht dauerhaft überleben könnten.
    * Europäischen Gesellschaften, die diesem Weg weiter folgten, drohe der Zusammenbruch. Eine von der Ordnung des Naturrechts losgelöste Anhäufung von Reichtum und Technologie würde diese Gesellschaften zu einem „steuerlosen Schiff“ machen, das „früher oder später auf die Riffe der Selbstsucht“ stoßen und sinken werde.
    * Die säkularen Akteure, welche die dahinter stehende globalistische kulturelle und wirtschaftliche Agenda vorantrieben, würden über enorme finanzielle Mitteln sowie den Rückhalt der Medien verfügen und mit ihren „tödlichen Ideologien“ von westlichen Gesellschaften ausgehend die gesamte Welt „vergiften“.
    * Die Kirche in Europa befände sich in einer „großen Glaubenskrise“ trage eine Mitschuld an dieser Entwicklung. Sie würde häufig nicht mehr treu zur eigenen Lehre und Tradition stehen, stattdessen Anpassung an utopische und materialistische Ideologien betreiben und mit entsprechenden Akteuren kollaborieren, etwa bei Anstrengungen zur Auflösung von Ehe und Familie. Kardinal Sarah sprach diesbezüglich von einem „Verrat“ von Teilen der Kirche an der Menschheit.
Die Kirche müsse in dieser Lage den Schatz ihrer Lehre und Tradition gegen die „Raubtiere einer Welt ohne Gott“ entschlossen verteidigen.
Hintergrund
Die Worte Kardinal Sarahs wurden von katholischen Medien als Antwort auf die jüngsten Vorstöße deutscher Christen in Lebens- und Familienfragen gedeutet.
Kardinal Sarah ist für seine besonders deutliche Ansprache der existenziellen Herausforderungen bekannt, denen das Christentum in Europa gegenübersteht. Bereits im November 2016 hatte er davor gewarnt, dass nicht nur der  Kultur, sondern auch den Menschen Europas der Tod durch Trennung von ihren Wurzeln und Abbruch der Weitergabe ihres Erbes drohe. Gegenüber französischen Medien sagte er:
„Die größte Sorge besteht darin, dass Europa den Sinn für seine Ursprünge verloren hat. Es hat seine Wurzeln verloren. Und ein Baum, der keine Wurzeln hat, stirbt ab. Ich habe Angst, dass der Westen stirbt. Es gibt viele Anzeichen dafür. Niedrige Geburtsraten. Und ihr seid schließlich von anderen Kulturen überströmt, von anderen Völkern, die euch fortschreitend in ihrer Zahl dominieren und eure Kultur vollkommen verändern werden, eure Überzeugungen, eure Werte.“

Kardinal Robert Sarah: Positionen zur Lage
des Christentums in Europa
Inhalt
    * 1. Die Herausforderung des Christentums durch utopische revolutionäre Ideologien und den politischen Islam
    * 2. Kardinal Sarah über islambezogene Herausforderungen für das Christentum und Europa
    * 3. Warnung vor dem drohenden Tod Europas
    * 4. Die Mitverantwortung der Kirche an der Krise Europas
Stand: 01.03.2018
Diese Seite dokumentiert Positionen Kardinal Robert Sarahs zur Lage des Christentums in Europa und zu den Herausforderungen, denen es gegenübersteht.
Der aus Guinea stammende Robert Kardinal Sarah gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der katholischen Kirche der Gegenwart und als ein möglicher Kandidat für das Amt des Papstes. Papst Benedikt XVI. hatte Kardinal Sarah in einer seiner wenigen öffentlichen Äußerungen nach seiner Emeritierung 2017 als „geistlichen Lehrer“ bezeichnet, was als Zeichen dafür gedeutet wurde, dass auch er Sarah als möglichen Kandidaten für das Amt des Papstes unterstützt.
1. Die Herausforderung des Christentums durch utopische revolutionäre Ideologien und den politischen Islam
„Was im 20. Jahrhundert Nazi-Faschismus und Kommunismus waren, das sind heute westliche Ideologien über Homosexualität und Abtreibung sowie der Islamistische Fanatismus“, sagte Sarah […]. Die Kirche befinde sich zwischen dem Götzendienst westlicher Freiheit und dem islamischen Fundamentalismus, beides seien „apokalyptische Bestien“, ergänzte Sarah. „Wir befinden uns, um einen Slogan zu benutzen, zwischen ‚Gender-Ideologie und IS’“ […]. Die größten Bedrohungen für die Kirche seien auf der einen Seite schnelle und leichte Scheidungen, Abtreibungen und die Homo-Ehe. Auf der anderen Seite stünde „die Pseudofamilie im ideologisierten Islam, die Polygamie, eine Abwertung der Frau, sexuelle Sklaverei, und die Kinderheirat legitimiert“.
In einer Predigt, die er im August 2017 während eines Besuchs in der Vendée in Frankreich hielt, ging er auch auf den dort zwischen 1793 – 1796 aktiven Widerstand gegen den Terror der französischen Revolution ein und zog Parallelen zur Gegenwart. Er rief in diesem Zusammenhang Christen zum Kampf gegen revolutionäre Ideologien und den Islamismus auf:
Wir Christen brauchen den Geist der Bewohner der Vendée! […] Wie sie müssen wir unsere Aussaat, unsere Ernte, die von unseren Pflügen gezogenen Furchen verlassen, um zu kämpfen – nicht für die Verteidigung menschlicher Interessen, sondern für Gott! Wer wird also heute für Gott aufstehen? Wer wird es wagen, sich den modernen Verfolgern der Kirche entgegenzustellen? […] Heute sterben unsere christlichen Brüder im Nahen Osten, in Pakistan, in Afrika für ihren Glauben, vernichtet von den Kolonnen des sie verfolgenden Islamismus. […]
Liebe Freunde, das Blut der Märtyrer fließt in Euren Adern. Seid ihm treu! […] Nur die großzügige Liebe und die uneigennützige Hingabe des eigenen Lebens können den Haß gegen Gott und die Menschen besiegen, der Ursprung jeder Revolution ist. Die Bewohner der Vendée haben uns gelehrt, allen diese Revolutionen zu widerstehen. Sie haben uns gezeigt, daß es auf die Höllenkolonnen, die nationalsozialistischen Vernichtungslager, die kommunistischen Gulag, die islamistischen Barbarei nur eine Antwort gibt: Die völlige Selbsthingabe des eigenen Lebens.
Er zog zudem eine Linie vom Terror der französischen Revolution zu den utopischen Ideologien der Gegenwart:
Heute wieder, vielleicht heute sogar mehr denn je, wollen die Revolutionsideologen den natürlichen Ort der Selbsthingabe, der freudigen Großzügigkeit und der Liebe vernichten – ich meine die Familie! Die Gender-Ideologie, die Verachtung der Fruchtbarkeit und der Treue sind die neuen Leitsprüche der Revolution. Die Familien sind zu vielen Vendées geworden, die ausgerottet werden sollen. Man plant systematisch sie auszulöschen, wie man es einst gegen die Vendée getan hat. […] Überall: Die christlichen Familien müssen freudige Avantgarde eines Aufstandes gegen diese neue Diktatur des Egoismus sein!
Der Kardinal betonte dabei, dass der Widerstand in Europa gegen den „real existierenden Atheismus, der unser Leben erstickt“, ein geistiger Widerstand sein müsse, der „ohne Ressentiments und ohne Animositäten“ zu führen sei.
Auf der Konferenz „Europa Christi“, die im Oktober 2017 in Polen stattfand, sprach er über die geistige Krise Europas und der westlichen Welt sowie über deren Aufstand gegen die Ordnung Gottes. Berichte über die Äußerungen Kardinal Sarahs finden sich hier und hier.
    * Europa habe sich nach der Überwindung des Kommunismus dagegen entschlossen, seine Zukunft auf der Grundlage seines christlichen Erbes zu gestalten. Es habe sich statt dessen für die „Ideologie des liberalen Individualismus“ entschieden, von seinen Wurzeln getrennt und sei in eine Phase der „stillen Apostasie“ und des Nihilismus eingetreten, die von materialistischen und utopischen Ideologien geprägt sei. Die westliche Welt befinde sich in einer geistigen Krise und im Aufstand gegen die Ordnung Gottes.
    * Die kulturelle Auflösung der westlichen Welt habe globale Auswirkungen. Insbesondere das von ihr verbreitete kulturrevolutionäre Menschenbild der Gender-Ideologie würde großen Schaden anrichten, etwa in Form der angestrebten Auflösung des Konzeptes der Ehe von Mann und Frau des traditionellen Familienbilds. Die Verbreitung dieser Ideologien stelle eine „neue Form des Kolonialismus“ dar.
    * Der Umgang mit dem Thema Migration sei Ausdruck der geistigen Krise Europas. Die Verwirklichung des Gemeinwohls erfordere die Unterscheidung von Migranten nach ihrer kulturellen Integrierbarkeit. Liberale Ideologien würden hingegen würden diese Unterscheidung nicht treffen, weil sie globale Vereinheitlichung durch die Auflösung von Grenzen, Nationen und Kulturen anstrebten. Ihr Ziel sei eine Welt, deren einzige Werte Produktion und Konsum seien.
Christen in Europa müssten vor diesem Hintergrund Zeugnis dafür ablegen, dass der Kern einer Nation ihre Kultur sei, und dass der Kern einer Kultur der Glaube sei. Nationen wie Polen hätten aus dem Glauben heraus in der Vergangenheit heroischen Widerstand gegen die Ideologien des Bösen geleistet und seien jetzt dazu berufen, Wächter des christlichen Erbes in Europa zu sein.
2. Kardinal Sarah über islambezogene Herausforderungen für das Christentum und Europa
Sarah hatte im April 2017 vor islambezogenen Herausforderungen für Europa und den Gefahren, die durch den in Europa zu beobachtenden Identitätsverlust entstehen, gewarnt:
Jener extremistische Islam aber, der als politische Organisation auftritt und sich dem Rest der Welt aufzwingen will, stellt nicht nur eine Gefahr für Afrika dar. Er ist ist vor allem eine Gefahr für die Gesellschaften in Europa, die allzu oft keine Identität und keine Religion mehr haben. Wenn eine Gesellschaft aber ihre eigenen Werte verdammt, die aus ihrer Tradition, Kultur und Religion hervorgegangen sind, dann ist sie dem Untergang geweiht. Denn sie hat damit jeglichen Antrieb, jegliche Energie und jeglichen Willen verloren, um für die Verteidigung ihrer Identität zu kämpfen.
Kardinal Sarah hatte zudem europäischen Regierungen zuvor Tatenlosigkeit angesichts der zunehmenden Aggressivität radikal-islamischer Akteure vorgeworfen:
Wie viele Tote braucht es, wie viele abgeschlagene Köpfe bis die europäischen Regierenden die Lage begreifen, in der sich der Westen befindet?
3. Warnung vor dem drohenden Tod Europas
Im November 2016 warnte er, dass nicht nur der  Kultur, sondern auch den Menschen Europas der Tod durch Trennung von ihren Wurzeln und Abbruch der Weitergabe ihres Erbes drohe. Gegenüber französischen Medien sagte er: [D]ie größte Sorge besteht darin, dass Europa den Sinn für seine Ursprünge verloren hat. Es hat seine Wurzeln verloren. Und ein Baum, der keine Wurzeln hat, stirbt ab. Ich habe Angst, dass der Westen stirbt. Es gibt viele Anzeichen dafür. Niedrige Geburtsraten. Und ihr seid schließlich von anderen Kulturen überströmt, von anderen Völkern, die euch fortschreitend in ihrer Zahl dominieren und eure Kultur vollkommen verändern werden, eure Überzeugungen, eure Werte.
4. Die Mitverantwortung der Kirche an der Krise Europas
Während eines Aufenthalts in Belgien warf Kardinal Sarah im Februar 2018 Teilen der Kirche vor, die geistig-kulturelle Krise Europas mitzuverantworten. Die Kirche in Europa befände sich in einer „großen Glaubenskrise“ und würde häufig nicht mehr treu zur eigenen Lehre und Tradition stehen, stattdessen Anpassung an utopische und materialistische Ideologien betreiben und mit entsprechenden Akteuren kollaborieren, etwa bei Anstrengungen zur Auflösung von Ehe und Familie. Kardinal Sarah sprach diesbezüglich von einem „Verrat“ von Teilen der Kirche an der Menschheit.
Abschließend empfehlen wir diesen großen afrikanischen  Kardinal, der zugleich wahrer Europäer ist, Ihrem Gebete an.

Für den Arbeitskreis von Katholiken Dr. Dieter Fasen
Quelle: Bund Katholischer Ärzte – BKÄ - München