Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 13. Dezember 2022

Eine kummervolle Seele


Weihnachtsgeschichte

      Das Angstgefühl einer Seele, die im Laufe der Jahre die göttlichen Gebote vergaß, aber in der Erinnerung an die Freuden, die der Weihnachtszeit eigen sind, von der Gnade bewegt wurde und vom Erlöser auf die Fürsprache der Heiligen Jungfrau die Vergebung für ihr widerspenstiges Leben erhielt.

* * *

Benoît Bemelmans (2005)

      In ihrem schmerzenden Körper war auch ihre Seele traurig und verwundet.

      Mehr als die Kälte der Nacht, mehr als die Schmerzen in ihren Gliedern, weil sie so viel in der Stadt unterwegs war, litt sie unter einem verborgenen und tiefen Unwohlsein.

      In dieser Weihnachtsnacht wanderte die gequälte Seele durch die Straßen und versuchte, die Ursache ihres Leidens zu ignorieren.

      Sie hatte sich längst in Gleichgültigkeit eingerichtet. Wann hatte sie das letzte Mal in einem Beichtstuhl gekniet, um Vergebung für ihre Fehler zu erhalten?

      Sie war keine große Kriminelle, nein. Sie war eine ganz normale Person, die ihrem täglichen Leben nachging. Sie hatte nur das Gesetz Gottes vergessen, das sie durch ihr eigenes Vergnügen, ihre Selbstsucht und alle Arten von Niedertracht ersetzt hatte, die ihre Seele durchdrangen wie das Rascheln toter Blätter, die vom Wirbelwind eines bösen Atems fortgetragen
werden.

      War es ein Mann? War es eine Frau?

      Das spielt keine Rolle. Es war eine Seele, die in Traurigkeit versunken war, die unvermeidliche und bittere Frucht eines schlechten Gewissens, wenn sie, ohne es sich selbst eingestehen zu wollen, all das sieht, was sie durch die Ablehnung der Freundschaft Gottes verloren hat. Es gibt so viele solcher Seelen in der heutigen neuheidnischen Welt, die durch die Gewohnheit der Skepsis verhärtet sind!

      Den ganzen Tag über war sie damit beschäftigt gewesen, die letzten Vorbereitungen für Weihnachten zu treffen. Denn trotz der Vernachlässigung ihres geistlichen Lebens erinnerte sich diese Seele noch an die Freude und Unschuld ihrer ersten Weihnachtsfeiertage. Sie sehnte sich nach einem Glück, das ihr immer mehr zu entgleiten schien, und versuchte, so weit wie möglich, die Atmosphäre der Weihnachtsfeste ihrer Kindheit um sich herum wiederherzustellen. Sie war sehr begabt darin und schaffte es trotz allem, einige Freunde und Verwandte um einen schön geschmückten Tannenbaum, eine kleine Krippe und ein Abendessen zu versammeln, um nicht alleine ein allzu melancholisches Fest zu feiern.

      Die Jahre waren vergangen, aber die unsterbliche Seele bewahrte noch die Spuren ihrer unschuldigen Kindheit.

      Übrigens, wenn der Leser die Erwachsenen beobachtet, wird er sehen, dass in ihren Seelen das Kind nie sehr weit weg ist, selbst wenn die Sünden es verdunkelt haben. Wird dieses Kind eines Tages erwachen?

      Der Baum leuchtete schon seit einigen Tagen mit all seinen bunten Kugeln, und die Krippe über dem Kamin wartete nur noch auf die heilige Nacht, in der sie das Jesuskind aufnehmen würde.


     
Jeden Abend freute sich die Seele, wenn sie ihr kleines Lehmlamm voranschreiten ließ. Sie begann auch das Gebet zu sprechen, dass ihre Mutter sie vor der Krippe hatte sprechen lassen. Das Lamm hatte sich von der Höhe des Papierhügels auf den Weg gemacht, und die Seele fragte sich, ob es die Krippe rechtzeitig zum Heiligen Abend erreichen würde.

      Ihr Lamm erinnerte sie daran, dass auch sie, ganz in Weiß gekleidet, zum Stall gehen sollte, um durch die Muttergottes ein inbrünstiges Gebet an das göttliche Kind zu richten. Es war das beste Geschenk, das sie dem Jesuskind machen konnte, das ja gekommen ist, uns zu retten.

      - Zu retten, mich, wovor? - fragte sie sich.

      Um sie von der Sünde zu erlösen, ihr die Pforten des Himmels zu öffnen, sie zu einem Kind Gottes zu machen, sie aus den Klauen des Teufels zu befreien, indem er für sie am Kreuz sterben würde.

      In der Krippe liegend, zwischen Ochs und Esel, breitet das Jesuskind seine Arme aus, um uns zu empfangen... aber es breitet sie bereits in Form eines Kreuzes aus!

      Als sie zur Erstkommunion gegangen war, war Weihnachten noch schöner geworden.

      Wie strahlend war die Christmette in der Pfarrkirche! Die Kerzen leuchteten auf dem Altar, Weihnachtslieder stiegen mit den Weihrauchwolken zum Himmel auf... Bei der Kommunion empfängt die Seele Jesus, ihren Retter. Sie betete ihn an, wie es die Hirten im Stall zu Bethlehem getan hatten, sie bot sich ihm an und war überwältigt von der Freude über seine barmherzige Liebe.

      Sie hatte sich sorgfältig auf diese wunderbare Begegnung vorbereitet. Einige Tage zuvor hatte sie ihre Fehler demütig und reumütig einem alten Priester gebeichtet, der sie immer freundlich ermutigt hatte, auf dem Weg des Guten zu bleiben.

      - Bete auch für mich. Denn es wird der Tag kommen, an dem Sie mich nicht mehr hier finden werden, um Sie zu beraten.

      Die Seele verließ den Beichtstuhl mit einem großen Gefühl der Leichtigkeit, erfüllt von der ruhigen Freude, sich in der Freundschaft Gottes zu wissen.

      Und jeden Abend sprach sie vor der Krippe das Gebet, das ihr ihre Mutter beigebracht hatte, um sich auf Weihnachten vorzubereiten. Es war ein wunderschönes Gebet, das an die Heilige Jungfrau gerichtet war, die für uns alles von ihrem göttlichen Sohn erhält.

      - Wie war dieses Gebet noch? -- fragte ihre gequälte Seele.

      Aus den Tiefen der jahrelangen Gleichgültigkeit tauchten allmählich die lange vergessenen Worte in ihrem Gedächtnis auf:

      Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, von Ewigkeit her ist es unerhört, dass einer, der zu dir seine Zuflucht genommen, deine Hilfe angerufen, um deine Fürsprache gebeten, von dir sei verlassen worden. Von diesem Vertrauen beseelt, eile ich zu dir, o Jungfrau der Jungfrauen und Mutter; zu dir komme ich, vor dir stehe ich seufzend unter der Last meiner Sünden. Verschmähe nicht meine Worte, du Mutter des menschgewordenen Wortes, sondern höre sie gnädig an und erhöre mich! Amen.

      In einer ersten Bewegung von bitterem Stolz fragte sich die Seele: Bin ich die Erste, die sagt, dass die Gottesmutter mir nicht zur Hilfe gekommen ist?

      Dann wurde ihr klar, dass sie sich nicht die Mühe gemacht hatte, nur ein einziges Mal um diese Hilfe gebeten zu haben.

      Und als sie durch die kalten, leeren Straßen ging, wiederholte sie die Worte ihres Gebetes aus der Kindheit: Seufzend unter der Last meiner Sünden [...] von Ewigkeit her ist es unerhört, dass einer, der zu dir seine Zuflucht genommen [...] von dir sei verlassen worden! Von diesem Vertrauen beseelt, eile ich zu dir, o Jungfrau der Jungfrauen und Mutter...

      Ein großer Schmerz überfiel diese gequälte Seele, als sie sich ihres beklagenswerten Zustands bewusst wurde. Aus der Tiefe ihres Wesens stieg der Wunsch auf, die Freundschaft Gottes und die frühlingshaften Düfte ihres geistlichen Lebens wiederzugewinnen, ihre verlorene Unschuld wiederherzustellen.

      - Wird das noch möglich sein? -- fragte sie sich.

      - Von Ewigkeit her ist es unerhört... – antwortet ihr eine innere Stimme.

      Von der Gnade ergriffen, wiederholte sie die Worte des Memorare mit aller Aufrichtigkeit und bat die Muttergottes um Hilfe.

      - Mal sehen, was passiert - dachte sie mit einem Hauch von Ungläubigkeit. Und sie bog um die Ecke.

* * *

      Das Licht im Inneren der Kirche beleuchtete die bunten Glasfenster. Die Tür war offen. Zögernd und überrascht trat sie ein. Die Weihnachtsvigil stand kurz vor dem Beginn. Sie ging durch den Seitengang zum Altar der Muttergottes. Von der Orgel erklang eine Weihnachtsmelodie; die Seele brach in Tränen aus.

      Nach so vielen Jahren der Trockenheit in Selbstgefälligkeit ertrank sie in Schluchzern der Reue. Die Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen, und ihr Oberkörper schüttelte sich im krampfhaften Rhythmus des Schluchzens, wie bei einem Kind....

      Es war da ein Priester, um die Beichte zu hören. Und das war nicht das Geringste der Wunder für die Zeit, in der wir leben. Die Seele klagte sich selbst an, so gut sie es konnte, etwas verwirrt, über ihr trauriges Leben fern von Gott. Und erhielt die Absolution für ihre Fehler.

      Ich überlasse es dem Leser, sich die Freude vorzustellen, die das Herz des Jesuskindes in jener Nacht empfand durch die Rückkehr in die Herde seines kleinen verlorenen Schafes.

      Das Jesuskind ist vor allem für die Sünder gekommen. Es lehnt ihre Vergebung niemals ab. Es empfängt jede demütige Zerknirschung mit Güte und Barmherzigkeit. Gestern, heute, immer: Jesus Christus ist die Lösung für die Welt, die in der Nacht des Neuheidentums versinkt.

      Im größten Drama unseres Lebens wollen wir uns vertrauensvoll an unseren Erlöser wenden, durch die Heilige Jungfrau, der Er nichts verweigert...

 

 Aus dem Portugiesischen mit Hilfe von DeepL/Übersetzer (kostenlose Version) von „Alma aflita“, vom Autor persönlich zugestellt.

Diese deutsche Fassung „Eine kummervolle Seele“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Freitag, 3. Januar 2020

Die Heilige Nacht



von Selma Lagerlöf


Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein. Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, dass wir nicht zum Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten.
Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu erzählen an.
„Es war einmal ein Mann“, sagte sie, „der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. ,Ihr lieben Leute, helft mir!‘, sagte er. ,Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer anzünden, um sie und den Kleinen zu erwärmen.‘
Aber es war tiefe Nacht, sodass alle Menschen schliefen, und niemand antwortete ihm.
Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, dass das Feuer im Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und schliefen, und ein alter Hirt wachte über die Herde.
Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er, dass drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mann sah, dass sich die Haare auf ihren Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten und wie sie auf ihn losstürzten. Er fühlte, dass einer von ihnen nach seinen Beinen schnappte und einer nach seiner Hand und dass einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnlade und die Zähne, mit denen die Hunde heißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden.
Nun wollte der Mann weitergehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, dass er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte sich.“
„Als der Mann fast bei dem Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war alter mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen, spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine Herde hütete und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste, an ihm vorbei, weit über das Feld.“
„Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: ,Guter Freund, hilf mir und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.‘
Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, dass die Hunde dem Mann nicht hatten schaden können, dass die Schafe nicht vor ihm davongelaufen waren und dass sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte.
,Nimm, so viel du brauchst‘, sagte er zu dem Manne.
Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können.
Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: ,Nimm, so viel du brauchst!‘ Und er freute sich, dass der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Äpfel gewesen wären.“
„Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: ,Was kann dies für eine Nacht sein, wo die Hunde die Menschen nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?‘ Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm: ,Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, dass alle Dinge dir Barmherzigkeit erzeigen?‘
Da sagte der Mann: ,Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst.‘ Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer anzuzünden und Weib und Kind wärmen zu können.
Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war.
Da sah der Hirt, dass der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrotte liegen, wo es nichts gab als nackte kalte Steinwände.
Aber der Hirt dachte, dass das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloss, dem Kinde zu helfen. Und er löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes Schafsfell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das Kind darauf betten.
Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, dass auch er barmherzig sein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können.
Er sah, dass rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen, silberbeflügelte Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, dass in dieser Nacht der Heiland geboren sei, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle.
Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, dass sie niemand etwas zu Leide tun wollten.
Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie überall. Sie saßen in der Grotte und sie saßen auf dem Berge und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind.
Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in der dunklen Nacht in der er früher nichts zu gewahren vermocht hatte. Und er wurde so froh, dass seine Augen geöffnet waren, dass er auf die Knie fiel und Gott dankte.“
Aber als Großmutter so weit gekommen war, seufzte sie und sagte: „Aber was der Hirte sah, das könnten wir auch sehen, denn die Engel fliegen in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren vermögen.“
Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: „Dies sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie dass ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt nicht an Mond und Sonne, sondern was Not tut, ist, dass wir Augen haben die Gottes Herrlichkeit sehen können.“

Selma Lagerlöf, „Christus Lgenden“. Aus dem schwedischen überstzt von Marie Franzos. Lizenzausgabe für KOMET MA-Service und Verlaggesellschaft mbH Köln.
© by nymphenburger in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Donnerstag, 20. September 2018

Die Ermordung der Prinzessin von Lamballe


Am 3. September um 10 Uhr morgens
kam die unglückliche Lamballe vors Gericht.

Maria Theresia Louise von Savoyen-Carignan, geboren den 17. September 1749, seit dem Tode ihres Gemahls, Ludwig Alexander Josef Stanislaus von Bourbon-Penthièvre, Prinzen von Lamballe, nicht mehr vermählt, war sie Obersthofmeisterin der Königin (Marie Antoinette), welche sie wie eine Freundin liebte, und darum wurde auch die Lamballe der Gegenstand des Hasses, welcher die unglückliche Marie Antoinette traf. Er war ungerechtfertigt, ihr einziges Verbrechen war die Hingabe an die Königin; selbst der Conventsmann Mercier (1) gibt ihr das Zeugnis: „Sie hat mitten in unsern Wirren nie eine politische Rolle gespielt; nichts konnte sie in den Augen des Volkes verdächtig machen, bei dem sie nur durch ihre immer rege Wohltätigkeit bekannt war.“


Ehe die Königin nach Varennes floh, teilte sie ihren Plan der Lamballe mit, und diese reiste zur selben Zeit über Dieppe nach England. Als die Königin gefangen war, wollte sie ihr Unglück teilen, obschon Marie Antoinette sie warnte. Sie kam und, je unglücklicher die Königin wurde, umso inniger wurde die Anhänglichkeit ihrer Freundin. Sie bat es sich aus, sie in das Gefängnis des Temple begleiten zu dürfen, um durch ihre Gesellschaft ihr Trost zu bieten. Aber diese beispiellose Treue reizte gerade die Kommune: Unter rohen Formen, am 18. August um zwei Uhr in der Nacht, weckte ein Trupp Pikenmänner die königliche Familie aus dem Schlafe und kündigte an: der Gemeinderat hat befohlen, die Prinzessin Lamballe, Madame de Tourzel, die Gouvernante des Dauphin, deren Tochter, und die vier Kammerfrauen der Königin, die Damen Thibaut, Saint-Brie, Basile und Navarre, wegzuführen. Die Königin, ihre Tochter, der Dauphin, Madame Elisabeth brachen in lautes Jammergeschrei aus. Man schied mit der Ahnung, dass man sich in diesem Leben nie wieder sehen werde. Selbst die Pikenmänner wurden vom rührenden Abschied ergriffen.
Königin Marie Antoinette wird zur Guillotine abgeführt
Umsonst waren Tränen und Bitten. Die Frauen wurden nach La Force gebracht, worin eine tödliche Beschimpfung für sie, wie für die Königin lag; denn nach La Force kamen nur solche Frauen, die wegen ihres sittenlosen Lebens bestraft wurden. Also bewohnte die Lamballe, deren Schönheit und Liebenswürdigkeit ganz Paris bewunderte, die Behausung der Verworfenen ihres Geschlechtes, oder vielmehr veredelte sie dieselbe durch ihre Gegenwart, durch ihre Mildtätigkeit und ihre Arbeiten für die Armen; denn sie blieb auch hier ihrem edlen Sinne treu. Die anderen Damen wurden wieder frei auf Befehl Manuels. Wie viel er Geld dafür bekommen, weiß man nicht. Der Herzog von Penthièvre soll 150.000 Francs für die Rettung seiner Schwiegertochter an Manuel haben auszahlen lassen und dieser, seinem Wort getreu, so erzählt Mathon de la Varenne, soll auch die Absicht gehabt haben, sie zu retten. Aber ihr Schwager, der Herzog von Orléans, soll für ihre Vernichtung tätig gewesen sein, voll Hass gegen sie, weil sie ihn nach dem 5. Oktober aus ihrem Hause verwiesen, und weil er durch ihren Tod ein Witthum von 100.000 Talern gewann, mit denen die Güter seiner Gattin belastet waren (2). Die Mörder, welche sie vor Gericht führten, seien die Werkzeuge des Herzogs von Orléans gewesen.
Weber versichert, drei Briefe, welche in ihrem Hut beim ersten Verhör gefunden wurden, hätten den Hass gegen sie gesteigert. (3)
Das Gefängnis La Force
Die Prinzessin war unwohl geworden durch den Lärm der Mörder; schreckliche Träume raubten ihr den Schlaf – da ward sie plötzlich aufgefordert, ihnen in die Abtei zu folgen. Sie war so schwach, dass sie sich kaum erheben konnte und bat, man solle sie lassen, wo sie sei, sie wolle lieber hier als sonst wo sterben. Einer der Männer, die sie abholen sollten, beugte sich über sie und flüsterte ihr ins Ohr, sie möge gehorchen, ihre Rettung hänge davon ab. Nun bat sie die Männer, sie einen Augenblick allein zu lassen, damit sie sich ankleiden könne. Dann ward sie am Arm eines Soldaten aus ihrer Kammer vor das Gericht geführt, welches Hébert und l’Huilièr leiteten. Als sie die gezückten Schwerter, die bluttriefenden Mörder sah und das Geschrei der Opfer hörte, fiel die Prinzessin in Ohnmacht. Ihre Kammerfrau, Madame de Navarre, brachte sie mit Mühe wieder zu sich. Dann folge das Verhör (4). „Wer sind Sie?“ – „Marie Louise, Prinzessin von Savoyen.“ – „Ihr Amt?“ – Oberaufseherin des Hofes der Königin.“ - „Hatten Sie Kenntnis von der Verschwörung des Hofes am 10. August?“ – „Ich weiß nicht, ob am 10. August eine Verschwörung stattgefunden hat; aber das weiß ich, dass ich nichts von einer solchen wusste.“ – „Schwören Sie, der Freiheit, Gleichheit und dem Hass gegen den König treu zu sein.“ – Ich will gerne auf die zwei ersten schwören – das letzte kann ich aber nicht schwören; denn mein Herz widerspricht einem solchen Eide.“ – Einer, der hinter ihr stand, raunte ihr ins Ohr: „Schwören Sie doch, sonst sind Sie des Todes.“
Prinzessin Lamballe vor Gericht
Die Prinzessin gab keine Antwort und tat einen Schritt gegen das Tor. Der Richter rief: „Bringen Sie Madame nach der Abtei!“ Zwei starke Kerle packten sie und man öffnete das Tor. „Rufen Sie: Es lebe die Nation!“ sagten sie ihr – aber beim Anblick der Mörder und der Leichen rief sie erschreckt: „Mein Gott, ich bin verloren!“ In diesem Augenblick bekommt sie auf dem Kopf eine Wunde, die ihr Antlitz mit Blut überrieseln macht. Ein Kerl schlägt sie zu Boden, andere geben ihr mit Piken und Säbeln den Rest: Ihr schöner Leib wird dann entkleidet und aufs schmachvollste verstümmelt, - eines dieser Ungeheuer verzehrte ihr Herz und nannte es das leckerste Gericht. Der Kopf, dessen Angesicht der Tod veredelte, ward zuerst auf dem Tische eines Schanklokals zur Schau ausgestellt, und dabei auf ihren Tod getoastet, dann wurde er auf einer Pike, welche ihre glänzenden blonden Locken bedeckten, durch die Straßen getragen zu den Häusern, wo sie gewohnt oder die sie häufig besucht hatte, gleichsam als ob sie im Tode noch ein Gefühl dafür hätte. Ein Perückenmacher ergriff die Gelegenheit, den Kopf einiger seiner schönsten Locken zu berauben. 

Ermordung und Enthauptung der Prinzessin von Lamballe
Auf einmal hieß es unter den Schurken, man muss den Kopf im Temple den Gefangenen zeigen, damit sie sehen, wie sich das Volk an seinen Feinden rächt. – Der König wird aufgefordert, sich dem Volk zu zeigen – da wird ihm der Kopf entgegengehalten, den er mit Schrecken erblickt. Auch die Königin soll ans Fenster kommen, der König hält sie auf und führt sie weg. Dennoch erfuhr sie denselben Abend alles und musste deutlich erkennen, welches Schicksal ihr selber bevorstand.

Der Kopf der Prinzessin wurde auf einer Pike durch die Straßen von Paris getragen
Sofort wurde der Kopf zum Palais Royal getragen und der Herzog von Orléans herausgerufen – er saß gerade mit seiner neuen Geliebten, der Witwe Buffon, bei der Tafel. Kalt betrachtete er das Haupt; den Mord seiner Schwägerin zu tadeln, wagte der „Volksfreund“ nicht, er sagte bloß: „Die arme Frau! hätte sie mir gefolgt, ihr Kopf stäke nicht da.“ – Aber Madame Buffon sank vor Schreck auf einen Stuhl, bedeckte die Augen mit den Händen und rief: „Mein Gott! man wird meinen Kopf eines Tages auf gleiche Weise herumtragen.“ – Eine Hofdame der Königin, zu der man das Haupt gleichfalls trug, sank beim Anblick ohnmächtig zusammen und starb nach wenigen Tagen infolge des Schreckens.

Die Nachricht vom schrecklichen Schicksal seiner Schwiegertochter gab dem Herzog von Penthièvre den Tod. „Großer Gott!“ rief er, „... Jahrelang habe ich mit ihr gelebt und habe nie einen Gedanken in ihrer Seele gefunden, der nicht für die Königin, für mich und für die Armen gewesen wäre. Und diesen Engel konnten sie in Stücke reißen.“

(1) Mercier, Le nouveau Paris, I, 2e. edition, p.101
(2) Buchez et Roux, l.c. XVII, p.417, wird diese Angabe mit Grund bestritten. – Lescure, l.c. p.381- 382
(3) Weber, Mémoires, II, p.349
(4) So gibt es Peltier, Hist. de la Révol. du 10 Août, XI, p.339, und nach ihm die Hist. parlem., XVII,  p.418.

Quelle: J. B. Weiß, Weltgeschichte. XVI. Bd., 3. Aufl., Ss. 175-178

Donnerstag, 23. März 2017

Der Aachener Dom


Geschürter Volkszorn

Am 21. Oktober 1789 rottete sich das Volk vor dem Hause des Bäckers François zusammen: eine alte Frau klagte, er halte viel Brot verborgen. Die Nachbarn riefen vergebens, er sei ein Ehrenmann, er tue vieles für die Armen, er backe täglich in sieben Öfen und verweigert niemanden Brot. Das Volk wollte nichts hören.
Die Bürgerwehr führte ihn auf das Stadthaus vor den Polizei-Ausschuss der Gemeinde, der ihn verhörte und sogleich sich von seiner Unschuld überzeugte, aber vor dem Drohen der Menge, die den Grèveplatz füllte, sie nicht anzuerkennen wagte: man müsse ihn in die Abtei führen, denn es sei, wenn er schuldig, sehr wichtig, die Teilnehmer an der Verchwörung kennen zu lernen.
Allein draußen hieß es, treulose Beamte wollten den Frevler  dem Zorne des Volkes entreißen, das dürfe man nicht dulden. Die Menge drängte in das Ratszimmer, entriss der Wache den Angeklagten, und hing ihn am nächsten Laternenpfahl auf, ohne das die Nationalgarde vor dem Rathaus sich regte.
Der Mann lebte noch, als man ihn am Strick wieder herunterließ; man schnitt ihm den Kopf ab und trug denselben auf einer Pike durch die Straßen.

(Aus „Weltgeschichte“ von J. B. Weiss)

Freitag, 5. August 2016