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Mittwoch, 23. November 2022

Russland wird katholisch sein – Teil II


von Roberto de Mattei

      Der Traum vieler russischer Konvertiten im 19. Jahrhundert, wie Pater Šuvalov, war auch der Titel eines Buches, das zu seiner Zeit Aufsehen erregte: La Russie sera-t-elle catholique? von Pater Ivan Gagarin von der Gesellschaft Jesu. Iwan Sergejewič Gagarin wurde am 20. Juli 1814 in Moskau geboren und entstammte einem illustren Fürstengeschlecht, das von den Fürsten von Kiew abstammte.

      Er war an der russischen Gesandtschaft in München und anschließend an der Botschaft in Paris tätig, wo er am französischen Geistesleben teilnahm und den Salon von Sophie Swetchine besuchte. Unter dem Einfluss von Swetchine selbst und Autoren wie Pyotr Jakovlevič Čaadaev (1794-1856), reifte seine Konversion zum Katholizismus. Am 7. April 1842 schwor er der orthodoxen Religion ab und nahm den katholischen Glauben an, und zwar in den Händen von Pater François Xavier de Ravignan (1795-1858), der sich bereits um die Bekehrung des Grafen Šuvalov gekümmert hatte. Iwan Gagarin verzichtete im Alter von 28 Jahren nicht nur auf eine glänzende politische und diplomatische Zukunft,
sondern auch auf die Hoffnung, in sein Heimatland zurückzukehren.

      Im Russland der Zaren war der Übertritt zum Katholizismus ein Verbrechen, das mit Desertion (Fahnenflucht) oder Vatermord vergleichbar war. Die Abkehr von der Orthodoxie hin zu einer anderen Religion, auch einer christlichen, wurde mit dem Verlust des gesamten Eigentums, der bürgerlichen Rechte und der Adelstitel bestraft und beinhaltete lebenslange Haft in einem Kloster oder Verbannung nach Sibirien.


P. Jean Xavier Gagarin SJ

      Ein Jahr später bat Ivan, der inzwischen Jean Xavier Gagarin hieß, um Aufnahme in die Gesellschaft Jesu und wurde in das Noviziat von St. Acheul aufgenommen. Er begann eine lange Studienzeit, die mit der Priesterweihe und der Ablegung der Ordensgelübde im Orden des Heiligen Ignatius von Loyola endete. Für Pater Gagarin, in dem sich ein glühender Eifer mit einer lebhaften Intelligenz und einer großartigen Bildung eines Gentlemans verband, begann ein neues Leben. Während des Krimkriegs war er zusammen mit dem berühmten Mathematiker Augustin Cauchy (1789-1857) an der Gründung der École d'Orient beteiligt.

      Ende 1856 gründete er die viermonatlich erscheinende Zeitschrift Études de théologie, de philosophie et d'histoire, aus der die berühmte Zeitschrift Études wurde. Als die Publikation jedoch 1862 von den französischen Jesuiten übernommen wurde, erfuhr sie einen radikalen Wandel. Zu Beginn des Ersten Vatikanischen Konzils nahm Études im Gegensatz zu ihrer römischen Schwesterpublikation Civiltà Cattolica eine pro-liberale Haltung ein, die sie auch im folgenden Jahrhundert beibehalten sollte.

      Die russische Regierung, die den Katholizismus in den westlichen Provinzen des Reiches ausrotten wollte, betrachtete Fürst Gagarin als einen Feind, den es zu beseitigen galt. Er wurde beschuldigt, an den Dichter Aleksandr Sergeevič Puschkin (1799-1837) anonyme Briefe, die ihn angeblich verärgerten und ihn zu einem Duell veranlassten, bei dem er den Tod fand. Kürzlich hat die junge polnische Historikerin Wiktoria Sliwowska gezeigt, dass es sich um eine Verleumdungskampagne handelte, die von der Dritten Abteilung der Reichskanzlei organisiert wurde (L'Affaire Gagarine, Institutum Historicum Societatis Iesu, Rom 2014, S. 31-72).

      Wird Russland katholisch sein? erschien 1856 in Paris. In diesem Werk bezieht sich Pater Gagarin auf die feierliche Bulle Benedikts XIV. Allatae sunt vom 26. Juli 1755, in der der Heilige Vater „das Wohlwollen, mit dem der Apostolische Stuhl die Orientalen umarmt“, zum Ausdruck bringt und „anordnet, dass ihre alten Riten bewahrt werden, die weder der katholischen Religion noch der Ehrlichkeit widersprechen; Sie verlangt auch nicht, dass die Schismatiker, die zur katholischen Einheit zurückkehren, ihre Riten aufgeben, sondern nur, dass sie ihren Irrlehren abschwören, und wünscht nachdrücklich, dass ihre verschiedenen Völker bewahrt und nicht vernichtet werden, und dass alle (um vieles in wenigen Worten zu sagen) Katholiken und nicht Lateiner sind“.

      „Um die slawischen Völker wieder zur Einheit zu führen“, so Pater Gagarin, „muss man die östlichen Riten respektieren, die Abkehr von Irrtümern, die dem katholischen Glauben widersprechen, fordern, aber vor allem die politisch-religiöse Auffassung der Orthodoxen bekämpfen. Für den russischen Jesuiten ist das orthodoxe Schisma größtenteils das Ergebnis des „Byzantinismus“, ein Konzept, mit dem er die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Kirche und Staat in der byzantinischen und der westlichen Welt meint. Für Byzanz gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden Mächten.

      Die Kirche ist de facto dem Zaren unterstellt, der sich selbst als ihr Oberhaupt betrachtet, als Stellvertreter Gottes sowohl im kirchlichen als auch im weltlichen Bereich. Wie die byzantinischen Kaiser sehen die russischen Autokraten in der Kirche und der Religion ein Mittel, um die politische Einheit zu gewährleisten und auszubauen. Dieses unselige System stützt sich auf drei Säulen: die orthodoxe Religion, die Autokratie und das Nationalitätsprinzip, unter dessen Banner die Ideen Hegels und der deutschen Philosophen nach Russland gelangten. Was sich hinter den hochtrabenden Worten von Orthodoxie, Autokratie und Nationalität verbirgt, „ist nichts anderes als die orientalische Form der revolutionären Idee des 19. Jahrhunderts. (S. 74)

      Gagarin ahnt, mit welcher Grausamkeit die revolutionären Ideen in seinem Land umgesetzt werden. Die Seiten von Proudhon und Mazzini erscheinen in seinen Augen sanft und höflich, verglichen mit der Gewalt der russischen Agitatoren. Es ist ein Kontrast, der dazu dienen kann, den Unterschied zwischen dem Verständnis des revolutionären Prinzips in Europa und seiner Umsetzung in Russland zu messen“ (S. 70-71).

      Auf einer prophetischen Seite schreibt Pater Gagarin: „Je tiefer man in die Dinge eindringt, desto mehr kommt man zu dem Schluss, dass der einzige wirkliche Kampf zwischen dem Katholizismus und der Revolution stattfindet. Als 1848 der revolutionäre Vulkan die Welt mit seinem Gebrüll terrorisierte und die Gesellschaft erzittern ließ, indem er ihre Grundfesten erschütterte, zögerte die Partei, die sich der Verteidigung der sozialen Ordnung und dem Kampf gegen die Revolution verschrieben hatte, nicht, auf ihre Fahne zu schreiben: Religion, Eigentum, Familie, und sie zögerte nicht, eine Armee zu entsenden, um den Stellvertreter Christi, der durch die Revolution gezwungen war, den Weg ins Exil zu gehen, auf den Thron zurückzuholen. Er hatte völlig Recht; es gibt nur zwei Prinzipien, die sich gegenüberstehen: das revolutionäre Prinzip, das im Wesentlichen antikatholisch ist, und das katholische Prinzip, das im Wesentlichen antirevolutionär ist. Trotz des gegenteiligen Anscheins gibt es in der Welt nur zwei Parteien und zwei Fahnen: Auf der einen Seite erhebt die katholische Kirche das Banner des Kreuzes, das zum wahren Fortschritt, zur wahren Zivilisation und zur wahren Freiheit führt; auf der anderen Seite erhebt sich das revolutionäre Banner, um das sich die Koalition aller Feinde der Kirche schart. Und was macht Russland? Auf der einen Seite kämpft sie gegen die Revolution, auf der anderen gegen die katholische Kirche. Äußerlich und innerlich werden Sie denselben Widerspruch feststellen. Ich zögere nicht zu sagen, dass das, was ihre Ehre und Stärke ausmacht, darin besteht, dass sie der unerschütterliche Gegner des revolutionären Prinzips ist. Seine Schwäche besteht darin, dass er gleichzeitig der Gegenspieler des Katholizismus ist. Und wenn sie mit sich selbst im Einklang sein will, wenn sie die Revolution wirklich bekämpfen will, muss sie nur eine Entscheidung treffen, sich hinter das katholische Banner stellen und sich mit dem Heiligen Stuhl versöhnen“ (La Russie sera-t-elle catholique?, Charles Douniol, Paris 1856, S. 63-65).

      Russland folgte dem Aufruf nicht, und die bolschewistische Revolution, die die Romanows vernichtet hatte, verbreitete ihre Irrtümer in der ganzen Welt. Die Kultur der Abtreibung und der Homosexualität, die heute den Westen in den Tod führt, hat ihre Wurzeln in der Marx-Hegelschen Philosophie, die 1917 in Russland eingeführt wurde. Die Niederlage der revolutionären Irrtümer kann in Russland und in der Welt nur unter dem Banner der katholischen Kirche erreicht werden.

      Die Ideen von Pater Gagarin fielen dem deutschen Baron August von Haxthausen (1792-1866) auf, der mit Unterstützung der Bischöfe von Münster und Paderborn einen Gebetsverein, den Petrusverein, zur Bekehrung Russlands gründete. Eine ähnliche Vereinigung entstand unter dem Impuls der Barnabitenväter Šuvalov und Tondini in Italien und Frankreich. Den Mitgliedern dieser Vereinigungen wurde geraten, jeden ersten Samstag im Monat für die Bekehrung Russlands zu beten.

      Am 30. April 1872 gewährte Pius IX. in seinem Brief all jenen einen vollkommenen Ablass, die nach Beichte und Kommunion an der am ersten Samstag des Monats gefeierten Messe für die Rückkehr der griechisch-russischen Kirche zur katholischen Einheit teilnahmen. Die Gottesmutter wusste diese Verehrung sicherlich zu schätzen, denn in Fatima empfahl sie 1917 die Sühnepraxis an den ersten fünf Samstagen des Monats als Instrument zur Errichtung ihres Reiches in Russland und in der Welt.

 

 

Aus dem Italienischen mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostelose Version) von “La Russia sarà cattolica” (2) in CR 1494 vom 7. Juni 2017.
https://www.corrispondenzaromana.it/la-russia-sara-cattolica-2/

Diese deutsche Fassung „Russland wird katholisch sein Teil II“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Montag, 12. September 2022

Absolutes Vertrauen in die Heiligste Jungfrau, die alle Häresien vernichtete



      Der über alle Worte erhabene Gott, dessen Wege Erbarmen und Wahrheit, dessen Wille die Allmacht ist, dessen Weisheit machtvoll wirkt von einem Ende bis zum anderen und in Milde alles lenkt, sah von Ewigkeit her das unheilvolle Verderben des ganzen Menschengeschlechtes infolge der Sünde Adams voraus. In seinem geheimnisvollen, der Welt verborgenen Ratschluss beschloss er aber, das erste Werk seiner Güte durch die Menschwerdung des Wortes auf eine noch unbegreiflichere Weise zu ergänzen. Denn der Mensch, der entgegen seinen liebevollen Absichten durch die List des Teufels in Schuld geraten war, sollte nicht zugrundegehen, und das, was durch den ersten Adam gefallen war, sollte durch den zweiten weit glücklicher wieder aufgerichtet werden.

      Darum wählte er von Anfang an und vor aller Zeit schon für seinen eingeborenen Sohn eine Mutter aus, und bestimmte, daß er von ihr in der seligen Fülle der Zeiten als Mensch geboren werden sollte; ihr wandte er mehr als allen anderen Geschöpfen seine besondere Liebe zu und fand an ihr allein sein höchstes Wohlgefallen. So überhäufte er sie weit mehr als alle Engel und Heiligen mit einer Fülle himmlischer Gnadengaben, die er aus der Schatzkammer seiner Gottheit nahm, begnadete sie so wunderbar, daß sie allzeit frei blieb von jeder Makel der Sünde, daß sie ganz schön und vollkommen wurde und eine solche Fülle von Reinheit und Heiligkeit besaß, daß man, außer in Gott, eine größere sich nicht denken kann und dass niemand außer Gott sie begreifen kann.

      So ist denn von Freude Unser Herz erfüllt und voll von Jubel Unsere Zunge. Wir sagen jetzt und immerdar Unserem Herrn Jesus Christus den demütigsten und höchsten Dank, daß er entgegen Unseren Verdiensten Uns die Gnade verliehen hat, diese Ehre, diesen Ruhm und diesen Lobpreis seiner heiligsten Mutter darzubringen und zu beschließen. Auf sie setzen wir Unsere ganze Hoffnung und Unser vollstes Vertrauen. Ist sie doch ganz schön und ohne Makel; sie hat das giftige Haupt der grausamen Schlange zertreten und der Welt das Heil gebracht; sie ist der Ruhm der Propheten und Apostel, die Ehre der Blutzeugen, die Freude und Krone der Heiligen, die sicherste Zuflucht und treue Helferin aller Gefährdeten des ganzen Erdkreises, die mächtige Mittlerin und Versöhnerin bei ihrem eingeborenen Sohne, der herrlichste Schmuck, die Zierde der heiligen Kirche und ihre unüberwindliche Schutzwehr; sie hat stets alle Irrlehren vernichtet und die gläubigen Völker und Nationen den größten Drangsalen entrissen und Uns selbst aus so manchen drohenden Gefahren befreit. Und so erwarten Wir denn von ihr, sie werde durch ihre mächtige Fürbitte bewirken, daß unsere heilige Mutter, die Kirche, nach Beseitigung aller Hindernisse, nach Überwindung aller Irrtümer unter allen Völkern und an allen Orten von Tag zu Tag an Kraft gewinne, blühe und herrsche von Meer zu Meer, vom großen Strom bis zu den Grenzen des Erdenrundes, daß sie des Friedens, der Ruhe und der Freiheit sich erfreue. Wir erwarten, daß sie den Schuldigen Verzeihung, den Kranken Heil, den Kleinmütigen Starkmut, den Betrübten Trost, den Gefährdeten Hilfe bringe und alle Irrenden nach Aufhellung der Finsternis des Geistes auf den Pfad der Wahrheit und Gerechtigkeit zurückführe, auf daß ein Hirt und eine Herde werde.

Papst Pius IX., Enzyklika „Ineffabilis Deus“, vom 8. Dezember 1854.

Elektronische Fassung für www.stjosef.at digitalisiert von Armin Jauch. HTML-Format erstellt am 22. September 2004 von Dr. Josef Spindelböck. Irrtum vorbehalten.