Plinio Corrêa de Oliveira (1908–1995) war kein
Kleriker. Trotzdem gehörte der Journalist und Schriftsteller zu denen, die sich
mit Wort und Tat in den Dienst der katholischen Kirche stellten. Wie kein
anderer war er als Mann der Tat, als Leiter, Gründer und Inspirator diverser
Organisationen im Sinne der Kirche tätig. Sein Leben und Wirken verkörpern ein
herausragendes Beispiel für gelebtes Christentum und lassen erkennen, wie ein
Mensch in allen möglichen Situationen und Widrigkeiten des Lebens die Belange
der katholischen Kirche vertreten kann.
»Ein so reiches und intensives Leben in einer kurzen
Biographie zusammenzufassen, ist keine leichte Aufgabe, die aber Mathias von
Gersdorff, ein mutiger katholischer Schriftsteller, den ich seit langem kenne
und schätze, mit Bravour gelöst hat. Überdies ist der persönliche Blickwinkel,
unter dem von Gersdorff schreibt, besonders reich: Dank seiner zahlreichen
privaten Begegnungen mit Plinio Corrêa de Oliveira […] gelingt es ihm, ein sehr
lebhaftes Bild dieses großen Mannes zu zeichnen, der eine breite Bildung und
die Umgangsformen eines Kavaliers der alten Schule […] mit einem tiefen inneren
Leben verband.«
Roberto de Mattei
Mathias von Gersdorff wurde 1964 in Santiago de
Chile geboren. Er ist seit 1990 in der Lebensrechtsbewegung aktiv und leitet
seit 1993 die Aktion »Kinder in Gefahr« der DVCK e.V. Seine Kolumnen erscheinen
regelmäßig in u.a. der »Jungen Freiheit«, der »Freien Welt« und im
»Christlichen Forum«.
Buchinformationen:
Titel: Begegnung mit Plinio Corrêa de Oliveira.
Katholischer Streiter in stürmischer Zeit
Im Lager der deutschen Kriegsgefangenen ist es still
geworden. Todmüde von der schweren Arbeitsschicht im Kohlenbergwerk haben sich
die meisten aufs Lager gestreckt, den schmutzigen Bergmannsanzug über den Kopf
gezogen, damit man ja schnell hinüberschlummert ins Land der Träume — diese
eine goldene Brücke zur Heimat.
Nur ein paar Unentwegte versuchen Weihnachten zu feiern.
Ein paar Texte und halbfalsche Melodien alter Weihnachtslieder, das ist alles.
Eine Grubenlampe wirft ihr unruhiges Licht in den weiten Raum, in dem heute so
viel Heimweh und Sehnsucht schlummern.
Da wird plötzlich die schwere Riegeltür aufgerissen und
das von den Kriegsgefangenen am meisten gefürchtete Kommando versetzt alle in
die harte Gegenwart zurück:
„Das ganze Lager antreten!“
Wahrscheinlich ein üblicher Zählappell mit
stundenlangem Warten in der Kälte.
Von den Wachtürmen suchen Scheinwerfer die in Reih’ und
Glied stehenden, frierenden Gestalten ab. Wache und Lagerkommandant, in Mantel
und Pelz gehüllt, treten vor. Ein Dolmetscher wird zum Kommandanten gerufen.
Satz für Satz übersetzt er ins Deutsche, dass es alle verstehen können: „Kriegsgefangene! In eurer deutschen Heimat wird heute von Reaktionären
ein Fest gefeiert, das zwei Tage dauert. In der Sowjetunion hat man keine Zeit
zum Feste feiern. Da wird gearbeitet zum Wohle aller Proletarier der Welt,
damit für sie bald die Befreiungsstunde schlage. Darum singt jetzt, zum Zeichen
eurer Verbundenheit mit allen Werktätigen die ,Internationale‘.“
Schon beginnt der Dolmetscher vorne:
„Wacht auf, Verdammte dieser Erde ... “ Und die
tausend Gefangenen schweigen; im Hintergrund beginnt einer ein anderes Lied, einige
singen mit, erst zaghaft:
„Stille Nacht, heilige Nacht...“ dann aber
stimmen alle ein, voll und kräftig. Die erste Strophe ist beendet. Der
Dolmetscher wiederholt eben den Schluss der „Internationale“: „Völker, hört die Signale ... “, da erklingt wie ein Trotzlied die
andere Strophe des „Stille Nacht“, und die letzten Worte singen — nein, rufen tausend Mann in die geheimnisvolle Nacht: „Christ, der Retter
ist da, Christ, der Retter ist da.“
Das klingt wie ein begeistertes
Glaubensbekenntnis und dringt hinaus durch den dreifachen Stacheldrahtzaun,
hinein in die endlose russische Steppe.
Dann herrscht atemberaubende Stille. Der Kommandant
richtet an den Dolmetscher eine Frage. Die Antwort erklingt laut: „Das war
die ,Internationale‘ nach deutscher Melodie.“
(Bericht von einem, der dabei war und mitgesungen hat)
Niemand weiß mehr genau, welches Jahr die Chronisten der
Welt in ihren Büchern verzeichneten, als ein junger Mönch mit Namen Laurentius
in einem Kloster unweit von Trier lebte. Doch es mag um das Jahr 1600 gewesen
sein. Jenes Kloster erhob sich in stattlicher Höhe über dem Moseltal inmitten
einer gottgesegneten Landschaft.
Laurentius hatte nach dem Geheiß seines Vaters in jungen
Jahren die Weihen genommen und sich willig, mit der Geduld des wahrhaft frommen
Menschen in die Gemeinschaft der Brüder eingelebt. Er lebte unter
seinesgleichen voll sanfter Zurückhaltung und einer ungezwungenen
Leidenschaftslosigkeit. Sein gütiges Wesen, die Art, wie er im Gespräch die
Worte zu setzen, und der Eifer, mit dem er zu arbeiten wusste, trugen ihm
beizeiten die besondere Liebe und Zuneigung des Priors ein. Keines anderen
Stimme war beim abendlichen Tedeum so erfüllt von Inbrunst und Fröhlichkeit wie
die seine.
Nächtelang studierte er alte Schriften und übertrug Teile
daraus mit schönen und klaren Lettern in ein selbstgebundenes Buch. Da er zudem
von je eine starke Neigung zur Musik besessen hatte, übte er sich im Lesen und
Niederschreiben von Noten, und wenn er, wie es nicht selten geschah, die Orgel
spielte, flossen die Melodien so ineinander, dass er manchmal nicht zu
unterscheiden wusste, welche davon er selber erdacht und welche er von alten
Meistern übernommen hatte.
An einem Weihnachtsmorgen hatte Laurentius sich früh von
seinem Lager erhoben; denn es waren viele Pilger zu erwarten, die alljährlich
ins Kloster kamen, um dort die Christmette zu hören. Da der junge Mönch das Amt
des Pförtners innehatte, war es sein Dienst, dafür zu sorgen, dass niemand vor
dem Tor unnötig zu warten brauchte.
Aber noch war es dunkel draußen, und keine Menschenseele
rührte sich. In der Nacht hatte es unaufhörlich geschneit. Laurentius trat die
ersten Spuren in den frischen Schnee, als er den Klostergarten durchquerte, um
zur Pforte zu gelangen. Ein blasser, dunstiger Mond erhellte den Himmel. Auf
dem Rückweg kam Laurentius am Brunnen vorüber. Als er sich über dessen Rand
beugen und auf den Grund hinabschauen wollte, wie er es gern tat, um dem
rieselnden Laut des Wassers zu lauschen, fiel sein Blick unversehens auf einen
Rosenstrauch zu Füssen der Brunnenmauer.
Was er plötzlich sah, ließ ihn für
eine Weile vor Freude und Erstaunen den Atem verhalten. Zwischen den kahlen,
froststarrenden Zweigen des Strauches wuchs ein grünes Reis auf, und an seinem
Ende erblühte in makelloser Schönheit eine Rose.
Sein Staunen wich tiefer Ergriffenheit. „Seltsam“, dachte Laurentius, „eine blühende Rose mitten im
kalten Winter!“ Er brach sie behutsam und sog ihren Duft ein. Als er
gewahr wurde, dass die ersten Pilger sich näherten, verließ er den Platz, wo er
des Wunders teilhaftig geworden war, und gesellte sich zu den Brüdern in die
Kapelle. Dort legte er, von niemandem bemerkt, die Rose unter das Bild der
Gottesmutter.
Und abermals geschah ein Wunder. Wäre Laurentius von geringem
Glauben gewesen, würde er es für einen Zufall gehalten haben, dass just in dem
Augenblick, da er sich in das Gebet der Gemeinde eingefügt hatte, der Priester
das Schriftwort Jesaias sprach: „Es wird ein Zweig aufsprießen vom Stamme
Jesses.“
Laurentius fühlte seine Seele von einem großen Glück
durchflutet. Ja, er war ausgezeichnet worden vor allen anderen!
Die Christmette war vorüber, und die Pilger begannen sich
zu zerstreuen. Es war inzwischen Tag geworden. Das Licht drang mit matten
Farben durch die Fenster der Kapelle. In Gedanken verstrickt, schritt
Laurentius vom Chorgestühl zum Lettner empor. Während er ging, sprach er Worte
vor sich hin, die unablässig aus seinem Inneren aufstiegen. Die Worte fügten
sich zu Zeilen, die Zeilen verbanden sich zu Versen:
„Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart
...“
Er ließ sich auf der Orgelbank nieder. Den Orgelbuben,
der sich gerade entfernen wollte, wies er an, noch einmal die Bälge zu treten.
Und dann spielte und sang der Mönch das neugeborene Lied. Einige Gläubige, darunter
eine Schar Kinder, kehrten in die Kapelle zurück und lauschten der wunderbaren,
nie gehörten Weise. Da der Spieler sie einige Male wiederholte, ging sie jedem
so ein, dass er sie bald mühelos mitsingen konnte. In dieser Stunde also trat
das Lied in die Welt, das seither nicht mehr aus ihr fortzudenken ist:
Es ist ein' Ros' entsprungen
Es Ist ein' Ros' entsprungen
aus einer Wurzel zart.
Wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art.
Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht
Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine,
Marie, die reine Magd;
Aus Gottes ew’gem Rat
Hat sie ein Kind geboren
Wohl zu der halben Nacht.
Das Blümelein so kleine,
das duftet uns so süß,
mit seinem hellen Scheine
vertreibt’s die Finsternis:
Wahr’ Mensch und wahrer Gott,
hilft uns aus allem Leide,
rettet von Sünd’ und Tod.
Aus „Brasil-Post“ Nr. 1566 São Paulo, Brasilien (1950er
Jahre)
Die liebevolle Verehrung des göttlichen Kindes begann
schon bei seiner Geburt. Die innigsten und aufopferndsten Verehrer des
Jesuskindes waren zweifellos seine jungfräuliche Mutter Maria und sein
Nährvater Josef. Wie zart und liebevoll, ehrfürchtig und heilig diese Verehrung
war, erfahren wir aus den Schauungen der begnadeten Äbtissin Maria von Agreda
(† 1665), die sie uns in ihrem Werk vom „Leben der Jungfrau und Gottesmutter
Maria“ überliefert hat.
Noch in der Heiligen Nacht kamen aber auch schon die
ersten „außenstehenden“ Verehrer und Anbeter des göttlichen Kindes: die armen
und einfachen Hirten. Wie beglückt sie von ihrer Begegnung mit dem göttlichen
Kind waren, können wir aus den Worten des Evangelisten erahnen: „Die Hirten
kehrten zurück und lobten und priesen Gott für alles, was sie gehört und
gesehen hatten“ (Lk 2,20).
Die nächsten Verehrer des göttlichen Kindes waren, im
wahrsten Sinne des Wortes, die ersten Heilig-Land-Pilger: die Weisen aus dem
Morgenland. Diese Gottsucher aus dem Orient standen beim Urchristentum in hohem
Ansehen, weil sie als „die Ersten aus dem Heidenland“ die besonderen Vorbilder
der Verehrung des menschgewordenen Gottessohnes, des göttlichen Kindes, waren.
Dann war in Jerusalem auch noch ein Erwählter, mit Namen
Simeon. Er war gerecht und gottesfürchtig. Vom Heiligen Geist war ihm
geoffenbart worden, dass er den Tod nicht schauen werde, bevor er den Gesalbten
des Herrn gesehen habe. So kam er auf Antrieb des Heiligen Geistes gerade zu
der Zeit in den Tempel, als die heiligen Eltern ihr Kind hereinbrachten. Voll
Freude nahm er es auf seine Arme, pries Gott und sprach in heiliger
Ergriffenheit den herrlichen Lobgesang: „Nun magst du, Herr, deinen Diener nach
deinem Wort im Frieden entlassen. Denn meine Augen haben dein Heil geschaut,
das du bereitet hast vor dem Angesicht der Völker: das Licht zur Erleuchtung
der Heiden und den Ruhm deines Volkes Israel“ (Lk 2,25-32).
Spüren wir aus diesem Lobpreis die weltweite Sendung des
göttlichen Kindes? Sie gilt nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden. Allen
Menschen aller Zeiten!
Anschließend berichtet der heilige Evangelist Lukas noch
von einer Prophetin Anna, einer vierundachtzigjährigen Witwe. Auch sie trat zur
selben Stunde hinzu, pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf Jerusalems
Erlösung harrten (Lk 2, 36-38).
Sehet dies Wunder, wie
tief sich der Höchste hier beuget.
Sehet die Liebe, die
endlich als Liebe sich zeiget.
Gott wird ein Kind,
träget und hebet die Sünd.
Alles anbetet und schweiget.
(Gerhard Terstegen 1731)
Quelle: „Göttliches Kind, ich bete Dich an“, Pfarrer A.
M. Weigl. Verlag St. Grignionhaus, Altötting, 1983
„Gott musste uns nicht erlösen, aber er wollte es.“
Adam hatte mit seinem Sündenfall das Paradies der Natur
und der Gnade verloren. Nicht nur für sich und seine Lebensgefährtin Eva,
sondern für uns alle. Arm und traurig musste er darum das Paradies verlassen.
Satan, Tod und Sünde mit all ihren Folgen wurden nun seine und seiner
Nachkommen ständige Weggenossen. Aber noch einen anderen Begleiter hatte er an
seiner Seite: die große, heiße Sehnsucht nach dem Erlöser. Und dieses große
Heimweh hat den Menschen nie mehr verlassen.
Auch Gott, der Vater, hatte Heimweh nach seinen verirrten
Kindern. Eine große Sehnsucht nach den Menschen. Er wollte sie wieder zu sich
emporziehen und an sein Vaterherz drücken. Der himmlische Vater wollte in den
Seelen seiner Kinder wieder das Paradies der Gnade zum Blühen bringen. Er sehnte
sich danach, ihnen alles Verlorene in seiner Vatergüte wiederzugeben: Gnade,
Friede, Freude, Seligkeit und den Himmel. „Gott musste uns nicht erlösen, aber
er wollte es. Und nur er konnte es“ (HI. Augustinus).
Doch die Menschen sollten ihre ganze Ohnmacht zutiefst
spüren. Sie sollten einsehen: wir können uns nicht selbst erlösen, Gott muss
sich zu uns herablassen. Und wahrlich: „Dadurch hat sich die Liebe Gottes an
uns geoffenbart, dass er seinen eingeborenen Sohn in die Welt sandte, damit wir
durch ihn leben. Darin besteht also die Liebe: nicht dass wir Gott zuerst
geliebt haben, sondern dass er uns liebte und seinen Sohn als Sühnopfer für
unsere Sünden gesandt hat (1 Joh 4,9-10).
Aber viele hundert Jahre mussten noch vergehen, bis sich
Gottes Verheißung erfüllte. Viele Prüfungen kamen über das israelitische Volk.
Immer größer wurde die Sehnsucht der Welt nach dem Erlöser. Je näher die Zeit
des Messias kam, umso deutlicher verkündeten die Propheten seine Geburt zu
Bethlehem.
Unser Erlöser kommt als Kind?
Wenn Gottes Sohn im ewigen Ratschluss der Liebe seines
Vaters schon Mensch werden wollte und sollte, hätte er dann kraft seiner
Allmacht nicht gleich im reifen Mannesalter erscheinen und auftreten können?
Warum tat er das nicht?
Pater Peter Lippert, SJ, gibt hierauf eine tiefinnerliche
Antwort: „Da Gott ein Mensch werden wollte, um unter uns zu wohnen, da wollte
er auch die ganze Entwicklung eines Menschenwesens durchmachen und mit dem
Kindsein beginnen. Seine Kindheit war ihm ebenso wichtig wie sein Mannestum,
die Unmündigkeit so bedeutungsvoll wie die Reife, das erste unsichere Tasten
seiner Kinderhändchen war ihm so wertvoll und leistungsfähig wie die
Hilflosigkeit dieser selben Hände, da sie an das Holz des Kreuzes genagelt
wurden.“
Warum aber wollte Gott mit dem Kindsein beginnen? Warum
ist Gott ein Kind geworden? Diese Frage wird uns durch das ganze Büchlein
begleiten.
Warum ist Gott ein Kind geworden?
Allein nur wegen der armen und einfachen Hirten, oder der
demütigen Weisen aus dem Morgenland? Damit sie das sichere Zeichen der wahren
Ankunft des Messias und den Beginn ihrer Erlösung erkennen konnten? Gewiss,
diese Menschen guten Willens freuten sich über das kleine Gotteskind in der
Krippe so sehr, dass die Hirten buchstäblich zu ihm „eilten“ und die Weisen des
Morgenlandes sogar gefahrvolle und kostspielige Expeditionen riskierten um es
zu suchen. Sie alle huldigten dem kindgewordenen Erlöser, brachten ihm
Geschenke und beteten ihn an. Am liebsten hätten sie wohl dieses kleine
Geschöpfchen aus der Krippe genommen um es an ihre glühenden Herzen zu drücken
und mit Küssen und Liebkosungen zu verehren. Eine solche Herzensfreude,
erfüllte sie! Wir können das nachempfinden, wenn wir die Berichte der
Evangelien und die zugehörigen Stellen des Alten Testaments lesen und
betrachten.
Quelle: „Göttliches Kind, ich bete Dich an“,
Pfarrer A. M. Weigl. Verlag St. Grignionhaus, Altötting, 1983
Musé de l'Assistence Publique, Hôpitaus de Paris, Frankreich /
Giraudon / The Bridgeman Art Library.
In Paris haben wohltätige Faamilien ein Weihnachtsfest in einem Armenhaus organisiert. Um die geeschmückte Tanne haben sich Jung und Alt versammelt. Es wird Theater gespielt, Lieder werden gesungen und Gedichte vorgetragen. Kinder wohlhabender Familien verteilen Kuchen. Rechts sieht man ein Körbchen. Die rosigen Wangen des Kindes zeigen die Freude über das Geschenk, das es soeben bekommen hat. Es entdeckt eine Orange, einige Weihnachtspralinen und ganz unten eine Puppe aus Holz wie jene, die ihre Nachbarin bereits in ihren Armen wiegt. Im Vordergrund ist ein Geschwisterpaar in ärmlicher Kleidung zu sehen. Der Knabe mit dem Arm auf eine Krücke gestützt, macht uns betroffen. Ein Lächeln erhellt die Gesichter, die Weihnachtsfeier ist ein Moment der Freude in einem leidvollen Leben. Das kleine Mädchen im weißen Kleid küsst das Händchen des Babys, das auf dem Schoß seiner Mutter sitzt. Das ist wirklich Weihnachten.
(Aus dem Kalender „365 Tage mit Maria“
von der Aktion „Deutschland braucht Mariens Hilfe“, Dezember 2012)
Apparuit humanitas ac benigniitas Salvatoris nostri Jesu
Christi (Tit. 3,4)
Es erschien die Menschenliebe und die Güte unseres
Erlösers Jesus Christus.
Gott hat die Erlösung durch die Menschwerdung seines
Sohnes nicht vorrangig durch Macht und Wissen bewirkt, sondern vor allem durch
seine Güte (benignitas). Diese Güte hat Gott in der Geburt Jesu Christi
geoffenbart.
Das menschliche Bild im Christkind muss den Priester als
ein „anderer“ Christus immer wieder wachrütteln. Der Priester muss diese Güte
und Schlichtheit, aber auch Erhabenheit des Christkindes vorbildhaft immer
nachzuahmen versuchen.
Gott ist inkarnierter Logos! Gott ist Mensch geworden!
Das bedeutet, dass Gott das Diesseits zum Jenseits, die Natur zur Übernatur
hingeordnet hat. Dies ist keine Entwertung, sondern eine Aufwertung. All die
vielen Heiligen zeigen auf eine exemplarische Weise, wie der Sauerteig die Welt
„durchsäuern“, d.h. im Lichte des Glaubens neugestalten soll, wie Gottes Güte
und Menschenliebe sichtbar gemacht werden soll.
Es wird vom Geistlichen viel erwartet, dass er ein
Allround-Talent sei, dass er möglichst in allen Fächern und Disziplinen
bewandert sei. Der Priester soll möglichst nicht nur Theologe, sondern auch
Psychologe, Organisator, Manager, Finanzexperte usw. sein. Das aber ist nicht
entscheidend! Ohne eine weise Beschränkung und den Mut zu einer Einseitigkeit
gibt es ohnehin keine echte Bildung. Ein gereiftes Bildungswissen und ein
gesundes Urteilsvermögen sind tausendmal wichtiger als bloße Vielwisserei und
auf Knopfdruck abrufbares Faktenwissen.
Wenn wir aber das Christkind in der Krippe anblicken,
scheint die Menschenliebe und Güte noch viel wesentlicher für das Wirken und
die Fruchtbarkeit des Priesters zu sein, als buchstabenfixierte Härte.
Sicherlich ein hohes Ideal mit übermenschlichem Anspruch, aber dennoch
essentiell für die Authentizität des Priesterbildes.
Bitten wir das gnadenreiche Jesuskind um seine ungetrübte
Liebe zu den Menschen!
P. Dr. Jatzkowski, Rektor der Baronius-Akademie am ISPN
(Quelle: Institut st. Philipp Neri, Berlin 2013-3)