 |
| Kardinal Pie von Poitiers 1880 |
Freundliche Bemerkungen, um
ein Missverständnis über den Ultramontanismus und den „Geist von Vatikanum I“
auszuräumen
Von José Antonio Ureta
Man kann der redaktionellen
Position von OnePeterFive nur von
ganzem Herzen zustimmen, wenn es darum geht, die „Clans“ in einem einzigen
Kreuzzug zum Wiederaufbau der Christenheit zu vereinen, um „alles in Christus zu erneuern“. Gemeinsam mit dem neuen
Redaktionsteam bedauere ich auch den Fehler einiger Vertreter des
traditionellen Katholizismus, „unter sich über Kleinigkeiten diskutieren zu
wollen, während Ketzer gegen das Dogma triumphieren“.
In diesem Sinne nehme ich die
Einladung an, einen eigenen Gastbeitrag einzureichen, um die Frage zu erörtern,
die im Mittelpunkt der Überlegungen zur redaktionellen Position des neuen
Redaktionsteams steht, nämlich die richtige Haltung, die ein gläubiger Katholik
angesichts der von Papst Franziskus und einem Großteil der Hierarchie
propagierten Irrtümer einnehmen sollte.
Obwohl ich Ihrer Ablehnung
des „Sedisvakantismus“ und der verführerischen Lösung, sich ins griechische
Schisma zu flüchten, voll und ganz zustimme, habe ich einige Vorbehalte
gegenüber den Bezeichnungen „Geist des I. Vatikanums“ und „extremer
Ultramontanismus“, die Sie der verwerflichen Haltung derjenigen geben, die
lieber mit dem Papst im Unrecht sind als gegen ihn im Recht.
Diesen falschen
Gehorsamsbegriff, der viele konservative Katholiken lähmt, habe ich in meinem
Buch „Der Paradigmenwechsel des Papst
Franziskus - Kontinuität oder Bruch in der Mission der Kirche“
angeprangert, ihn aber einer anderen Quelle zugeschrieben: dem „Magisterialismus“, der sich in den
letzten Jahrzehnten bei den Bewunderern von Johannes Paul II. und Benedikt XVI.
eingeschlichen hat, nicht so sehr weil beide die Modernisten kritisierten, weil
diese von der traditionellen Lehre abwichen, sondern weil sie das Lehramt des
amtierenden Papstes angriffen [1].
Die Idee, dass „das gesamte
katholische Leben sich um den Papst drehen sollte, der eine Art delphisches
Orakel wäre, dessen geringste Laune zum verbindlichen Gesetz in der Kirche
wird“, ist absurd, aber mir scheint es gefährlich, sie als aus einem „falschen
Geist des Vatikanums I“ und „extremem Ultramontanismus" entsprungen zu
sein, zu bezeichnen. Aus der Sicht des Marketings ist es verlockend, eine
Parallele zwischen den beiden letzten Konzilien zu ziehen und sagen, dass ihre
Dokumente von einigen Extremisten in der jeweiligen nachkonziliaren Zeit
verfälscht wurden. Diese einfache Lösung hat jedoch drei Probleme: 1) Sie gibt
dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein „Plazet“ der totalen Orthodoxie, indem sie
ihm einen „Geist“ vorwirft, der angeblich im Widerspruch zu seinen Texten
steht; 2) sie wirft einen Schleier des Misstrauens über die ultramontane
Bewegung des 19 Jahrhunderts, indem sie sie auf derselben Ebene des
Progressismus stellt, der Vatkanum II hervorbrachte; 3) es entspricht nicht der
historischen Wahrheit, denn die „Papolatrie“ ist nicht eine vergiftete Frucht
des Ultramontanismus, sondern ein widernatürliches Kind seiner Gegner, der liberalen
Katholiken, die sie während des Pontifikats von Leo XIII. benutzen wollten, um
die Gläubigen zu zwingen, seine Politik des „Ralliement“
gegenüber der französischen Freimaurerrepublik zu akzeptieren (A.d.Ü.: unter
Ralliement versteht man die Politik des Vatikans, um die katholischen
Monarchisten Frankreichs anzutreiben, die laizistische Republik anzunehmen).
Es ist unbestreitbar, dass
die Ultramontanen - und das ist ihr Verdienst - die großen Verteidiger der
beiden Glaubensdogmen waren, die das Erste Vatikanum feierlich über den Papst
verkündet hat, nämlich seine volle und universale Jurisdiktion und seine
Unfehlbarkeit. Diese Verteidigung brachte ihnen schon damals den Vorwurf ein, „Theologen
des Absolutismus“ zu sein und die Wahrheit „dem Götzen zu opfern, den sie sich
im Vatikan aufgebaut hatten“ [2], so der Vorwurf des bekannten liberalen
Schriftstellers Graf Charles de Montalembert (den ich im Übrigen zu meinem
Erstaunen in Ihrer Liste der weltlichen Gegenrevolutionäre finde).
Aber ist es wahr, dass die
Ultramontanen ihre Liebe zu diesen beiden Privilegien des Stuhls Petri
übertrieben haben? Ganz und gar nicht. Um das zu beweisen, muss man einen Blick
auf das Denken und Handeln von Bischof Louis-Edouard Pie werfen, der zusammen
mit Kardinal Henry Edward Manning zu den Hauptakteuren des Ersten Vatikanischen
Konzils gehörte. Ich beziehe mich auf die erste dieser Persönlichkeiten, weil
ich die meiste Zeit des Jahres in Frankreich gelebt habe und mir seine Gestalt
vertrauter ist, und weil Frankreich, die Erstgeborene Tochter der Kirche,
unbestreitbar das geistige Zentrum der ultramontanen Strömung war. Schließlich,
weil der Bischof von Poitiers der große Verteidiger des sozialen Königtums Unseres
Herrn war und derjenige, der das Motto des Pontifikats von Pius X. inspirierte,
das Ihre Website in ihrem Leitartikel aufgreift: Instaurare omnia in Christo.
Beginnen wir mit dem Vorwurf
an den Ultramontanismus, eine gewisse Sympathie für den Absolutismus zu haben.
Dies ist völlig unbegründet, sowohl was die weltliche als auch die religiöse
Macht betrifft. Die Ultramontanen - und insbesondere der spätere Kardinal Pie -
waren legitimistische Monarchisten, die den bonapartistischen,
imperialistischen Zentralismus ablehnten und eine gemäßigte Monarchie
verteidigten: „Das christliche Königtum,
insbesondere das französische Königtum“, schrieb Monsignore Pie in einem
monarchischen Programm, das auf Wunsch des Thronprätendenten, des Grafen von
Chambord, verfasst wurde, „war niemals
willkürlich oder gar absolut. Seit jeher wurde es durch die Existenz der
verschiedenen Ordnungen des Königreichs, der Provinzversammlungen, der
Generalstaaten, der Parlamente, der lokalen Freiheiten und Bräuche gemildert“ [3].
Die gleiche Vision einer
gemäßigten Autorität galt auch für die Kirche. Bischof Pie war ein großer
Verfechter der Vorrechte der so genannten Partikular oder Provinzial Konzilien.
Er setzte sich dafür ein, dass sie in seiner Kirchenprovinz gefeiert wurden,
führte die Dekrete aus und verfasste in dem Geist, der sie inspirierte, die für
sie vorbereiteten Statuten. In seinem Kommentar zu einem Brief Pius IX. an die
österreichischen Bischöfe, in dem er sie zur Abhaltung eines Provinzkonzils
ermutigte, sah Bischof Pie darin eine „untadelige Antwort auf die vorschnellen
Vorwürfe der Monopolisierung aller Zuständigkeiten und der Tendenz zu
unbegrenzter Zentralisierung, die manche in letzter Zeit der römischen Kirche
zu machen wagen“.
Er fügte hinzu: „Die
Partikularkonzilien sind ein Element und eine Garantie für Freiheit und Nationalität
der verschiedenen Provinzen der katholischen Welt; verschiedene ökumenische
Konzilien haben ihnen diesen Charakter verliehen. Doch weit davon entfernt,
sich über die Einberufung dieser Provinzversammlungen zu entrüsten, ist er
selbst, das Oberhaupt der Kirche, es, der ihre Wiederaufnahme fordert, der ihre
Abschaffung bedauert, der ihren Nutzen aufzeigt“. Welche? „Solange es
Unterschiede in der Herkunft, in der Sprache, in der Regierung, ich würde sogar
sagen, im Klima gibt, (...) wird die Existenz eines gemeinsamen Rechts, einer
absoluten, einheitlichen Gesetzgebung, ohne Änderung und ohne Ausnahmen, in
einer Reihe von Punkten, die die kirchliche Disziplin betreffen, unmöglich
sein. Das Gewohnheitsrecht (...) lässt als Bestandteil des Rechts selbst das
Prinzip der Ausnahmen, Abweichungen und Änderungen zu, sofern sie unter
regulären Bedingungen erfolgen. Das Gericht, das die größten Garantien bietet
(...), ist jedoch der Episkopat der kanonisch und konziliar vereinigten
Provinz“ [4]. An anderer Stelle schrieb er: „Niemals hat der Apostolische Stuhl
mehr [als unter Pius IX.] auf der periodischen Abhaltung besonderer Konzilien
bestanden, in denen die Bischöfe jedoch gemeinsam diese Richterfunktion
ausüben, die man Rom vorwirft, sie ihnen zu bestreiten“ [5].
Erlauben Sie mir eine
Abschweifung: Die Konzilsväter des Zweiten Vatikanischen Konzils waren sehr
schlecht beraten, als sie dem vorangegangenen Konzil vorwarfen, die Struktur
der Kirche aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben, und um dem abzuhelfen, eine
„Kollegialität“ einführten, die der Tradition unbekannt ist und aus dem
östlichen Schisma entlehnt wurde (sogar in dem Wort, das eine schlechte
Übersetzung aus dem russischen sobornost
ist). Im Gegensatz zu Lumen Gentium
und der Nota praevia von Paul VI. übt
das mit dem Papst vereinigte Bischofskollegium keine ständige oberste Gewalt
über die Gesamtkirche aus. Die katholische Kirche ist nicht zweigliedrig, sie
hat nur ein Haupt: den Nachfolger Petri. Die Jurisdiktionsgewalt der Bischöfe
beschränkt sich in der Regel auf die einzelne Diözese, deren Seelsorger sie
sind, es sei denn, sie werden vom Papst auf einem Konzil außerordentlich
einberufen. Aber ja, sie können sich in Provinzkonzilien treffen, unter dem
wachsamen Auge des Heiligen Stuhls, der über die Einheit der Kirche wachen
muss, was Rom heute im Hinblick auf den deutschen Synodalweg ablehnt, obwohl es
sich selbst eine Lehrbefugnis zuschreibt, die die Provinzialsynoden nie hatten,
die lediglich über Disziplinarangelegenheiten entschieden haben.
Aber nehmen wir unseren
Diskurs wieder auf, indem wir zum Kern der Frage vordringen: Waren die
ultramontanen „Papolatri“ bereit, den Nachfolger Petri zu einer Art Pythonisa
zu machen, die wie in Delphi die Orakel des Apollo aussprach? Ganz und gar
nicht!
Die Haltung von Bischof Pie
vor der Einberufung des Ersten Vatikanischen Konzils und während dessen
Verlaufs war in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich.
Nach seiner Ernennung zum
Konsultor durch Pius IX. und noch vor der öffentlichen Ankündigung der
Konzilsversammlung erstellte Bischof Pie einen Entwurf für die
Vorbereitungskommission zu den Themen, mit denen sich das künftige Konzil
seiner Meinung nach befassen sollte. In der Überzeugung, dass das große Problem
der Zeit die Verleugnung des Königtums Christi durch die Säkularisierung der
Gesellschaft sei, schlug er ein Konzept vor, das vor allem darauf abzielte, die
Irrtümer des Rationalismus und des Naturalismus anzuprangern (ein Konzept, das
weitgehend in der dogmatischen Konstitution Dei
Filius aufgegriffen wurde), das aber nicht die Frage der päpstlichen
Unfehlbarkeit einschloss.
Gewiss, er war ein glühender Infallibilist, aber er war nicht auf
diese noch nicht erklärte Glaubenswahrheit fixiert. So sehr, dass er vorschlug,
Arthur-Marie Le Hire, einen Priester aus Saint-Sulpice und Professor für
Heilige Schrift am berühmten Pariser Priesterseminar, einer Bastion des
Gallikanismus, als Berater für das Konzil zu gewinnen.
Nach der offiziellen
Einberufung des Konzils waren es die Liberalen, die die Gemüter erregten, indem
sie die Wölfe riefen und eine Kontroverse über die Unfehlbarkeit entfachten,
die noch nicht auf der Tagesordnung stand. Von mehreren befreundeten Bischöfen
gedrängt, sich in diese Kontroverse einzuschalten, beteiligte sich Bischof Pie
nicht daran und begründete dies in einem Brief an seine Diözesanen: „Wir haben
den Entschluss gefasst, uns fortan nicht mehr in unserem Namen mit den
kapitalen Fragen zu befassen, die sich in dieser heiligen Versammlung von
selbst aufdrängen. Es schien uns, dass der Respekt, der unseren ehrwürdigen
Kollegen im Bischofsamt gebührt, wie auch der Respekt, den wir uns selbst
schulden, diese Zurückhaltung erfordert. Wir dürfen weder das Urteil der
anderen behindern noch unser persönliches Urteil vorwegnehmen, auch wenn wir bereit
sind, vom Gedankenaustausch und von den Früchten der Diskussionen zu
profitieren und vor allem den Lichtern und Bewegungen des Heiligen Geistes zu
gehorchen, dessen Beistand uns zu gegebener Zeit nicht versagt wird“ [6].
Doch der Bischof von Poitiers
ließ sich von der hitzigen Kontroverse zwischen den verschiedenen Presseorganen
beider Seiten zu diesem brennenden Thema nicht beirren: „Sollen doch die
privaten Schriftsteller unter ihrer persönlichen Verantwortung Hypothesen
formulieren und darüber debattieren. Die Kirche, die in ihren Verfahren sehr
liberal ist und während der Dauer der Konzilssitzungen allen Gedanken und
Gefühlen vollen Raum geben wird, ist durch diese öffentlichen Debatten weder
beunruhigt noch beleidigt, wenn sie sich in gerechten Grenzen halten.
Vorausgesetzt jedoch, dass der falsche Liberalismus, wie es bereits geschehen
ist, kein Freiheitsmonopol beansprucht, und dass er gemäß seinen Praktiken des
praktischen Absolutismus nicht nach Unterdrückung ruft und nicht wegen der
Freiheit, die seinen Gegnern gelassen wird, empört aufschreit“ [7]. Es scheint,
dass er prophetisch über unsere Zeit spricht!
Von diesem Vorbehalt rückte
der künftige Kardinal Pie erst ab, als Monsignore Henri Maret, Dekan der
Sorbonne, zwei Bände veröffentlichte, in denen er die vermeintliche „Allmacht“,
die dem Papst die Definition einer persönlichen Unfehlbarkeit verleihen würde,
die der rechtlichen Zustimmung des Bischofskollegiums fremd wäre, als „Absolutismus“
bezeichnete. Als Gegengewicht schlug der Pariser Prälat nichts Geringeres als
die ordentliche Beteiligung der Bischöfe an der allgemeinen Leitung der Kirche
vor, und zwar durch die Einberufung von ökumenischen Konzilien, die alle zehn
Jahre stattfinden sollten (heute würde er seinen Vorschlag unter dem Namen „Synodalität“
formulieren).
Anlässlich des 20.
Jahrestages seiner Erhebung in den Bischofsstand erklärte Bischof Pie in seiner
Predigt, dass es ein Affront gegen die Verheißung Jesu Christi an Petrus wäre,
die Lehrentscheidungen der Päpste der positiven oder stillschweigenden
Zustimmung des Weltbischofs unterzuordnen. Er beeilte sich jedoch hinzuzufügen,
dass er nach seiner Gewohnheit nicht die Absicht habe, „in irgendeiner Weise
eine konziliare Definition zu provozieren oder zu präjudizieren, deren Zweckmäßigkeit
zuerst und dann die Form ganz dem Urteil der großen synodalen Versammlung und
dem höchsten Willen des Heiligen Geistes vorbehalten sein muss“. Um seine Taten
mit seinen Worten in Einklang zu bringen, veröffentlichte er die Antwort von
Bischof Maret in der Wochenzeitung der Diözese und fügte hinzu: „Es ist eine
Regel, dass in jeder fairen Kontroverse die Verteidigung dort erscheinen kann,
wo der Angriff stattgefunden hat“ [8].
Die gleiche Zurückhaltung
bewahrte der künftige Kardinal, als am Vorabend der Konzilseröffnung der
Verfechter der liberalen Strömung, Mgr Dupanloup, zwei polemische Schriften
veröffentlichte, die unter dem Vorwand, die „Unangemessenheit“ einer
feierlichen Definition der lehramtlichen Gewalt des Papstes aufzuzeigen, in
Wirklichkeit die Unfehlbarkeit selbst formell angriffen. Vom Bischof von
Angulême stammt der berühmte Ausspruch: Quod
innoportune dixerunt, necessarium fecerunt, d.h. gerade diejenigen, die
sagen, die Verkündigung eines Dogmas sei unangebracht, machen sie notwendig.
Und Dom Prosper Guéranger, Abt von Solesmes, bemerkte, dass dies fehlte, um zu
dem Schluss zu kommen, dass die Zeit gekommen war, die Unfehlbarkeit zu
definieren. Bischof Pie bekräftigte jedoch in einem vertraulichen Brief an
seine Mutter lediglich: „Wir sind entschlossen, trotz allem zu schweigen. Das
Konzil wird gewinnen“ [9].
Das Konzil wurde am 8.
Dezember 1869, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis, eröffnet. Am
darauffolgenden Tag wurde Bischof Pie mit 470 von 700 abgegebenen Stimmen zum
zweiten Mitglied der Kommission für die Glaubenslehre gewählt. Doch dieser
erste Sieg der von ihm vertretenen ultramontanen Doktrinen führte auch dazu,
dass er sich gegenüber der ehemaligen Minderheit herabließ. In einem Brief an
einen in Frankreich verbliebenen Geistlichen schrieb er: „Es wäre nicht ohne
Vorteil gewesen, wenn einige Theologen der anderen Seite, wie Monsignore de
Grenoble [Bischof Jacques Ginoulhiac], in die ersten Kommissionen berufen
worden wären“, womit er die Kommissionen für Lehre und Disziplin meinte.
Als Berichterstatter der
Generalkongregation zum Thema „Glaube und Vernunft“ vertraute er seiner Mutter
an, dass ihm gesagt worden war, dass sein Vortrag von allen mit Sympathie
gehört worden war und dass „Bischöfe fast aller Schattierungen ihm Komplimente
gemacht hatten“ [10]. Es ist nicht verwunderlich, dass die Konstitution Dei Filius, die diesen Entwurf enthielt,
von der Versammlung einstimmig angenommen wurde.
Am selben Tag dieser
Zustimmung legten 150 Konzilsväter, die vom künftigen Kardinal Manning,
Erzbischof von Westminster, dem großen Führer der ultramontanen Strömung in den
englischsprachigen Ländern, geleitet wurden, dem Papst angesichts der sich
verschlechternden internationalen Lage und der Kriegsdrohungen ein Postulat zur
schnelleren Einführung der Frage der Unfehlbarkeit des Papstes vor. Anders als
man vermuten könnte, gehörte Bischof Pie nicht zu den Unterzeichnern dieser
Petition. Er war kein Übertreiber, wie die Ultramontanen manchmal dargestellt
werden, aber er war der Verfechter der französischen Sprache. Seine
Zurückhaltung geht erstaunlicherweise aus der Erklärung hervor, die er später
den Priestern seiner Diözese gab, in der er die Bedeutung dieser Frage
anerkannte, aber argumentierte, dass „nicht jedes Konzil jede Kontroverse regeln
und jede Lehre definieren sollte“ und dass in der logischen Reihenfolge der
Themen, die das Programm des Konzils ausmachten, die Unfehlbarkeit noch nicht
angekommen war, da der zweite Teil des Entwurfs von De Fide über die Gnade, die Erbsünde und die Erlösung, der bereits
fast vollständig geschrieben, noch nicht diskutiert worden war. Erst nach
dieser großen dogmatischen Synthese sollte das Kapitel über die Kirche und den
Papst in Angriff genommen werden, so dass die Frage der Unfehlbarkeit ihren natürlichen
Platz finden würde. Schließlich glaubte er offiziell, dass das Stimmrecht, das
ihm die Konzilsväter in der Glaubenskommission zugestanden hatten, ihm riet,
diesen Vorbehalt zu machen, „da ich wahrscheinlich aufgerufen sein würde,
persönlich bei der Einführung der Sache einzugreifen, was ja auch wirklich geschieht“
[11].
Es ist für unsere Zwecke
interessant, folgende Bemerkung seines Biographen zu zitieren: „Es ist
erstaunlich, dass er keiner militanten Gruppe angehörte und dass er, für alle
zugänglich, die Gewohnheit hatte, die verschiedenen Geister und ihre
verschiedenen Nuancen zu beobachten, jeden einzelnen zu studieren und zu
vermeiden, dass sie mit den eingenommenen Parteien und vorgefassten Meinungen
kollidierten, während er gegenüber den Bischöfen, die sich zu Führern der
Opposition gemacht hatten, sehr standhaft blieb. Sein Gefolge und seine Freunde
hätten ihn gerne an die Spitze der Mehrheit gestellt, aber er verzichtete auf
jede persönliche Einmischung, da dies ein Missverständnis des Geistes der
Kirche wäre“ [12].
Dennoch erkannte Bischof Pie
schnell die Dringlichkeit, sich mit der Unfehlbarkeit zu befassen, um die Frage
nicht in dem Tumult zu belassen, der durch die von der gallikanisch-liberalen
Minderheit ausgelösten Kontroversen entstanden war, die sich beeilte, durch die
Stimmen von 67 Bischöfen gegen eine mögliche Änderung des Diskussionsprogramms
zu protestieren.
Angesichts der Tatsache, dass
sich fünfhundert Bischöfe der Bitte angeschlossen hatten, sich mit der
Angelegenheit zu befassen, ordnete Pius IX. am 9. Mai 1870 die Verteilung des
Schemas über die Unfehlbarkeit an. Die vierundzwanzig Mitglieder der
Glaubenskommission baten Bischof Pie, einen Bericht über dieses neue Thema zur
Beratung vorzulegen; dies geschah vier Tage später auf der Generalversammlung.
Im Namen der Kommission entschuldigte er sich dafür, dass er einen
unkonventionellen Bericht vorlegen musste, der jedoch von der Leidenschaft
diktiert wurde, mit der die öffentliche Meinung das Thema behandelt. Nachdem er
die ersten drei Kapitel über die päpstliche Macht illustriert hatte, behandelte
er das vierte über die Unfehlbarkeit, die logische und obligatorische Folge des
höchsten und universalen Lehramtes, das der Papst innehat, und schloss mit
diesen beruhigenden Worten an die Konzilsväter: „Ohne Zweifel hat das euch
vorgeschlagene Schema nicht seine Vollkommenheit erreicht. Aus diesem Grund hat
die von Ihnen eingesetzte Kommission keinen größeren Wunsch, als dass Sie das
nur skizzierte Werk vollenden“ [13].
In vierunddreißig allgemeinen
und besonderen Versammlungen - jeden Morgen und jeden Nachmittag - wurde das
Thema in all seinen Aspekten behandelt, sowohl von den ultramontanen „Infallibilisten“
als auch von den „Anti-Infallibilisten“ und „Inopportunisten“. Die Gallikaner
hielten nämlich weiterhin daran fest, dass die Unfehlbarkeit der Kirche nicht
allein auf der Person des Papstes beruhen könne, sondern die Zustimmung des
Papstes und des Konzils erfordere. Die liberalen Katholiken ihrerseits
erklärten, sie seien nicht gegen die These von der persönlichen Unfehlbarkeit
des Papstes, hielten es aber für unangebracht, dieses Dogma zu verkünden, weil
sein „absolutistischer“ Charakter den demokratischen Geist der modernen Welt
verletzen könnte (!). Sie befürchteten auch, dass die Ultramontanen die
päpstliche Unfehlbarkeit rückwirkend auf den Syllabus ausdehnen würden, der
ihre Pläne für eine „Christianisierung des Liberalismus“ verurteilt hatte.
Bischof Pie nutzte seinen
Einfluss und besorgte sich alle Reden, die gehalten wurden, insbesondere die
seiner Gegner, und nahm sie zur Kenntnis, um seine Position zu korrigieren.
Manchmal ließ er seine Traurigkeit erkennen, indem er sagte: „Man wundert sich,
wie selbst Kirchenmänner die Dinge ausschließlich vom menschlichen Standpunkt
aus beurteilen“ [14].
Die Minderheit setzte sich
dafür ein, die Debatten auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Am 4. Juli 1870
wurde ein Telegramm aus Paris an ein Mitglied des Konzils geschickt mit den
Worten: „Warten Sie ein paar Tage, die Vorsehung wird Ihnen unerwartete Hilfe
schicken“. Der Krieg (AdÜ: der preußisch-französische Krieg), der in den
höchsten Kreisen der französischen Regierung bereits als unausweichlich galt,
war der Grund für die Vertagung der Konzilssitzung auf unbestimmte Zeit.
Doch das Telegramm kam zu
spät. Am Vortag und am 4. Juli hatten insgesamt sechsundfünfzig Redner darauf
verzichtet das Wort zu ergreifen, so dass die Debatte abgeschlossen wurde.
Mehrere Mitglieder der Minderheit verließen Rom, und am 13. Juli genehmigte die
Generalversammlung den gesamten Plan mit 451 Placet-Stimmen, 88 non placet
und 62 placet juxta modum, d.h.
vorbehaltlich für Verbesserungen. Einige der Mehrheit wollten eine noch klarere
Definition, und die Gegner schlugen vor, einzufügen, dass der Papst, um unfehlbar
zu sein, sich auf das Zeugnis der Kirchen stützen müsse: nixus testimonio Ecclesiarum, was die päpstliche Unfehlbarkeit von
der Zustimmung der Bischöfe abhängig gemacht hätte.
Das Ergebnis der Initiative
wurde zum Gegenteil: „Die Mehrheit betonte daher mehr die Bedeutung der
widersprüchlichen Sätze“, erzählt Monsignore Pie, „und angesichts dieser
Drohungen von innen und außen hat die Kirche dennoch ihre Verfassung bekräftigt“.
Dem Kanon IV fügte man hinzu, dass der Papst nicht die Mehrheit, potiores partes, sondern die ganze Fülle
der höchsten Gewalt innehabe. In ähnlicher Weise wurde der dogmatische
Abschnitt des Vierten Kapitels mit folgenden Worten abgeschlossen: „Die
Definitionen des Römischen Papstes sind von sich aus unveränderlich und nicht
durch die Zustimmung der Kirche“ [15].
Am 18. Juli 1870 wurde die so
verstandene und spezifizierte Unfehlbarkeit des Papstes feierlich und
einstimmig von den anwesenden Konzilsvätern verkündet, mit Ausnahme von zwei
Vätern, von denen einer noch am selben Abend und der andere am nächsten Tag
Pius IX. seinen Treueakt zu Füßen legte. Die meisten Gegner haben sich bei der
Sitzung enthalten. Am 19. Juli begann, wie in dem geheimnisvollen Telegramm aus
Paris vorhergesagt, der französisch-preußische Krieg, und zwei Monate später
marschierten die Piemontesen in Rom ein, sperrten Pius IX. im Vatikan ein und
machten damit die Fortsetzung des Konzils unmöglich, das auf unbestimmte Zeit
ausgesetzt wurde.
Ein beredtes Zeugnis für das
friedensstiftende Temperament von Bischof Pie gab Bischof Xavier de Mérode ab.
Dieser ehemalige Soldat aus einer belgischen Fürstenfamilie war zum Priester
geweiht worden und organisierte die berühmten Zouaves zur Verteidigung des
Kirchenstaates. Obwohl er ein persönlicher Freund des Bischofs von Poitiers
war, stammte er aus einem liberalen Umfeld und gehörte zur Minderheit. Am Tag
nach der Verkündigung des Dogmas, als Mgr. Pie bereits im Zug saß, stieg er in
seinen Wagon, und nachdem er sein Gefolge gebeten hatte, sie in Ruhe zu lassen,
führten die beiden Lehrgegner ein langes, tränenreiches Gespräch. Bischof Pie
zeigte das gleiche Wohlwollen gegenüber allen Mitgliedern der Minderheit, indem
er die Zustimmungen und Unterwürfigkeiten in die Wochenzeitung der Diözese
Poitiers eintragen ließ, die er dann an den Papst schickte. Durch seine
persönlichen karitativen Bemühungen erreichte er auch die Unterwerfung von
Pater Alphonse Gratry in articulo mortis, dessen anti-infallibilistische Werke
eine der stärksten Waffen der liberalen Presse gegen die ultramontanen Lehren
gewesen waren. Im Gegensatz zu den jansenistischen Tendenzen der Gallier hatte
er den Kardinal-Erzbischof von Reims, Thomas Gousset, dabei unterstützt, den „Liguorismus“
aus Italien zu importieren, die Morallehre des heiligen Alfons von Liguori, die
anstelle eines schrecklichen Gottes einen Gott der Liebe und des Vertrauens
propagiert.
Nachdem der Sieg der Wahrheit
über die liberalen und gallikanischen Irrtümer errungen war, ließ sich der
französische Verfechter des Ultramontanismus nicht dazu hinreißen, die
Tragweite der konziliaren Definition zu übertreiben, indem er den Papst auch in
seinem gewöhnlichen Lehramt für unfehlbar erklärte, also auch nicht in Fragen
des Glaubens und der Moral?
Der künftige Kardinal Pie
hätte sich über eine solche Frage gewundert, denn er kannte die menschliche
Schwäche sehr gut und wusste, dass göttlicher Beistand nur unter sehr
eingeschränkten Bedingungen versprochen wurde: „Der Beistand, der [dem Papst]
von oben garantiert wird, ist weder Inspiration noch übernatürliche eingegebene
Wissenschaft. Seine Aufgabe ist es daher, keines der natürlichen und
übernatürlichen Elemente zu vernachlässigen, die dem Triumph der Wahrheit und
dem Werk der Gnade zum Durchbruch verhelfen können. Eines dieser Elemente ist
das Studium, die Beratung, die Diskussion und die Zusammenführung aller
Kenntnisse und Erfahrungen. (...) Bevor er sein Urteil fällt, darf man nicht unbeachtet
lassen, das das Oberhaupt der Kirche gesetzt hat, indem er die Meinungen seiner
über den ganzen Erdkreis verstreuten Brüder schriftlich einholte und die
mündlichen Beratungen all derer förderte, die er um sich scharen konnte. Unter
diesen Bedingungen veröffentlichte Pius IX. die dogmatische Bulle, in der er
die Unbefleckte Empfängnis Mariens definierte“. Daher die Zweckmäßigkeit der
Konzilien: „Was die modernste theologische Sprache die Lehre des Papstes ex cathedra nennt, nannte man in
früheren Zeiten den Papst, der mit dem Konzil spricht: papa loquens cum consilio“ [16].
Mgr. Pie war sich auch der
Tatsache bewusst, dass die päpstliche Unfehlbarkeit nicht das ordentliche
Lehramt des Papstes umfasste, sondern dass die Gläubigen auch im Hinblick auf
sein außerordentliches Lehramt nur bei dogmatischen Entscheidungen zustimmen
mussten: „Die Theologie räumt nämlich ein, dass die feierlichsten Lehrakte des
kirchlichen Lehramtes, auch wenn sie sich der Intelligenz und dem Glauben der
Christen im Hinblick auf die endgültige Entscheidung, die sie treffen,
aufdrängen, im Bereich der Kontroverse bleiben, was die Vorentscheidungen und
Überlegungen zur Entscheidung betrifft“. Von da an überlässt die oberste
Obrigkeit, „stark in ihrer Unfehlbarkeit hinsichtlich des Wesens der Dinge,
ohne Risiko alles, was nicht Gegenstand dieses Privilegs ist, einer
angemessenen und ehrerbietigen Prüfung“ [17].
Bitte entschuldigen Sie, dass
ich den Rahmen eines gewöhnlichen Artikels weit überschritten habe, aber es
schien mir notwendig, die wahre intellektuelle und moralische Physiognomie des
Mannes wiederherzustellen, der zu seiner Zeit „der Hammer des Liberalismus“
genannt wurde, wie der hl. Hilarius von Poitiers der Hammer des Arianismus war.
Wenn dies die große Figur des
unangefochtenen Verfechters der französischen ultramontanen Prälaten zur Zeit
des Konzils war, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass „der Geist des Ersten
Vatikanischen Konzils“ ein Geist war, der von einer übernatürlichen Liebe zur
traditionellen Wahrheit durchdrungen war und daher ein objektiver, besonnener,
ausgewogener und nuancierter Geist, selbst in der Hitze der Kontroverse. Daher
ist von einem „extremen Ultramontanismus“ nichts zu befürchten, da er nur einen
noch höheren Grad an christlicher Weisheit darstellen würde. Er ist weit
entfernt von der karikierten Version, die von liberalen oder gallikanischen
Gegnern vertreten wird und die heute von einigen unzureichend informierten
Traditionalisten aus einem Missverständnis heraus aufgegriffen wird.
Weder der „Geist des Ersten
Vatikanischen Konzils“ noch der Ultramontanismus sind für die spätere Fixierung
auf die Person und das Lehramt des jeweiligen Papstes zum Nachteil des Primats
der Tradition verantwortlich. Dieser „Magisterialismus“ ist ein Kind der
liberal-progressiven Strömung und wurde um Leo XIII. herum geboren, mit dem
Ziel, seine umstrittene Politik des „Ralliement
mit der Republik“ zu unterstützen, der sich... die Ultramontanen widersetzten!
Aber das ist eine andere
Geschichte, und wir werden sie für einen späteren Artikel aufheben.
Anmerkungen
[1] Siehe diesbezüglich den
Artkel „Operative Points of View“, von don Chad Ripperger, in Christian Order, März
2001 (http://christianorder.com/features/feature_2001-03.html).
[2] R.S. Lecanuet, L’Eglise et le Second Empire, Paris, Poussièlgue, 1905, S. 430.
[3] Mons. Louis Bonard, Histoire du cardinal Pie, Bd. II, S. 488.
[4] Hirtenbrief vom 14. Juli 1866, in Œuvres de
Monseigneur l’évêque de Poitiers, Bd. II S. 442-443.
[5] Ebda, Bd. VI S. 67.
[6] Mons. Louis Bonard, a.a.O. S. 330-331.
[7] Ebda, S. 331-332.
[8] Ebda, S. 340.
[9] Ebda, S. 355.
[10] Ebda, S. 365
[11] Ebda, S. 375-377.
[12] Ebda, S. 377-378.
[13] Ebda, S. 384.
[14] Ebda, S. 388.
[15] Ebda, S. 392.
[16] Ebda, Hirtenbrief und Gebot vom 24. Mai
1869, in Œuvres Bd. VI, S. 408-409.
[17] Ebda, Ansprachen im
Dezember 1861, in Œuvres Bd. VI,
S. 339.
Quelle des Originals: Onepeterfive, 12. Oktober
2021. Übersetzung von Tradizione Famiglia Proprietà - Italia
Quelle der deutschen
Übersetzung:
https://www.atfp.it/notizie/306-analisi/2042-considerazioni-amichevoli-per-dissipare-un-malinteso-sull-ultramontanismo-e-sullo-spirito-del-vaticano-i
Einsicht am 26.10.2021
Diese deutsche Fassung „Über
den Ultramontanismus und den „Geist von Vatikanum I“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com
© Nachdruck oder
Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.