VERGESSENE TUGENDEN
Seliger Olivier Maillard
Aus den Predigten des seligen Olivier Maillard, eines
berühmten Predigers des 15. Jahrhunderts, genannt „der Mönch der offenen Rede“,
über den das Franziskaner-Martyrologium sagt: „21. Juli: In Toulouse,
Frankreich, entschlief der selige Olivier Maillard, Priester und Bekenner,
berühmt für seine Gelehrsamkeit und Beredsamkeit, der viele Male zum
Generalvikar der gesamten Observantenfamilie (Cismontanen) gewählt und vom
Papst als Apostolischer Legat nach Frankreich entsandt worden war, bekannt für
seine prophetische Gabe, seine Frömmigkeit und sein heiliges Leben, im Herrn
und wirkte nach seinem Tod durch seine Wunder“:
Diese elenden Christen, verroht an Geist und Leib, die
sich drei Tage lang mit Essen vollstopfen, in Ausschweifungen, Trunkenheit und
anderen Unzuchten schwelgen, Und sie würden meinen, sie würden das Fasten nicht
ordnungsgemäß einhalten, wenn sie sich nicht bis Mitternacht am
Faschingsdienstag den Bauch vollschlüpften.
* * *
„Oh Sünder, böser Knecht, entarteter Sohn! Du hast das
Schafott des Kreuzes vor Augen, an dem dein Vater und dein Herr hängt, und du
lachst, du scherzt und gehst zum Festmahl der dreißigtausend Teufel.“
* * *
„Eure Töchter, ihr kümmert euch nur darum, sie schön zu
machen, und ihr macht sie zu Kurtisanen.“
* * *
„Oh ihr armen Buchhändler, es genügt euch nicht, euch
selbst zu verdammen, sondern ihr druckt auch noch diese obszönen Bücher. Mit
ihnen werden ihr zu allen Teufeln
gehen.“
* * *
Wenn diese Gewänder mit dem Preis der Lust, mit dem
Ertrag von Raub und betrügerischen Verträgen bezahlt wurden, sind sie mit
Aussatz befleckt und müssen verbrannt werden. Woher kommen diese Pelze, diese
Seide und dieser Samt?
„Die Frauen tragen kostbare Halsketten, goldene Ketten
eng um den Hals geschnallt, um zu beweisen, dass der Teufel sie beherrscht und
sie gefesselt und geknebelt mit sich herumschleppt; sie besitzen unzählige
kostbare Schmuckstücke, die ich gar nicht aufzählen kann. Andere tragen große,
weite, hohe Hauben, verziert mit Hörnern und allerlei dergleichen. Sollen sie
uns doch erzählen, wie sie sich das alles leisten.“
* * *
„Ritter des Ordens (vom Goldenen Vlies), die Eide sind
sehr lang, wie man so oft sagt; aber zuerst habt ihr einen anderen geschworen,
den ihr besser einhaltet: dass ihr nichts von dem tun werdet, was ihr schwört.
Sage ich die Wahrheit?“ – ob es euch passt oder nicht.
„– In gutem Glauben, Bruder, so ist es. Fahr fort.“
„– Seid ihr da, Offiziere der fürstlichen Brot-, Obst-
und Kellerei? Wenn ihr nur eine halbe Portion Wein oder eine Fackel stehlen
solltet, würdet ihr euch die Gelegenheit nicht entgehen lassen.“
„— In gutem Glauben, Bruder, sagst du immer noch zu
wenig.
— Wo sind die Schatzmeister? Seid ihr dort? Ihr, die ihr
die Angelegenheiten eures Herrn und eurer eigenen regelt. Hört zu, ein Wort an
den Weisen genügt.“
* * *
„Oh ihr Weltlichen, wie viele seid ihr doch! Prüft euch
selbst von euren Fußsohlen bis zu euren Scheiteln; sucht etwas von euch selbst
in euch selbst: Ihr werdet nichts finden – außer euren Sünden.“
Bildunterschrift: Bienhereux. O. Maillard, Holzschnitt aus der Zeit
Aus Catolicismo von August 1952

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