... fragen sich viele: Ist das heilige Russland noch heilig?
Nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion glaubten viele, die russisch-orthodoxe Kirche
erlebe eine Wiederbelebung, die Erinnerungen an das „heilige Russland“
wachrief. Die äußeren Anzeichen offizieller Regierungspolitik, die die
Orthodoxie förderte, und der Wiederaufbau von Kirchen wurden als Beweis für
einen positiven Wandel angeführt.
Jüngste
Erkenntnisse und Statistiken, insbesondere jene zum aufkommenden Islam in
Russland, lassen jedoch Zweifel am Schicksal des „heiligen Russlands“
aufkommen. Die Zahlen deuten weder auf eine Wiederbelebung noch auf einen
Zuwachs an Anhängern oder eine höhere Gottesdienstbesuchsrate hin.
Alles
scheint darauf hinzudeuten, dass Russland in seinem Niedergang und seinem
Mangel an religiöser Inbrunst den meisten modernen Nationen folgt. Seine
Situation ist nichts Besonderes.
Die
russische Situation spiegelt auch die christlich-nationalistische Ausrichtung
wider, in der das Christentum eher oberflächlich, verbunden mit Symbolen,
Praktiken und Bräuchen, denn mit Glauben oder Lehre assoziiert wird. Christsein
ist vielmehr ein Identitätsmerkmal als ein Bekenntnis zu Glauben oder die
Einhaltung eines moralischen Gesetzes.
Demografischer
Zusammenbruch
Erstes
Anzeichen eines Problems ist die demografische Krise, verursacht durch
Russlands niedrige Geburtenrate. Die schlechte Nachricht is dass, der russische
Föderale Staatliche Statistikdienst (Rosstat) keine aktuellen Bevölkerungsdaten
veröffentlicht. Zuverlässige unabhängige Demografen zeichnen jedoch ein
düsteres Bild der Zukunft. Die ethnisch russische Bevölkerung schrumpft;
Regionen mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit und stärkerer religiöser Praxis
wachsen.
Die
Russische Akademie für Volkswirtschaft berichtet, dass etwa 130 Städte mit
5.000 bis 10.000 Einwohnern aufgrund sinkender Bevölkerungszahlen bald
verschwinden könnten. Die Gesamtbevölkerung des Landes liegt bei etwa 145
Millionen Menschen, wobei das geringfügige Wachstum darauf zurückzuführen ist,
dass die „annektierten“ Gebiete der Krim und der Ukraine miteingerechnet
wurden. Das Land befindet sich in einer schwierigen Lage, da die
Bevölkerungszahl bis 2100 auf die Hälfte sinken könnte. Russlands Geburtenrate
ist seit über einem Jahrzehnt rückläufig. Die derzeitige Rate von 1,4 Kindern
pro Frau deutet darauf hin, dass die christlichen Werte, die Empfängnis und
Geburten fördern, nicht eingehalten werden.
Eine wachsende
muslimische Präsenz
Noch
besorgniserregender ist die Lage der Religion. Russland könnte im Jahr 2075
durchaus als muslimisches Land gelten, wenn die Zahl der orthodoxen Russen fast
der Zahl der ethnischen Gruppen entspricht, die den Islam praktizieren.
Auch die
Religionsausübung ist gering, obwohl die genauen Zahlen variieren. Die
russische Stiftung für öffentliche Meinung berichtete 2024, dass sich 62 % der
russischen Bürger (rund 92 Millionen Menschen) nominell als orthodox
bezeichnen. Der Russia Arena Atlas von 2012 bezifferte die Zahl auf unter 68
Millionen, einschließlich anderer Christen, die nicht der russisch-orthodoxen
Kirche angehören.
Viele
bezeichnen sich zwar als Christen, aber weniger als 3 % praktizieren ihren
Glauben aktiv. Tatsächlich sind Muslime tendenziell religiöser als ethnische
Russen. Russland entwickelt sich heute, aus religiöser Sicht, zunehmend vom
Christentum in den Islam.
Der
Online-Newsletter „SSPX News“ berichtet, kaum Anzeichen für eine
postsowjetische „religiöse Wiederbelebung“ gefunden zu haben. Dieser Artikel
der Priesterbruderschaft St. Pius X., einer traditionalistischen katholischen
Gruppe mit Missionen in Russland, stammt von Beobachtern, die die Entwicklungen
genau verfolgen können. Im Bericht heißt es, dass es seit vielen Jahren,
insbesondere seit Putins Machtantritt (2000), keinen Trend zu einer Zunahme der
praktizierenden Gläubigen gegeben habe.
„Im
Gegenteil, okkulte Praktiken nehmen eher zu“, heißt es weiter, „doch sie können
es bei Weitem nicht mit dem leidenschaftlichen Bekenntnis zum islamischen
Glauben aufnehmen. Beim letzten Kurban-Bayram-Fest versammelten sich über eine
halbe Million Gläubige in den beiden Hauptstädten Moskau und St. Petersburg,
verglichen mit 200.000 orthodoxen Christen zu Ostern.“
Die
russisch-orthodoxe Kirche bezeichnete den umfassenden und ungerechtfertigten
Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 als „Heiligen Krieg“. Die religiöse
Praxis und Inbrunst der Katholiken in der Ukraine übertrifft jedoch die des
militärischen Aggressors bei Weitem. Laut einer Umfrage des Pew Research
Centers geben beispielsweise 43 % der Katholiken in der Ukraine an, mindestens
einmal wöchentlich einen Gottesdienst zu besuchen.
Das nationalistische
Modell
Obwohl
die Daten die Annahme einer postsowjetischen oder gar einer Putin’schen
Wiederbelebung des Christentums in Russland nicht stützen, lässt sich die
Anziehungskraft religiöser Bilder und Rhetorik auf die russische Bevölkerung
nicht leugnen. Dieser Trend spiegelt ein nationalistisches Modell wider, das
nicht nur in Russland, sondern weltweit, insbesondere im Westen, anzutreffen
ist.
Dieses
Modell bevorzugt eine „säkularisierte Vorstellung von Christentum“ anstelle
eines Glaubensbekenntnisses oder eines Moralkodex. Das Christentum dient zudem
als bequemer Maßstab, um den sich berechtigterweise besorgte Bürger gegen
Masseneinwanderung, die Ideologie der Woke-Bewegung und liberale Anliegen
mobilisieren können.
All
diese kulturellen Ausdrucksformen sprechen das religiöse Empfinden vieler
Christen an. Das populistische Modell führt diese Gefühle jedoch nicht zu ihren
Konsequenzen in Form von Konversion, der Ausübung christlicher Tugenden und der
Verehrung Gottes. Oftmals übernehmen sie fremdartige Ideologien und sogar
heidnische Praktiken. Solche oberflächlichen Impulse besitzen nicht die Kraft,
Seelen und Gesellschaften zu verändern.
Somit
ist das russische Modell eine Illusion, nicht die Antwort auf seine Probleme. Das Heilige Mutter Russland wird erst dann heilig werden, wenn sie zum
katholischen Glauben konvertiert, wie es die Muttergottes in Fatima
vorausgesehen hat.
Bildnachweis: © AfrandeePhotography – stock.adobe.com
Erstveröffentlichung auf tfp.org
Deutsche Erstveröffentlichung in www.r-cr.blogspot.com
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen