Donnerstag, 11. Juni 2026

Ein besessener Albigenser

 



Als der heilige Dominikus in der Nähe von Carcassonne den heiligen Rosenkranz predigte, führte man ihm einen vom Teufel besessenen Albigenser zu. Der Heilige sprach in Gegenwart einer großen Volksmenge den Exorzismus über ihn aus; man schätzte die Zahl der Zuhörer auf mehr als zwölftausend Personen.

Die Dämonen, von denen der Unglückliche besessen war, wurden vom Heiligen gezwungen, gegen ihren Willen zu gestehen:

1. dass sie fünfzehntausend an Zahl im Körper dieses Unglücklichen seien, weil er die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes angegriffen habe;

2. dass Dominikus mit dem heiligen Rosenkranz die ganze Hölle in Schrecken versetze und dass sie ihn am meisten von allen Menschen hassten, weil er ihnen durch die Rosenkranzandacht die Seelen raube.

3. Offenbarten sie ihm mehrere andere Einzelheiten.

Dann legte der heilige Dominikus den Rosenkranz um den Hals des Besessenen und fragte, wen von allen Heiligen des Himmels sie am meisten fürchteten und wer am meisten von den Menschen geliebt und geehrte werden müsse. Bei dieser Frage stießen sie ein so fürchterliches Geheul aus, dass der größte Teil der Zuhörer von Schrecken ergriffen zu Boden fiel. Alsdann weinten und lamentierten die bösen Geister, um nicht Antworten zu müssen, eine so erbarmungswürdige und rührende Weise, das mehrere der Anwesenden aus natürlichem Mitleid weinten.

Die Dämonen sagten durch den Mund des Besessenen mi kläglicher Stimme: „Dominikus, Dominikus, habe Erbarmen mit uns, wir versprechen dir, dass wir dir niemals schaden werden. Du, der du mit den Sündern und Unglücklichen soviel Mitleid hast, erbarme dich über uns Elende. Ach, wir leiden so sehr, warum findest due Vergnügen daran, unsere Qualen zu vermehren? Begnüge dich mit den Peinen, die wir ausstehen. Erbarmen! Erbarmen! Erbarmen!“

Ohne sich durch die ergreifenden Worte dieser unglücklichen Geister rühren zu lassen, antwortete ihnen der Heilige, er werde nicht aufhören, sie zu quälen, bis sie seine Fragen beantwortet hätten.

Der Teufel erwiderte nun, sie wollten ihm darauf antworten, aber im geheimen und nicht vor allen Leuten.

Der Heilige bestand darauf und befahl ihnen, zu antworten und laut zu sprechen. Doch die Teufel wollten kein Wort mehr sagen, wie sehr er ihnen auch befahl.

Da kniete er nieder und richtete folgendes Gebet an Maria: „O erhabenste Jungfrau Maria, durch die Kraft des heiligen Rosenkranzes befiehl diesen Feinden des Menschengeschlechtes, meine Frage zu beantworten.“

Nach diesem Gebete brach eine Feuerflamme aus den Ohren, der Nase und dem Mund des Besessenen hervor, welche alle erzittern machte, ohne jedoch jemand Schaden zuzufügen. Dann schrien die Teufel:

„Dominikus, durch das Leiden Jesu Christi und durch die Verdienste seiner heiligen Mutter und aller Heiligen bitten wir dich, gestatte uns aus diesem Körper zu weichen, ohne etwas zu sagen; denn, wenn du willst, werden es dir ja die Engel offenbaren. Sind wir denn nicht Lügner? Warum willst du uns glauben? Quäle uns nicht noch mehr, habe Mitleid mit uns.“

Er warf sich wieder auf die Knie und betete:

„O Du würdigste Mutter der Weisheit, ich bitte Dich für das hier gegenwärtige Volk, das in der Art und Weise, den Rosenkranz zu beten bereits unterrichtet ist. Zwinge Deine Feinde, öffentlich die volle und aufrichtige Wahrheit darüber zu verkünden!“

Kaum hatte er das Gebet vollendet, so sah er die Himmelkönigin von einer Menge von Engeln umgeben. Sie hielt einen goldenen Stab in der Hand, womit sie den Besessenen schlug, und sprach: „Antworte meinem Diener Dominikus auf seine Frage!“ (Es ist zu bemerken, dass nur der heilige Dominikus, nicht aber das Volk, die Allerheiligste Jungfrau sah und hörte). Dann fingen die Teufel an zu schreien und sagten:

„O Du unsere Feindin, o Du unsere Verderbnis, Du unsere Beschämung! Warum bist Du vom Himmel herabgestiegen, um uns so zu quälen?

O mächtigste Fürsprecherin der Sünder, die Du sie der Hölle entreißest, o Du sicherster Weg zum Himmel, sollen wir gezwungen sein, gegen unseren Willen die volle Wahrheit zu sagen; müssen wir wirklich vor aller Welt bekennen, welches die Ursache unserer Beschämung ist und wodurch wir zuschanden werden? Weh uns! Weh unseren Fürsten der Finsternis! Höret also, ihr Christen!

Diese Mutter Christi ist allmächtig, um zu verhindern, dass ihre Diener in unseren höllischen Abgrund stürzen. Sie ist es, die wie eine Sonne die Finsternis all unserer Anschläge Listen zerstreut. Sie ist es, die unsere Schliche aufdeckt, unsere Schlinge zerreißt und unsere Versuchungen vergeblich und zunichte macht. Gezwungenerweise gestehen wir, dass niemand, der in ihrem Dienste verharrt, mit uns verdammt wird. Ein einziger Ihrer Seufzer, den Sie der allerheiligsten Dreifaltigkeit darbringt, übersteigt und übertrifft alle Gebete, alle Wünsche und jegliches Verlangen aller Heiligen. Wir fürchten Sie mehr als alle Heiligen zusammen und wir vermögen ihren treuen Dienern nichts anzuhaben. Ja, manche Christen, die sie in ihrer Todesstunde anrufen, werden durch ihre Dazwischenkunft gegen unsere Rechte gerettet. Ah! Wenn nicht diese Marieta (so nannten sie Sie in ihrer Wut) uns widerstanden und unsere Anstrengungen vereitelt hätte, so hätten wir schon lange die ganze Kirche gestürzt und ausgerottet und alle ihre Stände und Orden in Irrtum und Unglauben gebracht.“

Nachher ließ der heilige Dominikus das ganze Volk langsam und andächtig den Rosenkranz beten und (o Wunder!) bei jedem Ava Maria, das der Heilige mit dem Volke betete, verließ eine große Menge von Teufeln den Leib des Unglücklichen in Gestalt feuriger Kohlen. Nachdem die Teufel ihn alle verlassen hatten und der Irrlehrer ganz befreit war, gab die Allerseligste Jungfrau, obgleich unsichtbar, dem ganzen Volke den Segen, den die Anwesenden freudig empfanden. Das Wunder aber bewirkte, Dass eine große Zahl Irrgläubiger sich bekehrte und sich in die Rosekranzbruderschaft aufnehmen ließ.

 

 

 

Aus „Der heilige Rosenkranz – Das wunderbare Geheimnis der Bekehrung und des Heiles“ vom Hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort. Lins-Verlag, A-6804 Feldkirch

 

 


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