Freitag, 14. März 2025

Verklärung des Herrn


Die Verklärung des Herrn kann in ihrer Bedeutung schwer überschätzt werden. Nicht umsonst feiert gerade die Ostkirche dieses Ereignis als einen besonders hohen Festtag. Allerdings ist dieses Ereignis in dem, was es offenbart, auch höchst anspruchsvoll. Es geht nicht nur einmal wieder um etwas Besonderes wie beim Heiland fast immer, was man ja schon gar nicht anders erwartet.

Die Verklärung des Herrn auf dem Berg Tabor bildet sozusagen den Höhepunkt des öffentlichen Lebens des Herrn. Es ist bereits ein Erfüllungsereignis der gesamten bisherigen Heilsgeschichte. Nicht umsonst geschieht es in Anwesenheit nicht nur seiner drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes, sondern auch der beiden Säulen des Alten Bundes, Mose, dem Vertreter des Gesetzes, der Thora, und Elia, dem wohl größten Propheten Israels. Beide, Mose und Elia, hatten schon ihre ganz persönlichen Gottesbegegnungen. Mose, seine erste am brennenden Dornbusch, aus dem ihn Gott überhaupt zum Führer seines Volkes berufen hat, und Elia am Berg Horeb im Anschluss an das Gottesurteil gegen die 450 Baalspriester.

Die Verklärung des Herrn auf dem Berg Tabor ist ein Offenbarungsgeschehen für die Apostel sowie die beiden Repräsentanten des Alten Bundes, Mose und Elia. Denn was in der Verklärung am Herrn für alle Anwesenden offenbar wird, ist überhaupt nichts, was er bisher nicht gehabt hätte, sondern etwas, was ihm schon mit seiner Menschwerdung an Weihnachten eignet, was aber auf Tabor nur einmal für die Anwesenden für einen Moment wie ein Blitzlicht erkennbar wird. Der Herr ist wahrhaftig wahrer Mensch und wahrer Gott, und beide Naturen, die in seiner göttlichen Person ungetrennt und unvermischt geeint sind, aber so, dass seine wahre unsterbliche, göttliche Natur seine wahre menschliche Natur durchdringt wie Wasser einen trockenen Schwamm und die menschliche Natur gleichsam vergöttlicht. Dabei bleibt die göttliche Natur ganz sie selbst wie Wasser, das einen trockenen Schwamm durchdringt, aber auch die menschliche Natur, die von der göttlichen ganz durchdrungen wird. Ein Vorausbild für diese Durchdringung des Stofflichen durch das Göttliche ist schon der brennende Dornbusch. Er brennt lichterloh, aber er verbrennt trotzdem nicht, sondern bleibt, der er ist.

Die menschliche Natur wird von der göttlichen nicht erdrückt oder verändert oder sogar verfälscht, sondern jede Natur behält in ihrer gegenseitigen Durchdringung ihre spezifische Eigenart. Das ist auch notwendig, denn die Energien beider Naturen wirken zusammen, wie es sogar sichtbar wird, wenn bspw. der Herr seine Wunder wirkt oder wenn der Herr durch die materiellen Zeichen seiner Sakramente wirkt. Das gilt aber nicht nur für die beiden Naturen in Christus, sondern auch für die Kooperation von Gott und Mensch, wie wir es am vergangenen Sonntag im Evangelium von der wunderbaren Brotvermehrung gehört haben.

Sie erinnern sich: Gebt ihr ihnen zu essen! Die Jünger verteilen, und es ereignet sich etwas, was nur von Gott her möglich ist. Seine wahre menschliche Natur wird mit Pfingsten zur Kirche in der Gestalt der Menschen, die vom Heiligen Geist durchdrungen werden und die mit dem Heiligen Geist zusammenwirken müssen. Wir sind die Glieder seines Leibes, durch die das Haupt handeln möchte.

Das Ereignis der Verklärung des Herrn ist gleichsam ein Scharnier zwischen dem Bisherigen und dem Zukünftigen. In der Verklärung erfüllt sich das Vergangene, repräsentiert durch Mose und Elia, das über viele Jahrhunderte genau auf diesen Moment zugelaufen ist, und zugleich entfaltet sich dann aus der Auferstehung des Herrn, worauf die Verklärung bereits hinweist, was in der verklärten Leibesgestalt des Herrn auf Tabor schon sichtbar wird.

Was für die gott-menschliche Person Jesu Christi gilt, wie sie sich uns heute auf Tabor präsentiert, gilt in entsprechender Weise auch für die Kirche, den mystischen Leib Christi. Diese Durchdringung der Kirche mit dem Heiligen Geist ist, jedenfalls im Prinzip, genauso wirklich wie die Durchdringung der menschlichen Natur des Herrn durch seine göttliche Natur, wenn auch für uns unsichtbar. Ich sage deshalb im Prinzip, weil sich ja gerade heute viele Glieder der Kirche gegenüber diesem Geist, der sie erfüllen und durchdringen möchte, abschotten. Erst in der Vollendung, wenn wir, wie Paulus im Römerbrief sagt, als Söhne Gottes offenbar werden, wird sich der ganze Christus aus Haupt und Leib, dessen Glieder wir sind, so offenbaren, wie sich der Herr heute auf dem Berg Tabor in seiner Herrlichkeit offenbart hat. Darin wird zugleich unsere eigene Vergöttlichung in unserer Vollendung sichtbar. Wir werden einmal als seine Bräute Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch sein, wie Eva im Paradies Bein und Fleisch von Adams Bein und Fleisch war. In der Verklärung des Gott-Menschen Jesus Christus sieht der Mensch, wozu er bestimmt und geschaffen wurde, nämlich zur Vergöttlichung. Diese bedeutet eben nicht, dass die menschliche Natur des Menschen in ihrer Vollendung vernichtet und aufgehoben wäre ins Göttliche. Vielmehr wird es in der Vollendung der menschlichen Natur wie bei einem mit Wasser gesättigten Schwamm kein Partikelchen mehr geben, das nicht vom göttlichen Geist durchdrungen wäre, ohne aber dabei der menschlichen Natur im Geringsten Abbruch zu tun. Im Gegenteil: Die menschliche Natur, die Gott schon als sein eigenes Abbild geschaffen hat, ihm ähnlich, wird nun in ihren allerletzten Möglichkeiten vollendet und zu sich selbst gebracht, aber keineswegs verfälscht oder sogar ausgelöscht. Auch in der Vergöttlichung ist und bleibt der Mensch immer nur Mensch und wird niemals Gott, aber doch Gott in einem höchstmöglichen Maße verähnlicht.

In diesem Prozess der Vergöttlichung des Menschen und der Kirche als Ganzer spielt noch einmal die göttliche Person Jesu Christi mit ihren beiden Naturen eine Rolle, nämlich in Gestalt der Heiligen Eucharistie. Das Fleisch des Herrn, das wir nur als Brot erkennen, ist durchdrungen von seiner wahren, herrlich strahlenden Gottheit, von der wir aber sinnenhaft überhaupt nichts bemerken, so wenig wie die Jünger bei Jesus vor und auch nach dessen Verklärung auf Tabor.

Diese Wahrheit müssten wir uns einmal bewusst machen, wozu aber die Handkommunion weiß Gott keinen Anlass gibt. In Christus ist die Trennung und damit der uns selbstverständliche Dualismus von Geist und Materie aufgehoben. Sie bilden eine Einheit, ohne sich aber auch miteinander zu vermischen und ihre jeweilige Eigentümlichkeit zu verfälschen oder überhaupt aufzuheben. In dieser Einheit bildet die materielle Komponente den Träger und das Transportmittel des Göttlichen zum Menschen. Das Fleisch Christi, das wir als Brot erkennen, ist das Medium, wie Christus als wahrer Gott überhaupt zu uns, ja in uns hineinkommen kann. Die Materie ist die Vermittlung des Göttlichen zum Menschen. Über diesen Leib Christi, den wir heute in seiner ganzen Herrlichkeit schauen dürfen, kommt vermittelst des eucharistischen Leibes Christi ein unaufhaltsamer Prozess der gegenseitigen Durchdringung von Gott und Mensch in Gang, der seinen Abschluss in der Vollendung findet, in der, wie Paulus sagt, Gott alles und in allem ist (vgl. 1Kor 15,28).

Dies sind nur wenige Gedanken zu der ganzen Bedeutungsfülle der Verklärung, aber mit ihrer Perspektive auf die Vollendung, auch unserer Vollendung, könnten sie die ängstliche Kleinkariertheit des gewöhnlichen christlichen Bewusstseins sprengen und in die unendliche Weite und Freiheit Gottes hinausführen. Gerade unter dem Horizont der Verklärung könnte man sich seines Katholisch seins wirklich erfreuen und stolz darauf sein. Amen.

So segne und behüte und bewahre Sie gesund an Leib und Seele der allmächtige und dreieinige Gott, + der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Ihr Pfarrer Ulrich Engel

 

Predigt zum Fest Verklärung des Herrn am 6. August 2020

 

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