Die Verklärung des Herrn kann in ihrer Bedeutung schwer überschätzt werden. Nicht umsonst feiert gerade die Ostkirche dieses Ereignis als einen besonders hohen Festtag. Allerdings ist dieses Ereignis in dem, was es offenbart, auch höchst anspruchsvoll. Es geht nicht nur einmal wieder um etwas Besonderes wie beim Heiland fast immer, was man ja schon gar nicht anders erwartet.
Die Verklärung des Herrn auf dem Berg Tabor bildet sozusagen
den Höhepunkt des öffentlichen Lebens des Herrn. Es ist bereits ein
Erfüllungsereignis der gesamten bisherigen Heilsgeschichte. Nicht umsonst
geschieht es in Anwesenheit nicht nur seiner drei Jünger Petrus, Jakobus und
Johannes, sondern auch der beiden Säulen des Alten Bundes, Mose, dem Vertreter
des Gesetzes, der Thora, und Elia, dem wohl größten Propheten Israels. Beide,
Mose und Elia, hatten schon ihre ganz persönlichen Gottesbegegnungen. Mose,
seine erste am brennenden Dornbusch, aus dem ihn Gott überhaupt zum Führer
seines Volkes berufen hat, und Elia am Berg Horeb im Anschluss an das
Gottesurteil gegen die 450 Baalspriester.
Die Verklärung des Herrn auf dem Berg Tabor ist ein
Offenbarungsgeschehen für die Apostel sowie die beiden Repräsentanten des Alten
Bundes, Mose und Elia. Denn was in der Verklärung am Herrn für alle Anwesenden
offenbar wird, ist überhaupt nichts, was er bisher nicht gehabt hätte, sondern
etwas, was ihm schon mit seiner Menschwerdung an Weihnachten eignet, was aber
auf Tabor nur einmal für die Anwesenden für einen Moment wie ein Blitzlicht
erkennbar wird. Der Herr ist wahrhaftig wahrer Mensch und wahrer Gott, und
beide Naturen, die in seiner göttlichen Person ungetrennt und unvermischt
geeint sind, aber so, dass seine wahre unsterbliche, göttliche Natur seine
wahre menschliche Natur durchdringt wie Wasser einen trockenen Schwamm und die
menschliche Natur gleichsam vergöttlicht. Dabei bleibt die göttliche Natur ganz
sie selbst wie Wasser, das einen trockenen Schwamm durchdringt, aber auch die
menschliche Natur, die von der göttlichen ganz durchdrungen wird. Ein
Vorausbild für diese Durchdringung des Stofflichen durch das Göttliche ist
schon der brennende Dornbusch. Er brennt lichterloh, aber er verbrennt trotzdem
nicht, sondern bleibt, der er ist.
Die menschliche Natur wird von der göttlichen nicht erdrückt
oder verändert oder sogar verfälscht, sondern jede Natur behält in ihrer
gegenseitigen Durchdringung ihre spezifische Eigenart. Das ist auch notwendig,
denn die Energien beider Naturen wirken zusammen, wie es sogar sichtbar wird,
wenn bspw. der Herr seine Wunder wirkt oder wenn der Herr durch die materiellen
Zeichen seiner Sakramente wirkt. Das gilt aber nicht nur für die beiden Naturen
in Christus, sondern auch für die Kooperation von Gott und Mensch, wie wir es
am vergangenen Sonntag im Evangelium von der wunderbaren Brotvermehrung gehört
haben.
Sie erinnern sich: Gebt ihr ihnen zu essen! Die Jünger
verteilen, und es ereignet sich etwas, was nur von Gott her möglich ist. Seine
wahre menschliche Natur wird mit Pfingsten zur Kirche in der Gestalt der
Menschen, die vom Heiligen Geist durchdrungen werden und die mit dem Heiligen
Geist zusammenwirken müssen. Wir sind die Glieder seines Leibes, durch die das
Haupt handeln möchte.
Das Ereignis der Verklärung des Herrn ist gleichsam ein
Scharnier zwischen dem Bisherigen und dem Zukünftigen. In der Verklärung
erfüllt sich das Vergangene, repräsentiert durch Mose und Elia, das über viele
Jahrhunderte genau auf diesen Moment zugelaufen ist, und zugleich entfaltet
sich dann aus der Auferstehung des Herrn, worauf die Verklärung bereits hinweist,
was in der verklärten Leibesgestalt des Herrn auf Tabor schon sichtbar wird.
Was für die gott-menschliche Person Jesu Christi gilt, wie
sie sich uns heute auf Tabor präsentiert, gilt in entsprechender Weise auch für
die Kirche, den mystischen Leib Christi. Diese Durchdringung der Kirche mit dem
Heiligen Geist ist, jedenfalls im Prinzip, genauso wirklich wie die
Durchdringung der menschlichen Natur des Herrn durch seine göttliche Natur,
wenn auch für uns unsichtbar. Ich sage deshalb im Prinzip, weil sich ja gerade
heute viele Glieder der Kirche gegenüber diesem Geist, der sie erfüllen und
durchdringen möchte, abschotten. Erst in der Vollendung, wenn wir, wie Paulus
im Römerbrief sagt, als Söhne Gottes offenbar werden, wird sich der ganze
Christus aus Haupt und Leib, dessen Glieder wir sind, so offenbaren, wie sich
der Herr heute auf dem Berg Tabor in seiner Herrlichkeit offenbart hat. Darin
wird zugleich unsere eigene Vergöttlichung in unserer Vollendung sichtbar. Wir
werden einmal als seine Bräute Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch
sein, wie Eva im Paradies Bein und Fleisch von Adams Bein und Fleisch war. In
der Verklärung des Gott-Menschen Jesus Christus sieht der Mensch, wozu er
bestimmt und geschaffen wurde, nämlich zur Vergöttlichung. Diese bedeutet eben
nicht, dass die menschliche Natur des Menschen in ihrer Vollendung vernichtet
und aufgehoben wäre ins Göttliche. Vielmehr wird es in der Vollendung der
menschlichen Natur wie bei einem mit Wasser gesättigten Schwamm kein
Partikelchen mehr geben, das nicht vom göttlichen Geist durchdrungen wäre, ohne
aber dabei der menschlichen Natur im Geringsten Abbruch zu tun. Im Gegenteil:
Die menschliche Natur, die Gott schon als sein eigenes Abbild geschaffen hat, ihm
ähnlich, wird nun in ihren allerletzten Möglichkeiten vollendet und zu sich
selbst gebracht, aber keineswegs verfälscht oder sogar ausgelöscht. Auch in der
Vergöttlichung ist und bleibt der Mensch immer nur Mensch und wird niemals
Gott, aber doch Gott in einem höchstmöglichen Maße verähnlicht.
In diesem Prozess der Vergöttlichung des Menschen und der
Kirche als Ganzer spielt noch einmal die göttliche Person Jesu Christi mit
ihren beiden Naturen eine Rolle, nämlich in Gestalt der Heiligen Eucharistie.
Das Fleisch des Herrn, das wir nur als Brot erkennen, ist durchdrungen von
seiner wahren, herrlich strahlenden Gottheit, von der wir aber sinnenhaft überhaupt
nichts bemerken, so wenig wie die Jünger bei Jesus vor und auch nach dessen Verklärung
auf Tabor.
Diese Wahrheit müssten wir uns einmal bewusst machen, wozu
aber die Handkommunion weiß Gott keinen Anlass gibt. In Christus ist die
Trennung und damit der uns selbstverständliche Dualismus von Geist und Materie
aufgehoben. Sie bilden eine Einheit, ohne sich aber auch miteinander zu
vermischen und ihre jeweilige Eigentümlichkeit zu verfälschen oder überhaupt
aufzuheben. In dieser Einheit bildet die materielle Komponente den Träger und
das Transportmittel des Göttlichen zum Menschen. Das Fleisch Christi, das wir
als Brot erkennen, ist das Medium, wie Christus als wahrer Gott überhaupt zu
uns, ja in uns hineinkommen kann. Die Materie ist die Vermittlung des
Göttlichen zum Menschen. Über diesen Leib Christi, den wir heute in seiner ganzen
Herrlichkeit schauen dürfen, kommt vermittelst des eucharistischen Leibes
Christi ein unaufhaltsamer Prozess der gegenseitigen Durchdringung von Gott und
Mensch in Gang, der seinen Abschluss in der Vollendung findet, in der, wie
Paulus sagt, Gott alles und in allem ist (vgl. 1Kor 15,28).
Dies sind nur wenige Gedanken zu der ganzen Bedeutungsfülle
der Verklärung, aber mit ihrer Perspektive auf die Vollendung, auch unserer
Vollendung, könnten sie die ängstliche Kleinkariertheit des gewöhnlichen
christlichen Bewusstseins sprengen und in die unendliche Weite und Freiheit
Gottes hinausführen. Gerade unter dem Horizont der Verklärung könnte man sich
seines Katholisch seins wirklich erfreuen und stolz darauf sein. Amen.
So segne und behüte und bewahre Sie gesund an Leib und Seele der
allmächtige und dreieinige Gott, + der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Ihr Pfarrer Ulrich Engel
Predigt zum Fest Verklärung des Herrn am 6. August
2020
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