Montag, 29. August 2016

Die Legende von dem kleinen Fässchen

Zwischen der Normandie und der Bretagne in einem sehr zurückgezogenen Ort wohnte einst ein sehr berühmter Herr. Nah am Meer hatte er eine so gut gerüstete und gefestigte Burg, dass er weder König noch Graf, weder Prinz noch Herzog fürchtete. Der Herr dieser Burg war groß, stark, schön von Angesicht, reich an Hab und Gut und von edlem Geschlecht. Sein Äußeres war so vornehm, wie man es sich nicht hätte besser vorstellen können. Doch zeigte er sich grausam, treulos und stolz, und war furchtlos gegen Gott und den Menschen. Das ganze umliegende Land verwüstete er ohne Erbarmen. Er versteckte sich am Rande der Wege, um Pilger zu töten und Händler zu plündern. Er verschonte auch nicht Geistliche und Mönche, Frauen, Arme und Reiche. Niemals wollte er eine Frau nehmen, da er meinte sich dadurch zu erniedrigen. Fleisch aß er zu jeder Zeit, auch des Freitags und in der Fastenzeit. Von Kirchgang, Predigt und Heiliger Schrift war überhaupt nicht zu sprechen. Es gab zu jener Zeit keinen schlechteren Menschen als diesen. Mehr als 30 Jahre lebte er so, ohne auch die geringste Reue zu empfinden.
Abermals kam die Fastenzeit. Als er am Karfreitag früh aufstand, rief er seine Köche und befahl: „Richtet mir ein Wildbraten, denn ich möchte sofort essen, um meinen Straßenraub zu treiben.“
Die Köche waren darüber sehr verärgert und antworteten traurig: „Wir tun, wie ihr befohlen, Herr!“ Die Ritter jedoch, die den Auftrag gehört und mehr Mut hatten, riefen laut: „Herr, was habt ihr gesagt? Heute ist der heilige Karfreitag, an dem Gott gelitten hat, um uns das Heil zu geben, und ihr wollt euch an Fleisch ergötzen? Gott wird es vergelten, glaubt uns!“
„Ha! Und damit ist noch nichts getan. Ich werde da unten noch viele hängen und ausrauben!“
„Habt ihr denn die Gewissheit, dass Gott euch noch eine lange Frist einräumt? Ohne Aufschub solltet Ihr bereuen, Gott um Gnade flehen und über all eure Vergehen weinen!“
„Weinen? Ihr scherzt wohl. Das habe ich alles nicht nötig. Weinet selber, ich lache!“
„Herr, im nahe liegenden Wald wohnt ein heiliger Mann, bei dem man beichtet, um sich von den Sünden zu befreien. Gehen wir hin und beichten. Man darf nicht nur immer das Böse tun!“
„Beichten? Teufel, wenn dieser heilige Mann etwas Vermögen hat, so werde ich hingehen, um ihn auszurauben. Andernfalls gehe ich nicht hin.“
„Doch sei es, nur um uns zu begleiten. Kommt, Herr, lasst und gehen?“
„Gut! Euretwegen will ich es schon tun. Aber, bei Gott, weiter werde ich nichts machen. Bringt mir mein Pferd! Ich werde mit all diesen Scheinheiligen gehen und mich köstlich amüsieren: nachdem sie gebeichtet haben, fangen sie das Rauben von neuem an.“
„Kommt, Herr! Und gebe euch Gott, so er will, ein wenig Demut.“
„Meiner Treu!“, rief der Herr, „Demut will ich nicht und auch keine Güte: man wird mich ja nicht mehr fürchten!“
So begaben sie sich auf den Weg: Die Ritter vorneweg, traurig, und hinter ihnen der Graf, singend, spottend und sie misshandelnd, als wenn er vom Teufel besessen wäre.
Ohne Aufenthalt kamen sie zur Einsiedelei im Wald. Die Ritter begeben sich zum kleinen Kloster, um den frommen Einsiedler aufzusuchen. Der Graf aber blieb auf seinem Ross.
„Herr, sagten seine Ritter, steigt nun ab und kommt, euch zu verbessern!“
„Fürwahr! Nichts werde ich tun! Ich sehe schon, dass das meinen ganzen Tag in Anspruch nehmen wird. Die Pilger und Kaufleute, die ich überfallen wollte, werden heute ihren Glückstag haben!“
Da sie sahen, dass sie nichts erreichten, gingen die Ritter zum Altar und beichteten ihre Sünden beim heiligen Eremiten so schnell und gut sie es nur konnten, um ihren Herrn nicht länger warten zu lassen. Um die Lossprechung ihrer Sünden zu erlangen, stellt der Mönch ihnen die Bedingung, dass sie von nun an alle Tage die bösen Taten meiden sollten. Als sie es versprochen hatten, baten sie den Mönch gütigst: „Herr, unser Gebieter ist draußen. Gott zu Liebe ruft ihn hierher, denn wir baten ihn umsonst. Wenn er euch sieht, wenn ihr mit ihm sprächet, könntet ihr ihn vielleicht überzeugen? Wer ihn zu Gott zurückführt, wird ein gutes Werk vollbracht haben.“
Der Alte antwortete ihnen: „Gut, ich will es machen, aber ohne Hoffnung auf Erfolg.“
Und er ging hinaus, sich auf seinen Stab stützend, denn er war schon alt und schwach. Dem Grafen sagte er gütig: „Herr, seid willkommen! Am heutigen Tage soll man auf alles Böse verzichten und das getane bereuen. Auch an Gott soll man heute denken!“
„Denkt an was ihr wollt. Ich werde nichts tun“, antwortete der Graf.
Der Einsiedler verdrießt sich nicht. Voller Demut sagt er: „Steigt ab guter Herr! Denn ihr seid ja ein Ritter und habt deshalb ein edles Herz. Ich bin Priester und bitte euch durch dem, der am Kreuze starb, ein wenig mit mir zu sprechen.“
„Sprechen? Zum Teufel! Über was sprechen? Wir haben nichts miteinander gemein! Ich habe es eilig!“
„Herr, nicht meinetwegen, sondern ausschließlich Gott zu Liebe!“
„Ihr seid ein guter Fürsprecher. Aber wenn ich rein komme, werde ich nichts tun; kein Gebet, kein Almosen, keine Bitte, nichts!“
„Kommet nur herein und ihr werdet meine Kapelle sehen und mein Haus.“
„Den ganzen Tag werde ich nicht aufhören, mich zu langweilen!“
Doch mit großem Verdruss steigt er von seinem Pferd ab. „Wirklich ein dummer Gedanke, sagt er, hierher zu kommen, und so früh aufgestanden zu sein!“
Der Mönch hieß ihn willkommen und führte ihn zur Kapelle; und als sie vor dem Altar standen, sagte er: „Herr, ihr seid gefangen! Ihr werdet bei mir bleiben und euer Leben erzählen. Tötet mich, wenn ihr wollt; andernfalls werdet ihr mir nicht entkommen.“
„Nichts werde ich euch erzählen und ich weiß nicht, was mich zurückhält euch zu töten, wie ihr es sagt. Lasst mich frei hier herausgehen!“
„Nein, Herr Graf, bei der Herrlichkeit Gottes, ihr werdet eure Sünden hier bekennen!“
„Ihr seid wohl nicht ganz bei Sinnen oder gar betrunken, um mit Gewalt zu wissen, was ich euch nicht sagen will!“
Grausam und schlecht wie er war, richtete der Graf einen so wütenden Blick auf den Mönch, dass diesen die Angst ergriff. Doch er fasste Mut und sagte mit sanfter Stimme: „Mein Bruder, beichte mir nur eine einzige Sünde, denn mit so wenig man auch anfängt, bin ich sicher, dass Gott euch auf den rechten Weg verhilft.“
„Na gut!, schrie der Graf, werde ich denn nie eher Frieden haben? Und was habt ihr alle, dass ihr mich gegen meinen Willen zu handeln zwingt? Weil es nicht anders kann sein, werde ich sprechen, und nichts weiter! Nichts werde ich bereuen!“
Und er fing an seine Sünden in einem fort und jähzornig auf zuzählen. Als er beendet hatte, sagte er zum alten Einsiedler: „Ich habe euch alle meine Übeltaten gesagt, was wird es euch nun für ein Nutzen bringen? Lasst ihr mich endlich in Ruhe? Ihr habt mich besiegt ohne Verletzung, nie mehr werde ich euch sprechen!“
Der Eremit ward traurig und diese Reuelosigkeit zerriss ihm das Herz.
„Herr, sagte er, tröste mich, und verrichtet einen Akt der Buße.“
„Ich? Ein Büßer werden? Ihr spottet wohl meiner! Und zu was verurteilt ihr mich?“
„Um all eure Sünden zu tilgen, werdet ihr sieben Jahre hindurch jede Woche des Freitags fasten.“
„Sieben Jahre? Niemals!“
„Dann drei?“
„Nein!“
„Dann an den Freitage eines Monats?“
„Schweigt! Ich werde nichts tun!“
„Geisselt euch dann jeden Morgen.“
„Das halt ich nicht aus!“
„Und wenn ihr eine Pilgerfahrt unternimmt?“
„Nein, da gibt es zu viele Gefahren.“
„Pilgert nach Rom oder nach Compostela!“
„Nein!“
„Geht dann in die Kirche, dort verrichtet zwei Gebete: das Vater Unser und das Ave.“
„Das ist alles Zeitverschwendung.“
„Um der Liebe des allmächtigen Gottes Willen, nehmt dann dieses Fässchen und geht hin zur nahe liegenden Quelle und füllt es mit Wasser. Wenn es voll ist, bringt es mir und eure Sünden sind euch vergeben.“
„Na gut! Das bedeutet mir wahrlich nicht so große Mühe, eben zur Quelle zu gehen. Ich nehm's und werde es schnell getan haben.“
Der Mönch gab ihm das Fässchen. Als der Graf es nahm, sagte er: „Gut! Und ich schwöre euch, nicht zu ruhen, bevor ich ihn euch nicht gefüllt zurückbringe!“
Und er ging. Seine Ritter folgten ihn, er aber wies sie streng ab. Als er zur Quelle kam, tauchte er das Fässchen mit wucht in das Wasser und holte es wieder heraus. Aber kein Tropfen war drinnen… Er versuchte es wieder und nochmals und auf allen möglichen Weisen, aber das Fässchen kam immer wieder vollständig trocken aus dem Wasser. Er verlor die Geduld und fing an zu fluchen: „Es ist bestimmt verstopft.“ Er nahm ein Stöckchen, um zu sehen, stellte aber fest, dass alles frei war. Und noch einmal tauchte er das Fässchen ins Wasser, aber kein Tropfen floss hinein!
Er wurde wütend, stand auf und ging zur Eremitage zurück und erzählte dem Mönch und den seinen das Ergebnis und schwor: „Bei allen Heiligen! Keinen Tropfen konnte ich hineinbekommen! Und doch tat ich, was ich konnte! Nicht eine Träne floss herein! Ich werde aber keine Ruhe kennen, bis ich dieses Fässchen gefüllt habe!“
Zum Mönchen sagte er dann: „Ihr habt mich in eine schlechte Lage versetzt mit diesem blöden Fässchen! Meine Haare werde ich nicht schneiden und nicht meinen Bart, bis ich mein versprochenes Wort erfüllt habe. Zu Fuß werde ich herumlaufen, ohne einen Heller, ohne Brot und ohne Vorrat.“
Der Mönch hörte und ward sehr traurig: „Herr, sagte er, was für ein Unglück! Wie bitter ist euch das Leben! Dies Fässchen, das selbst ein Kind spielend füllen kann, nahm kein Wasser auf wegen all eurer Sünden. Es ist Gott, der in all seiner Güte euch die Buße auferlegen will.“
„Nicht wegen Gott noch jemanden anderen werde ich losziehen, sondern ausschließlich meinetwegen, aus Wut und großem Ärger!“
Seinen Leuten sagte er trotzig: „Was euch betrifft, so geht! Führt mein Pferd zurück und schweigt über mich und all das Geschehene. Wenn man euch nach mir fragt, so antwortet niemals ein Wort. Was mich betrifft, werde ich wahrscheinlich höchst beschäftigt sein, mit diesem verhexten Fass, das ich in Feuer und Flammen wünschte! Ich werde der Runde nach alle Wasser der Welt versuchen!“
So geht er also, ohne länger zu verweilen, das Fässchen um den Hals gehängt und als Begleiter nur Gott.
In jedem Bach, den er findet taucht er das Fässchen und versucht es zu füllen, doch es gelingt ihm nicht. So besorgt und in Wut geraten ist er, dass eine ganze Woche vergeht, ohne dass ihm der Gedanke kommt, etwas zu essen. Als er aber dann doch merkt, dass der Hunger ihn bestürmt und er ihm nachgeben muss, verkauft er seine Kleider und trägt ab dann nur ein paar alte Lumpen.
Er geht durch Wind und Regen. Sein Gesicht, ehemals frisch und rot, hat sich ganz verändert; die Haut ist dunkler geworden. Und in jedes Wasser, das er antrifft, taucht er sein Fässchen, ohne dass jemals ein Tropfen hineinläuft. Er leidet viel und erträgt es. Seine Schuhe sind schon durch, und schon muss er barfuss gehen.
Und so wandert er durch die Täler, Kälte und Hitze, durch Wälder, Ruinen und Dornen. Er verwundet sich und blutet oft. Mit Mühe und Not und mit Verdruss geht er weiter. Tag und Nacht wandert er dahin, arm und bettelnd. Die Leute lachen ihn aus, er hat weder Gewand noch Burg, kein Platz, wo er ruhen kann. Alle, die ihn sehen, misstrauen ihm, denn er ist groß und so verkommen sieht er aus; sehr stark, von hässlichem Anblick und von der Sonne verbrannt. Alle haben Angst, ihn aufzunehmen. So schläft er oft auf den Feldern. Doch trotz alledem kann er sich nicht demütigen. Wenn er sich bei Gott beklagt über all sein Elend, dann tut er es mit Zorn und ohne Reue. Als das Geld, das er für die Kleider bekam, alle war, weiß er nicht mehr woher er sein Brot holen kann. Die Not lehrt ihm das Betteln, aber es kommt oft vor, dass er tagelang nichts bekommt. Als sein Herz dermaßen abgezehrt ist, dass er den Hunger nicht mehr aushält, bittet er ärgerlich um ein hartes Brot. Und so wandert er durch ganz Frankreich, durch Spanien, durch Ungarn, durch Thüringen, durch Deutschland, durch den Elsass und Lothringen. Acht Tage reichen nicht aus, um all die Orte aufzuzählen die der Graf durchwanderte. Auf jeden Fall nach England, das ganz vom Meer umgeben ist, und Barletta in Italien gibt es wohl kein Land wo er es nicht versuchte: Wasserfälle, Bäche und Quellen, Stillwasser und Fluten, überall tauchte er sein Fässchen ein, aber kein Tropfen floss herein. Vergeblich tat er und bemühte sich; sein Zorn stieg mehr und mehr. Inmitten seiner Schmerzen beleidigten ihn noch alle Leute, niemand tat ihm Gutes; in Stadt und Land hörte er nur harte Worte. Doch sein Stolz ließ nicht zu, alldem zu erwidern und er verachtete die Menschen.
Aber das endlose Wandern erschöpfte ihn allmählich. Niemand würde ihn wieder erkennen mit seinen langen zerstreuten Haaren, zottigen Armen, dicke Brauen, tiefe Augen, abgemagerten Gliedern, an denen überall Adern und Sehnen hervorsprangen. Keinen Mantel hatte er mehr, die Schwäche wurde immer größer; mit Mühe stützte er sich mit einem Stab; das Fässchen hing ihm schwer auf der Brust, doch er trug es immer.
Nach einem Jahr entschloss er sich, zur Einsiedelei zurückzukehren. Es war eine lange und harte Reise, aber er kam doch endlich an. Es war gerade wieder Karfreitag.
Er trat ein, gebeugt durch all sein Leid. Der Einsiedler, als er ihn in seiner armen Kleidung und so abgezehrt sah, erkannte ihn nicht. Als er aber das Fässchen sah, das dem Armen am Halse hing, fragte er: „Mein Bruder, welche Not führt dich hierher? Wer hat dir dieses Fässchen gegeben, das ich erkenne und vor genau einem Jahr dem edelsten und stärksten Ritter gab, den ich kannte? Ich weiß gar nicht ob er noch lebt, denn ich habe ihn nie wieder gesehen. Aber sag mir, mein braver Mann, haben dich die Sarazenen gefangen, da du so arm und bloß dastehst?“ Der andere antwortete zornig: „Seht da, wo ihr mich hingebracht habt!“
„Wer? ich? Und wie, mein Freund? Ich glaube dich nie gesehen zu haben! Was habe ich dir getan? Sage es mir nur!“
„Genau vor einem Jahr ward ihr es, der mir die Beichte abgenommen und mir dieses Fass zur Buße gegeben habt. Dann kam das Elend, in dem ihr mich jetzt sieht.“
Und er erzählte seine Wanderungen und Mühen.
„Herr, sagte er dann, ich habe alles versucht, alle Wasser probiert: keines rann in das Fass. Ich merke, dass ich bald sterben werde, denn ich habe keine Kraft mehr zu leben.“
Der Eremit hörte zu und sagte entrüstet: „Du bist der schrecklichste aller Menschen! Ein Hund, ein Wolf oder ein anderes Tier hätte dieses Fässchen gefüllt! Oh! Ich sehe wohl, dass Gott dich nicht liebt. Deine Buße hatte keinen Erfolg, weil du sie ohne Reue, ohne Liebe und ohne Zerknirschung verübt!“
Der heilige Mann windet seine Hände und seufzt und weint und klagt über den, dessen Herz so hart ist.
„O Gott, der du alles weißt, alles siehst und alles kannst, schau auf diese deine Kreatur, die da so schlecht dahinlebt: sein Leib und seine Seele sind verloren! Heilige Maria! O Mutter, bitte Gott, dem Sohn, dem Vater, neige sie zu Langmut! Heiliger Gott, der du immer das Gute tust, wenn ich jemals bei dir Gefallen gefunden habe, erbarme dich dieses armen Mannes. Herr, wenn er durch mein Handeln sterben soll, verlange von mir Genugtuung! Wenn du einen von uns wählen solltest, dann lass mich gehen und rette dieses Geschöpf!“
Der Mönch weint aus reiner Liebe.
Der Ritter blickt ihn lange an, ohne ein Wort zu sagen. Aber im Innern ist er ganz verwundert: „Dieser Mann, der mir ein Fremder ist und mit dem nur Gott mich verbindet, ist meinetwegen zum Opfer bereit; der meiner Sünden wegen leidet und weint. Ich muss der schlechteste Mensch sein, der größte aller Sünder, dass er sich so demütigt, und so tief bestürzt ist, und das er so sehr meine Seele liebt! O gütigster Gott, wenn du willst, gib mir so viel Reue, dass dieser heilige Mann getröstet wird! Ich bitte um Gnade, barmherziger König, für all das, wofür ich schuldig bin, und hier bin ich, bereit deinen Willen zu tun!“
Und Gott legt Hand ans Werk. Er weiß seine Seele von Grobheit und Stolz zu befreien, um sie mit Demut zu füllen. Und die Reue ist so groß, dass ihm das Herz bricht. Tränen fallen ihm über die Wangen; er bekommt kein Wort heraus. Aber innerlich verspricht er nie mehr Böses zu tun. Als Gott die Reue des Ritters sah, erfüllt er dessen einzigen Wunsch: eine große Träne leitet er wie ein Pfeil in das Fässchen, was noch immer leer war. Und siehe, eine einzige Träne lässt das Fass überlaufen. Als der Mönch das sah, warf er sich zu Füßen des Grafen: „Bruder und guter Freund, du bist von der Hölle befreit! Gott verzieh dir deine Sünden!“
Beide sind so glücklich, dass sie vor Freude weinen.
„Vater, sagt der Graf, ich bin ganz dein. Du hast mir alles Gute getan! O Vater, bei dir will ich für immer bleiben. Vor einem Jahr kam ich hierher ganz dem Irrtum hingegeben und außer Sinnen und sagt euch meine Sünden ohne Reue und ohne Liebe. Ich will sie heute mit tiefer Andacht alle wieder nennen.“
„Möge Gott, der allgegenwärtig ist, deine Seele im Paradiese aufnehmen, mein bester Freund“, sagt der Mönch. „Es sei angebetet der Herr Jesus Christus, der dir solchen Mut gegeben hat! Siehe, hier bin ich, dich zu hören bereit.“
Der Ritter beichtet nun wieder mit aufrechtem Herzen und gefalteten Händen. Nachdem der Mönch ihm die Vergebung erteilte, fragte er: „Möchtest du kommunizieren?“
„Ja, mein Vater, aber beeilt euch, denn ich merke, dass ich sterbe.“
Gereinigt ist nun der Ritter nach der heiligen Kommunion. Von seinen Sünden und Torheiten blieb keine Spur.
„Mein Vater, sagt er, ich gehe. Betet für mich, das Ende ist da! Nimmt mich in eure Arme, so sterbe ich im Schutz meines Freundes.“
Der heilige Man legt seinen Arm um den Sterbenden, der auch gleich seine Seele dem Herrn darbringt. Vor dem Altar wird er gelegt, das Fässchen noch am Hals: nie mehr wird er sich von ihm trennen. Es bedeutete ihm manche Pein, doch es brachte ihm das Heil. Auf seinem Herzen ruht seine Buße und Gott hat ihm alles vergeben. Sein Leib kämpft, das Herz ist in Not. Die Seele des Ritters entgeht. Sie schwingt sich empor ganz gereinigt: kein Flecken bleibt übrig. Gleich wird sie von den heiligen Engeln aufgenommen, die dabei sind. Einer großen Gefahr ist sie entkommen, weil der Teufel sie auch abwartete. Seele und Engel fahren zum Himmel.
Dank seiner Tugenden sah der Eremit das alles (mit seinen Augen). Vor dem Altar bleibt nichts, als der Leib des Ritters, bekleidet mit seinen Lumpen und das Fässchen auf der Brust.


Zeichnungen: Helene A. Catherwood & A. Phillips

Donnerstag, 11. August 2016

Frühlingsmorgen



Frühlingsmorgen, Avenue du Bois de Boulogne, 1902

Louis de Schryver (1863 - 1942)
Privatsammlung / Photo Bonhams, London / The Bridgeman Art Library
Privatsammlung / The Stapleton Collection / The Bridgeman Art Library

Das Bild zeigt uns Paris an einem Frühlingstag der Belle Epoque. Die Kastanienbäume stehen in Blüte entlang der Avenue du Bois, heute Avenue Foch, die bis zum Arc de Triomphe führt. Rechts kann man eines der seltenen Autos sehen während eine Kutsche auf der Fahrbahn rollt, die noch nicht mit Pflastersteinen versehen ist und besprengt wird, um Staub zu vermeiden.
Zwei elegante Damen kaufen Blumen, die die kleine Händlerin in einem Weidenkorb anbietet. Eine Kinderfrau trägt ein Baby in ihrem Arm. Ein Pudel und Kinder laufen herum.
Ist nicht die Mode dieser Zeit viel geschmackvoller als die heutige? Wir sind fasziniert von dieser Szene, die uns die Würde der dargestellten Personen, ihre Wesensart und ein Milieu erkennen lässt, in dem noch Werte wie Tradition, Familie und guter Geschmack vorherrschen. Was zählt heute? Haben wir diesen Wandel wirklich verdient?

Aus dem Kalender „365 Tage mit Maria“ der Aktion „Deutschland braucht Mariens Hilfe“, DVCK e.V., Frankfurt, April 2014

Dienstag, 9. August 2016

Sankt Michaels-Medaillen sind sehr populär

Die amerikanische Aktion „America needs Fatima“ verschickte im Jahr 2008 75 Tausend Sankt Michaels-Medaillen an ihre Mitglieder und weitere 20 Tausend an die US-Truppen. Großzügige Mitglieder der Aktion spendeten die Medaillen für die amerikanischen Soldaten mit einer Gebetskarte und eine persönliche Mitteilung der Ermutigung. Zehn Tausend Medaillen wurden in den Irak geschickt. Postwendend bekam „America needs Fatima“ ein Schreiben eines dortigen katholischen Militärseelsorgers: „Im Auftrag der katholischen Gemeinde unserer Militärbasis hier im Irak, möchte ich Ihnen herzlich danken für das obige Betreff. St. Michael ist der Patron der Mitglieder der amerikanischen Streitkräfte. Ich schätze sehr Ihre Gedenken und Gebete. Die Medaillen sind auf einem Tisch am Eingang meiner Kapelle für alle, Katholiken und nicht-Katholiken, die sie haben möchten. Es kann sein, dass sie in allen Militärkapellen im Irak ausgelegt sind. Gott segne Sie!“
Tausende von Medaillen wurden auch an Soldaten in Fort Benning, Georgia, verteilt. „Wir waren gerührt über die Ausdrücke der Begeisterung und Dankbarkeit der Soldaten“, sagte ein Mitarbeiter der Aktion. Ein Soldat sagte: „Ich werde sie an mein Gewehr heften.“ Ein anderer sagte seiner Gruppe: „Seht her, Jungs! Das ist die Medaille des Hl. Michael. Ich werde euch das Gebet zum hl. Michael lehren.“

Donnerstag, 4. August 2016

Eintracht zwischen Kirche und Staat

Dass das christliche Europa die barbarischen Völker bezähmt hat und sie aus dem Zustand der Wildheit zu menschenwürdigem Leben, vom abergläubischen Wahn zur Wahrheit führte; dass es die anstürmenden Mohammedaner siegreich zurückgeschlagen hat; dass es an der Spitze der Zivilisation steht und allen anderen Völkern stets Führer und Lehrer in allem war, was das menschliche Leben verschönern und veredeln mag; dass von ihm nach allen Richtungen hin echte Freiheit ausging; dass es so viele Einrichtungen zur Linderung des menschlichen Elends schuf: dies alles verdankt das christliche Europa unstreitig der Religion, die ihm zu solchen Unternehmungen den Impuls gegeben und bei deren Durchführung hilfreich zur Seite stand. Fürwahr, alle diese Güter wären geblieben, wenn die Eintracht geblieben wäre zwischen den beiden Gewalten; und noch viel größere hätten sich mit Recht erwarten lassen, wenn man der Autorität, dem Lehramt, den Ratschlägen der Kirche mehr Glauben geschenkt und unbeirrt Folge geleistet hätte. Denn das muss doch für alle als unverrückbares Gesetz gelten, was Ivo von Chartres einmal an Papst Paschalis II. schreibt:

Wenn Königtum und Kirche untereinander in Eintracht sind, dann wird die Welt gut regiert, und die Kirche blüht und bringt Früchte. Wenn sie aber in Zwiespalt geraten, dann haben nicht nur die kleinen Dinge kein Wachstum, sondern auch das Große geht jammervoll unter.

Aus der Enzyklika „Immortale Dei“ von Papst Leo XIII. vom 1.11.1885

Keine Unvereinbarkeit zwischen dem Ideal des Soldaten und des Christen



Die Berufung des Soldats — jeder weiß es — ist dem Begriff nach eine Berufung des Dienens; und der Hauptmann des Evangeliums bestätigt uns, dass es zwischen den Forderungen der militärischen Disziplin und denen des Glaubens, zwischen dem Ideal des Soldaten und dem des Gläubigen keine Unvereinbarkeit gibt. Die Verwirklichung der harmonischen Synthese dieses doppelten Ideals sollte das Streben eines jeden Christen sein, der berufen ist — durch persönliche Wahl oder durch Gehorsam gegenüber den Gesetzen — die Uniform anzulegen und ein Teil seiner Kräfte den Tätigkeiten der militärischen Ordnung zu widmen.
Zum heutigen Empfang von Mitgliedern der Streitkräfte des friedfertigen Belgien ist es uns eine Freude, daran zu erinnern, dass sie zugleich und vor allem gute und tapfere Soldaten Christi sind.


Paul VI., Audienz für Belgische Soldaten auf ihrer Pilgerfahrt nach Rom, am 21. April 1965

Mittwoch, 3. August 2016

Kein Holzbein! Kein Wunder!



Im Jahre 1874 besuchte der Schriftsteller Émile Zola das Heiligtum von Lourdes. Angesichts der vielen Votivgaben in der Grotte erklärte er in spöttischem Ton: „Ich sehe viele Stöcke, viele Krücken, aber kein einziges Holzbein.“ Er wollte damit sagen, dass niemals, weder in Lourdes noch anderswo, jemandem ein fehlendes oder amputiertes Körperglied nachgewachsen sei. In gleichem Sinne erklärte ein Neurologe, Prof. Charcot: „Wenn man den Katalog der angeblichen ‚Wunderheilungen' von Lourdes betrachtet, wurde darin nie festgestellt, dass der Glaube ein amputiertes Körperglied habe nachwachsen lassen.“ Diese in herausforderndem Ton vorgebrachten Erklärungen zielten darauf ab, im Namen der Vernunft und des kritischen Geistes den Glauben an die Existenz der übernatürlichen Welt zu zerstören. Ernest Renan räumte ohne Umschweife ein: „Was wir zurückweisen, ist das Übernatürliche.“ Bis heute ist nicht ein einziges „Wunder“ geschehen, welches von glaubwürdigen Zeugen beobachtet und mit Sicherheit konstatiert worden wäre“ (Vorwort zum Leben Jesu).
Wunder und die Welt des Übernatürlichen sind in der Tat miteinander verbunden. Wenn die Rationalisten Letzteres nicht anerkennen wollen, so leugnen sie die Möglichkeit des Ersteren. Die Wunderberichte des Evangeliums ordnen sie folglich den Fabeln zu, obwohl sie „ebenso glaubwürdig oder noch glaubwürdiger sind als Berichte aus anderen historischen Werken“ (Johannes-Paul II., 9. Dezember 1987). Die Wunder des Evangeliums haben wirklich stattgefunden und sind wirklich von Christus bewirkt worden; diejenigen, die davon berichten, haben das sogar mit ihrem Blut bezeugt. Von den Evangelien besitzen wir viel ältere und zahlreichere Handschriften als von profanen Werken der Antike, die als historisch gelten.
Was ist nun ein Wunder? Ein erfahrbares Geschehen, das sich außerhalb der Wirkungsmöglichkeit der erschaffenen Natur ereignet bzw. darüber hinausgeht; es zeigt damit das Eingreifen einer über der Natur stehenden Macht an. Wunder sind durchaus beobachtet worden: „Die Kirchengeschichte und insbesondere die Heiligsprechungsprozesse stellen eine Dokumentation dar, die selbst im Lichte der strengsten historischen Kritik und der medizinischen Wissenschaft die Existenz jener Kraft aus der Höhe (Lk 24,49) belegt, die in der Ordnung der Natur wirkt und gleichzeitig über sie hinausgeht“ (Johannes-Paul II., 13. Januar 1988).
Oben rechts: Bild der Muttergottes vom Pilar (Pfeiler) in Saragoza, Spanien, die das großartige beschriebene Wunder gewirkt hat.

Lesen Sie die vollständige wahre Geschichte hier
im Untertitel Renan widerlegt