Mittwoch, 18. Mai 2022

Vier Punkte, warum Russland in die Ukraine einmarschiert ist

 


von John Horvat II

     Gerade als alles wieder zur Normalität zurückzukehren schien, schlug die Anormalität erneut zu. Der Krieg in der Ukraine wütet und verändert das Gesicht der globalisierten Welt.

     Die Situation ist verwirrend, denn die Menschen ringen darum, die Gründe für die Invasion zu finden. Auf beiden Seiten gibt es Verschwörungstheorien, und wie bei den Schlachtfeldern in der Ukraine herrscht in den Köpfen vieler Menschen Chaos. Für die Angriffe scheint es weder einen Sinn noch einen Grund zu geben.

     Vier Punkte können jedoch dazu beitragen, dass die Menschen die Geschehnisse besser verstehen. Der Wahnsinn hat eine gewisse Methode.

Russland war bereits Teil der Weltordnung

     Der erste Punkt ist, dass die Sanktionen beweisen, dass Russland gut in die globalisierte Welt integriert war. Weite Teile der russischen Wirtschaft waren mit den weltweiten Netzwerken und Rohstoffmärkten verwoben. Es war nicht einfach, sich davon zu lösen.

     Diese Schlussfolgerung steht im Widerspruch zu denen, die behaupten, Russland sei eine Macht, die sich der derzeitigen Weltordnung widersetzt. Das ist nicht wahr.

     Westliche Gelder und Investitionen haben in den Jahrzehnten nach dem Kalten Krieg zum Wiederaufbau Russlands beigetragen. Die meisten großen Ölgesellschaften waren zum Beispiel an der Förderung von Öl in Russland beteiligt. Multinationale Unternehmen waren überall vertreten. Westliche Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften halfen dabei, Russland in das Finanzsystem zu integrieren. Selbst McDonald's war an Hunderten von russischen Standorten vertreten. Die Sanktionen bewiesen das Ausmaß der russischen Beteiligung an der Weltwirtschaft.

     Leider hat Russland die dekadente globalisierte Kultur in Form von Filmen, Konzerten und schlechter Mode vollständig absorbiert. All diese Dinge schadeten der Nation (und dem Westen). Die Sanktionen in diesem Bereich bewiesen auch, dass Russland vor dem Krieg ein voll integrierter Teil der Weltordnung war.

Russland strebt einen sofortigen Rückzug aus dieser Weltordnung an

     Der zweite Punkt ist, dass Russland einen schnellen Rückzug aus seiner wichtigen, aber zweitrangigen Stellung in der gegenwärtigen Weltordnung anstrebt. Präsident Putin hat sich das einzige Mittel zunutze gemacht, das ein schnelles Deinvestieren des Westens bewirken könnte: einen ungerechten Krieg, der durch seine Brutalität die Weltöffentlichkeit aufrütteln würde.

     Er wusste, dass der Westen vor der Aussicht auf einen Krieg zurückschreckt und jede erdenkliche Wirtschaftssanktion einsetzen wird, um einen Konflikt zu vermeiden. Je intensiver der Krieg wird, desto stärker werden die Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Der russische Präsident erleichterte den sofortigen Rückzug und ließ den Westen gewähren.

     In nur wenigen Wochen hat er es geschafft, die Arbeit von Jahrzehnten zu zerstören. Der Rückzug hat den Vorteil, dass die westlichen Firmen Russland aus eigenem Antrieb und mit Zustimmung und Druck der Regierungen verlassen. Sie lassen Vermögenswerte zurück, die zu Schleuderpreisen verkauft oder aufgegeben werden. Alles wird in russische Hände übergehen oder verstaatlicht werden.

Eine erwünschte und erzwungene geopolitische Neuausrichtung

     Drittens machte Russland in der Zeit vor dem Krieg keinen Hehl aus seiner Annäherung an China. Bei den Olympischen Winterspielen unterzeichneten Präsident Putin und der chinesische Staatschef Xi Jinping eine gemeinsame Erklärung, in der sie ihren Wunsch bekundeten, eine neue „multipolare“ Weltordnung zu schaffen. Sie kamen überein, „ohne Grenzen“ zusammenzuarbeiten, um dieses Ziel zu erreichen und „internationale Beziehungen eines neuen Typs“ zu schaffen. Der russische Präsident hegt seit langem die Idealvorstellung einer eurasischen Union, die einen einheitlichen, vom Westen unabhängigen Handels- und Kulturblock bilden würde.

     Der Krieg in der Ukraine setzt diesen nicht geheimen Plan in die Tat um. Er zwingt Russland dazu, sich mit China zu verbünden, das als einzige Macht groß genug ist, um dem Druck der westlichen Sanktionen gegen Russland standzuhalten. Da die wirtschaftlichen Brücken zum Westen abgebrochen sind, ist China die einzige Nation, die die riesigen Mengen an Rohstoffen und Getreide, die Russland produziert, aufnehmen kann. Die beiden Länder zusammen können die wirtschaftliche und politische Ordnung nach dem Kalten Krieg durcheinander bringen und neue Spannungen und Engpässe verursachen. Einige spekulieren, dass die Zwangsehe zwischen China und Russland zu einem parallelen Finanzsystem mit dem Yuan als Reservewährung führen wird.

     Die gewünschte Neuordnung wird den dekadenten Westen gegen den postkommunistischen Osten ausspielen. Es bilden sich zwei unterschiedliche politische Blöcke, die der Welt zwei falsche Alternativen vor Augen führen werden: die zerfallende liberale Demokratie oder den autokratischen Nationalsozialismus.

Das Ziel ist der verletzliche Westen

     Schließlich kommt dieser Schritt zu einer Zeit, in der der Westen extrem verwundbar ist. Die zweijährige Pandemie hat bereits viele komplexe Beziehungen und Lieferketten, die die Welt zusammenhielten, zunichte gemacht. Brutale Beschränkungen und Mandate haben die Bevölkerung polarisiert und behindern die Fähigkeit der Regierungen, ihre Anstrengungen zu bündeln und die Probleme anzugehen. Unverantwortliche Regierungsentscheidungen sowie Arbeits- und Versorgungsprobleme führen zu einer hohen Inflation.

     Der Krieg wird den Westen in Mitleidenschaft ziehen, da er die ohnehin schon gestressten Produktionssysteme weiter in Bedrängnis bringt. Die Millionen von Flüchtlingen, die nach Europa strömen, verschlimmern die Lasten, die die Aufnahmeländer bereits zu tragen haben, und binden Ressourcen, die zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit des Westens verwendet werden könnten.

     In diesem Szenario ist der Osten im Vorteil. Ost und West sind so eng miteinander verflochten, dass es für den Westen nicht leicht sein wird, sich schnell von östlichen (insbesondere chinesischen) Produkten zu trennen. Die Erdgaspipelines sind wie Schlingen um den Hals der westlichen Länder, die zu sehr von russischem Treibstoff abhängig sind. Chinesische Waren dominieren den Markt so sehr, dass es kaum Alternativen gibt. Der Ukraine-Krieg und die Wirtschaftssanktionen bringen den Westen ebenfalls in eine prekäre Lage.

     Die autokratischen (sprich: totalitären) Regime des Ostens leiden weit weniger unter diesen Problemen als die zersplitterten westlichen Gesellschaften. Der Osten hat viel zu gewinnen und der Westen viel zu verlieren durch diese Aufspaltung.

     Dieser Wahnsinn hat Methode. Ein Endergebnis des Ukraine-Krieges wird diese dauerhafte Spaltung zwischen Ost und West sein. Sie wird das Scheitern des Experiments nach dem Kalten Krieg signalisieren, das eigentlich das Ende der Geschichte einläuten sollte. Es wird zu einer großen geopolitischen Neuordnung kommen, die dramatische Folgen haben und zu einem Weltkrieg führen könnte.

 

Photo Credit: © Darryl – stock.adobe.com

Aus dem Englischen mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostenlose Version) von

https://www.returntoorder.org/2022/03/four-points-on-why-russia-invaded-ukraine/

vom 30. März 2022 |

Diese deutsche Fassung „Vier Punkte, warum Russland in die Ukraine einmarschiert ist“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Montag, 16. Mai 2022

Der Glaube an Gott, den Schöpfer ist das Fundament

 

Je atheistischer eine Staatsform ist, desto militanter wird der Glaube an Gott bekämpft. Dafür gibt es genügend Beispiele, nicht nur im vergangenen Jahrhundert. In gewissen westlichen Staaten Europas gibt es in Schulen Tendenzen, das Lehren des Glaubens an einen Schöpfergott zu verbieten. Es genügt ja schon, wenn die Lehrpläne in den staatlichen Schulen, auch Westeuropas, vorschreiben, den Urknall und die damit verbundene absolute Deszendenz Theorie zu lehren, was bei der Jugend allzu leicht zum Ersatz für den Glauben an Gott wird. Damit raubt man der Jugend das Fundament für die Glaubensinhalte.

Leider gibt es immer mehr berühmte Theologen, besonders auch an katholischen Universitäten, die, aus welchen Gründen auch immer, den Glauben an Gott den Schöpfer auf den falschen Hintergrund der absoluten Deszendenz Theorie reduzieren.

Einer der berühmtesten so eingestellten Theologen lehrte schon vor 50 Jahren an einer Universität. Er verstand es hervorragend, seine Vorlesungen mit Umschreibungen so zu gestalten, dass besonders die Doktoranden darin eine sehr zeitgemäße Theologie sahen. Neben ihm lehrte ein heiligmäßiger und lehramtstreuer Dogmatiker den „kleinen Kurs“, den etwas weniger Studenten besuchten.

Die fragwürdigen Früchte einer solchen Theologie erleben wir heute. Sie gipfeln darin, dass viele für die Verkündigung beauftragten, auf fast allen Stufen der Hierarchie, den Glauben an Gott letztlich, für viele leider nicht erkennbar, praktisch reduzieren auf den Glauben an Christus, als bloßen Menschen. Darin liegt unter vielem Anderen auch der Grund für die Reduzierung des Glaubensverständnisses auf das rein Mitmenschliche, auf das rein Soziale. Selbst Schuld soll dabei getilgt werden, indem man sich allein untereinander versöhnt. Die Vergebung durch Gott scheint nicht mehr nötig, weil Christus durch sein Kreuzesleiden die Sünde als solche von der Welt weggenommen haben soll und damit alle in den Himmel kommen würden. Es soll weder einen Läuterungszustand noch die Hölle geben, um nur wenige Glaubenswahrheiten zu nennen, die nicht mehr gelehrt oder gar geleugnet werden.

Damit geht das Wesentlichste verloren, nämlich eine liebende, persönliche Beziehung zum unsichtbaren, über allem erhabenen Gott. Die volle Wahrheit, die Christus der römisch katholischen Kirche anvertraut hat, zusammen mit Seiner Gnade, ermöglichen das Wachstum der Liebe zum Schöpfer unvergleichlich mehr, als eine nur menschlich beschränkte Beziehung zu ihm. Je mehr die Liebe zu Gott dem Herrn wächst, desto umfassender erlebt ein Mensch die ewige Glückseligkeit, die nach dem Tod nicht mehr wachsen kann.

Wenn die Irrlehre der absoluten Deszendenz Theorie das Gottesbild zusammenfallen lässt, kann das Leben in dieser Welt scheinbar anziehender werden. Aber für das ewige Leben ist bei der Geburt in den Himmel unvergleichlich weniger von dem vorhanden, was die katholische Taufe, zusammen mit der gelebten vollen Wahrheit einem Menschen geschenkt werden könnte.

Es ist daher äußerst wichtig, dass wir heute alles unternehmen, um den Menschen die Augen zu öffnen für die Erkenntnis der objektiven Falschheit der absoluten Deszendenz Theorie.

Pfr. i.R. Hans Buschor †

 

Quelle: Programmheft k-tv August 2013

Samstag, 14. Mai 2022

Notwendige Erinnerung

von Heimo Schwilk

Dass heute die Linke und Teile der AfD, besonders in den neuen Bundesländern, Putins Machtpolitik gutheißen, hat viel mit der DDR-Sozialisation zu tun. Die SED verteufelte den Klassenfeind, besonders die USA, und rühmte sich der „brüderlichen Freundschaft“ mit der Sowjetunion. KGB-Offiziere wie Wladimir Putin waren in der DDR jedoch nicht als Freunde und Aufbauhelfer, sondern als Unterdrückungsagenten eingesetzt, um den Satellitenstaat den Moskauer Direktiven gefügig zu machen. Nun das „geopolitische“ Recht Russlands zu beschwören, sich seine Beute, die durch den Zusammenbruch des Sowjetimperiums verloren ging, mit Gewalt zurückzuholen, stellt eine unbegreifliche Verharmlosung der DDR-Vergangenheit dar.

Überhaupt ist ... das Putin-Narrativ in sich unstimmig, Wer sich mit seinem „Brudervolk“ vereinigen will, zerbombt nicht dessen Infrastruktur und tötet massenhaft Menschen. Putin befreit die Ukrainer nicht vom „Nazismus“, sondern von ihrem Leben. Und wer unablässig von „Umzingelung“ schwadroniert, von der Gewalt, die angeblich von der Nato ausgehe, sollte nicht andauernd mit Atomschlägen drohen und Energie als Waffe einsetzen. Die osteuropäischen Staaten haben sich nach 1990 unter das Dach der Nato geflüchtet, um vor dem übermächtigen Nachbarn Russland künftig sicher zu sein. Nicht die Nato, sondern alle diese ehemaligen Zwangsverbündete der Sowjetunion haben die Mitgliedschaft im westlichen Verteidigungsbündnis gefordert! Wer das Gegenteil behauptet, kennt die historischen Tatsachen nicht.

Wladimir Putin hatte 22 Jahre Zeit, aus einem der an Ressourcen reichsten Länder der Welt eine industrielle Macht zu machen. Aber um des persönlichen Machterhalts willen hat er sein Land in einen großen Gulag verwandelt, die politischen Gegner inhaftieren, töten oder vergiften lassen, sämtliche Medien gleichgeschaltet. Echte Marktwirtschaft hatte keine Chance, die oligarchischen Kleptokraten teilten das Volksvermögen unter sich auf. Putin bestimmt, wer an seinem Tisch der Macht sitzt - und in seine Kassen zahlt. Russland ist heute eine lupenreine Diktatur, in der die Geheimdienste und das Militär das Sagen haben - allerdings mit Putins Pistole am Kopf, der seine Generäle nach Bedarf zusammenfaltet wie Schulkinder. Der russische Augenminister Sergej Lawrow ist mit seinen Lügen und Drohungen längst ein Wiedergänger von Saddam Husseins Sprachrohr Tariq Aziz.

Was bei Putins Anhängern - hierzulande und in Russland, wo angeblich 80 Prozent der Bevölkerung den Krieg unterstützen – entsetzt, ist das Fehlen jedweden Mitgefühls für die Opfer der russischen Gewaltpolitik, ob in Tschetschenien, Georgien, Syrien oder nun in der Ukraine. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, der Putin die religiösen Stichworte für sein zutiefst unchristliches Handeln liefert, ist ein besonders abschreckendes Beispiel für diese Art von Bigotterie.

Es ist gut, dass die Grünen, vor allem Robert Habeck sich heute massiv für die Unterstützung der Ukraine, auch durch Waffenhilfe zur Selbstverteidigung, einsetzen. Es sei allerdings, um Stefan Meetschens Lob für den grünen Wirtschaftsminister und die FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann etwas zu relativieren, daran erinnert, dass es gerade die Grünen waren, die den Deutschen jahrzehntelang einredeten, man könne Frieden am besten ohne Waffen schaffen. Und Frau Strack-Zimmermann sagte noch kurz vor Beginn des Krieges, sie lehne Waffenlieferungen an die Ukraine ab. Schließlich: Die schwarz-gelbe Koalition unter der Kanzlerin Angela Merkel schaffte die Wehrpflicht ab! Die FDP hat hier eine zumindest ambivalente Vergangenheit. Zu einem recht verstandenen Selbstbewusstsein gehört aber auch, dass man sich an seine Fehler und Unterlassungen erinnert, bevor man mit viel Empathie einen neuen Kurs wagt, der mit (fast) allem bricht, was in Erz gegossen schien.

 

Dieser Text ist der letzte Teil der Replik des Autors auf eine Kritik von Stefan Metschen zu seinem Werk „Die selbstbewusste Nation“ (Ullstein 1994), veröffentlicht in „Die Tagespost“ vom 5. Mai 2022, S. 17.

 

 

Samstag, 7. Mai 2022

Gebet für die Beschleunigung des Triumphes des Unbefleckten Herzens Mariens

O Unbeflecktes Herz Mariens, heilige Mutter Gottes und unsere zärtliche Mutter, schaue auf die Not, in der die ganze Menschheit durch die Verbreitung des Materialismus, der Gottlosigkeit und der Verfolgung des katholischen Glaubens lebt.

In unseren Tagen blutet der mystische Leib Christi aus so vielen Wunden, die in der Kirche durch die ungestraft gebliebene Verbreitung von Irrlehren, die Rechtfertigung von Sünden gegen das sechste Gebot, das Streben nach dem irdischen statt dem himmlischen Reich, die entsetzlichen Sakrilegien gegen die heiligste Eucharistie, besonders durch die Praxis der Handkommunion, und die protestantische Gestaltung der Feier der heiligen Messe verursacht wurden.

Inmitten dieser Prüfungen erschien das Licht der Weihe Russlands an dein Unbeflecktes Herz durch den Papst in Verbindung mit den Bischöfen der Welt. In Fatima hast du um die Sühnekommunion an den ersten Samstagen des Monats gebeten. Flehe deinen göttlichen Sohn an, dem Papst eine besondere Gnade zu gewähren, damit er die Sühnekommunion an den ersten Samstagen billigt.

Möge der allmächtige Gott die Zeit beschleunigen, in der Russland sich zur katholischen Einheit bekehrt, der Menschheit eine Zeit des Friedens geschenkt wird und der Kirche eine echte Erneuerung in der Reinheit des katholischen Glaubens, in der Heiligkeit des Gottesdienstes und in der Heiligkeit des christlichen Lebens zuteil wird. O Mittlerin aller Gnaden, o Königin des Allerheiligsten Rosenkranzes und unsere liebe Mutter, wende deine Augen der Barmherzigkeit uns zu und erhöre gnädig unser vertrauensvolles Gebet. Amen.

+ Athanasius Schneider

 

Donnerstag, 5. Mai 2022

Theologie der Befreiung 4

 Die Wurzeln des amerikanischen Geistes



27. April 2022 | Julio Loredo


Der folgende Artikel ist dem Buch Liberation Theology: How Marxism Infiltrated the Catholic Church von Julio Loredo de Izcue entnommen.

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In den Vereinigten Staaten stellte sich das Problem des liberalen Katholizismus etwas anders dar. Die Frage konzentrierte sich nicht so sehr auf den Versuch, die katholische Lehre mit dem Erbe der Französischen Revolution von 1789 in Einklang zu bringen, sondern vielmehr auf eine eigentümliche Interpretation der Amerikanischen Revolution (1765-1791). In ihren populären Erscheinungsformen präsentierte sich diese Interpretation eher als eine Lebensweise, eine allgemeine Stimmung, denn als ein Korpus von strukturierten und kohärenten Lehren. Die Untersuchung dieses Lebensstils ist äußerst wichtig, um die Entwicklung der liberalen Tendenzen im Schoß der Kirche zu analysieren.

Wir haben bereits die Faszination erwähnt, die Amerika im neunzehnten Jahrhundert auf die europäischen liberalen Katholiken ausübte, insbesondere durch das Werk von Alexis de Tocqueville. Im zwanzigsten Jahrhundert erwies sich der Einfluss der amerikanistischen Mentalität - mehr noch als ihre Doktrin - als entscheidend. Tatsächlich wurde die Welt, an die sich die Kirche anzupassen hatte, nicht nur durch sozialistische Einflüsse aus Moskau geprägt (die leicht kritisiert werden konnten, weil sie von einer Ideologie stammten, die von der Kirche verurteilt wurde), sondern auch und oft in erster Linie durch den Einfluss einer amerikanistischen Mentalität, die in den stürmischen Zwanziger explodierte. [1] Diese Mentalität, die umso heimtückischer war, als sie nicht leicht angreifbar war, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen hegemonial. Es war dieselbe Mentalität, die in weiten Teilen der Katholischen Aktion eingedrungen ist, die sie geschwächt und für den Einfluss der neuen theologischen Lehren geöffnet hat.

Die Amerikanische Revolution war eher ein Erbe der anglo-schottischen Aufklärung als der kontinentalen, wenngleich letztere auch eine wichtige Rolle spielte. [2] Die demokratischen und liberalen Prinzipien, die aus dieser Revolution hervorgingen, zeigten nicht den Grad an revolutionärer Virulenz, den ihr französisches Pendant aufwies, auch wenn sie eine gemeinsame Abstammung hatten. Die führenden politischen Strömungen in den frühen Vereinigten Staaten zeigten nicht die in Europa übliche Eile, die extremen Konsequenzen der revolutionären Postulate zu ziehen. Vielmehr zogen sie eine vorsichtige Langsamkeit und einen umsichtigen Empirismus vor, die dem vorherrschenden angelsächsischen Temperament und dem gesunden Menschenverstand, der der vorherrschenden kapitalistisch-merkantilistischen Mentalität eigen war, mehr entgegenkamen. Man braucht nur George Washingtons vornehme Gestalt, seine besonnene Miene und seine moralischen Maßstäbe mit der vulgären Fratze, der blutigen Aufregung und der Ausschweifung eines Marats vergleichen, um die scharfen Unterschiede zwischen den Bewegungen, die sie verkörperten, zu begreifen.

Als 1776 die dreizehn amerikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone proklamierten, zweifelten nur wenige Einwohner daran, dass eine große Nation im Entstehen begriffen war. Ausdrücke wie „Mission der Vorsehung“, „offenkundiges Schicksal“ und „großes Projekt“, die damals häufig in Reden verwendet wurden, vermittelten die allgemeine Sehnsucht, dass die Vereinigten Staaten dazu bestimmt waren, in nicht allzu ferner Zukunft eine große Aufgabe zu erfüllen. Sogar die Erhabenheit des riesigen geografischen Panoramas schien diese Bestimmung widerzuspiegeln.

Die meisten Männer des öffentlichen Lebens und die breite Bevölkerung sahen diese Aufgabe in der historischen Perspektive, die zur Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten führte, die aus einer liberalen Revolution hervorging. Indem sie sich vom Mutterland lösten, taten die ehemaligen Kolonien nichts anderes, als die Postulate des Protestantismus und der Aufklärung auf den gesellschaftspolitischen Bereich anzuwenden. Das Zusammentreffen dieser beiden Strömungen mit bedeutenden Resten der britischen Tradition, die auf amerikanischem Boden noch vorhanden waren, bildete das, was wir als den ursprünglichen nationalen Geist bezeichnen können.

Der amerikanische Liberalismus unterschied sich jedoch von seinem europäischen Pendant. Während der Liberalismus in Kontinentaleuropa vor allem sein jakobinerisches, radikales und gewalttätiges Gesicht zeigte, das durch die Französische Revolution repräsentiert wurde, hatte er in den Vereinigten Staaten einen eher lächelnden, optimistischen und gemäßigten Charakter, der äußerst pragmatisch war und keinen großen ideologischen Enthusiasmus kannte. Er bevorzugte langsame Prozesse anstelle von plötzlichen Sprüngen.

Diese Vielfalt ergab sich auch aus den jeweiligen historischen Kontexten. Während in Europa der Protestantismus und der Liberalismus noch mächtige Überreste des mittelalterlichen Christentums ausmerzen und sich durch erbitterte Kontroversen und blutige Revolutionen durchsetzen mussten, war in den Vereinigten Staaten der Boden bereits bereitet, da es dort nie ein mittelalterliches Christentum gegeben hatte. So konnte der Liberalismus in Frieden und Harmonie gedeihen, indem er unnötige Eile vermied, religiöse und ideologische Streitigkeiten dämpfte und allmählich einen breiten Konsens herausbildete, der zu einem besonderen Stil des religiösen, moralischen und philosophischen Relativismus tendierte.

Die Regierbarkeit des Landes erforderte diese Art von Konsens. Im politischen Bereich bildeten die Vereinigten Staaten eine Konföderation von dreizehn praktisch unabhängigen Staaten, die nicht immer einer Meinung waren. Auf religiösem Gebiet gab es neben der katholischen Minderheitskirche eine Vielzahl von protestantischen Sekten, von denen keine eine Hegemonie beanspruchen konnte. Außerdem waren die monarchistischen Sektoren immer noch stark genug, um sich einer starken Reaktion zu widersetzen, sollte das Land zu schnell nach links abrutschen. In der Tat waren die royalistischen Gefühle so stark, dass mehr als einmal die Möglichkeit erwogen wurde, George Washington zum König zu krönen. [3] Sein offizieller Titel lautete „Seine Durchlaucht, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika“. [4]

Jeder Konflikt zwischen protestantischen Sekten, zwischen diesen und der katholischen Kirche oder zwischen verschiedenen politischen oder ideologischen Gruppierungen konnte die fragile institutionelle Stabilität der jungen Nation gefährden. Die Schaffung einer Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses, der religiösen und politischen Freiheit und der Besonnenheit in der Regierungsführung war daher notwendig für die Aufrechterhaltung der nationalen Einheit, die wiederum eine Conditio sine qua non für die Erfüllung der großen Mission war, die die Amerikaner für ihr Land sahen.

Was daraus entstand, war nicht nur eine Philosophie. Vielmehr war es eine freundliche und einladende Lebensweise, die widerstreitende Meinungen aus der Ferne als typisch für rückständige Gesellschaften betrachtete. Es war eine optimistische und friedfertige Lebensweise, die den Pragmatismus bevorzugte und theoretische Abhandlungen als immer gefährlich ansah, da sie leicht zu absoluten Ideen und damit zu schädlichen ideologischen Spaltungen führen konnten. Diese Lebensweise ermöglichte die Schaffung eines Klimas der friedlichen Koexistenz, das Lichtjahre von der europäischen Atmosphäre entfernt war, die immer wieder von Kontroversen und Kriegen zerrissen wurde. Der blutige Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd (1861-1865) war nur ein Zwischenstopp in dieser langen Geschichte der nationalen Harmonie.

Diese von Natur aus konzessive Geisteshaltung konnte leicht in einen ungezügelten Liberalismus ausarten, der Reaktionen hervorrufen konnte, die das nationale Gefüge hätten verwässern können, und sei es nur durch das Entstehen konterrevolutionärer Bewegungen. Um dies zu vermeiden, übernahm der Staat die Verteidigung der christlichen Religion im Allgemeinen als Grundlage der moralischen und sozialen Ordnung. Daraus ergibt sich das Paradoxon eines verfassungsmäßig nicht konfessionellen Staates, der sich dennoch offen zum Christentum bekennt und eine Reihe religiöser Veranstaltungen in sein öffentliches Leben einbezieht. Wir sprechen hier von der so genannten Zivilreligion.

Später wurde diese Lebensform durch die industrielle Revolution gefördert, gerade weil sie nicht die typischen Hindernisse der traditionellen europäischen Gesellschaften überwinden musste. Sie verbreitete sich in den Vereinigten Staaten wie in keinem anderen Land und führte zu einer Verehrung des Praktischen und einer Ablehnung des theoretischen Denkens als Nicht-Bewegung und damit Nicht-Leben.

 

Fußnoten

1. Plinio Corrêa de Oliveira definiert diese Mentalität als „einen unbewussten und manchmal auch bewussten Zustand des Geistes, in dem der Genuss des Lebens zum höchsten menschlichen Wert erhoben wird und man versucht, das Universum zu verstehen und das Leben auf wollüstige Weise zu organisieren“. Plinio Corrêa de Oliveira, “O coração do sábio está onde há tristeza”, Catolicismo, Nr. 85 (Jan. 1985). „Während Europa im Chaos zu versinken schien, erreichte Amerika den Zenit des Wilsonschen Glanzes. Die Vereinigten Staaten hatten ihren Höhepunkt erreicht.“ Plinio Corrêa de Oliveira, „A dinamite de Cristo“, O Legionário, no. 321, Nov. 5, 1938.

2. Die angelsächsischen Denker behaupten in der Regel, dass die Aufklärung in England und Schottland ihren Anfang nahm und sich erst später auf den europäischen Kontinent ausbreitete, wo sie einen anderen Ton anschlug. Sie unterscheiden daher zwischen der anglo-schottischen Aufklärung, die von Locke, Hobbes und anderen vorangetrieben wurde, und der kontinentalen Aufklärung, die von Voltaire, Diderot, Rousseau und anderen französischen Philosophen vertreten wurde. Sie schreiben der ersteren zu, die „Glorreiche Revolution“ von 1688, die Amerikanische Revolution und die in ihrem Gefolge entstandenen liberal-kapitalistischen Revolutionen ausgelöst zu haben. Sie beschuldigen die letztere, die Französische Revolution, den Sozialismus, den Kommunismus und den Anarchismus hervorgebracht zu haben. So behauptet der bekannte neokonservative Gelehrte Irving Kristol: „Obwohl die Amerikanische Revolution durch eine eher zufällige Vermischung der beiden Aufklärungen inspiriert wurde, war es die anglo-schottische Aufklärung, die letztendlich entscheidend war.“ Irving Kristol, Reflections of a Neoconservative: Looking Back, Looking Ahead (New York: Basic Books, 1983), 142.

3. Siehe Minor Myers, Liberty Without Anarchy (Charlottesville: The University Press of Virginia, 1983), 84. Pauline Maier zufolge „stiftete schon das Wort [Republik] Verwirrung, so dass John Adams, der vielleicht gelehrteste Politikstudent des Landes, sich darüber beklagte, dass er „nie verstanden“ habe, was eine republikanische Regierung sei, und glaubte, dass „kein anderer Mensch es je getan habe oder je tun werde“. Pauline Maier, Vom Widerstand zur Revolution: Colonial Radicals and the Development of American Opposition to Britain, 1765-1776 (New York: W. W. Norton & Company, 1991), 287.

4. Nach seiner Rückkehr nach Philadelphia nach seiner Zeit als Botschafter in Europa (1784-1789) beklagte Thomas Jefferson: „Ich war erstaunt, dass die monarchischen Gefühle so weit verbreitet waren, dass ich bei der Verteidigung der republikanischen Ansichten immer die ganze Gesellschaft auf den Fersen hatte, ohne auch nur einen einzigen Mitbefürworter dieses Arguments zu finden.“ Arthur Meier Schlesinger, New Viewpoints in American History (New York: Macmillan, 1928), 82.

 

Aus dem Englischen übersetzt mit Hilfe von DeepL-Übersetzer von
https://www.tfp.org/the-roots-of-the-american-spirit/

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Diese deutsche Fassung „Die Wurzeln des amerikanischen Geistes“ erschien erstmals in
 www.r-gr.blogspot.com

Mittwoch, 4. Mai 2022

Theologie der Befreiung 3

 


Das Wesen des liberalen Katholizismus

20. April 2022 | Julio Loredo

Der folgende Artikel ist dem Buch Theologie der Befreiung: Wie der Marxismus die katholische Kirche infiltrierte von Julio Loredo de Izcue entnommen.

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Der liberale Geist

Wenn wir uns mit dem liberalen Katholizismus befassen, müssen wir zwischen den zugrundeliegenden leidenschaftlichen Neigungen des Menschen und den Lehren im eigentlichen Sinne unterscheiden.[1] Das erste, was wir bei liberalen Katholiken finden, ist eine tiefe Sehnsucht nach einem egalitären und freizügigen Zustand der Dinge. Ihr natürliches Bedürfnis, diese Neigungen zu rechtfertigen, hat in ihnen bestimmte ideologische Strömungen hervorgerufen, junge Ideen, die im Laufe ihrer Ausarbeitung zunächst mit ihrer eigenen religiösen und sozialen Erziehung und ihren Gewohnheiten kollidierten. In einigen Fällen verhinderte dieser Zusammenstoß mit den alten Lehren und Gewohnheiten, dass die leidenschaftlichen Sehnsüchte der liberalen Katholiken ihre volle Wirkung entfalteten. In anderen hingegen brachte gerade die Dynamik dieser Tendenzen die in ihnen enthaltenen revolutionären Keime voll zum Ausdruck.

Der Grad der Radikalität der expliziten Lehren der liberalen Katholiken hing vom Ausgang dieses Konflikts und von ihrer Vorsicht ab, einen völligen Bruch mit der Orthodoxie (mit der Wahrheit) zu vermeiden. Dementsprechend entstanden innerhalb des liberalen Katholizismus mehrere Strömungen, von denen einige der Wahrheit näher standen, andere eindeutig irrige Lehren vertraten. Sie alle waren jedoch von einer liberalen Mentalität geprägt, die sich tendenziell gegen jede Autorität wandte und vor allem grundsätzlich optimistisch gegenüber der neuen Zeit, die durch die Revolution von 1789 eingeleitet worden war.

Im Gegensatz zum doppelten Prinzip der Hierarchie und der Autorität, die als unterdrückend und die Menschenwürde verletzend empfunden wurden, bringen zwei Begriffe den liberalen Geist in seinen letzten Konsequenzen gut zum Ausdruck: „absolute Gleichheit, völlige Freiheit“. Ein Mensch mit liberaler Gesinnung „der der Autorität eines anderen unterworfen ist, hasst zunächst das besondere Joch, das auf ihm lastet. In einem zweiten Stadium hasst er alle Autorität im Allgemeinen und alle Joche, und noch mehr das Prinzip der Autorität als solches. Weil er jede Autorität hasst, hasst er auch jede Art von Überlegenheit. So kann der liberale Geist zum radikalsten und vollkommensten Egalitarismus führen.“ [2]

Dementsprechend propagierten die liberalen Katholiken in unterschiedlichem Maße die Gleichheit im politischen Bereich mit der Aufhebung oder zumindest Abschwächung der Ungleichheit zwischen Regierenden und Regierten. Die Autorität zum Regieren, so behaupteten sie (mit Hobbes, Locke und Rousseau), komme nicht von Gott, sondern vom Volk. Die konsequentesten unter ihnen verurteilten Monarchie und Aristokratie als im wesentlichen Übel und erklärten die Demokratie zur einzigen legitimen Regierungsform. Sie bemühten sich auch um Gleichheit in der Gesellschaftsstruktur, indem sie die Unterschiede, die sich aus dem Recht auf Eigentum ergaben, abschwächten. Daraus ergeben sich deutliche Tendenzen zum Kollektivismus. [3]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Liberalismus eine teilweise oder vollständige Emanzipation des Menschen von der übernatürlichen und moralischen Ordnung sowie eine teilweise oder vollständige Emanzipation des einzelnen Bürgers von der politischen Autorität bedeutete. In beiden Fällen wurde die Souveränität des individuellen Gewissens bekräftigt. Der deutsche Jesuitentheologe P. Hermann Gruber schreibt: „Ein Grundprinzip des Liberalismus ist der Satz: Es widerspricht dem natürlichen, angeborenen und unveräußerlichen Recht, der Freiheit und der Würde des Menschen, sich einer Autorität zu unterwerfen, deren Wurzel, Regel, Maß und Sanktion nicht in ihm selbst liegt.“ [4]

Anpassung an die Mentalität der Zeit

Wie gesagt, stellten die liberalen Katholiken ihre Positionen nicht so sehr als logische Ableitungen aus einigen theoretischen Postulaten dar, sondern als eine unvermeidliche Forderung des Zeitgeistes. Ihrer Ansicht nach hatte die Revolution von 1789 trotz einiger Exzesse das unbestreitbare Verdienst, die „unterdrückerischen“ Strukturen des Ancien Régime hinweggefegt und die Ära der Moderne unter der Ägide der Freiheit eingeleitet zu haben. Diese Entwicklung sei unumkehrbar, und je eher die Kirche die vollendeten Tatsachen akzeptiere und sich an die neue Situation anpasse, desto weniger traumatisch werde ihr Übergang zur Moderne sein. Mit anderen Worten: Eine umfassende Revolution hatte die zivile Sphäre verändert und zwang diese Veränderungen nun auch der Kirche auf.

Hier liegt also in seiner ganzen Dramatik das Problem der Beziehung zwischen der Kirche und der Welt, ein Problem, das so alt ist wie die Kirche selbst und immer im Mittelpunkt der Ereignisse steht, in denen die Braut Christi ihre Heilssendung unter den Menschen erfüllt. Ohne hier ein ebenso komplexes wie heikles Thema zu erörtern, müssen wir doch feststellen, dass es zwei Aspekte hat, einen theoretischen und einen praktischen. Theoretisch: Ist die Kirche das Salz der Erde und das Licht der Welt, oder ist die Welt das Salz der Kirche und ihr Licht? Dies ist eine theologische und pastorale Frage, mit der sich das Oberste Lehramt schon oft beschäftigt hat.

Für die Zwecke dieser Studie ist jedoch die praktische Frage die wichtigere. Die Welt, in der die Katholiken des neunzehnten Jahrhunderts agieren mussten, hatte zwei gegensätzliche Arten von Einfluss. Einerseits gab es noch wichtige Überreste der mittelalterlichen christlichen Ordnung, gleichsam wie das „geknickte Rohr ... und den glimmenden Docht“ (Mt 12,20), wenn auch immer schwächer und marginaler. Auf der anderen Seite, wie das zerstörerische Unkraut, die den gesunden Weizen verdirbt (vgl. Mt 13,24-25), stand die neue Welt als Ergebnis eines jahrhundertelangen revolutionären Prozesses, dessen jüngstes Kapitel die Revolution von 1789 war.

In krassem Gegensatz zu dieser zerstörerischen Revolution bedeutete die Beziehung zur Welt für die lehramtstreuen Katholiken, die Reste der christlichen Zivilisation zu verteidigen, zu erhalten und wiederherzustellen. Daher betrachteten sie ihr Apostolat in der Welt als im Wesentlichen konservativ und gegenrevolutionär. [5] Weit davon entfernt, sich von dem revolutionären Strudel, den der Vater der Lüge erzeugt hatte, mitreißen zu lassen, etablierte sich die Kirche als Bollwerk der Ordnung, indem sie die unveränderliche Wahrheit einer Menschheit lehrte, die von den Wegen Gottes abdriftete.

Die liberalen Katholiken vertraten eine diametral entgegengesetzte Position: Der revolutionäre Prozess war im Wesentlichen gut, und die Kirche sollte ihre Lehre, ihre Struktur und ihre Liturgie an die moderne Welt anpassen, um zu vermeiden, dass sie anachronistisch und ein hasserfülltes Hindernis für den menschlichen Fortschritt werde. [6] Daher die klassische Definition des liberalen Katholizismus als die Partei derjenigen, die die Kirche mit der Revolution versöhnen wollten. Wie wir sehen werden, versuchte der liberale Katholizismus, die Revolution von 1789 zu taufen, so wie die Befreiungstheologie später versuchen würde, die von 1917 zu taufen.

„Die Katholiken sind ihren Gegnern unterlegen, weil sie sich noch nicht auf die Seite der großen Revolution gestellt haben, die die neue Gesellschaft, das moderne Leben der Völker hervorgebracht hat“, verkündete Graf Charles Forbes René de Montalembert (1810-1870) in seiner berühmten Rede in Malines 1863:

„Die Zukunft der modernen Gesellschaft hängt von zwei Fragen ab: die Demokratie durch die Freiheit zu korrigieren und den Katholizismus mit der Demokratie zu versöhnen. ...

Wir akzeptieren, wir berufen uns auf die 1789 verkündeten Grundsätze und Freiheiten.“ [7]

Die Französische Revolution war nicht das einzige Ereignis, das den liberalen Katholizismus beeinflusste. In ihrem Bestreben, die Kirche an die moderne Welt, genauer gesagt an ihre revolutionären Aspekte, anzupassen, fühlten sich viele europäische liberale Katholiken natürlich von dem Land angezogen, das ihrer Ansicht nach die Moderne in ihrer wahrhaftigsten Form repräsentierte: die Vereinigten Staaten von Amerika. Die große amerikanische Republik hatte einen liberalen Verfassungsrahmen gefunden, der Europa als Vorbild dienen sollte, ohne die Auswüchse des radikalen Jakobinismus zuzulassen.

Durch die Zusicherung der Nichteinmischung des Staates in religiöse Angelegenheiten (Artikel 1 der Verfassung) schuf die US-Verfassung de facto eine Trennung zwischen Kirche und Staat und damit die Religionsfreiheit. Einerseits genießt die katholische Kirche nicht die Obhut des Staates, andererseits ist sie völlig frei in der Verkündigung ihrer Überzeugungen. Nach Ansicht der liberalen Katholiken war diese Situation ideal, da sie es der katholischen Kirche ermöglichte, sich dem freien Markt der Religionen anzuschließen und mit anderen Konfessionen um einen Platz in den Herzen der Amerikaner zu konkurrieren, frei von den Vorurteilen und parochialen Rivalitäten, die das religiöse Leben in Europa prägten.

Mit anderen Worten: Die Vereinigten Staaten waren der lebende Beweis dafür, dass das liberale katholische Programm tatsächlich machbar war. Es überrascht daher nicht, dass der liberale katholische Führer Pater Lacordaire in seiner Antrittsrede an der Académie Française im Jahr 1860, als er den Sitz von Alexis de Tocqueville übernahm, die Vereinigten Staaten als „Prophezeiung und Vorhut des künftigen Zustands der christlichen Nationen“ bezeichnete. [8] Diese Vorstellung war völlig blind für das schädliche Eindringen des naturalistischen Geistes in die Kirche, eines Geistes, der später von Papst Leo XIII. als Amerikanismus verurteilt wurde. Andererseits beruhte sie auf einer einseitigen Interpretation der amerikanischen Realität, die heute von der modernen Geschichtsschreibung widerlegt wird. Wir werden später auf diese Frage zurückkommen. [9]

 

Fußnoten

[1] Hier folgen wir Plinio Corrêa de Oliveiras bekannter Gliederung in Revolution und Gegenrevolution. Der brasilianische Denker unterscheidet drei Tiefen des revolutionären Prozesses: Tendenzen, Ideen und Fakten. Siehe Corrêa de Oliveira, Revolution und Konterrevolution, V. Kapitel, 1.-3., S. 56f (deutsche Ausgabe).

[2] Ebd. Kapitel VII., 3. A., S.75f.

[3] Bereits 1849 warnte Pius IX. davor, dass der Missbrauch von Freiheit und Gleichheit zum Sozialismus führen kann. In der Enzyklika Nostis et nobiscum schrieb der Papst: „Was diese [gotteslästerliche] Lehre und diese Theorien betrifft, [die das italienische Volk aus seiner Treue zu Uns und zu diesem Heiligen Stuhl reißen soll], so ist es jetzt allgemein bekannt, dass das besondere Ziel ihrer Befürworter darin besteht, dem Volk die verderblichen Fiktionen des Sozialismus und des Kommunismus vorzustellen, indem sie die Begriffe ,Freiheit‘ und ,Gleichheit‘ falsch anwenden.“ Pius IX., Enzyklika Nostis et nobiscum (8. Dez. 1849), Nr. 18.

[4] Hermann Gruber, S.J., s.v. „Liberalismus“, in C.E., 9:212.

[5] Plinio Corrêa de Oliveira schreibt: »Die Revolution greift die christliche Zivilisation auf eine Weise an, die mehr oder weniger der eines bestimmten Baumes des brasilianischen Waldes gleicht. Dieser Baum, die Würgefeige Urostigma olearia, wickelt sich um den Stamm eines anderen Baumes, bedeckt ihn vollständig und tötet ihn. In ihren „gemäßigten“ und langsamen Strömungen näherte sich die Revolution der christlichen Zivilisation, um sie zu umschlingen und zu töten. Wir befinden uns in einer Zeit, in der dieses seltsame Phänomen der Zerstörung noch nicht abgeschlossen ist. Mit anderen Worten, wir befinden uns in einer hybriden Situation, in der das, was wir fast als die sterblichen Überreste der christlichen Zivilisation bezeichnen würden, und das Aroma und die Fernwirkung vieler Traditionen, die erst vor kurzem abgeschafft wurden, aber noch irgendwie im Gedächtnis der Menschen lebendig sind, mit vielen revolutionären Institutionen und Bräuchen koexistieren.

Angesichts des Kampfes zwischen einer großartigen christlichen Tradition, in der das Leben noch lebendig ist, und einer revolutionären Aktion, die von dem Wahn nach Neuerungen inspiriert ist, auf den Leo XIII. in den einleitenden Worten der Enzyklika Rerum novarum hinwies, ist es nur natürlich, dass der wahre Gegenrevolutionär ein geborener Verteidiger des Schatzes der guten Traditionen ist, denn das sind die Werte der christlichen Vergangenheit, die bleiben und gerettet werden müssen. In diesem Sinne handelt der Konterrevolutionär wie unser Herr, der nicht gekommen ist, um den glimmenden Docht auszulöschen oder das geknickte Rohr zu zerbrechen. Deshalb muss er liebevoll versuchen, all diese christlichen Traditionen zu retten.« (Corrêa de Oliveira, Revolution und Gegenrevolution, 2. Teil, 3. Kapitel, 1. B., S. 103)

Die revolutionäre Propaganda stellte die traditionalistischen Katholiken, die damals als „Unnachgiebige“ bezeichnet wurden, bisweilen als blind an das Ancien Régime und damit an ein politisches System gebunden dar, das durch die Geschichte obsolet geworden war. Nichts könnte karikaturistischer sein.

[6] Gabriele de Rosa schreibt über Vincenzo Gioberti (1801-1852): „Gioberti muss die Kirche gleichsam vergeistigen, um ihre historische und institutionelle Struktur zu verändern, sie zu modernisieren und dem Druck der nationalen [Einigungsbewegung] anzupassen, sie aus dem Kontext langer Traditionen zu lösen. ... Für Gioberti wird die Kirche so vermeiden, sich der Revolution durch die Hintertür anzuschließen, als Teil eines widerwillig akzeptierten politischen Kompromisses mit der liberalen Welt.“ De Rosa, Il movimento, 21.

[7] Charles Forbes, Graf von Montalembert, L'église libre dans l'état libre: Discours prononcés au congrès catholique de Malines par le comte de Montalembert (Paris: Charles Douniol, 1863), 18, 70. Im Namen von Papst Pius IX. schrieb Kardinal Antonelli dem französischen Adligen einen Brief, in dem er ihn für diese Rede rügte, was dieser „mit Resignation“ akzeptierte, ohne jedoch seinen Standpunkt zu ändern. Cavour entlieh von Montalembert das Motto seiner liberalen Politik: „Eine freie Kirche in einem freien Staat“. Siehe Angela Pelliciari, Risorgimento anticattolico (Casale Monferrato: Piemme, 2004), 178-86. Siehe auch Lettre a M. le Comte de Cavour, président du conseil des ministres, a Turin, par le comte de Montalembert (Paris: Charles Douniol, 1861).

[8] Henri Lacordaire, «Discours de réception de Henri Lacordaire» (24. Januar 1861), Académie Française. Lacordaire zitiert de Tocqueville und erklärt: „Die Ordnung in Amerika entsteht aus einer von allen akzeptierten Gleichheit, die sowohl die Sitten als auch das Gesetz durchdringt, aus einer wahren, aufrichtigen und ehrlichen Freiheit, die alle Bürger in den gleichen Pflichten und Rechten zusammenführt.“ Lacordaire, « Discours ».

[9] Die Wahrnehmung der liberalen Katholiken war in der Tat naiv, um es vorsichtig auszudrücken. Eine unvoreingenommene historische Betrachtung zeigt ein Muster protestantischer Intoleranz gegenüber der katholischen Kirche, das bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein anhielt. Der Kirche wurde nur insoweit Freiheit gewährt, als sie sich nicht dem liberalen Glaubensbekenntnis der amerikanischen Revolution widersetzte. Wenn sie dies tat, war sie häufig Verfolgungen ausgesetzt, wie sie von der Know-Nothing-Partei und verschiedenen anderen Strömungen des Nativismus verkörpert wurden. Siehe A. James Reichley, Religion in American Public Life (Washington, D.C.: The Brookings Institution, 1985). Der wichtigste Faktor für die Verbreitung des amerikanischen Mythos in Europa war zweifellos das Werk von Alexis de Tocqueville, in dem der Autor die Vereinigten Staaten als ein Modell für geordnete Freiheit darstellt. Moderne Autoren haben jedoch die zentrale These des Werkes korrigiert und gezeigt, dass Tocqueville nur die egalitären und liberalen Aspekte des Landes erwähnt und die traditionellen und hierarchischen Elemente fast völlig vernachlässigt. Siehe Alexis de Tocqueville, Democracy in America, trans. Harvey Mansfield und Delba Winthrop (Chicago: University of Chicago Press, 2002); Edward Pessen, Riches, Class and Power before the Civil War (Lexington, Mass.: Heath & Co., 1973).

 

Aus dem Englischen übersetzt mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostenlose Version) von https://www.tfp.org/the-essence-of-liberal-catholicism/?pkg=TFP22184

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Diese deutsche Fassung „Das Wesen des liberalen Katholizismus“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com

Foto: Paulo Roberto Campos 

Theologie der Befreiung 2

 

Wie der christliche Sozialismus
in die Kirche eingedrungen ist

Dieser Artikel ist dem Buch Befreiungstheologie: Wie der Marxismus die katholische Kirche infiltrierte von Julio Loredo de Izcue entnommen. Der Autor wurde in Peru geboren und hat sich lange mit den Lehren der Befreiungstheologie beschäftigt. Er lebt heute in Rom, wo er als Wissenschaftler, internationaler Redner und Präsident der Italienischen Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition, Familie und Eigentum (TFP) tätig ist.

13. April 2022 | Julio Loredo


Um die Krise innerhalb der Kirche zu verstehen, muss man sich zunächst die Prozesse ansehen, die zu der heutigen Situation innerhalb der Kirche geführt haben. Die Wurzeln dieser Krise reichen viel weiter zurück als bis zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. Sie sind im Aufkommen des christlichen Sozialismus im neunzehnten Jahrhundert zu sehen.

In der Tat gingen die ersten Erscheinungsformen des christlichen Sozialismus direkt aus der Französischen Revolution hervor und waren somit Vorläufer des sozialen Katholizismus.

Während der Französischen Revolution gab es Gruppierungen, die das Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bis zur letzten Konsequenz verfolgten und kommunistische Positionen einnahmen. Der prominenteste Vertreter dieser Strömung war François-Noël Babeuf, genannt Gracchus (1760-1797): „Die Französische Revolution ist nichts anderes als der Vorläufer einer anderen Revolution, die größer und feierlicher und die letzte sein wird.“

Der erste Schritt eines Prozesses

„Seine Idee“, so der Historiker Pierre Gaxotte, „ist, dass die Revolution gescheitert ist, weil sie nicht bis zum Ende durchgeführt wurde. Alle Maßnahmen, die sie ergriffen hatte, waren gut... Aber dies war nur ein erster Schritt zur ,radikalen Reform des Eigentums‘, das heißt zur ,Gemeinschaft der Güter und Arbeiten‘. Der vollständige Kollektivismus wäre natürlich diktatorisch gewesen.“

Für diese radikalen Fraktionen musste nicht nur der König im Staat, sondern auch der „König“ in der Gesellschaft - der Arbeitgeber - und der König in der Familie, d. h. die väterliche Autorität, abgeschafft werden. Der eindeutig utopische Traum einer vollkommen egalitären und freien Gesellschaft ohne Klassen, Eigentum und monogame Familie zeichnete sich damals am Horizont ab.

Die Faszination für diesen Traum brachte den so genannten utopischen Sozialismus hervor, der in Frankreich von Claude Henri de Saint-Simon (1760-1825), Charles Fourier (1772-1837), Louis Blanc (1811-1882), Philippe Buchez (1796-1865) und Pierre Proudhon (1809-1865) vertreten wurde.

Der Begründer eines revolutionären Katholizismus

Philippe Buchez übte einen besonders großen Einfluss auf den linken Flügel des Sozialkatholizismus aus. Als Begründer der französischen Carbonari konvertierte Buchez 1830 zum Katholizismus, ohne jedoch die sozialistische Ideologie aufzugeben. Alec Vidler erklärt: „Er fand im Christentum einen Glauben, der versprach, die Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen zu verwirklichen und sie von dem Egoismus zu befreien, der einen gegen den anderen ausspielt.“

So wurde Buchez zu einem Apostel des revolutionären Christentums. Mit Worten, die aus der Feder eines heutigen Befreiungstheologen zu stammen scheinen, verkündete er: „Christentum und Revolution sind ein und dasselbe. Der einzige Fehler der Kirche besteht darin, nicht revolutionär zu sein“.

Der Einfluss von Buchez ging über den Sozialkatholizismus hinaus und durchdrang sogar die liberale katholische Strömung. Einige seiner Schüler treten in den Dominikanerorden ein, der in Frankreich von einem engen Freund von Buchez, Pater Henri Lacordaire (1802-1861), wiederhergestellt worden war. Dies war der Ursprung des progressiven Flügels in der französischen Dominikanergemeinschaft, der eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der neomodernistischen Theologie und schließlich der Befreiungstheologie selbst spielte.

„Jesus von Nazareth, der Vater des Sozialismus“

Im Gefolge der Revolution von 1848 entstand in Frankreich eine christlich-sozialistische Strömung, der sich viele Priester anschlossen. Am 29. April 1849 fand in Paris ein Bankett sozialistischer Priester mit mehr als sechshundert Gästen, darunter Geistliche und Arbeiter, statt. Es gab viele Trinksprüche auf „Jesus von Nazareth, den Vater des Sozialismus“.

In der Abschlussrede verkündet ein Priester: „Ja, Bürger, ich sage es aus vollem Herzen, ich bin ein republikanischer sozialistischer Priester, einer von denen, die man rote Republikaner nennt; aber auch ein katholischer Priester... [Dann wandte er sich an die Arbeiter und fügte hinzu:] „Wir wollen eure Emanzipation, wir werden die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht mehr dulden.“

Interessanterweise trugen nur drei der mehr als dreißig anwesenden Priester die Soutane, während die übrigen in Zivil gekleidet waren. Offensichtlich wollten sie sich nicht nur von den Arbeitgebern, sondern auch von den kirchlichen Regeln emanzipieren und legten einen revolutionären Geist an den Tag, sogar auf dem Gebiet der Tendenzen.

Das frühe Wachstum des christlichen Sozialismus

Auch wenn der utopische christliche Sozialismus, zumindest in der Öffentlichkeit, keine große Anhängerschaft fand und ein bloßes Ideal am fernen Horizont blieb, war dies nicht das Schicksal des Sozialismus, der Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurde. In Frankreich wird gewöhnlich die 1896 in Lyon abgehaltene Arbeiterkonferenz als Wendepunkt genannt; in Italien war es das Auftreten der von Pater Romolo Murri (1870-1944) inspirierten Fasci Democratici (Demokratische Truppen) im Jahr 1891. Die Sozialisten, die zunächst eine Minderheit darstellten, gewannen zunehmend an Bedeutung und kontrollierten schließlich große Teile des sozialen Katholizismus.

Die Strömung wurde jedoch nie zur Mehrheit. Die Verurteilungen des Sozialismus durch die Päpste waren eindeutig und fanden bei den Gläubigen ein gutes Echo. Andererseits konnten die christlichen Sozialisten noch nicht auf eine Theologie zählen, die ihnen eine lehrmäßige Grundlage bieten würde. Viele waren gezwungen, zwischen der Treue zur Kirche und dem sozialistischen Engagement zu wählen, und entschieden sich für Letzteres. Dies war der Fall bei Pater Murri.

Die Stimme Roms spricht die soziale Frage an

Obwohl Pius IX. bereits einige Aspekte der sozialen Frage angesprochen hatte, stammt die erste große Synthese der katholischen Soziallehre von Leo XIII. (1810, 1878-1903). Die Enzyklika Rerum Novarum von 1891 gilt zu Recht als Eckpfeiler der kirchlichen Soziallehre; sie war die erste, die sich umfassend mit den Problemen der „sozialen Frage“ oder den durch die industrielle Revolution verursachten sozialen Umwälzungen befasste.

Es ist interessant, dass Leo XIII. zunächst die tendenziellen Aspekte der sozialen Frage anprangerte, bevor er sich mit den lehrmäßigen Aspekten befasste. In der Tat tadelte er den glühenden Wunsch nach Neuem, der die Menschen seit langem erregt und sich ganz natürlich von der politischen Ordnung auf die sozioökonomische überträgt. Dann verurteilt er den Sozialismus und bezeichnet ihn als falsches Heilmittel und unannehmbare Lösung.

Zur Verteidigung des Privateigentums

Der Papst lehnt zwar die Missbräuche des ungezügelten Kapitalismus ab, stellt aber klar, dass die Kirche einige Grundlagen der Marktwirtschaft als von der natürlichen Ordnung abgeleitet gutheißt. Zum Privateigentum lehrt er:

„Es besteht keine Notwendigkeit, den Staat einzuführen. Der Mensch geht dem Staat voraus und besitzt vor der Gründung eines Staates das Recht, für die Substanz seines Körpers zu sorgen...

... Das Privateigentum steht im Einklang mit dem Gesetz der Natur...

Die Autorität des göttlichen Gesetzes fügt seine Sanktion hinzu, indem es uns in strengster Weise verbietet, auch nur das zu begehren, was einem anderen gehört…

... Privateigentum. ist ein natürliches Recht des Menschen.“

Die christliche Tugend ist der einzige Weg zum sozialen Gleichgewicht

Die Freiheit, Arbeitsverträge abzuschließen und Unternehmen zu besitzen und zu leiten, ergibt sich aus diesem natürlichen Recht. Leo XIII. nennt neben den Rechten, die sich aus dem Privateigentum ergeben, auch die Rechte, die sich aus der Arbeit ergeben, als etwas, das der Person innewohnt und weder durch den Arbeitgeber noch durch den Staat eingeschränkt werden kann, einschließlich des Rechts auf freie Vereinigung, und das alles in einem hierarchischen Aufbau, der die Notwendigkeit sozialer Ungleichheiten einschließt.

Neben den Geboten der Gerechtigkeit müssen die sozialen Beziehungen von der Nächstenliebe inspiriert sein; und da dieser Bereich außerhalb des Geltungsbereichs des Gesetzes liegt, folgt daraus, dass man nur durch die Ausübung der christlichen Tugend das soziale Gleichgewicht erreichen kann.

In der Enzyklika Graves de communi bekräftigt Leo XIII.: „Denn es ist die Meinung einiger, und der Irrtum ist schon sehr verbreitet, dass die soziale Frage nur eine wirtschaftliche sei, während sie in Wirklichkeit vor allem eine sittliche und religiöse Angelegenheit ist und deshalb nach den Grundsätzen der Sittlichkeit und nach den Geboten der Religion geregelt werden muss.“

Die katholische Linke verzerrt die kirchliche Lehre

Leider lasen Teile des Sozialkatholizismus die Enzykliken von Papst Leo XIII. in einem anderen Licht und begannen eine Periode des hermeneutischen Missbrauchs, der erst 1903 von Papst Pius X. mit dem Motu proprio Fin dalla prima geklärt wurde. Einige behaupteten sogar, dass Rerum Novarum im Gegensatz zum „dunklen Syllabus Errorum“ von Pius IX. stand. Gabriele De Rosa schreibt:

„Rerum Novarum zerstörte viele Bedenken und Widerstände unter unnachgiebigen Katholiken und gab der rücksichtslosesten Generation sozialer Christen, der christlich-demokratischen Strömung, die schließlich über die alte Garde hinauswuchs, Vertrauen.“

„Alle christlich-demokratischen Strömungen in Europa erhielten durch Rerum Novarum Auftrieb [und] fühlten sich in ihrem Handeln bestärkt, denn es bewies, dass ein Priester, ein kämpferischer Katholik, nicht auf der Seite der Arbeitgeber stand.“

Pater Luigi Sturzo erinnert sich, wie die Veröffentlichung der Enzyklika Rerum Novarum „großes Erstaunen“ hervorrief. Sie schien fast sozialistisch zu sein, und selbst die liberaleren Regierungen fürchteten sich in ihrer bürgerlichen Seele; auch viele Kirchenmänner fürchteten diese neue Kraft, die sich mit dem Volk verband“.

So gewann der christliche Sozialismus durch die Entstellung der katholischen Lehre an Schwung. Sein Wachstum bereitete den Boden für die Fehler, die später in der Theologie der Befreiung zu finden waren.

Fortsetzung folgt

 

Aus dem Englischen übersetzt mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostenlos Version) von
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Diese deutsche Fassung „Wie der christliche Sozialismus in die Kirche eingedrungen ist“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com