Dienstag, 21. Februar 2012

Rittertum

Das Wort „Ritter“ bezeichnet ursprünglich einen Reiter, d. h. einen sich des Pferdes zur Fortbewegung bedienenden Mann. Schon früh indessen hat es die speziellere Bedeutung eines bewaffnet zu Pferde Kriegsdienste leistenden Mannes von vornehmem Range erhalten. Aus dieser Bedeutung entwickelten sich die Begriffe des Ritterstandes, des Rittertums und der Ritterlichkeit. Umfasst nun derjenige des Rittertums noch lediglich alle jene Verhältnisse, mit welchen der Ritterstand im Zusammenhange steht, und bezieht er sich auf eine bestimmte Zeit, nämlich auf diejenige, in welcher der Ritterstand wirklich ein abgeschlossener Stand war, also auf das spätere Mittelalter und den Anfang der neuern Zeit, und zwar vorzugsweise auf das Abendland, d. h. das Gebiet der lateinischen Kirche, so hat dagegen der Begriff der Ritterlichkeit einen weitem Umfang erlangt, indem er den Inbegriff derjenigen Eigenschaften umfasst, welche zur Zeit des Rittertums eine Zierde des Ritterstandes bildeten. In diesem Umfange bezieht er sich denn auch auf Zeiten und Gegenden, in welchen das Rittertum als solches nicht mehr besteht oder niemals bestanden hat. Seitdem aber dasselbe aufgehört hat zu bestehen, hat auch das Wort „Ritter“ eine ganz andere Bedeutung erhalten und bezeichnet einerseits das Mitglied eines Ritterordens und anderseits eine Stufe des niederen Adels.

Bei diesem Wechsel der Begriffe ist es denn nicht anders möglich, als dass derjenige der Ritterlichkeit im Verlaufe der Kulturentwicklung mit Zuständen und Verhältnissen, die denen des Rittertums mehr oder weniger ähnlich sind, bald in engerem, bald in weniger engem Zusammenhange steht; ja es kann sogar der Fall eintreten, dass er in einer dem Rittertum ähnlichen Verfassung weniger hervortritt, als in einer ihm unähnlichen. Zu den oben angedeuteten Lichtseiten des Rittertums, die wir als "Ritterlichkeit" zu bezeichnen gewohnt sind, gehören besonders: die Tapferkeit im Kriege, die Großmut gegenüber den Besiegten, die Höflichkeit gegenüber den Damen, die Gastfreundlichkeit und die Treue gegen die Vorgesetzten.
In den Zeiten des Rittertums kam dazu noch die Freude an Musik und Poesie und sehr oft die eigene Übung dieser Künste, was heute beides nicht mehr unter „Ritterlichkeit“ verstanden wird, während kaum jemand die Gewandtheit in allerlei Sport (besonders Jagd, Reit- und Fechtkunst) von diesem Begriffe trennen wird. Dem Rittertum in irgendwelcher Weise entsprechende Verhältnisse, d. h. mehr oder weniger organisierte Wehrkräfte höheren Ranges haben wohl alle zivilisierten Staaten von jeher gehabt; aber auch wo diese fehlen, bei den sog. Naturvölkern, werden wir Spuren der Ritterlichkeit vorfinden.

(Aus „Geschichte des Rittertums“ von Otto Henne am Rhyn)


Dienstag, 22. November 2011

Eine mächtige Waffe gegen die modernen Häresien

Wenn hingegen die Menschen gläubig bekennen, dass Maria die Jungfrau im ersten Augenblick ihrer Empfängnis von aller Sündenmakel frei geblieben ist, so bedeutet das ebensoviel, wie die Erbsünde, die Erlösung durch Christus, das Evangelium, die Kirche und selbst das Gesetz des Leidens zugeben und annehmen. Dann ist aber auch dem Rationalismus und dem Materialismus jeder Grund entzogen, und die christliche Weltanschauung darf rühmend für sich in Anspruch nehmen, die Wahrheit verteidigt und geschützt zu haben.
Die Glaubensfeinde verfügen indessen über noch andere Mittel, um namentlich heutzutage den Glauben in den Herzen zu Grunde zu richten. Man kündigt nämlich der Autorität der Kirche wie schließlich überhaupt auch jeder menschlichen Autorität Ehrfurcht und Gehorsam auf und verleitet auch die Mitmenschen dazu. Hier stehen wir vor der Keimzelle des Anarchismus, dieser verabscheuungswürdigen Pest, wie sie verhängnisvoller für die natürliche und übernatürliche Ordnung in der Menschenwelt nicht sein kann. Auch diese für die staatliche und kirchliche Ordnung so gefährliche Zeiterscheinung richtet sich im Grunde gegen den Glaubenssatz von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter; denn gerade diese Lehre verpflichtet uns, der Kirche nicht bloß über unseren Willen, sondern auch über unsern Verstand bestimmenden Einfluss einzuräumen. Und weil wir so auch unseren Verstand in Zucht nehmen, begrüßt das christliche Volk die Gottesmutter mit den Worten: „Ganz schön bist du, Maria, und die erbliche Makel ist nicht in dir“ (Grad. Miss. in festo Imm. Conc.). - So bewahrheitet sich auch der glorreiche Lobpreis, den die Kirche mit Recht der hehren Jungfrau spendet, "dass sie nämlich alle Irrlehren der Welt vernichtet hat".
(Aus der Enzyklika "Ad diem illum" von hl. Pius X., vom 2.2.1904)

Donnerstag, 10. November 2011

Verhütung verstößt gegen das Gesetz Gottes und der Natur

Da nun noch vor kurzem einige in offenkundiger Abweichung von der in ununterbrochener Folge von Anfang an überlieferten christlichen Lehre geglaubt haben, amtlich und feierlich über solches Tun anders lehren zu sollen, erhebt die katholische Kirche, von Gott selbst zur Lehrerin und Wächterin der Unversehrtheit und Ehrbarkeit der Sitten bestellt, inmitten dieses Sittenverfalls, zum Zeichen ihrer göttlichen Sendung, um die Reinheit des Ehebundes von solch schimpflicher Makel unversehrt zu bewahren, durch Unseren Mund laut ihre Stimme und verkündet von neuem: Jeder Gebrauch der Ehe, bei dessen Vollzug der Akt durch die Willkür der Menschen seiner natürlichen Kraft zur Weckung neuen Lebens beraubt wird, verstößt gegen das Gesetz Gottes und der Natur, und die solches tun, beflecken ihr Gewissen mit schwerer Schuld.
Kraft Unserer höchsten Autorität und wegen der Uns obliegenden Sorge um das Heil aller Menschen ermahnen wir daher die Beichtväter und die übrigen Seelsorger, die ihnen anvertrauten Gläubigen über dieses schwer verpflichtende göttliche Gesetz nicht im Irrtum zu lassen, noch mehr aber, sich selber von derartigen falschen Meinungen freizuhalten und ihnen nicht aus Schwäche nachzugeben. Sollte aber ein Beichtvater oder Seelenhirte, was Gott verhüte, selber die ihm anvertrauten Gläubigen in solche Irrtümer führen oder durch seine Zustimmung oder durch böswilliges Schweigen sie darin bestärken, so möge er wissen, daß er dereinst Gott, dem höchsten Richter, ernste Rechenschaft über den Mißbrauch seines Amtes wird ablegen müssen. Er möge sich das Wort Christi gesagt sein lassen: „Blinde sind sie und Führer von Blinden. Wenn aber ein Blinder einen Blinden führt, fallen beide in die Grube.“
(Aus der Enzyklka „Casti conubii“ von Pius XI am 31. Dezember 1930)

Donnerstag, 29. September 2011

Erzherzog Karl - Ein Feldherr

(5. September 1771 bis 30. April 1847.)

Florenz ist der Geburtsort dieses deutschen Fürsten. Sein Vater war der Großherzog Peter Leopold von Toskana, Sohn der Kaiserin Maria Theresia, seine Mutter Maria Ludovika, Tochter des Königs Karl III. von Spanien. Der glücklichen Ehe entsprossen 16 Kinder. Das fünfte der Kinder war Erzherzog Karl.

Schon von früher Jugend an zeigte er für alles Interesse, was mit dem Kriegswesen zusammenhing. In Wien vertiefte er sich immer mehr in das Studium der Kriegswissenschaften, die er bald praktisch verwerten sollte. In dem Kriege, den Frankreich gegen das damals österreichische Belgien führte, gewann er in den Jahren 1793 und 1794 mehrere entscheidende Schlachten.

Anfangs April 1796 reiste Erzherzog Karl als ernannter Oberbefehlshaber von Wien zur Armee am Niederrhein ab. Er gewann mehrere Schlachten am Rhein und auch im heutigen Bayern.

Erzherzog Karl konnte auf seinen Lorbeeren ruhen. Aber seine Gesundheit hatte arg gelitten. Doch kehrte er neugestärkt von den Heilquellen bei Töplitz nach Prag zurück.

Gegen Ende des Jahres 1798 entbrannte der Kampf aufs neue. Im Gefecht bei Osterach (21. März 1799), sowie in der Schlacht bei Stockach (25. März) siegte der tüchtige Feldherr über feinen alten Gegner Jourdan.

Den herrlichen Lorbeer in feinem Ruhmeskranze flocht sich Erzherzog Karl in der denkwürdigen Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809. Wie es zum Sturm geht, hört man die Worte: "Fürs Vaterland! Mutig vorwärts!" Erzherzog Karl ist's, der eben herbeigesprengt, sie gesprochen. Da ruft Hauptmann Murrmann: "Tausend Leben für unsern Erzherzog! Mir nach", und ritt den Truppen voran... Und der Sieg gelang. Zum ersten Mal hatte Napoleon eine Niederlage in Deutschland erlitten. Der Zauber feiner Unüberwindlichkeit war gelöst. Für die österreichischen Heere war der Sieg eine große Epoche des Ruhmes und des inneren Kraftgefühls. Selbst Napoleon muss dem edlen Generalissimus seine Anerkennung zollen.

Nach dem Waffenstillstand vom 7-12. Juli 1809 trat Erzherzog Karl in den stillen Kreis des Privatlebens zurück. Am 17. September 1815 vermählte er sich mit der Prinzessin Henriette, Tochter des Herzogs Friedrich Willhelm von Nassau. Die Ehe wurde mit 7 Kindern gesegnet.

Erzherzog Karl Starb am 30. April 1847. Am 4. Mai wurde seine irdische Hülle mit den üblichen Trauerfeierlichkeiten in der Kaisergruft des Kapuzinerklosters zu Wien bestattet. Kaiser Ferdinand I. befahl, sein Degen solle im kaiserlichen Zeughause bei jenen der größten Feldherren aufbewahrt werden, und der Name "Erzherzog Karl" die beiden Regimenter, die ihn bei Lebzeiten des Helden getragen, für alle Zeiten schmücken. Die Religiosität des hohen Verblichenen erhellt aus folgendem Artikel, den wir aus den katholischen Blättern aus Tirol (im Mai 1847) entnehmen.

Als der 76jährige Kriegsheld, der durchlauchtigste Herr Erzherzog Karl Ludwig von Österreich, dieser ritterliche Prinz ohne Furcht und Tadel, infolge einer plötzlich eingetretenen Rippenfellentzündung am 26. April 1847 auf sein Kranken- und Sterbelager verwiesen wurde, ging seine erste Sorge dahin, sich nach einer himmlischen Arznei umzusehen und sich durch den Empfang der heiligen Sterbesakramente mit seinem Gott und Herrn, dem Lenker feiner einstigen Schlachten und Siege, auf das innigste zu verbinden, dass ihm bei dem bevorstehenden heißen und letzten Kampfe der Sieg gelänge.

Schon vor Jahren und oft wiederholt hatte er seinen würdigen Beichtvater - Herrn Wilhelm Sedlaczek - ernstlich gemahnt und gebeten, ihn, wenn anders Gottes Barmherzigkeit es so in seine Macht lege, ja das letzte Mal des Himmels nicht zu spät erinnern. "Vor allem wollen es Ew. Hochwürden mir nicht verhehlen, wenn die Stunde meines Dahinscheidens, die andere oft besser sehen, sich zu nahen scheint!" sprach der alte Krieger gar oft in seinen auch noch ganz gesunden Tagen. "Sagen sie dann nur", setzte er gewöhnlich ganz heiter hinzu: "Auf, alter Soldat! es wird Zeit zum Einrücken."

Doch es trat die Notwendigkeit nicht ein, dieser vorsorgenden Mahnung nachzukommen, den hohen Kranken gemahnte es von selbst an sein Heil. Die erste Sehnsucht vom Krankenlager aus war nach dem Herrn und Heiland im heiligen Sakramente gerichtet, und erst dann, als dieser mit dem Troste des Himmels bei ihm eingekehrt war, streckten sich seine so liebreich väterlichen Arme nach seinen Kindern aus, die er alle so gern und noch einmal gesegnet hätte.

Als wir während der Stunden feines Todeskampfes abwechselnd in der kaiserlich königlichen Hofburgkapelle bei ausgesetztem hochwürdigsten Gut auf Anordnung des allerhöchsten Kaiserhauses für ihn beteten, und Referent sich eben zwischen der neunten und zehnten Stunde der Nacht vom 29. auf den 30. April auf jenen Betschemel zu knien anschickte, ging ihm noch das Ansuchen des durchlauchtigsten Sterbenden zu, von Gott, wenn es in seinem heiligen Willen gelegen sei, die Gnade zu erflehen, dass er die schon in jeder Minute erwartete Ankunft feiner beiden erzherzoglichen Söhne Ferdinand und Friedrich noch erlebe. Doch nur Ferdinand traf den sterbenden Vater noch lebend - sah noch, wie er feine Arme zum Segen aufbeben wollte, aber segnen konnte ihn nur mehr das eben brechende Herz. Um 4 Uhr morgens derselben Nacht war der gute Kampf ausgekämpft.

Text: „Das Ende großer Menschen“ von AntonSteeger, Regensburg 1915
Bilder aus Wikipedia, Stichwort „Karl von Österreich-Teschen“






Dienstag, 9. August 2011

Geschürter Volkszorn

Am 21. Oktober 1789 rottete sich das Volk vor dem Hause des Bäckers François zusammen: eine alte Frau klagte, er halte viel Brot verborgen. Die Nachbarn riefen vergebens, er sei ein Ehrenmann, er tue vieles für die Armen, er backe täglich in sieben Öfen und verweigert niemanden Brot. Das Volk wollte nichts hören.
 Die Bürgerwehr führte ihn auf das Stadthaus vor den Polizei-Ausschuss der Gemeinde, der ihn verhörte und sogleich sich von seiner Unschuld überzeugte, aber vor dem Drohen der Menge, die den Grèveplatz füllte, sie nicht anzuerkennen wagte: man müsse ihn in die Abtei führen, denn es sei, wenn er schuldig, sehr wichtig, die Teilnehmer an der Verchwörung kennen zu lernen.
Allein draußen hies es, treulose Beamte wollten den Frevler  dem Zorne des Volkes entreißen, das dürfe man nicht dulden. Die Menge drängte in das Ratszimmer, entriss der Wache den Angeklagten, und hing ihn am nächsten Laternenpfahl auf, ohne das die Nationalgarde vor dem Rathaus sich regte.
Der man lebte noch, als man ihn am Strick wieder herunterließ; man schnitt ihm den Kopf ab und trug denselben auf einer Pike durch die Straßen.

(Aus „Weltgeschichte“ von J. B. Weiss)

Donnerstag, 28. Juli 2011

Franziskus drohte mit Strafen

Die Anwohner von Greccio wurden viel von Unglücksfällen heimgesucht. Ein Rudel räuberischer Wölfe fraß nicht nur Vieh, sondern auch Menschen, und ein alljährlicher Hagelschauer zerschlug Felder und Weinberge. Eines Tages aber, als ihnen der selige Franziskus von Assisi predigte, sprach er:
„Zu Ehre und Preis des allmächtigen Gottes höret an, was ich euch der Wahrheit gemäß verkündige. Wenn jeder von euch beichtet und würdige Früchte der Buße bringt, so verspreche ich euch, daß diese ganze Pest fernbleiben wird, und Gott wird sein Auge auf euch wenden und wird seine Güte im Zeitlichen verdoppeln. Aber höret noch weiter: wiederum künde ich euch, wenn ihr für die Wohltaten undankbar, euch wiederum dem frühen Gespei zuwendet, so wird die Plage wiederkommen, ja die Strafe verdoppelt werden, und noch ein größeres Zorngericht über euch wüten.“

Das Kloster von Greccio. Vom
damaligen Städchen Greccio
fehlt jede Spur.
Und wirklich geschah es, daß durch die Verdienste und Gebete des heiligen Vaters von jener Stunde an der Schaden aufhörte, die Gefahr wich, und die Wölfe weiter niemanden belästigten, noch der Hagel fiel. Ja, noch mehr. Wenn manchmal in dem benachbarten Saatfeld ein Hagel niederging und sich dem Bezirk Greccio näherte, so hörte er dort entweder auf, oder er wandte sich in andere Richtung. Da nun Ruhe war, strömten in unermeßlicher Fülle die zeitlichen Güter herein. Aber das Wohlergehen hatte auch da die gewohnte Wirkung. Der Leute Gesicht erstickte beinahe im Fett, und die Fülle oder vielmehr der Mist zeitlicher Güter machte sie erblinden. Sie verfielen ins alte Sündenleben und vergaßen Gott, der sie gerettet hatte. Doch nicht ungestraft: denn das göttliche Gericht bestraft die erste Sünde milder als den Rückfall. Gottes Zorn entbrannte wider sie, die Übel, die gewichen waren, kamen zurück, dazu noch das menschliche Schwert, und ein vom Himmel gesandtes Sterben raffte viele dahin. Endlich wurde die ganze Stadt ein Fraß der rächenden Flammen. So müssen in gerechtem Gericht die im Verderben verkommen, die der Wohltat den Rücken wenden.

(„Das Leben des heiligen Franziskus von Assisi“ beschrieben durch den Bruder Thomas von Celano. Basel, 1919, S. 137f. in „Franzenkalender“ 2011, Franziska-Verlag)

Donnerstag, 21. Juli 2011

IV. Metamorphosen des revolutionären Prozesses

Wie das vorhergehende Kapitel zeigt, ist der revolutionäre Prozess eine schrittweise Entwicklung gewisser ungeordneter Tendenzen des christlich-abendländischen Menschen und der daraus bedingter Irrtümer.

In jeder Stufe dieses Prozesses erscheinen diese Tendenzen und Irrtümer mit einem anderem Gesicht. Die Revolution wandelt sich also im Laufe der Geschichte.

Diese Metamorphosen, die sich in den großen allgemeinen Linien der Revolution feststellen lassen, wiederholen sich in kleinerem Maßstab in jedem großen Abschnitt derselben.

So bediente sich der Geist der Französischen Revolution in seiner ersten Phase einer durchaus aristokratischen, ja sogar kirchlichen Maske und Sprache, ging am Hofe ein und aus und hatte sogar einen Sitz im Kronrat.

Später nahm er bürgerliche Züge an und setzte sich für die unblutige Beseitigung der Monarchie und des Adels sowie für eine verschleierte, friedliche Abschaffung der katholischen Kirche ein.

Bei der erstbesten Gelegenheit übernahm er die Haltung der Jakobiner ein und berauschte sich am Blut der Terrorherrschaft.

Doch die Ausschreitungen des Jakobinerklubs stießen auf Widerstand, und so durchlief er nun auf dem Rückzug dieselben Etappen wieder, allerdings in umgekehrter Richtung. Aus dem Jakobiner wurde im Direktorium ein Bürgerlicher und unter Napoleon streckte die Hand wieder der Kirche entgegen und öffnete dem verbannten Adel wieder die Türen; am Ende begrüßte er sogar die Rückkehr der Bourbonen. Das Ende der Französischen Revolution bedeutet aber nicht den Abschluss des revolutionären Prozesses. Mit dem Sturz Karls X. und dem Aufstieg Louis-Philippes kommt er wider zum Ausbruch und von Wandel zu Wandel zieht er aus Erfolgen und selbst aus Misserfolge Nutzen und erreicht so in unseren Tagen seinen Höhepunkt.

Die Revolution nützt somit ihre Metamorphosen nicht nur um vorzustoßen, sondern sie versteht es auch, immer wieder notwendige taktische Rückzieher zu unternehmen.

Manchmal täuscht die stets lebendige Bewegung ihren Tod vor, und dies ist eine ihrer interessantesten Wandlungen. Dem Anschein nach ist die Lage in einem bestimmten Land dann völlig ruhig. Die gegenrevolutionäre Reaktion räkelt sich und schläft ein. Doch in den Tiefen des religiösen, kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens gewinnt derweil der revolutionäre Gärungsprozess immer mehr an Boden, und am Ende dieses scheinbaren Stillhaltens kommt es dann plötzlich zu einem unerwarteten Ausbruch, der in seiner Stärke oft die vorausgegangenen Ausbrüche noch übertrifft.