Montag, 27. Juni 2022

Fünf entscheidende Lehren aus dem Aufruhr um Roe v. Wade

von John Horvat II

Roe v. Wade ist tot.

      Die Entscheidung, das amerikanische Abtreibungsgesetz zu kippen, bedeutet mehr als nur das Ende eines schlechten Gesetzes. Es verändert die moralische Debatte im heutigen Amerika. Die Aufregung über die durchgesickerte Stellungnahme, die dem Urteil vorausging, und die dramatischen Folgen daraus enthalten fünf entscheidende Lehren, an denen sich die post-Roe-Zukunft orientieren muss.

      Die Lektionen begannen mit dem durchgesickerten Gutachten. Wahrscheinlich wollte derjenige, der sie durchsickern ließ, den Boden für eine wütende Reaktion bereiten. Die normale Veröffentlichung einer unbekannten Entscheidung im Juni hätte die Mobilisierungsfähigkeit der Abtreibungsbefürworter eingeschränkt. Der durchgesickerte Inhalt mit der guten Nachricht von der Aufhebung von Roe verlieh der Sache der Linken zusätzliche Dringlichkeit und Leidenschaft. Die Linke brauchte die zusätzlichen Wochen, um Hysterie zu schüren.

      Die Hysterie hat nicht nur die Abtreibungsbefürworter gestärkt, sondern auch das wahre und grausame Gesicht der Bewegung offenbart. In der Debatte geht es nicht mehr um eine sorgfältig geplante Kampagne, die von den Mitarbeitern von Planned Parenthood im Namen der Gesundheit der Frauen gesteuert wird. Die Hysterie der Radikalen verbirgt nichts; sie ermöglicht es den Menschen zu sehen, was die Abtreibungsbefürworter eint und ausmacht. Es ist nun viel leichter zu erkennen, dass die Abtreibungsbefürworter zwei Strömungen, zwei Mentalitäten und, ja, zwei Amerikas hervorgebracht haben.

Aus der Hysterie um Roe v. Wade lassen sich fünf Lehren ziehen.

1. Die Abtreibung ist eine Debatte über den falschen Begriff von Freiheit. Die erste Lehre ist, dass die Fiktion der Gesundheit von Frauen nicht mehr das wichtigste Argument der Abtreibungsbefürworter ist. Die Hysteriker haben das Wort ergriffen und das Thema dargestellt als die Freiheit, das zu tun, was auch immer man will, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen oder menschliche Hindernisse - selbst wenn es bedeutet, Babys zu töten. Die radikalen Abtreibungsbefürworter akzeptieren keine Einschränkungen; sie leugnen die biologische und metaphysische Realität.

2. Die Abtreibung vereint alle Formen der Unreinheit und alle ungeordneten Leidenschaften. Zur Hysterie um das durchgesickerte Gutachten gesellten sich Proteste aus dem gesamten Spektrum der Themen der sexuellen Revolution. Man kann sie nicht voneinander trennen. Sobald man die ungeordneten sexuellen Leidenschaften befriedigt, ist jede Beziehung möglich und erwünscht. Die Abtreibungsbefürworter stellen daher eine Verbindung zwischen der Abtreibung und der LGBTQ+-Agenda her (ihre Fahnen waren bei den Protesten dabei). Sie kommen zu Recht zu dem Schluss, dass ein Verbot der Abtreibung alle moralischen Verirrungen bedroht. Je mehr Richter Alito in seiner durchgesickerten Stellungnahme darauf bestand, dass es keine Verbindung zwischen diesen Themen gibt, desto mehr stellte die Linke diese Verbindung her.

3. Abtreibung eint die politische Linke. Traurigerweise eint der Kampf um die Abtreibung die Linke mehr als die Rechte. Die Linken lassen in dieser Frage keine Kompromisse zu. Die Demokratische Partei hätte alles zu gewinnen, wenn sie ihre Haltung zur Abtreibung mäßigen würde. Doch da sie sich nun dem Totalitarismus verschrieben hat, lässt sie keinen Dissens mehr zu. Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten teilen alle die gleiche Leidenschaft für die Abtreibung, da sie wissen, dass dies ihre egalitären Ziele unterstützt. Ihre Fahnen, Symbole und Slogans waren Teil der Proteste nach dem Leak.

4. Die Abtreibungsradikalen befolgen oder brechen das Gesetz, wenn es ihnen nützt. Die Abtreibungsbefürworter benutzten Roe v. Wade als Knüppel des „festen Rechts“ gegen die Pro-Life Bewegung. Jetzt jedoch, da Roe tot ist, ist zu erwarten, dass die marxistische Maxime, wonach Rechtmäßigkeit bedeutet, was immer den Fortschritt der Revolution begünstigt, an ihre Stelle tritt. Die Aktivisten skandieren nun: „Wir werden nicht gehorchen!“ In der Tat drohen politische Beamte und Staatsanwälte bereits damit, das Gesetz dort nicht durchzusetzen, wo Abtreibung illegal wird. Die Hysterie nach dem Leak hat viele dazu veranlasst, das Gesetz zu brechen, indem sie protestierten und die Richter des Obersten Gerichtshofs selbst in ihren Wohnungen bedrohten. Sie haben Schwangerschaftszentren und Kirchen verwüstet. Die Entscheidung, Roe zu kippen, könnte zu einem „Sommer der Wut“ führen, in dem Demonstranten randalieren, Feuer legen, töten, verstümmeln und zerstören. Unterstützende Linke in der Regierung und in den Medien werden der Gewalt ihren Segen geben, indem sie das Mantra vom „größtenteils friedlichen“ Jahr 2020 wiederholen.

5. Die Abtreibungsfrage repräsentiert zunehmend diejenigen, die gegen Gott und für Satan sind. Die schockierendste Enthüllung der Post-Leak-Hysterie war der offen gottfeindliche und pro-satanische Zorn. Tatsächlich fanden satanische Symbole, blasphemische Schilder und hasserfüllte Slogans ihren Weg in die Proteste. Andere riefen dazu auf, katholische Kirchen (am Muttertag) anzugreifen und zu verwüsten. Satanistische Gruppen behaupteten erneut, Abtreibung habe für sie sakramentalen Charakter. Tabernakel wurden gestohlen. Das Allerheiligste Sakrament wurde geschändet. Katholische Politiker, die die Abtreibung unterstützen, widersetzten sich den kirchlichen Autoritäten mit sakrilegischen Kommunionen. All diese Dinge geschahen ohne offiziellen Protest oder Bedauern seitens der Abtreibungsbefürworter.

* * *

      Die Hysterie nach dem Leak und der aufkommende Sturm verraten also viel über die Abtreibungsbewegung.

      Bei Roe v. Wade geht es nicht nur um Abtreibung. Es ist mit einer ganzen Reihe von Themen und einer Weltanschauung verbunden. Die Linke sieht das klar. Die Rechte nicht so sehr.

      Die Proteste haben der Nation einen Eindruck davon vermittelt, wo die Linke und die Abtreibungsbewegung hinwollen. Die Rechte muss die Kluft zwischen den Weltanschauungen in aller Deutlichkeit erkennen und sich auf den Glauben und die christliche Zivilisation besinnen. Sie muss ein entgegengesetztes Programm annehmen, das alles vereint, was dem Gesetz Gottes entspricht.

      Hier sind fünf Wege, wie die Rechte zurückschlagen sollte. Sie sind der Weg zum Sieg:

1. Die Pro-Life-Bewegung muss sich um die wahre Vision der Freiheit scharen. Freiheit ist demnach eine Regel der Selbstbeherrschung, die es dem Menschen erlaubt, frei von der Tyrannei der Leidenschaften zu leben und ein Leben voller Wahrheit und Schönheit zu ermöglichen. Sie ist eine geordnete Freiheit, keine ungezügelte Libertinage.

2. Die Pro-Life-Bewegung muss alles umfassen, was rein und moralisch ist. Sie muss all jene vereinen, die an das natürliche Moralgesetz glauben. Die Linke hat verkündet, dass es so etwas wie eine Ein-Themen-Politik nicht gibt, da alle diese Themen miteinander verbunden sind. Die Pro-Life-Bewegung muss den Konflikt genauso sehen und sich dieser Herausforderung stellen, und vor allem der LGBTQ-Offensive widerstehen, die alles untergräbt, wofür sie steht.

3. Der Kampf gegen die Abtreibung muss als Plattform für die Einigung der politischen Rechten dienen. Nachdem sich die Linke mit überwältigender Mehrheit als Abtreibungsbefürworterin definiert hat, muss die Rechte konsequent sein und sich auf dieses erfolgreiche Thema (gegen die Abtreibung) einigen. Sie muss den politischen Kampf fortsetzen, indem sie Gesetze verabschiedet, die Abtreibung undenkbar machen. Das Ziel muss der totale Sieg sein.

4. Die Bewegung muss sich an das Gesetz halten. Nur weil die Linke das Gesetz bricht und Chaos stiftet, heißt das nicht, dass die Abtreibungsgegner auch außerhalb des Gesetzes handeln sollten. Die Linke weiß, wie sie jeden Rechtsbruch der Rechten zu ihrem Vorteil ausnutzen kann. Welche Weisheit liegt darin, den Linken in die Hände zu spielen? Pro-Life-Aktivisten, die das Gesetz brechen, verraten die Bewegung. Abtreibungsgegner müssen den Kampf legal und friedlich führen. Sowohl Abtreibungsgegner als auch Abtreibungsbefürworter, die gegen das Gesetz verstoßen, müssen angeprangert werden.

5. Der Kampf für das Leben muss immer religiös begründet sein, für Gott, der Quelle aller Gnade und des Lebens. Die Linke weiß, dass Gott im Mittelpunkt der Debatte steht. Sie weiß, dass die Kirche das moralische Gesetz vertritt, und macht sie zur Zielscheibe ihres Handelns. Ihre Radikalen beschwören Satan um Hilfe. Wie viel mehr sollte die Pro-Life-Bewegung die überwältigende Macht Gottes und der Gottesmutter anrufen, um den endgültigen Sieg zu erringen.

      Die Hysterie nach dem Leak hat den Charakter der Abtreibungsdebatte verändert. Das Angebot von Schwangerschaftsabbruch ist keine Frage der Gesundheit, der Frau, der Politik oder des weltlichen Lebens. Abtreibung ist eine moralische Frage, die sie immer war: es ist die Tötung unschuldigen menschlichen Lebens.

      Die Linke definiert den Kampf um die Abtreibung in universellen moralischen, religiösen, ethischen und metaphysischen Begriffen neu. Diese Neudefinition der Debatte verschafft den Verteidigern des Lebens einen Vorteil. Die Befürworter des Lebensschutzes müssen sich der Situation stellen und mit legalen Mitteln zum Angriff übergehen.

 

 Aus dem Englischen übersetzt mit Deepl/Translator (kostenlose Version) von https://www.tfp.org/five-crucial-lessons-from-the-uproar-over-roe-v-wade/?pkg=TFPE22229

vom 24. Juni 2022

Diese deutsche Fassung „Fünf entscheidende Lehren aus dem Aufruhr um Roe v. Wade“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com

© Nachdruck oder Veröffentlichung ist mit Quellenangabe dieses Blogs gestattet.

Donnerstag, 23. Juni 2022

Ein globaler Kulturkrieg, den der Westen gewinnen muss

„Wenn das Wahre Christliche Abendland das Kind ist,
ist die von Davos gesteuerte Version das Badewasser“


Von John Horvat II

      Der Krieg in der Ukraine ist mehr als nur ein ungerechter Angriffskrieg Russlands. Er richtet sich auch gegen den Westen als Konzept und geopolitischen Block. Am Horizont zeichnet sich ein globaler Kulturkrieg ab, der alles zu zerreißen droht.

      Im Mittelpunkt dieses Kampfes stehen zwei Vorstellungen, eine wahre und eine falsche, von dem, was „der Westen“ bedeutet. Diese beiden Modelle vereinen die Liberalen und bringen die Konservativen gegeneinander auf. Die breite Öffentlichkeit ist verwirrt und weiß nicht, welche Version zu verteidigen oder zu bekämpfen ist.

Der Begriff des Christentums

      Die wahre Version könnte man als das „wahre christliche“ Abendland bezeichnen. Sie entspricht dem Block von Nationen, die die Welt durch ihre Verbindung zu einer europäischen Vergangenheit, insbesondere ihrer reichen christlichen Kultur, geleitet haben. Sie wurde durch das Christentum repräsentiert und auf all jene Gebiete - vor allem in der Neuen Welt - angewandt, die seine metaphysische und religiöse Vision des Lebens teilten.

      Dieser Westen entwickelte Systeme des Rechts, der Bildung, der Logik und der Moral, die den Fortschritt und das menschliche Wohlergehen begünstigen. Seine Metaphysik stützt sich auf die Natur der Dinge und eine erkennbare objektive Wahrheit. Das Zentrum dieser Zivilisation ist Gott, sein Gesetz und die Kirche.

      Die moderne Gesellschaft profitiert von den Überresten dieser christlichen Zivilisation, die überlebt haben, auch wenn sie ihre fernen Wurzeln verleugnen. Wenn es in der heutigen Gesellschaft überhaupt eine Ordnung gibt, dann deshalb, weil in ihren Strukturen, Gesetzen und Institutionen noch Spuren des wahren christlichen Abendlandes zu finden sind.

      Die gegenwärtige postmoderne säkulare Gesellschaft lehnt dieses Modell ab. Das „westliche“ „woke“-Establishment und eine entsprechende dekadente säkulare Kultur verachten es sogar.

Der von Davos geprägte Westen

      Das zweite Konzept des „Westens“ ist etwas völlig anderes. Sowohl die Linke als auch die Rechte verwenden diese Definition, um das wahre christliche Abendland anzugreifen. Dieser „Westen“ wird mit eben jenen europäisch verbundenen Nationen assoziiert, die sich in riesigen wirtschaftlichen und politischen Netzwerken ausdrücken. Er verkörpert eine auf Regeln basierende Ordnung, die den Liberalismus als politisches System der Moderne aufrechterhält. Man könnte ihn als den von Davos gesteuerten Westen bezeichnen.

      Dieser „Westen“ nimmt enorme Anleihen beim sozialen Kapital und der rationalen Infrastruktur des christlichen Abendlandes, ohne sich jedoch jemals zu seiner Schuld zu bekennen. Er leidet unter der Dunkelheit der Aufklärer, die die soziale und moralische Einheit des wahren christlichen Abendlandes zerbrachen und eine individualistische, materialistische Welt förderten. Doch dieser Westen verbreitet auch seine säkulare Dekadenz, die seinen Untergang beschleunigt.

      Wenn das Wahre Christliche Abendland das Kind ist, ist die von Davos gesteuerte Version das Badewasser. Das Letztere wird gegen das Erstere eingesetzt. Die Liberalen hassen die Werte des Wahren Christlichen Abendlandes, während sie alle Annehmlichkeiten und Fortschritte genießen, die aus ihm hervorgegangen sind. Die Konservativen hassen den von Davos gesteuerten Westen, während sie inmitten seiner moralischen Verderbtheit und seines gottlosen Säkularismus ums Überleben kämpfen.

      Dieser von Davos gesteuerte Westen schien in der Zeit nach dem Kalten Krieg überall triumphiert zu haben. Alles schien sich auf ein einziges globalisiertes Dorf hinzubewegen, das in einem Fest der frenetischen Unmäßigkeit Vergnügungen und Leidenschaften nachging, ohne Gott anzuerkennen. Seine fortschrittliche Technologie bringt alle Dinge sofort und mühelos zusammen.

Die Erschütterung des Zweiten Westens

      Dieser Triumph schien sicher, bis COVID und dann die Ukraine die Dinge weiter destabilisierten.

      Der Ukraine-Konflikt zielt auf den von Davos gesteuerten Westen und seine riesigen Netzwerke. Die globalen Verbindungen, die die westliche Hegemonie aufrechterhielten, sind nun zerrissen. In nur wenigen Monaten hat die Ukraine die Globalisierungsarbeit einer ganzen Generation zunichte gemacht.

      Beide Seiten sind an dieser Abkopplung beteiligt. Jede neue Sanktion, die gegen Russland verhängt wird, macht es schwieriger, eine globalisierte Welt wiederherzustellen. Jeder neue Schritt, den Russland in der Ukraine unternimmt, bedeutet die Zersplitterung der Welt in neue Hegemonien, Handelsblöcke, ideologische Strömungen und ungünstige Partnerschaften. Das Endergebnis wird die irreparable Abtrennung des Ostens vom Westen sein.

      Der Westen als geopolitische Einheit wird zerbrochen und macht den Weg frei für eine unbekannte multipolare Welt. Viele auf der Rechten begrüßen diese Entwicklung als Reinigung des schmutzigen kulturellen Badewassers. Gleichzeitig feiern die Linken den Untergang des Einflusses des wahren christlichen Abendlandes, das noch eine gewisse moralische Ordnung in der Gesellschaft aufrechterhält.

Die Vernichtung des Ersten Westens

      Das wichtigste Ziel des Krieges in der Ukraine ist jedoch das Wahre Christliche Abendland.

      Russland hat sich diesem Wahren Christlichen Westen nie ganz angeschlossen. Es ist eine osteuropäische Nation, die fast ein Jahrtausend lang von der östlichen Orthodoxie beherrscht wurde. Aufbauend auf dieser Vergangenheit versucht Wladimir Putins eurasische Bewegung, ein antiwestliches Netzwerk von Ländern zu schaffen, die von seinen seltsamen Ideologien und starren Autokratien durchdrungen sind. Russland, China und ihre Klientelstaaten versuchen, das wahre christliche Abendland durch einen Rahmen zu ersetzen, der alte Irrtümer (von denen viele merkwürdigerweise westlich sind) auf der Grundlage von Nationalismus, Marxismus, Gnostizismus und sogar mystischen Elementen recycelt. Was Russlands panslawistischen Eurasianismus (von Alexander Dugin) oder Xi Jinpings „neue Ära des Sozialismus mit chinesischen Merkmalen“ eint, ist ihr militanter antiwestlicher und promarxistischer Charakter.

      Die russischen Ideologen hassen die Spuren des wahren christlichen Abendlandes, die in den heutigen Institutionen, Regeln und Systemen noch immer vorhanden sind. Sie haben es besonders auf die katholische Kirche und ihre Lehren abgesehen, die die stagnierende Orthodoxie herausfordern. Diese Denker lehnen die rationale Ordnung des Westens ab und stellen sich ein primitives, mystisches, stammesorientiertes und gemeinschaftliches Russland vor.

      Viele westliche Philosophen, von denen sich einige selbst als Heiden oder Okkultisten bezeichnen, bewundern wie ihre russischen Kollegen dieses primitive russische Ideal. Der Autor Matthew Rose hat in seinem 2022 erschienenen Buch A World After Liberalism: Philosophers of the Radical Right (Eine Welt nach dem Liberalismus: Philosophen der radikalen Rechten) die Welt von fünf Schlüsselfiguren aus untersucht, die die gegenwärtige Debatte gegen den Westen beeinflusst haben: Oswald Spengler, Julius Evola, Alain de Benoist, Francis Parker Yockey und Samuel Francis. Ihre pro-russische Position schließt eine scharfe Kritik am westlichen Christentum ein, das ihrer Meinung nach die natürlichen Triebe deformiert und die sozialen Beziehungen schwächt.

      Darüber hinaus hasst die Linke weltweit alle Erscheinungsformen des wahren christlichen Abendlandes, da es ihr eine Überlegenheit in einer egalitären Welt unterstellt. Dieser Hass ist so stark, dass das „woke“-Establishment nun einen „Bürgerkrieg gegen alles“ führt, der darauf abzielt, alle christlichen Werte aus der westlichen Gesellschaft zu tilgen.

Das Ziel ist der Westen

      Russland lehnt also beide Westen ab, den wahren und den falschen. Es versucht, die riesigen Netzwerke des von Davos gesteuerten Westens zu zerstören, von denen es fälschlicherweise glaubt, dass sie den wahren christlichen Westen ruinieren, indem sie ihm den weltweiten Wohlstand nehmen. Russland und China fordern diese Netzwerke mit einem Anti-Davos-getriebenen Osten heraus, der wirtschaftliches Chaos verursachen und die amerikanische Hegemonie zerstören wird. Russland schlägt auch falsche Ideologien vor, die alle Spuren der westlichen christlichen Zivilisation ersetzen werden.

      Noch tragischer ist, dass die westlichen Nationen ihren christlichen Ursprung in echten und falschen Formen ins Visier nehmen. Der Krieg zerbricht die Einheit ihrer riesigen Netzwerke und Lieferketten, die durch jahrzehntelanges Vertrauen in kommunistische Handelsabkommen gefährdet sind. Der Kulturkrieg innerhalb des wahren christlichen Westens zieht ihn in eine ähnliche heidnische, pantheistische, woke-Welt hinab, die die moderne Zivilisation mit Haut und Haaren zerstören wird.

      So hat ein globaler Kulturkrieg begonnen, und auf dem Spiel steht die Zukunft des Westens.

      Um in diesem Krieg zu kämpfen, darf der Westen die rationale Ordnung, die Rechtsstaatlichkeit und die objektive Metaphysik, die ihm Struktur und Ordnung verleihen, nicht ablehnen. Er muss sich gegen die postmoderne Zerstörung von Logik und Erzählungen wehren. Vor allem aber muss der Westen zu seinen Ursprüngen zurückkehren, die in Gott, in seinem Gesetz und in seiner heiligen Kirche liegen.

      Solche Lösungen ähneln den unbeachteten Botschaften, die Unsere Liebe Frau von Fatima 1917 gab, als die russische Gefahr auf der Weltbühne explodierte. Sie sind heute noch genauso gültig wie damals.

 

Aus dem Englischen übersetzt mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostenlose Version) von
https://www.tfp.org/a-global-culture-war-that-the-west-must-win/?pkg=TFPE22226
20. Juni 2022 |

Diese deutsche Fassung „Ein globaler Kulturkrieg, den der Westen gewinnen muss“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com

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Dienstag, 21. Juni 2022

Traditionelle Anti-Ultramontanisten verfehlen das Ziel


José Antonio Ureta

      Der Redakteur von OnePeterFive war so freundlich, zu Beiträgen über den Ursprung der übermäßigen Unterwürfigkeit vieler Katholiken gegenüber den offensichtlich falschen Lehren und Maßnahmen von Papst Franziskus aufzurufen.

      Er sagt, eine solche Haltung entspringt dem „falschen Geist des Ersten Vatikanischen Konzils“ und dem, was er Hyperüberultramontanismus nennt. Dieser scheinbar humorvolle Ausdruck scheint eine antipolemische Absicherung zu sein. Tatsächlich zeigt das Impressum des Artikels eine päpstliche Tiara, über der „Ultramontanismus und der falsche Geist des Vatikanums I“ steht. Das Fehlen der Vorsichtsvorsilbe hyperüber war vielleicht ein Versehen, aber es ist dennoch aufschlussreich.

      Ich nehme die Einladung an und beginne mit der Feststellung, dass ich Peter Kwasniewskis Beobachtung in einem kürzlich erschienenen Artikel zustimme, dass die Beschränkung auf das „Lehramt des Augenblicks“ der kirchlichen Lehre widerspricht.[1] Es bedeutet, die Schrift und die Tradition zu ignorieren und nicht unfehlbare Neuigkeiten des gegenwärtigen Papstes und der Bischöfe als den einzigen Weg zur Erkenntnis der Wahrheit zu akzeptieren. Ich stimme voll und ganz mit seiner Verwendung der Begriffe „magisterial“ (lehramtlich) und „hyperpäpstlich“ überein, um diejenigen Katholiken zu bezeichnen, die diesen verfälschten Gehorsam annehmen. Während er in der Vergangenheit den Begriff Ultramontanismus für solche Katholiken verwendete, hat er dies jetzt nicht mehr getan.[2]

      Letztes Jahr habe ich zwei Artikel für OnePeterFive[3] und einen für RorateCoeli[4] geschrieben, um die falsche Charakterisierung des Ultramontanismus durch die Traditionalisten anzusprechen. Ich habe drei Dinge aufgezeigt:

      1. Der spätere Kardinal Edouard Pie, der prominenteste Führer der französischen Ultramontanen während des Ersten Vatikanischen Konzils, hatte eine sehr ausgewogene Vorstellung von der päpstlichen Monarchie und den Grenzen der lehramtlichen und regierenden Autorität des römischen Pontifex;

      2. die missbräuchliche Forderung, dass sich die Gläubigen uneingeschränkt an die nicht unfehlbaren Lehren und Regierungsakte eines regierenden Papstes halten sollten, kam von der liberalen Strömung während des Pontifikats von Leo XIII., der verlangte, dass die monarchistischen französischen Katholiken die säkulare Freimaurerrepublik ihres Landes akzeptieren sollten; und,

      3. Die Päpste, die der liberalen Strömung am nächsten standen - Benedikt XV., Pius XI. und die Konzilspäpste - verschlimmerten diesen Missbrauch während des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts. Der Prozess gipfelte im Totalitarismus des gegenwärtigen Pontifex, was Henry Sire dazu veranlasste, ihn treffend als „Diktator-Papst“ zu bezeichnen.

      Prof. Roberto de Mattei schrieb seinerseits einen Artikel, in dem er den Kontext der Kontroverse zwischen Ultramontanen auf der einen und Gallikanern und Liberalen auf der anderen Seite darstellte.[5] Er zeigte, wie der selige Pius IX. den Ultramontanismus voll unterstützte. Er führte zwei Beispiele an, die zeigen, wie ausgewogen die ultramontane Strömung war. Das erste war eine Erklärung der (damaligen) deutschen Bischöfe. Sie wiesen darauf hin, dass das Lehramt des Papstes und der Bischöfe „auf den Inhalt des unfehlbaren Lehramtes der Kirche im Allgemeinen und auf den Inhalt der Heiligen Schrift und der Tradition beschränkt ist“ (Denz.-H 3116). Das zweite war eine Aussage von Kardinal Manning, die von Michael Davies zitiert wurde: „Die Unfehlbarkeit ist keine Eigenschaft, die einer Person innewohnt, sondern eine Hilfe, die mit einem Amt verbunden ist.“[6]

      Schließlich hob Prof. de Mattei die paradoxe Übernahme der Feindseligkeit des dominikanischen Theologen Yves Congar gegenüber dem Ultramontanismus durch einige Teile des Traditionalismus hervor. Er war einer der Hauptarchitekten des Zweiten Vatikanischen Konzils und wetterte in seinem Konzilstagebuch gegen das, was er die „elende ultramontane Ekklesiologie“ nannte.[7] Am 9. Dezember 1962 schrieb er: „Alles, was getan wird, um Italien vom politischen, ekklesiologischen oder frommen Ultramontanismus zum Evangelium zu bekehren, ist auch für die Weltkirche ein großer Gewinn“[8].

      Nur wenn die historischen Daten, die in dem Artikel des bekannten Historikers und in meinen drei Artikeln angegeben werden, falsch sind, wäre es legitim, die ultramontane Strömung weiterhin für die ungerechtfertigte Akzeptanz der Fehler des gegenwärtigen Papstes in der Lehre und der Leitung der Kirche verantwortlich zu machen. Es ist jedoch falsch, dies zu tun, wenn die Fakten wahr sind. Daher müssen diejenigen, die die heutige hyperpäpstliche Unterwürfigkeit den Ultramontanen zuschreiben, zuerst die Artikel von Prof. de Mattei und meine widerlegen. Sie sollten schlüssigere historische Daten liefern als die, die wir vorgelegt haben.

      Das ist bis jetzt nicht geschehen. Niemand hat das widerlegt, was Prof. de Mattei und ich geschrieben haben.

      Ich weise auf diese Inkohärenz hin und bitte die Ultra-über-anti-ultramontanen, intellektuell ehrlich zu sein. Sie müssen entweder widerlegen, was Prof. de Mattei und ich geschrieben haben, oder aufhören, den Ultramontanismus falsch zu charakterisieren. Außerdem sollten sie zugeben, dass die Geschichte zeigt, dass der Magisterialismus und der Hyperpapalismus die falschen Früchte der liberalen katholischen Strömung sind, die auf Autoritarismus zurückgreift, um ihre Fehler durchzusetzen.

Bildnachweis: © sborisov - stock.adobe.com

Fussnoten

      1. Peter Kwasniewski, “How Protestants, Orthodox, Magisterialists, and Traditionalists Differ on the Three Pillars of Christianity”, OnePeterFive.com, 26. Mai 2022, https://onepeterfive.com/how-protestants-orthodox-magisterialists-and-traditionalists-differ-on-the-three-pillars-of-christianity/.

      2. Peter Kwasniewski, „Meine Reise vom Ultramontanismus zum Katholizismus“, Catholic Family News, Feb. 4, 2021, https://catholicfamilynews.com/blog/2021/02/04/my-journey-from-ultramontanism-to-catholicism/.

      3. „Den wahren Ultramontanismus verstehen“, OnePeterFive.com, 12. Oktober 2021, https://onepeterfive.com/understanding-true-ultramontanism/ und “Leo XIII: The First Liberal Pope Who Went Beyond His Authority”, OnePeterFive.com, 19. Oktober 2021, https://onepeterfive.com/leo-xiii-first-liberal-pope-who-went-beyond-his-authority/.

      4. Modernism, not Ultramontanism, Is the “Synthesis of All Heresies” - A Response to Stuart Chessman, RorateCaeli, Jan. 25, 2022, https://rorate-caeli.blogspot.com/2022/01/modernism-not-ultramontanism-is.html.

      5. Roberto de Mattei, „Papolatrie und Ultramontanismus sind nicht das Gleiche: Warum ich stolz bin, ein Ultramontaner zu sein“, RorateCaeli, Feb. 10, 2022, https://rorate-caeli.blogspot.com/2022/02/papolatry-and-ultramontanism-are-not.html.

      6. Michael Davies, „Das Konzil des Papstes Johannes“ (Chawleigh, Chulmleigh [Devon]: Augustine Publishing Company, 1977, 175.

      7. Yves Congar, „Mein Tagebuch über das Konzil“, trans. Mary John Ronayne und Mary Cecily Boulding (Adelaide, Australien: ATF Press, 2012), 485, abgerufen am 7. Juni 2022, https://archive.org/details/myjournalofcounc0000cong/mode/1up.

      8. Congar, Mein Tagebuch, 247.

 

Aus dem Englischen übersetzt mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostenlose Version) von

https://www.tfp.org/traditional-anti-ultramontanists-miss-the-target/?pkg=TFPE22225

vom 10. Juni 2022

Diese deutsche Fassung „Traditionelle Anti-Ultramontanisten verfehlen das Ziel“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com

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Sonntag, 19. Juni 2022

Die Jungfrau mit dem Vogel in Riom

 


Die Einwohner von Riom* hängen sehr an dieser Statue aus dem 14. Jahrhundert, die in der Kirche Notre Dame du Marthuret zu sehen ist und die sie während der Schreckensherrschaft (während der Französischen Revolution) vor Vandalen schützen konnten (die Metzgerzunft hatte sie an einen sicheren Ort gebracht).

Die Statue aus mehrfarbigem Stein ist wahrscheinlich das Werk eines Künstlers aus dem Umfeld von Jean de Berry (der Riom als Apanage erhalten hatte und dort ein Schloss errichten ließ, von dem nur noch die Kapelle übrig ist).


Der Legende nach war es jedoch ein Gefangener, der sie während seiner langen Haftzeit gemeißelt hatte, um die Zeit bis zu seiner Hinrichtung zu vertreiben. Als der verhängnisvolle Tag kam, war sie noch nicht fertig, aber schon so schön, dass man ihm eine Frist einräumte, um die Skulptur fertig zu stellen. Und es stellte sich heraus, dass während dieser Frist der wahre Schuldige des Verbrechens, dessen er angeklagt wurde, entdeckt wurde und der Künstler dem Tod entging!

Das Thema der Madonna mit dem Vogel stammt aus einer Legende, die in einem apokryphen Evangelium erzählt wird:


Das Jesuskind spielte damit, Vögel aus Lehm zu formen, und wenn es sie anhauchte, flogen sie davon... Einer von ihnen landete auf der Schulter der Jungfrau Maria. Jesus wollte ihn fangen, doch der Vogel packte ihn mit seinem Schnabel am Finger, was seine Mutter zum Lächeln brachte, da sie genau wusste, dass der Vogel ihr nichts tun würde...


Eine Kopie der Statue befindet sich auch am
Eingangsportal der Kirche.


 *) Riom ist eine französische Stadt mit 19.004 Einwohnern (Stand 1. Januar 2019) im Département Puy-de-Dôme in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Die Stadt ist Sitz der Unterpräfektur (französisch Sous-préfecture) des Arrondissements Riom, dieses besteht aus 13 Kantonen, sie ist Hauptort (französisch chef-lieu) des Kantons Riom.

Riom liegt an dem Flüsschen Ambène, nördlich von Clermont-Ferrand. (Wikipedia)

 

Aus dem Französischen übersetzt mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostenlose Version) aus

http://pulsatilla.eklablog.com/la-vierge-a-l-oiseau-riom-63-a132182164

Freitag, 10. Juni 2022

Die Weihefähigkeit der Frau - Predigt von Professor May


Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!

Seit geraumer Zeit erheben Frauen und Frauenverbände, einige Theologen und viele Journalisten die Forderung, die Kirche solle Frauen die Priesterweihe spenden. Da scheint es mir angebracht, zu dieser Forderung Stellung zu beziehen. In der Zeit des Alten Testamentes waren weibliche Priester weit verbreitet. In vielen alten Religionen gab es Priesterinnen, nicht jedoch in der Glaubenspraxis der Juden, die Gott als das Volk erwählt hatte, dem er sich als erstes offenbaren wollte. Mitten in der Vielgötterwelt der alten Zeit bestimmte Israel die Männer des Stammes Levi zu Priestern, nicht aber Frauen wie in der sonstigen Umgebung. Die Juden denken noch heute so. Die Rabbinerin von heute ist keine Priesterin. Dieses Verhalten des alten Bundesvolkes dürfte für das neue Bundesvolk nicht unbeachtlich sein.

Der entscheidende Ausgangspunkt für die Beantwortung der Frage nach der Weihefähigkeit der Frau ist die Inkarnation des LOGOS, die Menschwerdung des Wortes Gottes. Sie ist in der Form des männlichen Geschlechtes erfolgt. Der Messias, Jesus von Nazareth, ist ein Mann. Damit ist von Gott eine Tatsache gesetzt, über die niemand hinweg kann. Er hat es nicht geoffenbart, warum es so sein musste, aber die Theologen haben sich Gedanken darüber gemacht. Sie legen folgende Erklärungen vor: Erstens: Dass der Sohn Gottes die menschliche Natur in ihrer männlichen Ausprägung angenommen hat, ist begründet im Werk Christi. Der menschgewordene Gottessohn sollte die ihm vom Vater übertragene Aufgabe in der Öffentlichkeit der Erde für die ganze Welt vollbringen. Die Öffentlichkeit ist aber hauptsächlich der Wirkraum des Mannes; die Frau wirkt mehr im Verborgenen. Der innere Grund, dass nur männlichen Getauften die Weihe gespendet wird, ist danach nicht in der natürlichen Unfähigkeit der Frau für den priesterlichen Dienst begründet, sondern in der dem Wesen des Mannes mehr entsprechenden Aufgabe des Priestertums. Nun wirft man heute ein, dass die Frau jetzt in der Gesellschaft in alle früher dem Manne vorbehaltenen Stellen eingerückt ist. Dazu ist zu sagen: Die gesellschaftliche Entwicklung ist nicht normativ für die Kirche. Sie ist eine Gesellschaft anderer Art wie die übrigen. Bei ihr sind Autorität und Vollmacht ganz anderer Natur, normalerweise mit dem Sakrament verbunden. Außerdem ist zu fragen – und ich hoffe, dass Sie mir Recht geben –, ob die heutige Praxis für die Frau, die Familie und das Volk in jeder Hinsicht gedeihlich ist. Es könnte sein, dass Mutterschaft und Mutterwürde unter dem Gleichstellungsbetrieb Schaden genommen haben. Das gleiche gilt für die gottgeweihte Jungfräulichkeit. Niemand kann ausschließen, dass sich die heutige Praxis wieder eines Tages ändert. Außerdem ist die Kirche eine Gesellschaft, die von allen anderen Gesellschaften verschieden ist. Sie ist einzigartig in ihrer Natur und ihren Strukturen. Es ist ebenso ausgeschlossen, den Zugang der Frau zum Priestertum aufgrund der Gleichheit der Rechte der menschlichen Person zu fordern. Zwischen Mann und Frau besteht insofern kein Unterschied, als alle zur Gotteskindschaft berufen sind, aber nicht zum Amt. Das Priestertum gehört nicht zu den Rechten der menschlichen Person. Es leitet sich aus der Ökonomie des Geheimnisses Christi und der Kirche her. Die Sendung des Priesters ist keine Funktion, die man zur Erhebung seiner sozialen Stellung erlangen könnte, sie gehört einer anderen Ordnung an. Die Natur des Priestertums wird völlig missverstanden, wenn man es als ein Recht betrachtet. Die Taufe verleiht kein persönliches Anrecht auf ein öffentliches Amt in der Kirche. Dieses ist die Frucht einer gnadenhaften, ausdrücklichen und gänzlich unverdienten Berufung. Es kann nicht wie ein Recht eingefordert werden, auch nicht vom Mann.

Zweitens liegt in dem Mannescharakter des LOGOS ein Hinweis auf die Art der Sendung Christi, nämlich der Welt das verlorene Leben wiederzubringen. Leben zu zeugen ist Mannessache. In diesem natürlichen Sachverhalt liegt eine Entsprechung dafür, dass der Sohn Gottes den Menschen das göttliche Leben in seiner Fülle einzeugt. So bedeutet nun auch beim Priester sein Charakter als Mann einen natürlichen Hinweis auf seine Sendung, in der Öffentlichkeit der Welt die Botschaft vom Reiche zu verkündigen und die Sakramente zu spenden und so das göttliche Leben zu vermitteln. Sache der Frau ist es mehr, das Leben aufzunehmen und zu hegen. Wenn es heute anders zu sein scheint, so ist das eben eine Verirrung, über die wir uns beklagen.

Drittens: Die Heilige Schrift bietet Ansätze für das Verständnis des Vorbehaltes der Priesterweihe für die Angehörigen des männlichen Geschlechtes. Christus hat sich selbst als Bräutigam bezeichnet. Die Jünger können nicht fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist, hat er gesagt. Johannes der Täufer sagt ebenso von Jesus: „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam.“ Er selbst nennt sich den Freund des Bräutigams. Wenn Christus der Bräutigam ist, dann ist seine Gemeinde, dann ist die Kirche seine Braut. In diesem Sinne schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth: „Ich habe euch einem einzigen Manne anverlobt, um euch als treue Jungfrau hinzuführen zu Christus.“ Christus ist der Bräutigam, die Kirche ist seine Braut, die er durch sein Blut erworben hat. Indem sich die Offenbarung dieser Ausdrucksweise bedient, deutet sie an, warum die Menschwerdung in Form des männlichen Geschlechtes erfolgt ist, und verhindert, dass man von dieser historischen Tatsache absehen könnte. Aus diesem Grunde kann nur ein Mann Christi Stelle einnehmen, Zeichen seiner Gegenwart sein.

Viertens: Die gläubige Überlegung muss davon ausgehen, dass der Priester in besonderer Weise Werkzeug Christi ist. Es ist naheliegend, dass jener Getaufte, der Christus in besonderer Weise als Werkzeug seines Heilswirkens dient, auch an seiner natürlichen Eigenart Anteil hat. Die Kirche legt bei allen Sakramenten hohes Gewicht auf die Gleichheit und die Bedeutung des Zeichens. Für die Gültigkeit der Eucharistie verlangt sie die Frucht des Weinstocks und erlaubt auch in Notfällen kein anderes Getränk. Für die Taufe erkennt sie nur Wasser und keine andere Flüssigkeit als Materie für die gültige Taufspendung an. Für die Eheschließung kommen nur ein Mann und eine Frau, nicht zwei Männer oder zwei Frauen in Frage. Die sakramentalen Zeichen repräsentieren das, was sie bezeichnen, durch ihre natürliche Ähnlichkeit. Warum nimmt die Kirche Wasser zur Taufe? Weil das Wasser zur Reinigung dient, und die Taufe bewirkt eine übernatürliche Reinigung. Warum bedient sich die Kirche bei der Eucharistie des Brotes und des Weines? Weil das Nahrungsmittel sind, und weil die Eucharistie eine übernatürliche Nahrung ist. Und so muss auch bei der Weihe wegen der natürlichen Ähnlichkeit ein Mann die Stelle Christi vertreten. Der eigentliche Grund, warum es angemessen ist, dass die Apostel und ihre Nachfolger Männer sind, ist darin gelegen, dass sie im Namen Christi handeln und sein Werk fortsetzen. Der Priester handelt nicht in eigener Person, er ist ein Werkzeug, er repräsentiert Christus, der durch ihn handelt. Der Priester, der allein die Vollmacht hat, die Eucharistiefeier zu vollziehen, handelt in der Person Christi, d.h. an Christi Statt, er nimmt die Stelle Christi ein und wird sein Abbild. In allen Handlungen, die den Weihecharakter erfordern, ist der Priester das Abbild und Zeichen Christi selbst, der zusammenruft, der von Sünden losspricht, der das Opfer des Bundes vollzieht.

Fünftens: Ein weiteres Argument für das dem Mann vorbehaltene Amt des Priesters ist die lückenlose Überlieferung. Christus hat in seinem Leben eine zahlreiche Gefolgschaft gehabt, Männer und Frauen. Er hat in die Gruppe der zwölf von ihm erwählten Apostel keine Frauen einbezogen, auch nicht seine eigene Mutter. Seine Apostel waren allesamt Männer. Sie selbst haben nicht die Entscheidung getroffen, Frauen zu Priestern zu weihen. In der Frage des Priestertums richtet sich die Kirche nach dem Vorbild Jesu. Der letzte Abend seines irdischen Lebens diente der Einsetzung einer Feier, die wir Eucharistie nennen. Diese Feier wird ausdrücklich den Zwölfen aufgetragen. Das Verhalten Jesu und seiner Apostel erklärt sich nicht aus den Zeit- und Umweltverhältnissen. Weder Opportunitätsgründe noch soziologisch-kulturelle Bedingungen haben sie gezwungen oder veranlasst, Frauen nicht zum Dienst anzunehmen. In der Umwelt des jungen Christentums hatten mehrere heidnische Kulte Priesterinnen. Jesus hätte sich ihnen anpassen und dadurch vielleicht Sympathien gewinnen können. Die Behauptung, die Vorurteile seiner Zeit hätten Jesus abgehalten, Frauen in die Gruppe der Zwölf aufzunehmen, ist unhaltbar. Eine derartige Haltung passt nicht zu Jesus. Jesus schreckte vor Unklugheiten nicht zurück, wenn es ihm erforderlich schien. Man denke an sein Verhalten gegenüber dem Sabbatgebot. Christus hat mit vielen Vorurteilen gebrochen. Er setzte sich über seine Zeit hinweg, wenn es ihm notwendig schien. Die behauptete Zeitabhängigkeit Jesu liegt nicht vor. Sie deckt sich in keiner Weise mit seinem sonstigen herausfordernden Verhalten gerade gegenüber Frauen: Er zieht mit ihnen umher; er lässt sich berühren von ihnen und salben; er tröstet sie; er beruft sie zu Zeuginnen seiner Kreuzigung und seines leeren Grabes. Er setzt sich über seine Zeit hinweg. Die Kirchenväter stellen seit dem 3. Jahrhundert Maria als ein Beispiel für den Willen Christi in der Frage der Weihefähigkeit der Frau dar. Christus hat seine Mutter nicht mit dem apostolischen Amt betraut. Als die Apostel ihr Kollegium ergänzten, beriefen sie nicht Maria, sondern Matthias. Maria hat nie priesterliche Macht für sich gefordert. Der wörtliche Rat aus ihrem Munde lautete: „Tut, was er euch sagt.“ Die kirchliche Überlieferung steht seit zweitausend Jahren unverbrüchlich zu der ausschließlichen Weihefähigkeit von Personen des männlichen Geschlechtes. Niemals ist die Kirche der Auffassung gewesen, dass Frauen gültig die Priesterweihe empfangen können. Die Überlieferung der Kirche ist eindeutig und einmütig, sie ist auch verbindlich. Die Kirche hat zweitausend Jahre lang gleichsam unter einem Zwang gestanden, nämlich unter der Leitung des Heiligen Geistes. Unter diesem Einfluss hat sie so gehandelt, wie sie gehandelt hat, dass sie immer nur Männer zu Priestern geweiht hat.

Die Einschränkung der Weihe auf den Mann ist nicht aus der Herrschsucht geboren, sie bedeutet keine Zurücksetzung der Frau, sie ist Ausdruck der Verschiedenheit von Mann und Frau. Die Eigenart des männlichen und des weiblichen Wesens, die heute in unseliger Verblendung geleugnet wird, diese Eigenart hat zur Folge, dass Mann und Frau verschiedene Aufgaben haben. Die Frau bleibt ermächtigt und verpflichtet zu dem durch das allgemeine Priestertum übertragenen Dienst. Wenn Paulus schreibt, in Christus gebe es kein Unterscheiden mehr zwischen Mann und Frau, dann bezeichnet er damit die Wirkung der Taufe. Alle, die in der Taufgnade sind, können uneingeschränkt als gleich angesehen werden. Das Amtspriestertum dagegen ist Gegenstand der Berufung. Sie stellt kein mit der weltlichen Person verankertes Recht dar. Die Verschiedenheit der Aufgaben in der Kirche bedeutet keine Rangverschiedenheit im Reiche Gottes. Über die Innigkeit der Gottesgemeinschaft entscheidet nicht die amtliche Gewalt, sondern ausschließlich die opferbereite Liebe. Das Wertvollste im Reich Gottes ist nicht die amtliche Vollmacht, sondern das göttliche Leben, das Christusleben. Die Kirche hat Rang und Würde der Mütter in unüberbietbarer Weise herausgestellt. Seitdem Christus Maria seine „liebe Mutter“ nannte, ist der Muttername geheiligt. Seit das Evangelium an den Anfang die Worte stellte: „Maria, aus der geboren wurde Jesus mit dem Beinamen Christus“, ist die Mutterwürde eine Frohbotschaft geworden. Die christlichen Mütter üben in ihren Familien einen tiefen, einen unersetzlichen Einfluss aus. Der unvergessene Bischof Dyba von Fulda hat einmal gesagt: „Ich persönlich glaube, dass Christus aus Liebe zu den Kindern die Frau nicht ins Priesteramt berufen hat“ – aus Liebe zu den Kindern. Die Kirche eröffnet für Frauen neben der Mutterschaft einen bis dahin beispiellosen Selbststand als Jungfrau, als Witwe, als geweihte Frau, die dem Zugriff des Mannes entzogen ist. Frauen haben in der Geschichte der Kirche häufig einen entscheidenden Beitrag geleistet und bedeutsame Werke vollbracht. Denken Sie an Katharina von Siena und an Margareta Maria Alacoque. Der Vorbehalt der sakramentalen Weihe für Angehörige des männlichen Geschlechtes ist ein Bestandteil der kirchlichen Glaubenslehre – darüber werde ich, so Gott will, am kommenden Sonntag sprechen. Wer daran rüttelt, verfehlt sich gegen die Offenbarung Gottes. Die Beschäftigung mit Unmöglichem ist nutzlos und sinnlos. Der gläubige Christ, die gläubige Frau soll sich darauf konzentrieren, mit dem Priester für den Aufbau des Reiches Gottes zu arbeiten.
Amen.

Predigt von Professor May am 20.10.2019

Dr. Georg May, em. Professor für Kirchenrecht, kirchliche Rechtsgeschichte und Staatskirchenrecht, ist seit 1951 Priester. Kompromisslos in der reinen Lehre, und doch leicht verständlich, verkündet und erläutert er in seinen Predigten den katholischen Glauben. Sonntag für Sonntag fesselt er seine Zuhörer, die er in der Treue zum Glauben und in der Liebe zur Lehre der Kirche zu festigen versteht.

Donnerstag, 9. Juni 2022

Der Modernismus und nicht der Ultramontanismus, ist die „Synthese aller Irrlehren“!


Das Bild zeigt die Ankunft von Papst Pius IX. zur Eröffnung des Ersten Vatikanischen Konzils (8. Dezember 1869 bis 18. Dezember 1870).

José Antonio Ureta

      In traditionellen amerikanischen Kreisen ist es Mode geworden, den „Ultramontanismus“ für die Missstände im heutigen Katholizismus verantwortlich zu machen. Es wird vermutet, dass Papst Franziskus der Kirche aufgrund der Aktionen der Ultramontanen während des Ersten Vatikanischen Konzils eine revolutionäre Agenda aufzwingen könnte. Die Gegner der Ultramontanen räumen ein, dass es diesen gelungen ist, die traditionelle Lehre der Kirche über die Unfehlbarkeit und die universale Jurisdiktion des Papstes als Dogma zu verkünden, behaupten aber, dass die Ultramontanen den Gehorsam der Gläubigen gegenüber dem Papst durch eine übertriebene Ehrfurcht vor ihm verdorben haben, indem sie seine Person in eine Aura der Verehrung gehüllt haben.

      Diese Entwicklung hätte die Zentralisierung und den damit verbundenen Machtmissbrauch in der Kirche begünstigt. Um die angeblich von den Ultramontanen geförderte „Papolatrie“ zu vermeiden, schlagen einige Autoren vor, das Papsttum im Hinblick auf die Ernennung der Bischöfe und die Ausübung der lehramtlichen Gewalt des Papstes im Sinne des ersten Jahrtausends vor Gregor VII. neu zu überdenken[1].

      Die jüngste Formulierung dieses Vorwurfs erschien in einem Artikel von Stuart Chessman mit dem Titel „Ultramontanism: His Life and Death“. Nach Ansicht des Autors hat ein gewisser „Geist des Ersten Vatikanischen Konzils“ dazu geführt, dass die dogmatischen Definitionen dieses Konzils weit über die vom Text vorgegebenen Grenzen hinaus interpretiert wurden. Damit wurde ein „ultramontanes Regime“ eingeführt worden, in dem „die gesamte Autorität in Glaubens-, Organisations- und Liturgiefragen im Vatikan zentralisiert wurde“ und „der Gehorsam gegenüber der kirchlichen Autorität zu einer zentralen Position im katholischen Glauben erhoben wurde“, wobei die bischöfliche Autorität entsprechend geschwächt wurde. Ein Bischof aus der antiinfallibilistischen Minderheitsströmung kommentierte augenzwinkernd: „Ich bin [in das I. Vatikanum] als Bischof eingetreten und habe es als Sakristan verlassen.“

      Der Lateranvertrag und die Gründung des Staates Vatikanstadt sowie die neuen Kommunikationstechnologien hätten die Bedeutung dieses „ultramontanen“ Elements im Leben der Kirche erhöht. All dies hatte einige Vorteile – „eine große Einheitlichkeit des Glaubens und der Praxis wurde erreicht“ -, aber auch schwerwiegende Nachteile, in erster Linie die Bürokratisierung der Kirche und ihre unvermeidliche Folge: mittelmäßige, verwaltende Bischöfe, die nicht länger „geistliche Führer“, die in der Lage waren, die Welt zu bekehren. Diese „defensive Strategie“, „die auf die Einheit des Blocks, die zentralisierte Kontrolle und die absolute Unterordnung unter die Vorgesetzten abzielte“, führte zu einer „Wiederbelebung des progressiven Katholizismus“. Letzterer entstünde „aus Frustration über die zaghafte ,bürgerliche‘ Natur des ultramontanen katholischen Zeugnisses und die übermäßige Anpassung der Kirche an diese Welt“ sowie als Reaktion auf „Einschränkungen des katholischen Diskurses“.


      Nach Chessmans Darstellung verbündete sich der „Ultramontanismus“ später mit den „internen progressiven Kräften“, die im Zweiten Vatikanischen Konzil zum Tragen kamen [Bild oben]. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass: „Die Leitung des Konzils und seine anschließende Durchführung waren der größte Triumph des Ultramontanismus. Die revolutionären Veränderungen, die Paul VI. durchsetzte, stießen auf wenig Widerstand, weil „die Sitten und Gebräuche der Kirche wahrscheinlich in weiten Teilen der katholischen Welt ihre Anziehungskraft verloren haben, und zwar aufgrund des ultramontanen Verständnisses von Gehorsam gegenüber der Autorität und aufgrund des Festhaltens an der Vorstellung, dass rechtliche Regeln die Quelle der Legitimität solcher Traditionen sind“.

      Aufgrund des Wachstums der progressiven Strömung, — so heißt es weiter —, „konnten die Ultramontanen die Autorität des Papstes nach dem Zweiten Vatikanum und insbesondere nach der Ablehnung der Enzyklika Humanae Vitae nicht wiederherstellen. Johannes Paul II. leitete jedoch eine „neo-ultramontane Wiederbelebung“ ein, die die päpstliche Unfehlbarkeit betonte und den Papst zu einer „Art geistlichem Führer der Welt“ machte. Intern jedoch, insbesondere unter Benedikt XVI., „fungierte der Vatikan zunehmend als reines Verwaltungszentrum“, was die Bürokratisierung der Kirche weiter vorantrieb und sie in einen „Sündenpfuhl von Karrierismus, Inkompetenz und finanzieller Korruption“ verwandelte.

      Die Wahl von Papst Franziskus hätte „eine Rückkehr zur progressiven Agenda der 1960er Jahre zusammen mit einer radikalen Wiederbelebung des ultramontanen Autoritarismus“ zur Folge gehabt. Der argentinische Papst benutzt „die Sprache und die Techniken des Ultramontanismus“, um „die Einheit der Kirche und die Unantastbarkeit des Konzils als absolute Werte zu etablieren“ und Traditionalisten zum Schweigen zu bringen und zu unterdrücken. Daher kann man das Regime von Franziskus wirklich als totalitären Ultramontanismus bezeichnen!“.

      Kurz gesagt, für diese anti-ultramontanen traditionalistischen Kreise gehen alle Übel, unter denen die Kirche heute leidet, auf die Ultramontanen zurück, deren großer Fehler es gewesen wäre, zu versuchen, „geistliche Ziele durch die Anwendung von Organisationstechniken zu erreichen“. Paradoxerweise erreichte der Ultramontanismus am Ende das Gegenteil von dem, was er angestrebt hatte: „Eine Politik, die die kirchliche Lehre gegen ihre inneren Feinde schützen und ihre Unabhängigkeit von weltlicher Kontrolle bewahren sollte, erleichterte die größte Glaubenskrise in der Geschichte der Kirche, zusammen mit ihrer erbärmlichsten Unterwerfung unter die ,weltliche Macht‘ - nicht die der Monarchen wie in der Vergangenheit, sondern die der Medien, der Banken, der Nichtregierungsorganisationen, der Universitäten und, in zunehmendem Maße, der ,demokratischen‘ Regierungen (einschließlich China!)“.

      Man könnte also fast sagen, dass der „geheimnisvolle Prozess der Selbstzerstörung“ der Kirche, die Frucht des Eindringens des „Rauchs des Satans“, von dem Paul VI. sprach, dank des Ultramontanismus, der neuen Synthese aller Übel, entstanden ist, sich entwickelt und seinen Höhepunkt erreicht hat! Was könnte die Lösung für diese Krise sein? Der Autor sagt, dass „der Ausweg aus der ultramontanen/progressiven Sackgasse“ einen anti-ultramontanen Traditionalismus erfordert, der sich nicht „auf die Autorität des Klerus“ stützt, sondern auf „das individuelle Engagement der Laien“ in der „Fülle der katholischen Tradition“, mit der Respektierung der „Gewissensfreiheit eines jeden Gläubigen“.

      Die intellektuelle Konstruktion von Herrn Chessman leidet unter zwei Mängel. Erstens führt er den Ursprung der gegenwärtigen Glaubenskrise auf rein natürliche Faktoren zurück - auf die Art und Weise, wie die päpstliche Macht strukturiert ist und ausgeübt wird. In Wahrheit entspringt sie einer moralischen und religiösen Krise, die sich seit der Renaissance und dem Protestantismus im gesamten Westen verschärft hat, wie Prof. Plinio Corrêa de Oliveira in seinem Buch Revolution und Gegenrevolution[2] scharfsinnig analysiert hat. Zweitens entspricht die Theorie von Herrn Chessman nicht der historischen Wahrheit.

      In den letzten Artikeln habe ich mich kurz mit dem Irrtum befasst, der darin besteht, der ultramontanen Strömung und dem angeblichen „Geist des I. Vatikanums“ die Ausdehnung der lehramtlichen und disziplinarischen Autorität des Papstes über die von der dogmatischen Konstitution „Pastor Aeternus“ [HYPERLINK: https://www.vatican.va/content/pius-ix/it/documents/constitutio-dogmatica-pastor-aeternus-18-iulii-1870.html] gesetzten Grenzen hinaus zuzuschreiben.

      Im ersten Artikel [3] habe ich gezeigt, dass der größte Vertreter des Ultramontanismus, Kardinal Louis-Edouard Pie, eine vollkommen ausgewogene und nicht-absolutistische Auffassung von der päpstlichen Monarchie hatte und ein großer Verfechter von Provinz- und Plenarkonzilien war.

      Im zweiten Artikel [4] habe ich gezeigt, dass Papst Leo XIII. - orthodox in der Lehre, aber liberal in der Politik - derjenige war, der von den katholischen Laien verlangte, sich bedingungslos seiner Politik des „Ralliement“ anzuschließen, d.h. der Annäherung an das republikanische und freimaurerische Regime in Frankreich. Die Vertreter der liberalen Strömung, die sich gegen die dogmatischen Definitionen des Ersten Vatikanischen Konzils gewandt hatten, begrüßten eine solche Auferlegung des unbedingten Gehorsams in politischen Angelegenheiten. Einer dieser liberalen Prälaten, Kardinal Lavigerie, ging sogar so weit zu sagen: „Die einzige Regel für das Heil und das Leben in der Kirche ist es, mit dem Papst zu sein, mit dem lebendigen Papst. Wer auch immer er ist“. Ich habe auch gezeigt, dass die Vertreter des Ultramontanismus diejenigen waren, die sich dieser missbräuchlichen Ausweitung der päpstlichen Autorität und des Gehorsams über die festgelegten Grenzen hinaus widersetzten. Sie waren sich dieser Grenzen so bewusst, dass einer von ihnen noch im neunzehnten Jahrhundert die heikle Frage nach der theologischen Möglichkeit eines häretischen Papstes stellte.

      Der hl. Pius X. [Foto nebenstehend] war ein ultramontaner Papst und ein großer Bewunderer von Kardinal Pie. Die Schriften des französischen Prälaten inspirierten ihn dazu, „instaurare omnia in Christo“ als Motto für sein Pontifikat zu wählen. Es ist klar, dass der hl. Pius X. in Glaubensfragen absoluten Gehorsam verlangte und Häresie entschieden anprangerte und unterdrückte. Er exkommunizierte die Führer der Modernisten und führte den antimodernistischen Eid ein. Er hat jedoch weder die päpstliche Autorität missbraucht noch versucht, ein einheitliches Denken in Fragen durchzusetzen, in denen Katholiken das Recht haben, sich eine persönliche Meinung zu bilden. Er entschuldigte sogar die Gebrüder Scotton, Eigentümer einer antimodernistischen Zeitung, für ihren Eifer im Kampf gegen Kardinal Ferrari, den Erzbischof von Mailand, indem er sagte, sie hätten sich übertrieben ausgedrückt, denn „um sich zu verteidigen, haben sie dieselben Waffen benutzt, mit denen sie getroffen worden waren“[5].

      Unter dem Beifall der liberalen Strömung forderten auch spätere nicht-ultramontane Päpste die Gläubigen auf, ihre jeweilige Agenda der Befriedung mit den revolutionären politischen Kräften strikt zu befolgen. Dies begann mit Benedikt XV. In seiner ersten Enzyklika (Ad Beatissimi Apostolorum) brachte er diejenigen zum Schweigen, die für eine uneingeschränkte Befolgung der kirchlichen Lehren und deren Anwendung in der Gesellschaft eintraten, und bezeichnete sie als „Integristen“. Er tat dies, „um Zwistigkeiten und Kämpfe jeder Art unter den Katholiken zu unterdrücken und zu verhindern, dass neue entstehen, damit alle im Denken und Handeln geeint sind“.

      Zu diesem Zweck mussten sich alle dem Heiligen Stuhl anschließen: „Wenn eine legitime Autorität eine Anordnung gibt, kann niemand sie übertreten, weil sie ihm nicht gefällt; sondern jeder muss seine Meinung der Autorität dessen unterwerfen, dem er unterstellt ist, und ihm aus Gewissenspflicht gehorchen. Ebenso soll sich keine Privatperson, die Bücher oder Zeitungen herausgibt oder öffentliche Reden hält, wie ein Lehrer in der Kirche verhalten. Alle wissen, wem das Lehramt der Kirche von Gott anvertraut worden ist; deshalb soll das Feld frei gelassen werden, damit es sprechen kann, wann und wie es es für richtig hält. Es ist die Pflicht der anderen, ihm mit Ehrfurcht zuzuhören und seinem Wort zu gehorchen“[6].

      Abweichende Meinungen seien in anderen als Glaubens- und Sittenfragen zulässig, etwa bei der politischen Aktion katholischer Laien oder der publizistischen Auseinandersetzung mit dem Modernismus, aber nur, wenn der Papst nicht seine eigene Linie vorgegeben habe: „Was die Fragen betrifft, in denen ohne Beeinträchtigung des Glaubens oder der Disziplin das Für und Wider erörtert werden kann, weil der Heilige Stuhl noch nichts entschieden hat, ist es niemandem verboten, seine Meinung zu äußern und zu verteidigen.“ [7] Eine praktische Anwendung dieser Einschränkung der Debatte bestand darin, dass die Zeitung der Gebrüder Scott der strengen Kontrolle des Bischofs von Vicenza unterworfen wurde, wodurch die Meinungsfreiheit, die ihnen der heilige Pius X. garantiert hatte, ins Gegenteil verkehrt wurde[8].

      Der Nachfolger Benedikts XV., Pius XI. - der derselben nicht-ultramontanen Strömung angehörte - exkommunizierte sogar die Abonnenten der monarchistischen Zeitung Action Française wegen der agnostischen Ansichten ihres Herausgebers Charles Maurras[9] (Das wäre so, als würde Papst Franziskus Leser von Breitbart oder Fox News wegen ihrer Unterstützung der Anti-Einwanderungspolitik exkommunizieren). Er nahm sogar dem Jesuiten Louis Billot [nebenstehendes Bild], einem der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, den Kardinalshut ab, weil er sich gegen diese Bestimmung ausgesprochen hatte.[10] [...]

      Derselbe nicht ultramontane Pius XI. billigte das vom US-Botschafter ausgehandelte Abkommen zwischen den liberalen Bischöfen Mexikos und der freimaurerischen Regierung und setzte die Cristeros unter Druck, ihre Waffen niederzulegen. Wie sich herausstellte, hielt sich die Regierung nicht an das Abkommen, ließ Tausende von katholischen Kämpfern hinrichten und hielt die meisten ihrer antiklerikalen Gesetze aufrecht.

      Innerhalb der Kirche zentralisierte Pius XI. das Laienapostolat in der ganzen Welt in der Katholischen Aktion, einer Organisation, die von liberalen und säkularistischen Tendenzen unterwandert war. Er gab ihm den Vorrang vor allen traditionellen und autonomen Bewegungen des Laienapostolats, wie den Dritten Orden, den Marianischen Kongregationen und dem Gebetsapostolat.

      Papst Pius XII. war eine Figur voller Kontraste. Bevor er Pater Augustin Bea S.J. (später zum Kardinal ernannt) zu seinem Beichtvater machte, vertrat er eine traditionelle Position, die der der Erben des Ultramontanismus nahe stand, und verurteilte die aufkommenden progressiven Irrtümer, insbesondere in der Liturgie. Später revolutionierte derselbe Pius XII. auf Anregung von P. Bea und mit Unterstützung des damaligen P. Bugnini die liturgischen Riten der Karwoche und erlaubte die Anwendung der historisch-kritischen Methode (protestantischen Ursprungs) in den biblischen Studien.

      Derjenige, der vor der Gefahr einer „Instrumentalisierung“ des Lehramtes warnte, war kein anti-ultramontaner Liberaler, sondern eine führende Persönlichkeit der Römischen Schule (der Hochburg dessen, was vom Ultramontanismus in der akademischen Welt übrig geblieben war). In einem Artikel, der am 10. Februar 1942 im L'Osservatore Romano veröffentlicht wurde, prangerte Bischof Pietro Parente „die merkwürdige Identifizierung der Tradition (Quelle der Offenbarung) mit dem lebendigen Lehramt der Kirche (Hüter und Ausleger des göttlichen Wortes) an“[11]. Wenn Tradition und Lehramt ein und dasselbe sind, dann hört die Tradition auf, das unveränderliche Glaubensgut zu sein, und beginnt, sich je nach der Lehre des amtierenden Papstes zu verändern.

      All dies zeigt, dass es historisch falsch ist, den Ultramontanismus für den Fehler verantwortlich zu machen, die Tradition mit dem lebendigen Lehramt zu identifizieren und ein einheitliches Denken in nicht-dogmatischen Fragen aufzwingen zu wollen. Es war die liberal-progressive Strömung, die das bewirkt hat. Entgegen der Behauptung von Herrn Chessman waren die Erben des Ultramontanismus diejenigen, die sich während dieser ganzen Periode den Versuchen widersetzten, sie zu zwingen, die Politik der Päpste zu akzeptieren, die der Welt die Hand entgegenstreckten.

      Der Zentralismus und der Autoritarismus, die heute dem Ultramontanismus zugeschrieben werden, sind nicht das Ergebnis des Ersten Vatikanischen Konzils oder seines angeblichen „Geistes“, sondern des Liberalismus, der die Kirche infiltriert hat. Wie Plinio Corrêa de Oliveira erklärt: „Der Liberalismus kümmert sich wenig um die Freiheit im Guten. Er ist nur an der Freiheit des Bösen interessiert. Wenn er an der Macht ist, beschneidet er leicht und sogar mit Freude die Freiheit auf jede erdenkliche Art und Weise. Aber er schützt, begünstigt und fördert in vielerlei Hinsicht die Freiheit für das Böse.“[12]

      So wie die Liberalen vor der Französischen Revolution die „Bastillen“ anprangerten, dann aber den Terror durchsetzten, sobald sie an der Macht waren, prangerten die katholischen Liberalen und Modernisten den angeblichen Autoritarismus des seligen Pius IX. (Bild links) und des heiligen Pius X. an. Sobald sie jedoch die höchsten Ämter in der Kirche übernommen hatten, verlangten sie strikten Gehorsam gegenüber ihrem Programm, die Welt zu umarmen, selbst in rein politischen Angelegenheiten, die nicht Fragen des Glaubens und der Moral betrafen.

      Eine weitere historische Ungenauigkeit von Herrn Chessman ist die angebliche Allianz zwischen Ultramontanismus und Progressismus auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Giuseppe Angelo Roncalli war kein Ultramontaner, schon in seiner Jugend war er ein Sympathisant der Moderne. Bei der Eröffnung des Konzils machte sich Johannes XXIII. über die „Propheten des Verderbens“ lustig und bezog sich dabei auf die Ultramontanen. Alle Historiker dieses Konzils sind der Ansicht, dass es zu einem Konflikt zwischen der progressiven und der konservativen Minderheit kam, wobei es der ersteren langsam gelang, die große gemäßigte Mehrheit auf ihre Seite zu ziehen. Die Handvoll ultramontan gesinnter Prälaten, die sich im Coetus Internationalis Patrum zusammengeschlossen hatten, bemühten sich nach Kräften, traditionelle Wahrheiten im Gegensatz zu modernistischen Neuerungen in die konziliaren Texte aufzunehmen.

      Der selige Pius IX. muss sich im Grab umgedreht haben, als das Zweite Vatikanische Konzil die Einführung einer „doppelten“ obersten Autorität in der Kirche billigte, die in der Theorie der Kollegialität enthalten ist. Wie ist es dann möglich zu behaupten, dass „die Leitung des Konzils und seine anschließende Durchführung wirklich der größte Triumph des Ultramontanismus waren“?

      Zweifellos war das Pontifikat von Johannes Paul II. ein erster Versuch, die Neuerungen des Konzils gemäßigt zu interpretieren, im Sinne dessen, was später als „Hermeneutik der Kontinuität“ bezeichnet wurde. Seine Befürworter verteidigten diese gemäßigte Position, indem sie sich vor allem auf das weltweit bekannte Medienimage von Karol Wojtila beriefen (Pater Chad Ripperger nannte diese Haltung „Magisterialismus“[13]). Es macht jedoch keinen Sinn, diese gemäßigte Offensive als „ultramontane Wiederbelebung“ zu bezeichnen. Johannes Paul II. ist der Autor von Ut Unum Sint. Mit dieser Enzyklika sollte „eine Art und Weise der Ausübung des Primats gefunden werden, die sich, ohne in irgendeiner Weise auf das Wesentliche seiner Sendung zu verzichten, einer neuen Situation öffnet“, indem sie versucht, „dem ökumenischen Bestreben der Mehrheit der christlichen Gemeinschaften“[14] gerecht zu werden, das genau das Gegenteil von dem ist, was die Ultramontanen auf dem Ersten Vatikanischen Konzil erreicht hatten: die Verkündigung des Dogmas vom Primat der päpstlichen Jurisdiktion, das häretische und schismatische christliche Gemeinschaften ablehnen.

      Wie bereits erwähnt, besteht einer der Fehler des Artikels von Herrn Chessman darin, den Ursprung der gegenwärtigen Glaubenskrise auf einen rein natürlichen Faktor zurückzuführen: die bürokratische und zentralisierte Ausübung der päpstlichen Autorität. Die zunehmende Zentralisierung der päpstlichen Macht in den Händen nicht-ultramontaner und sogar anti-ultramontaner Päpste (Leo XIII., Benedikt XV., Pius XI. und die Konzilspäpste) ist nicht der Grund für die Verschärfung der Glaubenskrise am Ende des 19. und während des gesamten 20. Jahrhunderts.

      Die Krise entstand und wurde durch das Eindringen der fauligen liberalen Miasmen der Welt in die katholische Kirche noch verschärft. Die Mentalität der Moderne entstand aus der antichristlichen Revolution und beherrschte ab der Renaissance das kulturelle, geistige und politische Leben des Westens. Die Kirche stand unter dem Druck, sich der neuen Welt anzupassen, vor allem ab dem 19. Jahrhundert: „Es geht nicht darum, zwischen den Prinzipien von 1789 und den Dogmen der katholischen Religion zu wählen“, erklärte Herzog Albert de Broglie, einer der Führer des liberalen katholischen Blocks, „sondern darum, die Prinzipien mit den Dogmen zu reinigen und sie Seite an Seite laufen lassen. Es geht nicht darum, sich im Zweikampf zu messen, sondern Frieden zu schließen“[15].

      Dieses Eindringen revolutionärer Irrtümer in die Kirche erreichte seinen Höhepunkt mit dem Modernismus, der behauptet, dass sich die Glaubensdogmen an die Entwicklung der religiösen Erfahrung der Menschheit anpassen müssen und dass sich der Gottesdienst entsprechend den Sitten und Gebräuchen jeder Zeit entwickeln muss. Der sel. Pius IX. und der hl. Pius X. haben jeden Versuch, die Kirche mit modernen Irrtümern zu versöhnen, ausdrücklich verurteilt. Sie forderten die Katholiken auf, sich mutig dem zu stellen, was der heilige Pius X. „die Synthese aller Häresien“ nannte. Diese Opposition machte sie zu Vorbildern für ein ultramontanes Papsttum. Ihre Nachfolger waren jedoch weniger energisch und sogar versöhnlich. Mit Johannes XXIII. und der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde die ultramontane und antiliberale Position des Kampfes gegen die Moderne und ihre Fehler offiziell aufgegeben und durch eine Haltung des wohlwollenden Dialogs und der Unterwerfung unter die moderne Welt ersetzt.

      Wie die Modernisten des 20. Jahrhunderts will Papst Franziskus die Kirche ganz offen an die „anthropologischen und kulturellen Veränderungen“ anpassen. Seiner Meinung nach rechtfertigt der göttliche Impuls, der im Fortschritt der Menschheit steckt, die gegenwärtigen Veränderungen. Er führt diese Impulse und die neue Dynamik des menschlichen Handelns auf göttliches Handeln zurück: „Gott offenbart sich in einer geschichtlichen Offenbarung, in der Zeit. [...] Gott manifestiert sich in der Zeit und ist in den Prozessen der Geschichte gegenwärtig [16], behauptet er. Eugenio Scalfari, der atheistische Gründer von La Repubblica, hatte Recht, als er seinen Artikel über Laudato Si' betitelte: „Franziskus, Papst-Prophet, der die Moderne trifft“[17]. Der Beifall der heutigen Verantwortlichen für die Äußerungen und Initiativen des derzeitigen Papstes bestätigt diese Einschätzung.

      Der gegenwärtige Papst und einige seiner Vorgänger haben die päpstliche Autorität missbraucht, um die modernistische Agenda der Versöhnung der Kirche mit der revolutionären Welt voranzutreiben. Das macht sie nicht zu ultramontanen Päpsten. Karrieristische Prälaten, die ihre Diözesen wie mittelmäßige Beamte leiteten und das Eindringen modernistischer Irrtümer unter die Gläubigen ignorierten - Irrtümer, für die sie Sympathie hatten -, waren auch nicht ultramontan. Kleriker und Gläubige, die modernistische Irrtümer übernommen haben, taten dies nicht aus einem falschen Gehorsamsverständnis heraus, sondern weil sie vom liberalen und revolutionären Geist der Welt durchdrungen waren.

      Während dieses langen Glaubensabfalls bemühte sich eine kleine ultramontane Minderheit von Klerikern und Laien, das Eindringen der Häresie zu bekämpfen und die traditionellen Lehren der Kirche zu verteidigen. Wenn einige von ihnen nicht mehr taten oder sogar vor dem Kampf zurückschreckten, so geschah dies aus Feigheit und nicht aus übertriebener ultramontaner Ehrfurcht vor dem Papsttum.

      Den Ultramontanismus für die gegenwärtige Krise der Kirche verantwortlich zu machen und die zentrale Rolle des Modernismus bei ihrer Entstehung und ihrem Voranschreiten zum Paroxysmus zu ignorieren, ist gleichbedeutend damit, die Schuld für die Überschwemmung auf den Damm zu schieben, weil man es versäumt hat, der Lawine entgegenzuwirken, indem man das unruhige Wasser, das den Damm überschwemmt hat, abgelassen hat.

      Die ultramontane Strömung hat die hierarchische Ordnung im Universum, in der Gesellschaft und in der Kirche, insbesondere im Papsttum, dem Sitz der höchsten Autorität auf Erden, stets bewundert und respektiert. Aber dieselbe Liebe zur hierarchischen Ordnung hat sie dazu gebracht, vor allem den Schöpfer und souveränen Herrn der Welt und den göttlichen Gründer der Kirche zu verehren und ihm zu gehorchen. Und deshalb jeden Irrtum und jede Übertretung des göttlichen Gesetzes zurückzuweisen, denn man muss „Gott mehr gehorchen als den Menschen“.

      Aufgrund dieser geordneten Liebe zum Prinzip der Autorität ist derjenige, der das Papsttum am meisten liebt, am ehesten in der Lage, seinen Abweichungen respektvollen Widerstand entgegenzusetzen: Niemand hatte eine glühendere Liebe zum Papsttum als der heilige Paulus, der „nach Jerusalem hinaufzog, um Kephas zu treffen“ (Gal. 1,18) und kehrte 14 Jahre später dorthin zurück, um das Evangelium, das er den Heiden predigte, zu erklären, „damit er nicht vergeblich lief“ (Gal 2,2); doch niemand war fester als er, als er demselben Kephas „ins Angesicht widerstand“, „weil er im Unrecht war“ (Gal 2,11).

      Der Vorschlag, das Papsttum zu verkleinern, um den Missbrauch der päpstlichen Autorität zu verhindern, kann kurzfristig die Gewissensprobleme lindern, die durch die Reihe von Päpsten entstanden sind, die die Selbstzerstörung der Kirche gefördert haben. Aber auf lange Sicht hilft es den Befürwortern der Selbstzerstörung der Kirche, zu deren entscheidenden Aspekten die Zerstörung oder zumindest die Schwächung des Felsens gehört, auf dem sie errichtet wurde. Es ist paradox, dass sich die Ultra-Progressiven und die „anti-ultramontanen Traditionalisten“ über den Vorschlag einig sind, den Papst nicht mehr „Stellvertreter Christi“ zu nennen, wie es der Direktor von Crisis getan hat, unter dem Vorwand, dass dieser Titel zu einer übermäßigen Verehrung führe, wenn er nur auf ihn angewandt werde, während er in Wirklichkeit auch auf alle Bischöfe angewandt werden könnte.

      Es ist nicht minder paradox, dass ein Artikel, der den „ultramontanen Totalitarismus“ anprangert, ursprünglich auf einem Blog erscheint, der den Namen des heiligen Hugo von Cluny trägt, des großen Beraters der Päpste Leo IX. und Nikolaus II. und vor allem seines Mitbruders aus Cluny, des großen Gregor VII., der die Autorität des Stuhls Petri zu ihrem Höhepunkt brachte, sowohl in der internen Disziplin, die durch die gregorianische Reform eingeführt wurde, als auch durch die siegreiche Bestätigung des Primats des Papstes über den Kaiser. Der hl. Hugo war zusammen mit Gregor VII. bei der berühmten Episode von Canossa dabei, die von Revolutionshistorikern als Ausgangspunkt des Ultramontanismus angesehen wird.

      In dieser Zeit der Verfinsterung des Papsttums - wahrscheinlich die größte und dramatischste Verfinsterung in der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche - müssen wir unsere Liebe zu der heiligsten Institution auf Erden, die von Jesus Christus selbst als wichtigster Stützpfeiler des gesamten Gebäudes gegründet wurde und mit der größten und heiligsten Macht ausgestattet ist, die Himmel und Erde vereint, noch mehr verstärken.

      Einige Dummheiten des Legaten von Leo IX. irritierten die Griechen und förderten das Schisma des Ostens. Die Skandale der Renaissancepäpste irritierten die Deutschen und begünstigten Luthers Ketzerei. Wir sollten bei der Beurteilung der Situation äußerst vorsichtig sein, damit die Torheiten, Skandale und eindeutig falschen Lehren von Papst Franziskus bei seinen Opfern nicht eine temperamentvolle Irritation hervorrufen, die eine reservierte Haltung nicht nur gegenüber dem Inhaber des Petrusthrons, sondern gegenüber dem Papsttum selbst begünstigt.

      Machen wir es den französischen Monarchisten der Restaurationszeit nach, die trotz der liberalen Politik Ludwigs XVIII., der die Bonapartisten und Republikaner begünstigte und die Verteidiger des Throns verfolgte, riefen: Vive le roi, quand même! Trotz allem, es lebe der König!

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Anmerkungen

[1] Eric Sammons, Rethinking the Papacy, Crisis Magazine, 28 September 2021.

[2] Plinio Corrêa de Oliveira, Revolution und Gegen-Revolution, dritte Ausgabe (Spring Grove, Penn.: Die amerikanische Gesellschaft zu Schutze der Tradition, Familie und Eigentum, 1993).

[3] José Antonio Ureta, Understanding True Ultramontanism, OnePeterFive, 12. Oktober 2021.

[4] José Antonio Ureta, Leo XIII.: der erste liberale Papst, der über seine Autorität hinwegging, OnePeterFive, 19. Oktober 2021.

[5] Romana beatificationis et canonizationis servi Dei Papae Pii X disquisitio circa quasdam obiectiones modum agendi servi Dei respicientes in modernismi debellationem, Typis poliglottis Vaticanis 1950 (hrgb. Vom Kardinal Ferdinando Antonelli), 178, in Roberto de Mattei, “Modernismus und Antimodernismus in der Zeit Pius X.“, in Dom Orione in dem Modernismus der 60. Jahre.

[6] Bento XV, Enzyklika Ad Beatissimi Apostolorum, 1. November 1914, Nr. 22.

[7] Ebd., Nr. 23.

[8] Giovanni Vian, Modernismus während des Pontifikats Benedikt XV., zwischen der Rehablitierung und den Verurteilungen.

[9] Domar a ação — II O decreto, Rorate Caeli, 21 de janeiro de 2012.

[10] Ver Peter J. Bernardi, S.J., Louis Cardinal Billot, S.J. (1846-1931): Tomist, anti-Modernist, Integralist, Journal of Jesuit Studies, 8, 4 (2021): 585-616.

[11] Pietro Parente, Supr. S. Congr. S. Officii Decretum 4 febr. 1942 – Annotationes, Periodica de Re Morali, Canonica, Liturgica 31 (fevereiro de 1942): 187 [o original foi publicado como “Neue theologische Tendenzen”, L’Osservatore Romano, 9-10 de fevereiro de 1942].

[12] Corrêa de Oliveira, Revolução e Contra-Revolução, 52.

[13] Chad Ripperger, Operative Points of View, Christian Order (março de 2001).

[14] João Paulo II, encíclica Ut Unum Sint (25 de maio de 1995), n° 95.

[15] Albert de Broglie, Questions de religion et d’histoire, (Paris: Michel Lévy Frères, 1860), 2: 199.

[16] Antonio Spadaro, S.J., Um grande coração aberto a Deus: uma entrevista com o Papa Francisco, América, 30 de setembro de 2013.

[17] Eugenio Scalfari, Francesco, papa profeta que encontra a modernidade, La Repubblica, 1 de julho de 2015.

  Concílio Vaticano, Liberalismo, Modernismo, Papado, Paulo VI, Pio IX, São Pio X, Ultramontanismo

 

 

Aus dem Porugiesischen übersetzt mit Hilfe von Deepl-Übersetzer (kostenlose Version) in
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Veröffentlicht am 7. Februar 2022

Diese deutsche Fassung „Der Modernismus und nicht der Ultramontanismus, ist die „Synthese aller Irrlehren“!“ erschien erstmals in www.r-gr.blogspot.com

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